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Models. Behaving. Badly.

Warum die Verwechslung von Theorie und Wirklichkeit zum Desaster führt - im Leben und am Finanzmarkt

AutorEmanuel Derman
VerlagHoffmann und Campe Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl256 Seiten
ISBN9783455851014
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis18,99 EUR
'Ein Grenzgänger und profilierter Vermittler zwischen der Welt der Formeln und der Welt der Kultur.' Frank Schirrmacher über Emanuel Derman In seinem bahnbrechenden Werk erklärt Emanuel Derman, warum Menschen anders - und zwar unvorhersehbar - agieren als Atome und Planeten und warum aus kleinen Irritationen, die sie verursachen, Chaos von gigantischen Ausmaßen entstehen kann. Finanzmodelle funktionieren nur unter eingeschränkten Bedingungen, nämlich wenn die Welt sich nicht allzu sehr verändert und nicht allzu weit von ihrem aktuellen Zustand abweicht. Und sie scheitern kläglich, sobald sie aus dem Ruder läuft. 'Ihr iPad funktioniert, weil irgendjemand die Grundlagen der Quantenphysik verstanden hat und etwas bauen kann, das tut, was Sie wollen, wenn Sie einen Knopf drücken. Quantitative Finanzmarktanalysten benutzen die gleiche Art von Mathematik, um das eigenwillige Gebaren der internationalen Finanzmärkte zu beschreiben. In der Theorie sieht das alles schön überschaubar aus, doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine vage Analogie, die in die Irre führt, weil sie behauptet, Aktienkurse verhalten sich wie die Ausbreitung von Dampf. Das ist keine Beschreibung der Wirklichkeit.'

Emanuel Derman wurde in Südafrika geboren. Er promovierte an der Columbia University auf dem Gebiet der theoretischen Teilchenphysik. Anschließend arbeitete er in den Bell Laboratories an Computeral-gebrasystemen. 1985 wechselte er zur Investmentbank Goldman- Sachs und entwickelte dort gemeinsam mit Fischer Black und William Toy das Black-Derman-Toy-Modell zur Preisbestimmung von Bondoptionen. Derman erhielt viele Preise und Auszeichnungen, z. B. wurde er im Jahr 2000 zum Financial Engineer of the Year gewählt. Heute arbeitet er als Professor an der Columbia University und ist Partner bei dem Unternehmen Prisma Capital Partners.

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Leseprobe

Kapitel 1 Sonderbare Widerspruchsfreiheit


Pragmatismus triumphiert immer über Prinzipien … Eine Komödie entsteht, wenn Prinzipien mit der Realität zusammenstoßen.

J. M. Coetzee, Sommer des Lebens

Modelle, die gescheitert sind (I): Wirtschaft


»Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen«, schrieben Marx und Engels 1848 im Kommunistischen Manifest. Damit bezogen sie sich auf den modernen Kapitalismus, eine Lebensweise, in der alle Maßstäbe der Vergangenheit angeblich dem Ziel effizienter, zeitgemäßer Produktion untergeordnet werden.

Mit dem Ausdruck »verdampft« spielen Marx und Engels auf die »Sublimation« an, die chemische Bezeichnung für den Prozess, bei dem ein fester Stoff unmittelbar – ohne zwischenzeitliche Verflüssigung – aus dem festen in den gasförmigen Aggregatzustand übergeht. Die Sublimation diente ihnen als Metapher, um zu beschreiben, wie der grenzenlose Drang des Kapitalismus nach neuen Profitquellen zur Zerstörung traditioneller Werte führt. Festkörper-zu-Dampf ist eine treffliche Zusammenfassung für die Verflüchtigung finanzieller und ethischer Werte während der großen und noch immer anhaltenden Finanzkrise, die 2007 begann.

