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E-Book

Melken und gemolken werden

Die ostdeutsche Landwirtschaft nach der Wende

AutorTanja Busse
VerlagCh. Links Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl248 Seiten
ISBN9783862843435
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis4,99 EUR
Entlang den Autobahnen in Ostdeutschland sieht man vielerorts die zertrümmerten Ställe der früheren Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Sie sind stumme Zeugen der erbittert geführten Kämpfe um Landbesitz und angemessene Eigentumsformen. Doch von der Öffentlichkeit weithin unbemerkt, vollzog sich zugleich ein überraschender Wandel. Die Landwirtschaft arbeitet heute relativ erfolgreich und in keinem anderen Bereich sind so viele Unternehmen in ostdeutscher Hand. Und das, obwohl sie im Unterschied zu den Industriebetrieben ihre Altschulden mühsam abzahlen müssen. Tanja Busse ist monatelang über Land gefahren, hat mit Grafen und ehemaligen LPG-Vorsitzenden gesprochen, westdeutsche Pächter und ostdeutsche Privatbauern befragt. Dazu gibt sie einen Überblick über die politischen und rechtlichen Entscheidungen der letzten Jahre, so dass der schwierige Umgestaltungsprozess auch für Nichteingeweihte verständlich wird.

Jahrgang 1970, aufgewachsen auf einem Bauernhof in Ostwestfalen, Studium der Journalistik in Dortmund und der Philosophie in Bochum und Pisa, Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk in Köln, Promotion zum Dr. phil. mit einer Arbeit über Massenmedien; von 2003 bis 2013 Moderation von Magazinsendungen bei WDR 3 und WDR 5; Arbeit als Autorin u.a. für Stern, Gesund leben und Die Zeit, Moderation zahlreicher Veranstaltungen zu den Themen Landwirtschaft und Nachhaltigkeit; Auszeichnung mit der Reiner-Reineccius-Medaille für Querdenker und Pioniere der Stadt Steinheim (2009) und dem Journalistenpreis Bio (2010); Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter zuletzt: 'Die Einkaufsrevolution. Konsumenten entdecken ihre Macht' (2006) und 'Die Ernährungsdiktatur. Warum wir nicht länger essen dürfen, was die Industrie uns auftischt' (2010).

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Leseprobe

Der Streit um den Acker und die wahre Form der Landwirtschaft


Die schwierige und dennoch erfolgreiche Umgestaltung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften


Die Melker streichen die ersten Tropfen aus den Eutern und setzen silberfarbene Röhren an die Zitzen. Die schwarzen Gummischläuche an den Melkbechern vibrieren mit dem Fluß der Milch. Hinter den Eutern sieht man die gesenkten Köpfe der anderen Kühe. Die meisten starren gleichgültig auf den Boden und warten, bis ihre vollen Euter leichter werden.

Oben über jeder Kuh hängt ein kleiner Kasten mit Displayanzeige: 14,6, 14,8, 15 Liter, dann ist das Euter leer, und eine metallene Schnur zieht die Melkbecher ab. Jede der 400 Kühe trägt einen Chip am Hals, und wenn sie die Schranke zum Melkstand passiert, wird sie vom Computer registriert. Gibt sie weniger Milch als üblich, leuchtet ein rotes Blinklicht. Im Vorwartehof drängen sich die Kühe wie Menschen am Eingang eines Fußballstadions. Hier schiebt sich der Treiber durch die dichtgedrängten Tierleiber und lenkt je zwölf in den rechten und zwölf in den linken Gang.

Dies ist der Fischgrätenmelkstand, den die LPG Tierproduktion Klütz im Herbst 1990 gekauft hat. Hier werden 48 Kühe gleichzeitig gemolken, in zwei Melkständen Euter an Euter, aufgereiht wie Fischgräten. Am 1. Januar 1991 ist aus der LPG der genossenschaftlich organisierte Landwirtschaftsbetrieb Klützer Winkel geworden. Er hat die zehn Jahre nach der Wende überlebt, ihm ist der Sprung aus der sozialistischen Planwirtschaft in die regulierte Marktwirtschaft aus eigener Kraft gelungen.

