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E-Book

Mein Vater, die Dinge und der Tod

AutorRainer Moritz
VerlagVerlag Antje Kunstmann
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl200 Seiten
ISBN9783956142772
Altersgruppe14 – 99
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Mein Vater, die Dinge und der Tod ist ein Buch über Trauer und Verlust, über eine Generation, eine Zeit, aber auch ein Buch, das erzählt, wie wir uns erinnern. »Ein Mensch lebt so lange, wie sich andere an ihn erinnern. Vielleicht denke ich deshalb häufiger an meinen Vater als zu seinen Lebzeiten. Weil die Selbstverständlichkeit seines Daseins fehlt. Was für Erinnerungen sind es? Was haben sie mit den Dingen seines Lebens zu tun, mit den Objekten, die ihn Tag für Tag umgaben? Je länger ich an meinen toten Vater denke, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir.« Mein Vater, die Dinge und der Tod ist ein Buch über Erinnerung, wie wir es so noch nicht gelesen haben. Ein Buch über den toten Vater, ein Buch über eine Generation, über eine Zeit, aber auch ein Buch, das erzählt, wie wir uns erinnern. Wenn die Erinnerung spricht, sprechen die Dinge. Da ist der Sessel, der von der Fußballleidenschaft des Vaters erzählt, von den Nächten, in denen der Wecker gestellt wurde, um legendäre Boxkämpfe nicht zu verpassen. Da das selbst gemalte Ölbild an der Wand, das an eine Begabung des jungen Vaters erinnert, die in seinem Leben auf der Stecke blieb. Da die Uhr, ein Geschenk, das er zu einem Firmenjubiläum bekam, da der Bierkrug, der seine bayerische Herkunft wachrief ... In den Alltagsdingen vergegenwärtigt Rainer Moritz ein ganzes Leben, eine ganze Welt, besonders und unwiederbringlich. Dieses so liebevolle wie unsentimentale Portrait seines Vaters in seiner Zeit erzählt davon, wie wir uns vergewissern, wer wir sind, wenn wir mit dem Tod, mit dem Tod der Eltern konfrontiert werden.

Rainer Moritz, 1958 in Heilbronn geboren, leitet seit 2005 das Literaturhaus Hamburg. Er ist Essayist, Literaturkritiker und Autor zahlreicher Bücher, darunter zuletzt: Schlager. 100 Seiten (2017) und Als der Ball noch rund war (2018).

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Leseprobe

DER FERNSEHER


Vaters Sessel war sein Fernsehsessel. Seine Sehkraft verschlechterte sich, als er achtzig wurde. Nichts zu machen sei da, keine Operation könne helfen, das Rad zurückzudrehen. Fortan bewegte er sich unsicher durch seine Welt, erkannte sie bloß schemenhaft. Seinem Blick sah man das Unbehagen an, wenn die Familie zusammenkam und er nicht zweifelsfrei erkannte, welches seiner Enkelkinder auf ihn zusprang. Er wollte diese Schwäche nicht zeigen, wie er nie Schwächen zeigen wollte. Tat so, als habe er mühelos zugeordnet, wer sich ihm zuwandte. Zeitlebens kam er ohne Brille aus. Was, wie viel von seiner Welt hat Vater verloren, als er selbst die Dinge seiner Umgebung nur in Umrissen erkannte?

Als er die Diagnose erhielt, dass er seine Sehkraft weitgehend verlieren würde, stand ihm Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Er sah mich einen Moment lang an, unwillig, verärgert, und obwohl er es nicht gewohnt war und es sich selbst nicht gestattete, zu klagen oder Verdruss am Leben laut werden zu lassen, traf ihn diese Nachricht so, dass seine Abwehrmechanismen kurzzeitig versagten. Sein Gesicht verzerrte sich, und er stieß ein Was soll das noch für einen Sinn haben? hervor. Nicht mehr gut sehen zu können, das lähmte seine Lebenskraft. Er kam auf diese Angst, auf seine Empörung nicht mehr zu sprechen. Am Dasein zu zweifeln, zu verzweifeln, es nicht aushalten zu wollen, das war kein Gedanke, den er verfolgte. Man nahm es, wie es kam.