Die Vereinigten Staaten – als Wanderprediger unterwegs, um aller Welt den Nutzen kreativer Zerstörung zu predigen –, haben die eigene Kirche begünstigt. Als die Regierungen der Schwellenländer beklagten, dass ausländische Investoren während der asiatischen Finanzkrise von 1997 ängstlich Kapital aus ihren Märkten abzogen, erklärten ihnen liberale Demokraten aus dem Westen, so würden freie Märkte nun einmal funktionieren. Heute stützen wir unsere Märkte, weil wir die Sache inzwischen etwas anders sehen.

Ein Merkmal der großen Finanzkrise war das Versagen der qualitativen und quantitativen Modelle. In den letzten zwanzig Jahren erlebten die Vereinigten Staaten den Niedergang des Industriesektors; die Aufblähung des Finanzsektors; die Vereinnahmung des Regulierungssystems durch diesen Sektor; pausenlose Anreize bei jedem Schwächeln der Wirtschaft; vom Steuerzahler finanzierte Rettungsschirme für Großunternehmen; kapitalistische Vetternwirtschaft; private Profite und öffentliche Verluste; Freikauf der Reichen und Mächtigen durch die Armen und Schwachen; Unternehmen, die Menschen um ihr lebensnotwendiges Kapital brachten und vom Gesetz vor der Kürzung ihres eigenen Kapitals geschützt wurden; kompromittierte, aber nicht zur Rechenschaft gezogene Ratingagenturen; Regierungsstrategien, die versuchten, Insolvenzen zu beheben, indem sie sie als Illiquidität ausgaben; und auf der quantitativen Seite die Verwendung offenkundig unzulänglicher quantitativer Modelle für Sicherheitsbewertung im Marketing.

Menschen, Modelle und Theorien haben versagt, und es hat hektische Versuche gegeben, den Status quo ante um jeden Preis wiederherzustellen.

Theorien, Modelle und Intuition


Wie können wir die Welt verstehen und beeinflussen? In guten wie in schlechten Zeiten sorgen sich die Menschen um das, was vor ihnen liegt. Tief in unserem Inneren wissen wir alle, dass der eigentliche Zweck von Modell- und Theoriebildung Wahrsagerei ist: die Zukunft vorherzusagen und sie zu beeinflussen.

Als ich mit dem Physikstudium begann und zum ersten Mal voller Freude und Stolz erlebte, dass ich mit Hilfe meines Verstands die Materie begreifen konnte, verfiel ich meiner Disziplin hoffnungslos. Den ersten Teil meines Berufslebens widmete ich der Forschung in der Teilchenphysik, einer Disziplin, mit deren Theorien sich unglaublich genaue Vorhersagen machen lassen. Während des zweiten Teils meines Berufsleben war ich Analyst von und Akteur in Finanzmärkten, einem Bereich, in dem es komplizierte, aber oft nur schlecht fundierte Modelle zuhauf gibt. Dabei beobachtete ich mich selbst und die Menschen in meiner Umgebung und stellte mir die Frage: Auf welches Wissen verlassen wir uns, wenn wir durchs Leben gehen? Was macht eine Theorie oder ein Modell gut oder schlecht?

In der Physik lassen sich die Scharlatane von den wahren Gelehrten ziemlich leicht anhand ihrer Veröffentlichungen unterscheiden, auch ohne dass man ihre akademische Laufbahn kennt. Im Finanzwesen ist das nicht so leicht. Manchmal hat es den Anschein, als wäre alles möglich. Jeder, der die Absicht hat, sich auf Theorien oder Modelle zu verlassen, muss zunächst verstehen, wie sie funktionieren und wo ihre Grenzen liegen. Doch nur wenige Menschen haben die nötige praktische Erfahrung, um diese Grenzen zu erkennen und ihren Sinn zu verstehen. Nach der Finanzkrise wollten naive Extremisten alle Finanzmodelle in Bausch und Bogen abschaffen, weil sie glaubten, man könne nur nach rein empirischen Gesichtspunkten operieren. Umgekehrt halten naive Idealisten an dem Glauben fest, dass es theoretisch ein Modell geben müsste, das alle Feinheiten des Marktes abbildet – ein Modell, das, wenn es denn erst einmal entwickelt ist, den gesunden Menschenverstand überflüssig macht. Die Wahrheit liegt wie so oft irgendwo in der Mitte.

