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E-Book

Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen (Komplexe Krisen und Störungen, Bd. 3)

AutorVjera Holthoff-Detto
VerlagKlett-Cotta
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl220 Seiten
ISBN9783608110364
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Demenzerkrankungen tragen eine hohe Sprengkraft in sich, die alle Beteiligten vor enorme Herausforderungen stellt. Dieses Buch befähigt Ärzte, Psychologen und professionell Pflegende, mit den Betroffenen und ihren Angehörigen so umzugehen und zu kommunizieren, dass eine treffende Diagnostik und Therapieplanung erarbeitet werden kann und dass zielgerichtete Beratung und Begleitung möglich wird. Moderne Konzepte für die Behandlung von Menschen mit Demenz unterstützen nicht defizitorientierte Perspektiven, sondern zielen auf Aktivierung durch Neues, partizipative Entscheidungsprozesse und Behandlungsansätze des Betroffenen gemeinsam mit seinem Umfeld. Der erste Teil dieses gerontopsychiatrischen Fachbuches von Professor Vjera Holthoff-Detto befähigt Ärzte, Psychologen und professionell Pflegende mit den Betroffenen und ihren Angehörigen so zu kommunizieren, dass eine differenzierte Diagnostik und Therapieplanung erarbeitet werden kann und dass zielgerichtete Beratung und Begleitung möglich wird. Im zweiten Teil des Buches wird Diagnostik, Differentialdiagnostik und Therapie nach aktuellen Leitlinien und klinischer Erfahrung übersichtlich und verständlich ausgeführt. Dieses Buch gibt praxisnahe und direkt umsetzbare Vorschläge für den klinischen Alltag. Voraussetzung für eine gelingende Arbeit ist der therapeutische Beziehungsaufbau und die Kommunikation, sowie das Wissen um individuelle Ziele und Lebenskonzepte der Erkrankten und ihre möglichen Schamgefühle, Ängste, ihr Verlusterleben und ihre Hilflosigkeit. Es geht in Fallvignetten um die Haltung der Ärzte und des Pflegepersonals, den Umgang mit den Affekten der Erkrankten, den Kommunikationsmöglichkeiten mit ihnen und mit den Angehörigen, sowie die Therapie nach aktuellen Leitlinien. Die Autorin beschreibt aktuelle Methoden der partizipativen Entscheidungsfindung und praxisnahe übersichtliche Handreichungen für die klinische Arbeit - Diagnose, Differentialdiagnose, Klinik, Verlauf, sowie die aktuellen psychosozialen Therapiestrategien und den spezifischen Einsatz von Pharmakotherapie und ergänzt diese mit klinischen Erfahrungswerten. Dieses Buch richtet sich an: - (Angehende) FachärztInnen für Psychiatrie und Psychotherapie - FachärztInnen für Neurologie - FachärztInnen für Allgemeinmedizin - FachärztInnen für Innere Medizin - PsychologInnen - Klinikpersonal - Alle, die mit Menschen mit Demenz professionell umgehen

<p>Vjera Holthoff-Detto, Prof. Dr. med., ist Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie, sowie klinische Geriatrie und ist Psychoanalytikerin für Erwachsene. Sie lehrt an der Medizinischen Fakultät der Technischen Universität Dresden und ist Chefärztin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Krankenhaus Hedwigshöhe, St. Hedwig Kliniken Berlin. <br /></p>

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Leseprobe

Kapitel 1

Akutsituationen bei Menschen mit Demenz erfassen


 Hintergrund


Akutsituationen bei Menschen mit Demenz, denen wir im klinischen Alltag begegnen, sind häufig das Ergebnis von Krisen und sind überwiegend das Resultat akuter Reaktionsweisen der Patienten auf das von ihnen wahrgenommene Geschehen. Ihre Wahrnehmung kann sich krankheitsbedingt erheblich von unserem Blick unterscheiden und ist damit für uns oft nicht sofort nachvollziehbar.

