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Mein gelobtes Land

Triumph und Tragödie Israels

AutorAri Shavit
VerlagC. Bertelsmann
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl592 Seiten
ISBN9783641148218
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Die große Geschichte Israels

Der renommierte Journalist Ari Shavit sieht Israel in einer halt- und ausweglosen Lage: als jüdisch-westlicher Staat in einer arabisch-islamischen (Um-)Welt seit seiner Gründung in der Existenz bedroht, andererseits Okkupationsmacht über ein anderes, das palästinensische Volk. Der Innovationskraft und Lebensfreude seiner Menschen stehen ein bröckelndes Gemeinwesen, zermürbende Konflikte, militärische Scheinerfolge und der Verlust internationalen Ansehens gegenüber. Was als gemeinschaftlicher hoffnungsfroher Aufbruch begann, insbesondere nach den Schrecken des Holocausts, der gemeinsame Bau von Eretz Israel, ist heute allgemeiner Desillusion und Desintegration gewichen. Shavit erzählt, zunächst auf den Spuren seines zionistischen Urgroßvaters, eine sehr persönliche Geschichte Israels während der letzten anderthalb Jahrhunderte, von Erfolgen im steten Überlebenskampf, aber auch von schuldbehafteter Tragik und unübersehbarem Niedergang.



Ari Shavit, Jahrgang 1957, ist Reporter und Kolumnist bei der israelischen Tageszeitung Haaretz und war Vorsitzender der Bürgerrechtsorganisation Acri. Für sein Buch 'Mein gelobtes Land' erhielt er den Natan Book Award.

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Leseprobe

EINLEITUNG
____________________

Fragezeichen

SO WEIT MEINE ERINNERUNG ZURÜCKREICHT, habe ich Angst verspürt. Existenzielle Angst. Das Israel, in dem ich aufwuchs – das Israel Mitte der Sechzigerjahre –, war ein energiegeladenes, quirliges und hoffnungsvolles Land. Doch ich hatte immer das Gefühl, jenseits der stattlichen Häuser der oberen Mittelschicht und der gepflegten Rasenflächen in meiner Heimatstadt würde ein finsteres Meer liegen. Eines Tages, so fürchtete ich, würde dieses Meer anschwellen und uns alle verschlingen. Ein Tsunami mythologischen Ausmaßes würde über unseren Küsten zusammenschlagen und mein Israel fortreißen. Es würde zu einem neuen Atlantis werden, versunken in den Tiefen der See.

Eines Morgens im Juni 1967, ich war neun Jahre alt, traf ich im Badezimmer meinen Vater beim Rasieren an. Ich fragte ihn, ob die Araber gewinnen würden. Würden sie unser Israel erobern? Würden sie uns wirklich alle ins Meer treiben? Kurz danach brach der Sechs-Tage-Krieg aus.

Im Oktober 1973 begannen die Sirenen zu heulen und kündigten unmittelbar bevorstehendes Unheil an. Ich lag an jenem Nachmittag von Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung, mit Grippe im Bett, während draußen F-4-Kampfflugzeuge am Himmel entlangrasten. Sie flogen in einer Höhe von nur 150 Metern über unser Dach hinweg, auf dem Weg zum Suezkanal, um die ägyptischen Invasionstruppen, die uns überraschend angegriffen hatten, abzuwehren. Viele von ihnen kehrten nicht zurück. Ich war sechzehn und innerlich wie versteinert, als die Nachricht vom Zusammenbruch unserer Stellungen in der Wüste Sinai und auf den Golanhöhen eintraf. Zehn entsetzliche Tage lang sah es so aus, als ob meine Urängste gerechtfertigt gewesen wären. Israel war in höchster Gefahr. Die Mauern des Dritten Tempels gerieten ins Wanken.

Im Januar 1991 brach der Zweite Golfkrieg aus, auch Erster Irakkrieg genannt. Irakische Scud-Raketen gingen auf Tel Aviv nieder. Man war besorgt wegen eines möglichen Angriffs mit chemischen Waffen. Wochenlang nahmen die Israelis überall, wo sie hingingen, ihre Gasmasken mit. Kündigte ein Warnsignal einen sich nähernden feindlichen Flugkörper an, schlossen wir uns manchmal mit der Maske vor dem Gesicht in einen hermetisch abgeschlossenen Schutzraum ein. Wenn sich auch später immer wieder herausstellte, dass keine echte Gefahr bestanden hatte, war an diesem surrealen Ritual etwas Erschreckendes. Ich horchte angestrengt auf das Heulen der Sirenen und starrte voller Bestürzung in die angstgeweiteten Augen meiner Liebsten hinter den Gläsern der Gasmasken aus deutscher Fabrikation.