Im vorliegenden Buch werde ich die Auffassung vertreten, dass es drei verschiedene Arten gibt, die Welt zu verstehen: mit Hilfe von Theorien, von Modellen und mit Intuition. Es geht mir darum zu zeigen, was diese Erkenntnisarten auszeichnet, was sie unterscheidet und was sie verbindet. Der Schock über das Versagen der quantitativen Modelle in der Hypothekenkrise des Jahres 2007 resultierte vor allem aus einer Verwechslung von Modellen und Theorien. Denn trotz einer ähnlichen Syntax ist ihre Semantik grundverschieden.

Theorien sind Versuche, die Prinzipien zu bestimmen, die die Welt bewegen; sie brauchen Bestätigung, aber keine Rechtfertigung ihrer Existenz. Theorien beschreiben die Welt mit einem eigenen Begriffssystem; sie müssen auf eigenen Füßen stehen. Modelle dagegen stehen auf den Füßen anderer. Sie sind Metaphern, die das Objekt ihrer Aufmerksamkeit mit etwas anderem, Ähnlichen vergleichen. Ähnlichkeit ist immer partiell, daher müssen Modelle notwendigerweise die Dinge vereinfachen und die realen Dimensionen reduzieren. Modelle versuchen, die blühende, überbordende Vielfalt in eine Art dekorativen Setzkasten einzusortieren, um dann, wenn er mehr oder weniger gefüllt ist, zu behaupten, der Setzkasten sei die Welt selbst. Kurz: Theorien sagen uns, was etwas ist, Modelle lediglich, wem etwas gleicht.

Die Intuition ist umfassender. Sie vereinigt das Subjekt mit dem Objekt, den Verstehenden mit dem Verstandenen, den Schützen mit dem Bogen. Intuition fällt uns nicht in den Schoß, sondern ist das Ergebnis eines zähen Ringens.

»Model behaviour« heißt es im Englischen, wenn man »vorbildliches Benehmen« eines Menschen lobt. Ich habe mir erlaubt, den Spieß umzudrehen: Wie sollten sich Modelle und Theorien verhalten? Was können wir vernünftigerweise von ihnen erwarten, und warum? Im vorliegenden Buch erkläre ich einige Theorien, die sich erstaunlich gut verhalten, während sich andere Modelle sehr schlecht verhalten, und ich mache Vorschläge, wie wir mit diesem schlechten Verhalten umgehen können.

Von der Zeit und dem Begehren


In Kenneth Grahames Roman Der Wind in den Weiden stimmt die Ratte ein kleines Lied an, in dem sie das sorglose Leben der Enten verherrlicht:

Lebe jeder, wie er will,

Und die Köpfe runter.

Zweifellos lebt es sich am besten in der Gegenwart, den Kopf nach unten gerichtet, sodass man sieht, was sich direkt vor einem befindet. Doch es liegt auch in unserem Wesen, zu begehren und dann zu planen, um das Begehrte zu erreichen. Solange wir dem Wunsch nach Planung nachgeben, versuchen wir, die Welt und wie sie funktioniert durch Theorien und Modelle zu verstehen. Wäre die Welt stationär, würde die Zeit nicht verstreichen und nichts sich ändern, gäbe es kein Begehren, und wir brauchten nicht zu planen. Theorien und Modelle sind Versuche, die Zeit und ihre Konsequenzen zu eliminieren, die Welt unveränderlich zu machen, sodass Gegenwart und Zukunft eins werden. Wir brauchen Modelle und Theorien, weil es die Zeit gibt.

Wie die meisten Menschen konnte ich mir, als ich jung war, nicht vorstellen, dass das Leben sich nicht nach meinen Wünschen entwickeln würde. Als ich einmal eine Fernsehinszenierung von Tschechows Die Dame mit dem Hündchen sah, ärgerte ich mich über das unbefriedigende Ende. Warum konnten sich Dmitrij und Anna Sergejewna,...

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