Stellen Sie sich folgende Situation in Ihrem persönlichen Leben vor: Sie gehen mit Freunden in ein Kino, das Licht geht aus und Sie schauen zunächst Reklame und Filmankündigungen an. Das Licht geht vor dem Beginn des Hauptfilms wieder an und Sie bemerken, dass Ihr blauer Rucksack mit für Sie wichtigen Dingen wie Handy, Papieren, Geldbörse, Brille und Haustürschlüssel verschwunden ist. Sie sind sehr erschrocken und geben Ihren Freunden und neben Ihnen sitzenden Kinobesuchern Bescheid, was passiert ist. Keiner von ihnen springt jedoch auf und hilft Ihnen bei der Suche nach dem Rucksack. Stattdessen hören Sie Folgendes: Hattest Du den Rucksack überhaupt dabei? Bist Du sicher, dass Du einen Rucksack dieser Farbe besitzt? Der Film geht gleich los, lass uns doch erst einmal das Ende des Films abwarten, danach schauen wir, was wir machen? Reg Dich nicht so auf und mach hier nicht alle verrückt, wer soll denn hier den Rucksack genommen haben? Das kann doch gar nicht sein.

Ihre persönliche Reaktion auf diese Situation wird zunächst geprägt sein von Erschrockenheit über den Verlust des Rucksacks und der darin befindlichen wichtigen Dinge, sowie der Sorge, ob Sie ihn wiederfinden werden. Die Reaktion der anderen wird für Sie in Anbetracht Ihrer persönlichen Notlage dazu führen, dass Sie verzweifelt versuchen werden, die anderen von Ihrer Not zu überzeugen und sie für Ihre Unterstützung zu gewinnen. Bei fortwährender Verständnislosigkeit wird Ihre Stimmung verzweifelt und wütend werden und Sie werden sich natürlich nicht auf das Filmende vertrösten lassen.

Genau so können Sie sich die Situation eines Menschen mit Demenz vorstellen, der davon überzeugt ist, dass er etwas vermisst, das ihm soeben abhanden gekommen ist, auch wenn die Realität für den kognitiv gesunden Menschen sich anders darstellt.

Es ist daher von großer Bedeutung, dass wir in diesen Situationen den folgenden Fragen nachgehen, um den Betroffenen mit Demenz helfen zu können:

  1. Welche Situation erlebt der Mensch mit Demenz jetzt akut?

  2. Welcher Affekt herrscht jetzt bei ihm in dieser akuten Situation vor?

  3. Wie gestalte ich eine gemeinsame Kommunikationsebene?

  4. Wie gehen wir jetzt gemeinsam im Behandlungsprozess weiter?

 Aus der Klinik


Fallvignette eines 79-jährigen Mannes, Herrn W. Fröhlich

Ehemaliger Inhaber eines KFZ-Meisterbetriebs, lebt mit seiner 75-jährigen Ehefrau Susanne in einer Wohnung, seit 55 Jahren verheiratet, 2 Töchter und 5 Enkelkinder in der Stadt, regelmäßiger Kontakt, seit 5 Jahren ist bei W. Fröhlich eine Demenz bei Alzheimer-Krankheit bekannt

Aktuelle Situation:

  • Seit 3 Tagen zunehmende Fehlhandlungen, beispielsweise füllt er das Kaffeepulver in den Wasserbehälter der Kaffeemaschine, wenn er am Morgen, wie immer, für die Kaffeezubereitung zuständig ist

  • Zunehmende Reizbarkeit

  • Schlaflosigkeit und psychomotorische Unruhe

  • Verbale Bedrohung der Ehefrau, wenn sie ihm zur Hand gehen möchte

  • Akute Bedrohung, als sie ihm vorschlägt, den Hausarzt zu informieren

  • Ehefrau verständigt über den Notruf 112 den Rettungsdienst

  • W. Fröhlich ist voller Wut und Aggression, wehrt sich und schlägt Rettungsassistenten