Im März 2002 erschütterte eine Welle von Terroranschlägen das Land. Hunderte kamen ums Leben, als palästinensische Selbstmordattentäter in Bussen, Klubs und Einkaufszentren Bomben zündeten. Als ich eines Nachts in Jerusalem in meinem Arbeitszimmer am Schreibtisch saß, ertönte plötzlich ein lauter Knall. Er musste aus der Kneipe in der Nähe gekommen sein. Ich schnappte mir meinen Notizblock und rannte nach draußen, hin zu dem Ort des Geschehens. Drei gut aussehende junge Männer hingen an der Bar vor ihren halb vollen Bierkrügen – tot. Eine zierliche junge Frau lag in einer Ecke – ebenfalls tot. Andere Gäste, die verwundet waren, schrien oder wimmerten. Als ich mir im Licht der Flammen, die in dem in die Luft gejagten Lokal loderten, das Inferno um mich herum anschaute, fragte der Journalist, der ich inzwischen war: Was wird werden? Wie sollen wir mit diesem Wahnsinn fertigwerden? Wird die Zeit kommen, da die Dynamik, für die wir Israelis bekannt sind, vor den tödlichen Kräften, die uns zu vernichten suchen, kapituliert?

Der eindeutige Sieg 1967 zerstreute die Ängste der Vorkriegszeit. Der ökonomische Aufschwung, der Mitte der Siebzigerjahre begann und sich in den Achtzigern fortsetzte, schloss die tiefe Wunde von 1973. Der Friedensprozess in den Neunzigern heilte das Trauma von 1991. Der Wohlstand, der gegen Ende des 20. Jahrhunderts aufkam, ließ die Schrecken von 2002 schnell vergessen. Gerade weil wir Israelis von Ungewissheiten umgeben sind, glauben wir hartnäckig an uns selbst, an unseren Staat – und an unsere Zukunft. Doch was mich persönlich betrifft, wich im Lauf der ganzen vergangenen Jahre meine unterdrückte Angst nie von mir. Es war tabu, über diese Angst zu reden oder sie offen zum Ausdruck zu bringen, aber sie begleitete mich, wohin ich auch ging. Unsere Städte schienen mir auf Sand gebaut zu sein. Unseren Häusern schien es an Festigkeit zu fehlen. Selbst als mein Land immer stärker und reicher wurde, kam es mir höchst verletzlich vor. Mir wurde bewusst, wie exponiert wir waren, ständig irgendwelchen Bedrohungen ausgesetzt. Es stimmte: Wir führten weiterhin ein intensives, reiches und in vielfacher Hinsicht glückliches Leben. Israel flößt ein Gefühl von Sicherheit ein, bedingt durch seinen physischen, ökonomischen und militärischen Erfolg. Unser Alltag zeichnet sich durch eine erstaunliche Lebendigkeit aus. Und doch ist unterschwellig ständig die Furcht präsent, dass diese Kraft eines Tages erstarren könnte, so wie Lava und Asche des Vesuvs das Leben in Pompeji zum Erstarren brachten. Mein geliebtes Heimatland wird vernichtet werden, wenn riesige Scharen von Arabern oder mächtige islamische Streitkräfte seine Verteidigungslinien durchbrechen.