Die Landwirtschaft – mit Ausnahme der Volkseigenen Güter – ist einer der wenigen Bereiche, in denen die Betroffenen die Umwandlung ihrer Unternehmen selbst in die Hand nehmen konnten. Von den 4 200 Landwirtschaftlichen und Gärtnerischen Produktionsgenossenschaften existieren noch 3 000. Davon haben über 90 Prozent Geschäftsführer aus Ostdeutschland. »Der einzige Wirtschaftszweig, der mehrheitlich in ostdeutscher Hand ist und auch erfolgreich wirtschaftet«, sagt Dr. Regine Wieland, eine der Landwirtschaftsexperten der Deutschen Bank. Das ist eine große Ausnahme, denn die Treuhandpolitik und der Grundsatz des Einigungsvertrages »Rückgabe vor Entschädigung« haben dazu geführt, daß zehn Jahre nach der Vereinigung nur noch fünf Prozent des ostdeutschen Produktivvermögens im Besitz von Ostdeutschen ist.

Die ostdeutsche Landwirtschaft ist heute wettbewerbsfähiger als die in den alten Bundesländern. Seit 1998 geben die ostdeutschen Kühe mehr Milch als die westdeutschen, 1999 im Durchschnitt knapp 6 600 Liter pro Kuh und Jahr, knapp 800 mehr als im Westen. Die Bauern in Sachsen-Anhalt machen die größten Gewinne in ganz Deutschland. Und während in Westdeutschland ein Familienbetrieb nach dem anderen dichtmacht, ist die Zahl der ostdeutschen Agrarunternehmen seit Jahren stabil.

Damit ist der ostdeutschen Landwirtschaft nach der Wende alles in allem ein großer ökonomischer Erfolg und eine stolze Verteidigung des Erbes der DDR gelungen. Es sind die großen ostdeutschen Einheiten, einst durch die sozialistische Kollektivierung entstanden, die dem verschärften Konkurrenzdruck auf dem Agrarmarkt gewachsen sind. Aber hier hat auch die letzte große ideologische Schlacht stattgefunden, die alte Feindschaften verstärkt und neue geschaffen hat.

Bodenreform und Kollektivierung

Der Sonderweg der ostdeutschen Landwirtschaft begann im September 1945, als die Sowjetische Militäradministration die Bodenreform einleitete. Unter der Losung »Junkerland in Bauernhand« wurden Kriegsverbrecher und Landbesitzer, die mehr als 100 Hektar Land besaßen, enteignet, bis zum 1. Januar 1950 mehr als 14 000 Betriebe. Es war nicht nur die KPD, die das so wollte. Auch konservative Politiker hielten eine Reform der Besitzverhältnisse auf dem Land für unausweichlich, so etwa Ernst Lemmer von der CDU, der die »ostelbischen Großagrarier« beschuldigte, Verbündete Hitlers gewesen zu sein.1

Aus ökonomischer Sicht war das wenig sinnvoll: Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Landwirtschaft auf dem Gebiet der späteren DDR produktiver als die im Westen, obwohl die natürlichen Bedingungen schlechter waren. Aus politischer Sicht dagegen ging es darum, breitere Besitzverhältnisse zu schaffen.

Das enteignete Land wurde an Landarbeiter, Handwerker, landarme Bauern und Vertriebene verteilt. Jeder bekam etwa acht Hektar, ein überschaubares Feld, von dem man genug ernten konnte, um satt zu werden, aber viel zuwenig, um auf Dauer rentabel zu wirtschaften. Heute reicht kaum das Zehnfache, um davon als Landwirt leben zu können.

Nach dem Vorbild der sowjetischen Kolchosen wurde dieses Land kollektiviert. Das Ziel, landwirtschaftliche Genossenschaften zu bilden, hat die SED erst 1952 auf der II. Parteikonferenz verkündet. Aber es wurde schon eher vorbereitet: Die SED agitierte gegen die Großbauern und bürdete ihnen kaum zu erfüllende Plansolls auf. Tausende verließen ihre Höfe und flohen in den Westen. Bis 1960, so plante das Zentralkomitee der SED 1957, sollte die Mehrheit der Bauern in Genossenschaften organisiert sein. Die Bauern wurden überzeugt, überredet oder genötigt, den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften beizutreten. Für die Neubauern, die erst durch die Bodenreform zu Land gekommen und oft mit der Bewirtschaftung überfordert waren, war die kollektive Wirtschaft ein Vorteil. Die größeren Bauern dagegen waren meist skeptisch.

