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Mut zum Sprechen finden

Kinder mit selektivem Mutismus in der Therapie

VerlagERNST REINHARDT VERLAG
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl220 Seiten
ISBN9783497610631
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Kinder mit selektivem Mutismus fordern die Kompetenz und das Einfühlungsvermögen der Therapeutin. Wie überwindet man das hartnäckige Schweigen in der Therapie? Die Autorinnen zeigen, wie die therapeutische Arbeit verlaufen kann. Neben Informationen über das Kind, Diagnostik und Therapiezielen stehen die angewandten Methoden und die ausführliche Darstellung der therapeutischen Meilensteine im Mittelpunkt.

Prof. Dr. Nitza Katz-Bernstein, ehemals Lehrstuhl f. Sprach- und Kommunikationsstörungen an der Univ. Dortmund. Dr. phil. Erika Meili-Schneebeli, Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche in freier Praxis, Pfäffikon (CH). Jeannette Wyler-Sidler, Dipl. Logopäd., Kindertherapeutin, Bülach (CH).

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Leseprobe

Vorwort

Selektiver Mutismus ist bei Kindern ein Phänomen, das immer noch eine Besonderheit darstellt.

Erstens ist die Störung eher selten und wird oft als kindliche Schüchternheit, jedoch nicht als Störung – was sie sehr wohl ist – erkannt. Sie stellt nachweislich einen Risikofaktor in der Entwicklung für jegliche Bildungs- und Sozialisationsprozesse dar. Neu ist die Erkenntnis, dass der selektive Mutismus in einer mobilen, globalisierten Welt mit Migrationsbewegungen am Zunehmen ist, da Migration insbesondere von Kindern hohe Anpassungsleistungen sprachlicher und kultureller Art erfordert (Starke 2015; auch Melfsen/Walitza 2017).

Zweitens löst das mutistische Verhalten bei Erziehungs- und therapeutischen Fachpersonen, die mit diesen Kindern in Berührung kommen, oft starke Betroffenheit aus. Es ist sehr schwierig, angesichts eines hartnäckig schweigenden, ängstlich-scheuen, oppositionell-sturen oder gar erstarrten, sich verweigernden Kindes optimistisch und gelassen zu bleiben. Bekannt sind Reaktionen wie erhöhte Fürsorge und Aufmerksamkeitsbedürfnis, Ärger über Kind und Eltern („…es soll sich nicht so anstellen!“), Gefühle des Versagens und der Ohnmacht. Oft führt das beharrliche Schweigen Fachpersonen tatsächlich an die Grenzen ihres pädagogischen oder therapeutischen Könnens und Wissens.

Drittens bedingt die gezielte Veränderung eines solchen Verhaltens ein komplexes Paket an diagnostischen und therapeutisch-pädagogischen Maßnahmen, die eine Koordinierung und interdisziplinäre Zusammenarbeit verlangen. Nicht selten, da sich die Störung in der Regel komorbid, d. h. interagierend mit weiteren Störungen, darstellt, sind intensive Mobilisierungen von diagnostischen Bemühungen erforderlich, welche erst allmählich den Sinn und die Ausprägung der Störung und ihr familiäres und soziales Ausmaß offenlegen. Erst dann ist die Abstimmung und Koordination der Maßnahmen sinnvoll und effizient.

Viertens beanspruchen diese Kinder spezielles therapeutisches und pädagogisches Wissen. Fachkräfte benötigen Techniken für den systematischen Kommunikations- und Sprachaufbau, Wissen über Kommunikations-, Sprach- und Sprechstörungen sowie zum Umgang mit kindlichen Angststörungen. Außerdem sind eine Portion an Gelassenheit, Durchhaltevermögen sowie therapeutischer Optimismus und Zuversicht hilfreich. Oft werden Fachpersonen im Verlauf der Maßnahmen mit eigenen Ängsten des Ungenügens – „nicht gut genug zu sein“ – oder mit Ungeduld, der eigenen, der Familie oder der pädagogischen Fachpersonen konfrontiert, die nicht selten auch zum unerwarteten Abbruch der Therapien oder Wechsel der Maßnahmen führen (siehe dieses Buch – „Alexander bleibt dazwischen“ sowie „Ein Ende ohne Abschied“). Oft bedürfen diese vielfältigen Anforderungen an die Therapeutin eine supervisorische Begleitung.

