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E-Book

Mossad

Missionen des israelischen Geheimdienstes

AutorMichael Bar-Zohar, Nissim Mischal
VerlagBastei Lübbe AG
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl512 Seiten
ISBN9783732513796
Altersgruppe16 – 99
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Kein Geheimdienst weltweit ist so bekannt, keiner so legendär und berüchtigt wie der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad. Gefeiert wurde er für das Aufspüren des Kriegsverbrechers Adolf Eichmann, kritisiert für die Ermordung eines marokkanischen Kellners als Vergeltung der Attentate von München 1972. Doch wie arbeitet der Mossad genau? Was sind seine Methoden? Die israelischen Autoren Michael Bar-Zohar und Nissim Mischal zeigen ein Netz aus Spionage, Sabotage und Propaganda und sparen auch die zuletzt bekannt gewordenen Liquidierungen von hochrangigen iranischen Atomphysikern nicht aus.

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Leseprobe

KAPITEL 1
König der Schatten


Im Spätsommer 1971 fegte ein wütender Sturm über das Mittelmeer hinweg, und riesige Wellen brandeten gegen die Küste von Gaza. Die einheimischen arabischen Fischer waren klug genug, an Land zu bleiben; an einem solchen Tag nahm man es mit der tückischen See nicht auf. Umso größer war ihr Erstaunen, als sie plötzlich ein klappriges Boot aus den brüllenden Wogen auftauchen sahen. Knirschend landete es auf dem nassen Strand. Heraus sprangen einige völlig durchnässte Palästinenser und wateten an Land. Ihre unrasierten Gesichter unter den klitschnassen Kufiyas, den Palästinensertüchern, zeigten jenen Ausdruck tiefer Müdigkeit, den eine lange Reise auf See hinterlässt. Doch sie hatten keine Zeit, sich auszuruhen – sie rannten um ihr Leben. Aus der schäumenden See hinter ihnen schoss ein israelisches Torpedoboot hervor und verfolgte sie mit Höchstgeschwindigkeit, an Bord Soldaten in voller Gefechtsausrüstung. Als es die Küste erreichte, sprangen die Männer ins flache Wasser und eröffneten sofort das Feuer auf die Flüchtigen. Ein paar Jugendliche aus Gaza, die am Strand spielten, rannten den Palästinensern entgegen und brachten sie in einem nahe gelegenen Obstgarten in Sicherheit; die israelischen Soldaten verloren ihre Spur, suchten jedoch weiterhin den Strand ab.

In dieser Nacht schlich sich ein junger Palästinenser, in der Hand eine Kalaschnikow, vorsichtig in den Garten und sah sich um. Er fand die Flüchtigen eng zusammengedrängt in einer abgelegenen Ecke. »Wer seid ihr, Brüder?«, fragte er sie.

»Mitglieder der Volksfront zur Befreiung Palästinas«, kam die Antwort, »aus dem Flüchtlingslager Tyros im Libanon.«

»Marhaba«, sagte der junge Bursche. »Willkommen.«

»Du kennst doch Abu Seif, unseren Kommandeur? Er hat uns hergeschickt. Wir sollen uns mit den Kommandeuren der Volksfront in Beit Lahia [einer Terroristenhochburg im südlichen Gazastreifen; d. Verf.] treffen. Wir haben Geld und Waffen, und wir wollen unsere Operationen koordinieren.«

»Ich werde euch dabei helfen«, erwiderte der junge Mann.

Am nächsten Morgen wurden die Neuankömmlinge von bewaffneten Terroristen zu einem abgelegenen Haus im Flüchtlingslager Dschabalija eskortiert. Man führte sie in einen großen Raum und bat sie an einen Tisch. Kurz darauf traten die Kommandeure der Volksfront ein, die sie dort zu treffen gehofft hatten. Nach einer herzlichen Begrüßung nahmen diese gegenüber ihren libanesischen Waffenbrüdern Platz.