Wenn er vom Selbstmord eines Prominenten in der Zeitung las, schüttelte er den Kopf; zu sagen hatte er dazu nichts. Solche Themen mied er. Er hatte keine Übung, darüber zu sprechen – nicht mit seinen Kindern und wohl auch nicht mit seiner Frau. Als sich der Sohn eines Neffen, mit sechzehn, siebzehn Jahren, umbrachte, ohne einen Brief zu hinterlassen, verlor Vater die Fassung. Wie konnte so etwas geschehen, wie der Enkel seines Bruders sich und seinen Eltern so etwas antun? Spekulationen und Mutmaßungen schossen ins Kraut. Die familiären Kontakte zum Bruder und dessen Familie waren zu lose, als dass man unmittelbar hätte Anteil nehmen oder Beweggründe erfahren können. Das eigene Kind beschließt, sich – in welcher Not auch immer – das Leben zu nehmen. Das gab es vielleicht in Filmen oder Romanen, die Vater nicht las. Eine Tat, die sein Weltbild sprengte, umso mehr, je weniger er über die Hintergründe wusste. Wie sollen Eltern damit weiterleben? Stellte er sich vor, wie er selbst auf ein solches Ereignis reagieren würde? Waren seine Kinder gegen Ausweglosigkeit gewappnet? Trugen Eltern Schuld, wenn so etwas geschah?

Über seine Krankheiten, womöglich seine Angst vor dem Tod hat er mit mir nie gesprochen. Der eine Satz nur, als er erfuhr, dass er seine Sehkraft zu großen Teilen einbüßen, er mit seiner geliebten Tageszeitung nichts mehr anfangen würde. Anfangs las Mutter ihm Artikel beim Frühstück vor, was er mürrisch hinnahm. Zu groß die Einschränkung, die Erniedrigung. Vom Fernsehen wollte er nicht lassen, von dieser Unterhaltung, ohne die er die Tage nicht durchgestanden hätte. Mit einer Spezialbrille, die er manchmal sogar aufsetzte, sah er, wie er behauptete, ein klein wenig besser, doch mehr als die groben Umrisse der Schauspieler erkannte er wahrscheinlich nicht. Bei Fußballspielen, einer ihm bis zuletzt gebliebenen Leidenschaft, tat er so, als könne er die Aktionen genau einschätzen, ja sogar strittige Elfmeterentscheidungen beurteilen. Wenn wir zusammen die Sportschau oder WM-Spiele sahen, versuchte ich meine Erläuterungen unauffällig auszudehnen, ihm Brücken zu bauen und ihn in die Beurteilung der Szenen einzubinden. So blieben wir einander durch den Fußball nah. Der hatte seit jeher als unbeschwertes Gesprächsthema getaugt. Besser über die Chancen des Karlsruher SC oder des FC Nürnberg zu sprechen, als zu schweigen.

Der Fernseher wurde für Vater mehr und mehr zum zweiten Rundfunkgerät. Wer die Nachrichten sprach, wer in einer Volksmusiksendung sang, das hatte keinen Belang. Die Fernbedienung lag stets in Griffweite, um die Lautstärke zu regulieren, meistens so, dass Mutter einschritt und sie reduzierte. Das ist zu laut, Kurt. Sie gehörte zu den letzten Instrumenten, mit denen er Macht ausübte. Mit ihr ließ sich Abwechslung herstellen und Abneigung ausüben. Technischen Geräten, denen man ausgeliefert war, sich wohl oder übel ausliefern musste, das bedeutete Demütigung. Wie der Abschied vom Autofahren. Lange Zeit stand es für ihn außer Frage, dass er der Herr des TV-Programms war – eine Überzeugung, die bröckelte, als er auch da auf Mutters Hilfe angewiesen war. Ab und zu rebellierte er, wenn Mutter – mit Rücksicht auf die Nachbarn – den Ton dämpfte. Meistens fügte er sich.