Die im vorliegenden Buch dokumentierten Fallberichte sind über zwei Berufsgruppen verteilt (Psychotherapie und Sprachtherapie-Logopädie), integrativ, interaktiv, verhaltensmodifikatorisch-aufbauend sowie systemisch-interdisziplinär angelegt. Erfreulich dabei ist die Tatsache, dass, obwohl die dokumentierten Fälle schon länger zurückliegen, sie nichts von der Aktualität des Vorgehens verloren haben. Die meisten Autorinnen sind mittlerweile Spezialistinnen für das Störungsbild selektiver Mutismus geworden, bieten Weiterbildungen, Supervision und Coaching an.

Folgende Kriterien zur Gestaltung der Therapie werden durch Melfsen/Walitza (2017), basierend auf Subellok/Starke (2016) sowie Kenn DV et al. (2008), zusammengefasst:

  Die Therapie sollte so bald wie möglich initiiert werden (nicht abwarten bis das Schweigen sich manifestiert hat).

  Die therapeutische Beziehung wird durch Unterstützung, Respekt und Verständnis geprägt, ist gleichzeitig fordernd, jedoch nicht überfordernd.

  Kurze und häufige Therapiesitzungen (30–60 Min., 2× oder öfter pro Woche) werden als günstig erachtet.

  Enge interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Eltern, Erziehern und anderen Fachpersonen ist angesagt.

  Schweigekontexte sollen identifiziert und diagnostiziert werden. Redeverhalten soll übend-aufbauend unter Einbezug von Peers und relevanten Bezugspersonen zu Sprechkontexten erweitert und manifestiert werden.

  Aufrechterhaltende Faktoren in Familie und Umwelt sowie zugrunde liegende weitere Ängste und Störungen sollen berücksichtigt, angegangen und wenn möglich aufgelöst werden.

  Bei zusätzlichen, komorbiden psychischen Störungen wie soziale Ängste, Trennungsängste, Depressionen, Essstörungen etc. sollen entsprechende Maßnahmen und Behandlungen erfolgen.

  Eine Therapiemaßnahme soll nicht zu früh unter- bzw. abgebrochen werden, da emotionale Probleme länger anhalten als das erweiterte Sprechverhalten.

In vorliegendem Buch galt es, keine Vorzeigefälle, sondern die für die therapeutische Realität typischen Wege, Möglichkeiten, Erfolge und Teilerfolge, aber auch Lichtblicke darzustellen. Genauso war es uns wichtig, Störungen, Krisen und Irritationen aufzuzeigen, die ebenso zur Realität der therapeutischen Maßnahmen gehören. Die in der Fachliteratur dokumentierten Fälle sind oft solche, bei denen vorzeigbare Erfolge zu verzeichnen sind. Damit droht Fachpersonen, die mit Hürden und Resignation konfrontiert sind, eine Verstärkung von eigenen Gefühlen der Entmutigung und des Ungenügens. Dieses Buch soll dem entgegenwirken. Ein ähnliches Beispiel in der Literatur für eine dem Kind dienende, sinnvolle Auseinandersetzung mit Hürden und Störungen ist bei Bahrfeck/Subellok (2016) zu finden. Die Mit-Autorinnen im vorliegenden Buch wurden instruiert, bei der Fall-Dokumentation auf folgende, für diese Störungsart spezifischen Fragestellungen, einzugehen.