»Können wir anfangen?«, fragte ein untersetzter junger Mann mit beginnender Glatze. Er trug eine rote Kufiya und war offensichtlich der Anführer der libanesischen Gruppe. »Sind alle da?«

»Alle.«

Der Libanese hob die Hand und sah auf seine Uhr. Das war das verabredete Signal. Blitzschnell zogen die »libanesischen Gesandten« ihre Revolver und eröffneten das Feuer. Es dauerte keine Minute, da waren die Terroristen aus Beit Lahia tot. Die »Libanesen« rannten aus dem Haus, bahnten sich einen Weg durch die gewundenen Lagergassen von Dschabalija und die überfüllten Straßen von Gaza und überquerten bald darauf die Grenze nach Israel. Noch am selben Abend unterrichtete der Mann mit der roten Kufiya, Hauptmann Meir Dagan, der die geheime Kommandoeinheit Rimon der israelischen Streitkräfte befehligte, General Ariel Scharon über den erfolgreichen Verlauf der Operation Chamäleon. Alle Anführer der Volksfront in Beit Lahia, einer äußerst gefährlichen Terrorgruppe, seien tot.

Dagan war erst 26 Jahre alt, verfügte jedoch bereits über einen legendären Ruf als Kämpfer. Er hatte die gesamte Operation geplant: die Verkleidung als libanesische Terroristen, die Fahrt über das Meer in einem alten Boot vom israelischen Hafen Aschdod aus, die lange Nacht im Versteck, das Treffen mit den Anführern der Terrorbande und den Fluchtweg nach Ausführung des Anschlags. Selbst die vorgetäuschte Verfolgung durch das israelische Torpedoboot hatte er organisiert. Dagan war der perfekte Guerillakämpfer, kühn und kreativ, keiner, der sich an die Regeln fairer Kriegsführung zu halten pflegte. »Meir«, sagte Jizchak Rabin einmal, »hat die einzigartige Gabe, sich Antiterror-Aktionen auszudenken, die einen an Actionfilme erinnern.«

Der spätere Mossad-Chef Danny Jatom erinnerte sich an Dagan als untersetzten jungen Burschen mit brauner Mähne, der sich für die prestigeträchtigste israelische Eliteeinheit, die Sajeret Matkal, beworben und dabei alle mit seiner hohen Kunstfertigkeit im Messerwerfen beeindruckt hatte. Er konnte mit seinem riesigen Kommandomesser jedes beliebige Ziel treffen, und zwar mit tödlicher Genauigkeit. Außerdem war er ein exzellenter Schütze. Trotzdem bestand er die Aufnahmeprüfungen für die Sajeret Matkal nicht und musste sich erst einmal mit den Silbernen Schwingen eines Fallschirmjägers begnügen.

Anfang der Siebzigerjahre wurde Dagan in den Gazastreifen geschickt, den Israel 1967 während des Sechstagekrieges erobert und der sich seitdem zu einem wahren Wespennest entwickelt hatte, von dem eine tödliche Bedrohung ausging. Tag für Tag ermordeten palästinensische Terroristen Israelis mit Bomben, Sprengstoff und Feuerwaffen, und zwar nicht nur im Gazastreifen, sondern auch in Israel selbst. Der Armee war die Kontrolle über die Flüchtlingslager, aus denen die Gewalt kam, beinahe vollständig entglitten. Am 2. Januar 1971 wurden die fünfjährige Abigail Arrojo und ihr Bruder Mark, acht Jahre alt, von einer Handgranate in Stücke gerissen, die ein Terrorist in das Auto der Familie geworfen hatte. An diesem Tag beschloss General Scharon, dass es ein Ende haben müsse mit dem blutigen Morden. Er rekrutierte ein paar alte kampferprobte Freunde aus seiner kriegerischen Jugendzeit sowie einige talentierte jüngere Soldaten, darunter Dagan. Der kleine, stämmige Offizier mit dem runden Gesicht hinkte, seit er im Sechstagekrieg auf eine Landmine getreten war. Während seines Genesungsurlaubs im Soroka-Hospital in Beerschewa hatte Dagan sich in Bina verliebt, seine Krankenschwester. Als er wieder gesund war, heirateten die beiden.