So weit meine Erinnerung zurückreicht, hat Israel fremde Territorien besetzt gehalten. Nur eine Woche, nachdem ich meinen Vater gefragt hatte, ob die arabischen Staaten Israel erobern würden, eroberte Israel die von Arabern bewohnten Gebiete des Westjordanlands und des Gaza-Streifens. Einen Monat später brachen meine Eltern, mein Bruder und ich zu einem Familienausflug in die besetzten Städte Ramallah, Bethlehem und Hebron auf. Wo immer wir hinkamen, trafen wir auf die Überreste ausgebrannter jordanischer Jeeps, Trucks und anderer Militärfahrzeuge. Weiße Kapitulationsfahnen hingen an den meisten Häusern. Die von den Ketten israelischer Panzer plattgewalzten Karosserien nobler Mercedes-Limousinen blockierten einige Straßen. Palästinensischen Kindern, die in meinem Alter oder jünger waren, stand die Angst in den Augen. Ihre Eltern wirkten wie am Boden zerstört und erniedrigt. Innerhalb weniger Wochen hatten sich die mächtigen und furchtgebietenden Araber in hilflose Opfer verwandelt, während aus den bedrohten Israelis Eroberer geworden waren. Der jüdische Staat war siegestrunken und von Stolz und einem berauschenden Gefühl von Macht erfüllt.

Als Teenager fand ich das alles noch in Ordnung. Der allgemeinen Ansicht nach übten wir eine wohlwollende und wohltätige Art von Besatzung aus. Das moderne Israel ließ Fortschritt und Prosperität in den Palästinensergebieten Einzug halten. Unsere rückständigen Nachbarn verfügten jetzt auch über Elektrizität und fließendes Wasser und ein öffentliches Gesundheitswesen – alles Dinge, die sie vorher entbehrt hatten. Sie mussten erkennen, dass es ihnen noch nie so gut ergangen war. Sie mussten uns dankbar für das sein, was wir ihnen geschenkt hatten. Und würde eines Tages Frieden einkehren, würden wir ihnen den größten Teil der besetzten Gebiete zurückgeben. Fürs Erste war jedoch im Land Israel alles in Ordnung. Araber und Juden lebten zusammen – in Ruhe und im Überfluss.

Doch als ich meinen Militärdienst ableistete, dämmerte mir, dass irgendetwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Als Mitglied einer Eliteeinheit der Fallschirmspringerverbände der IDF, der Israel Defense Forces, wurde ich in genau jenen besetzten Städten stationiert, die ich zehn Jahre zuvor als Kind besucht hatte. Jetzt war ich damit beauftragt, die schmutzige Arbeit zu erledigen: Wachestehen an Kontrollpunkten, Festnahmen in Privathäusern, gewaltsame Auflösungen von Demonstrationen. Was mich am meisten traumatisierte, war das überfallartige Eindringen in Wohnhäuser, um junge Männer aus ihren warmen Betten zu mitternächtlichen Verhören zu schleifen. Ich fragte mich, was zum Teufel da eigentlich ablief. Wieso musste ich zur Verteidigung meines Heimatlands Zivilisten tyrannisieren, die ihrer Rechte und ihrer Freiheit beraubt waren? Warum besetzte und unterdrückte mein Israel ein anderes Volk?

Ich wurde zu einem Pazifisten. Zuerst als junger Aktivist, dann als Journalist. Voller Leidenschaft protestierte ich gegen die Besetzung. In den Achtzigern opponierte ich gegen die Errichtung von Siedlungen in den Palästinensergebieten. In den Neunzigern engagierte ich mich für die Errichtung eines von der PLO regierten Palästinenserstaats. Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts gehörte ich zu den Befürwortern eines unilateralen Rückzugs Israels aus dem Gaza-Streifen. Doch nahezu alle Antiokkupationskampagnen, in die ich involviert war, schlugen am Ende fehl. Fast ein halbes Jahrhundert, nachdem ich mit meiner Familie jene Tour durch das besetzte Westjordanland unternommen hatte, untersteht das Gebiet immer noch israelischer Besetzung. Mag sie auch ein Unrecht und ein Übel sein, Besetzung ist ein integraler Bestandteil des jüdischen Staats geworden. Sie ist ebenso integraler Bestandteil meines Lebens als Bürger dieses Staats geworden. Obwohl ich gegen sie aufbegehre, bin ich für sie verantwortlich. Die Tatsache, dass mein Volk zu einem Volk geworden ist, das ein anderes besetzt hält, kann ich weder negieren, noch kann ich ihr entgehen.

Erst vor ein paar Jahren ging mir auf, dass zwischen meiner existenziellen Angst davor, was die Zukunft meines Landes betrifft, und meiner moralischen Empörung über seine Besatzungspolitik ein Zusammenhang besteht. Israel ist der einzige westliche Staat, der ein anderes Volk besetzt hält. Israel ist aber auch der einzige...

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