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Möglichkeiten und Grenzen der Erlebnispädagogik in der Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Lernbeeinträchtigungen: Eine Literaturstudie und Auswertung empirischer Befunde

AutorTobias Schwamm
VerlagBachelor + Master Publishing
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl51 Seiten
ISBN9783955496159
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis14,99 EUR
Eine starke Persönlichkeit und insbesondere das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit sind für den schulischen Erfolg und das seelische Wohlbefinden grundlegende Voraussetzungen. Schülerinnen und Schüler mit höherer Selbstwirksamkeit sind zu größerer Anstrengung bereit und zeichnen sich durch bessere Leistungen aus. Zudem fühlen sie sich in der Schule wohler und in die Gemeinschaft der Klasse besser integriert. Diese Faktoren haben einen entscheidenden Einfluss auf die Motivation und sind deshalb insbesondere im Bereich der Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Lernens von größter Relevanz. Die vorliegende Studie zeigt, wie die Erlebnispädagogik dazu beitragen kann, Schülerinnen und Schüler mit Lernbeeinträchtigungen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und insbesondere in ihrer Selbstwirksamkeit zu fördern und somit implizit in ihrem Lernen zu unterstützen.

Tobias Schwamm, B.A., wurde 1980 in Offenburg geboren. Momentan schließt der Autor sein Lehramtsstudium der Sonderpädagogik im Fachbereich Pädagogik bei Beeinträchtigungen des Lernens mit dem akademischen Grad des Master of Education ab. Zuvor schloss er