Offiziell existierte Scharons Elitetruppe nicht. Ihre Mission war die Vernichtung der Terrororganisationen in Gaza mithilfe hochriskanter und unkonventioneller Methoden. Dagan pflegte mit Gehstock und Dobermann, diversen Pistolen, Revolvern und Maschinenpistolen bewaffnet im besetzten Gaza umherzustreifen. Einige behaupteten, ihn als Araber verkleidet gesehen zu haben, der, lässig auf einem Esel sitzend, durch die gefährlichen dunklen Gassen geritten sei. Seine Versehrtheit minderte seine Entschlossenheit, auch die gefährlichsten Operationen selber durchzuführen, nicht im Geringsten. Für ihn war die Welt ganz einfach: Da gibt es Feinde, böse Araber, die uns töten wollen, also müssen wir sie zuerst töten.

Innerhalb der Elitetruppe schuf Dagan »Rimon«, die erste geheime israelische Kommandoeinheit, deren Mitglieder als Araber verkleidet tief in feindlichem Gebiet operierten, damit sie sich frei unter den Menschen bewegen und sich den Zielpersonen und -objekten unerkannt nähern konnten. Schnell hatte die Einheit ihren Spitznamen weg: »Ariks Killertruppe«. Es ging das Gerücht, die Männer würden gefangen genommene Terroristen oft kaltblütig töten. Manchmal, so munkelte man, eskortierten sie einen Terroristen in eine dunkle Gasse und sagten zu ihm: »Du hast genau zwei Minuten, um abzuhauen.« Versuchte der Gefangene dann tatsächlich zu fliehen, erschossen sie ihn. Ab und an, so hieß es, ließen sie auch einen Dolch oder Revolver liegen, und wenn der Terrorist danach griff, töteten sie ihn auf der Stelle. Journalisten schrieben, Dagan gehe jeden Morgen hinaus ins Freie, um sich zu erleichtern. Dabei benutze er eine Hand zum Pinkeln, während er mit der anderen auf eine leere Coca-Cola-Dose schieße. Dagan wies solche Berichte stets zurück. »An jedem von uns klebt so ein Mythos«, meinte er, »doch einiges, was da geschrieben wird, ist schlichtweg falsch.«

Die kleinen israelischen Kommandoeinheiten kämpften einen harten, grausamen Krieg, in dem sie tagtäglich ihr Leben aufs Spiel setzten. Beinahe jede Nacht verkleideten sich Dagans Leute als Frauen oder Fischer und machten sich auf die Suche nach bekannten Terroristen. Mitte Januar 1971 lockten sie, als arabische Terroristen auftretend, im Norden des Gazastreifens Mitglieder der Fatah in einen Hinterhalt. Es kam zu einem Schusswechsel, in dessen Verlauf alle Fatah-Terroristen getötet wurden. Am 29. Januar 1971 fuhren Dagan und seine Männer, diesmal uniformiert, in zwei Jeeps durch die Randgebiete des palästinensischen Flüchtlingslagers Dschabalija. Als ihr Weg den eines Taxis kreuzte, erkannte Dagan unter dessen Insassen Abu Nimer, einen berüchtigten Terroristen. Er gab Befehl anzuhalten, und seine Soldaten umstellten das Fahrzeug. Dagan näherte sich dem Wagen. In diesem Moment stieg Abu Nimer aus und hielt eine Handgranate hoch in die Luft. Den Blick unverwandt auf Dagan gerichtet, zog er den Sicherungsstift. »Handgranate!«, schrie Dagan, doch statt in Deckung zu gehen, sprang er den Mann an, warf ihn zu Boden, hielt ihn fest und riss ihm den Sprengkörper aus der Hand. Für diese Aktion bekam er die Tapferkeitsmedaille. Nachdem er die Granate weggeworfen hatte, soll Dagan Abu Nimer mit bloßen Händen getötet haben.

Dagan selbst sagte Jahre später in einem seiner seltenen Interviews zu dem israelischen Journalisten Ron Leshem: »Rimon war keine Killertruppe … Wir waren ja nicht im Wilden Westen, wo jedermann jederzeit fröhlich den Abzug...

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