1947 wurde die Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe (VdgB) gegründet. Sie baute überall auf dem Land Maschinen-Ausleih-Stationen (MAS) auf, die vor allem den kleinen Bodenreformbauern und den mittelgroßen Bauern zugute kamen. Doch im Laufe der Jahre verlor sie durch die verstärkte Kollektivierung an Einfluß. 1982 wurde sie als Interessenvertretung der einzelnen Genossenschaftsbauern wiederbelebt; sie kümmerte sich vor allem um deren private Hauswirtschaften und die ländlichen Verkaufs- und Dienstleistungseinrichtungen. Ab 1986 gab es eigene Vertreter in der Volkskammer.

Der Bauernsohn Hans-Heinrich Jäger, der LPG-Vorsitzender wurde und heute den Nachfolgebetrieb Dorf Gutow leitet, beschreibt seine Entwicklung so: »In den fünfziger Jahren habe ich gesagt: Niemals in die LPG! Im Studium habe ich eine andere Meinung angenommen, und heute, würde ich sagen, muß jeder selbst wissen, welche Form für ihn die beste ist. Meine Prognose aber ist, daß der Anteil der Flächen, der privat bewirtschaftet wird, in den kommenden Jahren noch größer werden wird.« Wie er dachten damals viele junge Kader: Die Bauernsöhne waren in dem Bewußtsein großgeworden, Hofnachfolger in einer langen Generationenreihe zu sein, doch die Argumentation an den Universitäten für die kollektivierte, also großflächige und deshalb effektivere Landwirtschaft überzeugte schließlich viele.

Zunächst schlossen sich die meisten Bauern zu LPGen des Typs I zusammen, das heißt, sie betrieben nur den Feldbau gemeinsam und hielten das Vieh weiterhin in privaten Ställen und auf dem privat genutzten Grünland. Die LPG Typ II, bei der auch das Grünland von der Genossenschaft bewirtschaftet wurde, war eine Übergangsform, die keine praktische Relevanz hatte. Im Typ III schließlich, der seit dem »Sozialistischen Frühling auf dem Land« 1960 propagiert wurde, sich aber erst Anfang der siebziger Jahre endgültig durchsetzte, erhielt die LPG das volle Nutzungsrecht nicht nur über die land- und forstwirtschaftlichen Flächen, sondern auch über das Vieh. Im Grundbuch blieben die alten Besitzer als Landeigentümer eingetragen.

In den folgenden Jahren entstand eine neue Art von Landwirtschaft, eine von der Partei gelenkte »Großraumwirtschaft« mit Kuhherden wie in Argentinien und Betrieben, die größer waren als die der enteigneten Großgrundbesitzer. Im sozialistischen Dorf sollten das Elend der Landarbeiter und die soziale Zersplitterung ein Ende haben, und für die Genossenschaftsbauern sollten wie für die Industriearbeiter geregelte Arbeitszeiten gelten. Das Gesetz über die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, das der Ministerrat der DDR 1959 erlassen hat, erwähnt ausdrücklich, daß die LPGen auch der »Verbesserung der materiellen und kulturellen Lebensbedingungen der Landbevölkerung dienen« sollen. Die LPG wurde zum ökonomischen, kulturellen und sozialen Zentrum des Dorfes und ersetzte die Kirche und den Gutsherrn. Ähnlich wie in früheren Zeiten blieben die Landbewohner ans Land gebunden. Laut LPG-Gesetz aus dem Jahr 1982 waren die Kinder der LPG-Mitglieder gehalten, selbst in der LPG tätig zu werden, um den »natürlichen Wechsel der Generationen der Klasse der Genossenschaftsbauern« zu gewährleisten.

Nach der Wende waren die Bauern im Westen erstaunt, daß so viele Ostbetriebe an der genossenschaftlichen Struktur festhielten. Doch mit der Kollektivierung waren viele LPG-Mitglieder inzwischen durchaus einverstanden. Wo die ehemaligen Privatbauern die Entfremdung vom eigenen Land und mangelnde Freiheit beklagten, sahen die überzeugten LPG-Mitglieder geregelte Arbeitszeiten, soziale Sicherheit und eine moderne Agrarstruktur.

Bücken und schleppen: Bis zur Mechanisierung in den siebziger Jahren prägte harte Knochenarbeit die DDR-Landwirtschaft, in den privaten Wirtschaften auch noch länger, wie hier bei der Kartoffelernte in Eilenburg (Sachsen),...

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