Am Fernsehgerät wollte er nie sparen. In den Sechzigerjahren stand die Anschaffung des ersten Apparats für ein Sich-etwas-leisten-Können, ein Kauf, den die Kinder zudem begeistert aufnahmen. Er bekam einen exquisiten, markanten Platz im Wohnzimmer zugewiesen, von den Sesseln, von der Couch bestens einzusehen. Warum verstecken, was man besaß. Das teure Gerät in Schrankwänden zu verbergen wäre ihm albern erschienen. Unser Familienleben wurde nicht vom Fernseher bestimmt, doch ohne ihn wäre es anders verlaufen. Der goldene Schuss, Das aktuelle Sportstudio, Zum Blauen Block, Drei mal Neun, die Musikshows von Anneliese Rothenberger, Vico Torriani und Peter Alexander, das gehörte zu unserem Leben. Mit Krimiserien konnte Vater mit zunehmenden Jahren nichts anfangen. Derricks Ermittlungen in Münchner Vorortvillen kamen ihm unrealistisch vor. Francis Durbridges Straßenfeger oder Die Gentlemen bitten zur Kasse wurden selbstverständlich gesehen. An Wochenendnachmittagen bevorzugte Vater Filme mit Schauspielern, die ihm aus seiner Jugend vertraut waren. Hans Moser, Josef Meinrad, Ruth Leuwerik, Sonja Ziemann, Georg Thomalla, O. W. Fischer, Rudolf Prack, Heinz Rühmann – sie alle besaßen einen Bonus, gleichgültig, ob sie »unterm Hitler« bereits Karriere gemacht hatten oder nicht. Schauspieler von früher waren fast immer bessere Schauspieler als die aktuellen Schauspieler, das galt fast ausnahmslos, übrigens auch für Fußballer und Politiker.

Am zufriedensten war Vater, wenn Western liefen. Er kannte die meisten, hatte etliche von ihnen mehrfach gesehen. El Dorado, Zwölf Uhr mittags, Die vier Söhne der Katie Elder oder Rio Bravo garantierten gelassene Fernsehstunden, ohne dass mit Missfallensbekundungen zu rechnen war. Gary Cooper, John Wayne, Richard Widmark, Robert Mitchum oder Burt Lancaster, den Vater »Lantchäster« aussprach, egal, wie oft wir betont unauffällig »Lankäster« sagten, waren Typen nach seinem Geschmack. Zur Not tat es eine Serie wie Bonanza. Ihr immer mit »eurem Geballer« schimpfte Mutter vor sich hin, wenn wieder ein ellenlanger Western lief, und begann Socken zu stopfen.

Vielleicht war ich meinem Vater nie näher als beim gemeinsamen Fußball- und Westernschauen, wenn er sich im Sessel leicht nach vorne beugte, um ja kein elfmeterreifes Foul und keine Saloonschlägerei zu verpassen. Oder bei den großen Boxkämpfen in den Siebzigerjahren, als wir nachts aufstanden, um Cassius Clay, Joe Frazier und George Foreman live zu erleben. Der Wecker klingelte um drei oder vier Uhr. Im Bademantel saßen wir vor dem Fernseher. Mutter blieb im Bett. Es war totenstill im Haus, Mutter versuchte weiterzuschlafen, nur die Reporterstimme tönte durch den Raum, und dann unsere Aufschreie, wenn Cassius Clay alias Muhammad Ali einer schnellen Rechten tänzelnd auswich.

Vater und ich, eingeschlossen in einem Kokon, der nicht zerreißen sollte. Ich war erleichtert, wenn die Kämpfe nicht gleich am Anfang durch einen lucky punch entschieden wurden, wenn es über volle zwölf Runden ging, die Kämpfer lädiert in den Seilen hingen. Vater fieberte mit, wartete wie in seiner Jugend, als er Max Schmeling und Adolf Heuser hatte kämpfen sehen, auf packende Infights. Mit Muhammad Alis ästhetischprovozierenden Bewegungen tat er sich anfangs schwer. Einige Jahre später lachten wir zusammen, als Norbert Grupe alias Prinz von Homburg nach verlorenem Kampf gegen den Argentinier Óscar Bonavena im Aktuellen Sportstudio zu allen Fragen des Moderators schwieg und dümmlich lächelte. Das erheiterte Vater – so wie der Auftritt eines Idols seiner Jugend, des Weltrekordschwimmers Johnny Weissmüller, der in den Dreißigerjahren als Tarzan-Darsteller brillierte. In Begleitung seiner Frau Maria und eines Schimpansen unterhielt er sich mit Dieter Kürten, bis es dem Affen zu fade wurde und er kurzerhand Frau Weissmüller die blonde Perücke vom Kopf riss – eine Szene, über die sich Vater kranklachte.

Der letzte Fernsehapparat in Vaters Leben, vor dem er am Vorabend seines Todes saß, war ein Loewe, ein Loewe-Markengerät. Metz oder Loewe, diese Firmen allein standen zur Debatte. Eventuell Grundig, bis der Konzern zerfiel und von irgendwelchen ausländischen Investoren übernommen wurde. Vater wollte die deutsche Wirtschaft stärken, und dass Metz und Loewe in Franken produzierten, kam als Kaufargument hinzu. Was immer wir von den Vorzügen der...

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