  • Verzweifelt bittet er seine Ehefrau um Hilfe

  • Rettungsassistenten haken ihn an beiden Seiten ein, bringen ihn zum Rettungswagen

  • Wütend und erschöpft fährt W. Fröhlich mit

  • Er weigert sich vor dem Krankenhaus auszusteigen

  • Aufnahmeschwester betritt Rettungswagen und setzt sich neben ihn

Das Gespräch läuft wie folgt ab:

I. Kraft: Guten Tag, Herr Fröhlich. Ich bin die Aufnahmeschwester im Stadt-Krankenhaus. Ich heiße Inge Kraft. Sie sind mit dem Rettungswagen von zu Hause gekommen. Ihre Frau weiß, dass Sie hier sind. Ich sehe, dass Sie sich sehr ärgern, dass der Rettungswagen Sie hierher gebracht hat, in das Stadt-Krankenhaus. Deswegen hat mich der Rettungsassistent geholt. Jetzt bin ich auch besorgt um Sie, wir möchten Sie nicht verärgert wissen. Darf ich Sie zu einem Tee in mein Zimmer einladen, damit wir besprechen können, wie es weitergeht, bitte?

Rettungsassistent: Herr Fröhlich, Ihre Frau ist in großer Sorge um Ihre Gesundheit. Deswegen hat sie uns gerufen. Sie hat gezittert vor Sorge, als wir kamen. Sie ist wirklich sehr um Ihre Gesundheit besorgt und wir auch.

H. Fröhlich: Ich werde nicht mitkommen. Das ist doch alles Unfug, was Sie mir hier vorleiern. Sie haben doch keine Ahnung. Sie kennen mich doch gar nicht. Das ist doch nur dummes Gewäsch, was Sie da von sich geben. Meiner Gesundheit geht es prächtig. Das ist eine Frechheit, ich rufe die Polizei. Ich muss schnell zurück, meine Frau ist sicher in großer Sorge und sucht mich.

I. Kraft lässt ihn aussprechen und sagt ruhig: Das ist gut zu hören, dass Sie Ihre Gesundheit als prächtig einschätzen. Dazu haben Sie sicher einiges getan: Wie alt sind Sie jetzt, Herr Fröhlich?

W. Fröhlich: Ich bin 79 Jahre alt.

I. Kraft: Was haben Sie beruflich gemacht?

W. Fröhlich: Ich war KFZ-Meister und hatte meine eigene Werkstatt. 40 Jahre lang, jeden Tag außer sonntags war ich in meiner Werkstatt.

Rettungsassistent: Herr Fröhlich, Sie waren KFZ-Meister. Das wollte ich auch immer lernen. Inzwischen ist so viel Elektronik in den Autos, das ist wohl nicht mehr die Arbeit wie noch zu Ihrer Zeit. Da musste man wirklich Autos mit den Händen und Erfahrung reparieren.

W. Fröhlich: Alle haben mir ihren Wagen gebracht. Ich kannte sie alle: Opel Rekord, VW-Käfer, sogar Borgward Isabella und Mercedes 190 und 220 habe ich repariert und natürlich Ford Taunus.

W. Fröhlich findet aufmerksames Gehör bei dem Rettungsassistenten und der Aufnahmeschwester.

I. Kraft: Herr Fröhlich, darf ich Sie jetzt zu einem Tee in mein Zimmer einladen, damit wir dort das Gespräch fortsetzen können? Ich finde, wir beide brauchen erst einmal einen ruhigen Ort. Wir haben uns einen Tee verdient. Und den Rettungswagen schicken wir beide jetzt mal zum Weiterarbeiten.

Spätere Anamnese

  • Stationäre Aufnahme für 5 Tage

  • Diagnosen:

    • Fieberhafte Zystitis

      ...
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