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Leseprobe
Textprobe: 2.3, Geschichte der Erlebnispädagogik: Nicht nur die erkenntnistheoretische Universalität hinsichtlich der praktischen Motive, theoretischen Inhalte und angewendeten Methoden der Erlebnispädagogik wird zum Kennzeichen der noch relativ jungen Richtung, sondern auch ihre historische Unabgeschlossenheit. Dennoch versuchen zahlreiche Autoren, darunter vor allem FISCHER & ZIEGENSPECK (2008) sowie HECKMAIR & MICHL (2008), die historische Entwicklung der EP zu durchdringen und diese darzulegen. FISCHER & ZIEGENSPECK (2008) betonen sogar den Aspekt der Selbstwirksamkeit des Individuums bei den Vordenkern der EP (vgl. Kapitel 2.3.1). Da die vorgenannten Autoren die Geschichte der EP sehr ausführlich darstellen, werden für dieses Kapitel weitestgehend die o.g. Quellen herangezogen. Es werden zahlreiche historische Persönlichkeiten und Strömungen, jede für sich in der für diese Arbeit gebotenen Kürze und Prägnanz, angeführt und ihre Relevanz für die EP teilweise näher erläutert. Dies soll verdeutlichen, dass zahlreiche Ideen, die heute in der EP verwirklicht und praktiziert werden, mitunter schon bis zu 250 Jahre alt sind. 2.3.1, Vordenker der Erlebnispädagogik: Als Vordenker der EP führen HECKMAIR & MICHL (2008) und FISCHER & ZIEGENSPECK (2008) in erster Linie J.-J. ROUSSEAU und D.H. THOREAU an. Jean- Jaques ROUSSEAU (1712-1778), dessen Ziel die Erziehung ohne Erzieher war, eine Minimalerziehung also, die durch die natürliche Strafe allein, also durch die negativen Folgen von unpassenden Handlungen, zum freien Menschen führt, hat seine Philosophie in seinen beiden Hauptwerken 'Contrat social' und 'Émile... über die Erziehung' 1762, zur Zeit der Aufklärung, veröffentlicht. So ging es ROUSSEAU darum, dass Émile sein Wissen nur durch eigene Erfahrungen erwerben sollte, er aus seinen Handlungen und der Sache selbst lernen sollte und nicht durch die Belehrungen seines Erziehers. Das Bild der Pflanze, die gehegt und geschützt werden muss, ist Metapher für ROUSSEAUs Vorstellung von Erziehung, die in gleicher Symbolik in der deutschen Reformpädagogik wieder aufgegriffen wird (HECKMAIR & MICHL 2008, 17ff, FISCHER & ZIEGENSPECK 2008, 12 f). Des weiteren setzte ROUSSEAU ein natürliches Bedürfnis nach Bewegung voraus, einen Tätigkeitsdrang: 'Erst durch Bewegung lernen wir, daß [sic!] es Dinge gibt, die nicht wir sind. Durch unsere eigene Bewegung gelangen wir zum Begriff der Ausdehnung.' (ROUSSEAU 1975, zit. nach HECKMAIR & MICHL 2008, 19). Weitere Grundprinzipien der modernen EP, neben dem der Bewegung, sind die Handlung, die Erfahrung und das Erlebnis, die sich ebenfalls schon bei ROUSSEAU wiederfinden. So empfiehlt er als Unterrichtsprinzip: 'Und denkt daran (die Lehrer; die Verf.), daß ihr in allen Fächern mehr durch Handlungen als durch Worte belehren müßt. Denn Kinder vergessen leicht, was sie gesagt haben oder was man ihnen gesagt hat, aber nicht , was sie getan haben und was man ihnen tat.' (ROUSSEAU 1975, zit. nach HECKMAIR & MICHL 2008, 19) ROUSSEAU rückt hiermit schon vor ca. 250 Jahren die auch heute wieder zunehmend geforderte Handlungsorientierung des Unterrichts in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Seine Aussage hat somit höchste Aktualität, wohlgemerkt nicht nur in der Erlebnispädagogik. Des weiteren fordert ROUSSEAU für den Unterricht die Grundprinzipien 'Erfahrung durch die Sinne und den Körper, Sensibilität für inneres Empfinden [und] Gewahrwerden der Gefühle' (HECKMAIR & MICHL 2008, 20), Grundprinzipien also, die sich exakt so in der modernen EP wiederfinden. ROUSSEAUs Naturmensch, der weder Moral noch Vernunft kennt, ist ohnehin ein reines Instinktwesen und deshalb zunächst ausschließlich sinnlich ansprechbar: 'Wahrnehmen und Empfinden wird sein [des Menschen] erster Zustand sein, der ihm mit allen Tieren gemeinsam sein wird.' (ROUSSEAU 1984, zit. nach MOSER 1998, 70). So schließt ROUSSEAU von der Einfachheit äußerer Umstände auf die Einfachheit der menschlichen psychischen Struktur (MOSER 1998, 70). Der Aspekt der Einfachheit findet sich auch in reformpädagogischen Strömungen wieder (vgl. Kapitel 2.3.2). ROUSSEAU fordert ein Eigenrecht auf die Lebensphase Kindheit, in der das Erlebnis, die Erfahrung und das Abenteuer notwendige Lernprinzipien sind. Nicht das belehrt und unterrichtet werden, sondern das unmittelbare Lernen über die Sinne entspricht der Lebenswelt des Kindes. Wer handelt, lernt besser. Die eigene Befindlichkeit, Zufriedenheit und Glück sowie die Fähigkeit, die Freuden und Leiden des Lebens zu ertragen, waren ROUSSEAUs Maßstab für gute Erziehung. Damit hat er die Grundmauern des Gedankengebäudes der EP errichtet (HECKMAIR & MICHL 2008, 17 ff). Die Schlussfolgerung hinsichtlich der Wegbereiterfunktion ROUSSEAUs fällt nach FISCHER (1995) eindeutig aus: 'Die Erziehung ROUSSEAUs ist in der erlebnispädagogischen Blickrichtung nicht primär Gegenstand eines Diskurses zwischen dem Erzieher und dem zu Erziehenden, sondern sie entsteht vielmehr durch die reale Auseinandersetzung mit der Natur und dem konkreten Lebensumstand, sie bildet den Realisierungsrahmen gemeinschaftlicher Anstrengungen im republikanischen Grundverständnis und wird zugleich Endergebnis der Selbstwirksamkeit des Individuums in der handlungsechten Situation. So gesehen ist die erlebnis- und handlungsorientierte Erziehungsphilosophie ROUSSEAUs reales und gestaltbares Wurzelwerk der Erlebnispädagogik.' (FISCHER 1995, zit. nach FISCHER & ZIEGENSPECK 2008, 12) Während ROUSSEAU seine Erziehung durch die Natur, die Dinge und den Menschen eher theoretisch verfolgte, lieferte David Henry THOUREAU (1817-1862) am 4. Juli 1845 ein praktisches Beispiel der Lebenskunst. Er unterzog sich selbst einem psychologischen Experiment, indem er in eine selbstgebaute Holzhütte am Walden See (USA) zog und sich dort für zweieinhalb Jahre der Einsamkeit und Einfachheit hingab. THOREAU wollte mit diesem Experiment beweisen, dass 'durch die Reduktion von unnötigen Bedürfnissen mit wenig Geld eine einfache und solide Lebensgrundlage aufgebaut und erhalten werden kann.' (HECKMAIR & MICHL 2008, 24). Es ging ihm nach seinem Verständnis von Bildung und Erziehung immer um die Unmittelbarkeit und den Augenblick, um eigene Erfahrungen, um Lernen durch Versuch und Irrtum und um möglichst reale Situationen (ebd., 29). THOREAU verwirklichte später als Leiter einer Privatschule seine pädagogischen Ideen und Ideale, er wollte Partner seiner Schülerinnen und Schüler sein, sie unterstützen und von ihnen lernen. HECKMAIR & MICHL (2008, 24) bezeichnen THOREAU als 'Vater der Ökologiebewegung, als Mentor des zivilen Ungehorsams, als Lehrer der Einfachheit und Einsamkeit, als genauen Beobachter der Natur, als Naturphilosoph, Poet und Prophet.' Seine Entdeckung als Urvater der EP steht jedoch noch aus. Auch das von Ellen KEY (1849-1926) 1900 ausgerufene 'Jahrhundert des Kindes', also die Forderung nach einer 'Erziehung vom Kinde aus', ihre Betonung der sinnlichen Wahrnehmung und der daraus resultierenden Erfahrung, wird eine zentrale Bedeutsamkeit für erlebnispädagogische Überlegungen und Initiativen zugeschrieben (ebd., 29; FISCHER & ZIEGENSPECK 2008, 14).
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