  Motivation und Kontinuität: Wie werden Motivation, Zuversicht und Kontinuität auch angesichts von Krisen und drohenden Abbrüchen aufrechterhalten? (oder eben nicht!)

  Therapeutische Beziehung: Wie baut man bei Kindern und Eltern, die einem Misstrauen, Fremdheit, hohe Erwartungen und Leistungsansprüche entgegensetzen, eine Arbeitsbeziehung auf, die von Vertrauen, Vertrautheit und Entspannung geprägt ist, und welche Erschwerungen und Krisen sind dabei zu erwarten?

  Techniken und Methoden: Welche Techniken, Möglichkeiten des Übungsaufbaus, Methoden und Ideen gibt es, um einen Zugang zum jeweiligen Kind zu finden, angesichts unterschiedlicher Alters- und Entwicklungsstufen, sehr individueller Ansprechbarkeit und anfänglicher Unwirksamkeit von gängigen verbalen Methoden und Techniken? Und wie behält man diese bei, obwohl sie kaum linear und vorhersagbar verlaufen?

  Zusammenarbeit mit Eltern- und Fachpersonen sowie Transfer: Welche spezifischen Prinzipien der Zusammenarbeit haben sich als effizient und weiterbringend gestaltet, welche waren störend, wo lagen Fallen und Sackgassen, die allenfalls zum Misserfolg oder gar zum Therapieabbruch führten?

Die hier präsentierten Fälle variieren je nach professionellem Kontext, Zielen und therapeutischer Ausrichtung, aber auch wegen der individuellen Persönlichkeit des Kindes, seines Umfeldes und seiner Kultur sowie aufgrund der Verlässlichkeit eines tragenden, abgestimmten Netzes – oder eben seines Fehlens. Es sollte hier auch die Persönlichkeit und Ideenvielfalt der Fachperson im Umgang mit ihrem Fall deutlich werden und als Inspiration für Fachpersonen dienen. Denn gerade dort, wo unerwartete Entwicklungen, Überraschungen und Unvorhergesehenes eintreten, bedarf es zu deren Überwindung einer Portion Kreativität. Dies macht diese Arbeit nach wie vor reizvoll und herausfordernd.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Kinder, der institutionellen Bedingungen sowie der therapeutischen Ansätze, lassen sich Qualitätsmerkmale als gemeinsame Wirkfaktoren der präsentierten Fälle zusammenfassen:

  Das große Engagement der Fachpersonen ist unverkennbar. Die psychische und professionelle Widerstandsfähigkeit, die erforderlich ist angesichts der resignativen, verzweifelten, skeptischen, misstrauisch-depressiven Tendenzen sowie der ambivalenten Botschaften („Lass mich in Ruhe/Hilf mir aus dem Schweigen!“) der Kinder und ihren Angehörigen, ist nicht zu unterschätzen. Diese psychische Leistung wird in der Fachliteratur zwar erwähnt (Cline/Baldwin 2004, Melfsen/Walitza 2016), ihre Konkretisierung in der alltäglichen Arbeit jedoch selten beschrieben. Ein weiterer Fallbericht, der Schwierigkeiten und den Umgang mit Teil-Erfolgen konkretisiert, findet sich neu auch bei Bahrfeck/Subellok (2016).

  Die Bereitschaft, eigenes Vorgehen und Verhalten offenzulegen und zu reflektieren, gehört unseres Erachtens zum Qualitätsmerkmal eines redlichen, prozessual ausgerichteten und interaktiven Vorgehens. Das eigene Können und persönliches Motivations- und Kommunikationsverhalten kennenzulernen sowie die Auseinandersetzung mit eigenen professionellen und persönlichen Grenzen ist oft kein leichter Prozess, der vielfach auch begleitende Supervision benötigt.

  Um das Dilemma zwischen „Safe Place“ und Anforderungen zur Überwindung des Schweigens zu lösen bedarf es Erwägungen therapeutischer Art. Diese geben...

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