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E-Book

Mit Mutter ans Meer

Für alle Frauen, die ihre Mutter lieben und sie dennoch oft zum Mond schießen könnten

AutorEdith Einhart
VerlagDiana Verlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783641131876
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Ich schaue in den Spiegel und sehe meine Mutter
Warum tun Mütter so, als könnten sie kein E-Ticket ausdrucken, verabscheuen Wasserhähne mit Bewegungsmeldern und reisen nur mit Schirm? Warum plaudern Mütter so gern mit wildfremden Menschen und hören der eigenen Tochter nicht zu? Während der einwöchigen Reise mit ihrer Mutter muss Edith Einhart so manches aushalten. Wie jede Frau kennt sie die nervigen Auseinandersetzungen, spürt, wie alte Wunden aufreißen, und kann sich oft selbst nicht leiden. Doch während Edith noch an Flucht denkt, lernt sie ihre Mutter immer besser kennen. Unverhoffte Momente, in denen beide sich vorsichtig einander anvertrauen, lassen diese Reise zum Erlebnis werden ...


Edith Einhart, geboren 1969 in München, ist Journalistin und Buchautorin ('Die Champagnerkönigin', 'Kleine Liebesschule für Frauen', 'Die Todesgärtnerin'). Sie arbeitet derzeit bei der 'freundin' in München.

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Leseprobe

Tag 2 – Sonntag

»Sag ihm, wir sind Schwestern!«

Meine Mutter legt viel Wert auf ihr Aussehen, flirtet gern und will auf gar keinen Fall als Neunundsechzigjährige identifiziert werden. Ich frage mich, wie gut ich selbst mit dem Älterwerden klarkomme und ob die ersten Wehwehchen für immer bleiben und alles nur noch schlimmer wird.

Kiek mol, das Licht! Ein wundervoller Sonnenaufgang war das heute«, sagte der Hotelhausmeister am anderen Morgen. Wir standen vor dem Abstellraum für die Leihfahrräder. Der Hausmeister war ein kleiner schmächtiger Mann in den Sechzigern mit leicht geröteten Augen. Vermutlich trank er gern den einen oder anderen Schnaps.

»Haben wir hier auch nicht alle Tage«, plauderte er mit norddeutschem Akzent weiter.

Ich verstand ihn gut. Mein Großvater mütterlicherseits, der wie meine Mutter in Heiligenhafen aufgewachsen war, hatte zeitlebens Plattdeutsch gesprochen.

»Haben Sie den herrlichen Sonnenaufgang nicht gesehen?«

Nein. Hatte ich nicht.

Ich hatte den ersten Sonnenaufgang am Meer seit Jahren verschlafen. Schuld war Heidi, meine Mutter. Schließlich hatte sie kurz vor zehn das Licht ihrer Nachttischlampe ausgeknipst … Egal.

Der Hausmeister zeigte mir einige Fahrräder, und ich suchte für meine Mutter das mit dem niedrigsten Sattel aus. Ein Rad mit kleinerer Rahmenhöhe war nicht mehr da, und ich konnte ihr schlecht ein Kindermodell andrehen. Obwohl sie etwas größer ist als ich, fühlt sie sich sicherer, wenn sie mit den Füßen auf den Boden kommt.

Nachdem ich auch für mich ein passendes Rad entdeckt hatte, schob der Sonnenaufgangsenthusiast die beiden Bikes vor die Garage. Vorsichtshalber probierte ich die Bremsen aus, schließlich wollte ich nicht, dass meine Mutter versehentlich in die Dünen rauschte. Sie funktionierten leidlich, aber für ihr Tempo musste es reichen. Das Vorderlicht hatte, soweit ich das bei dem Sonnenschein ausmachen konnte, auch einen Wackelkontakt. Aber bis der Hausmeister das repariert hätte, wäre die Woche vermutlich herum. Und im Dunkeln würde meine Mutter ohnehin nicht radeln. So früh, wie sie in die Federn kroch.

Dagegen war ich heute erst um neun aufgewacht, im wahrsten Sinn des Wortes leicht gerädert. Die Vorhänge waren schon zurückgezogen, und das Nächste, was ich gesehen hatte, waren die nackten Brüste meiner Mutter. Rasch schloss ich meine Augen wieder, dann versuchte ich sie noch einmal zu öffnen. Meine Mutter war anscheinend schon im Bad gewesen, ich hatte, gut abgeschirmt, nichts gehört. Jetzt spazierte sie oben ohne im Zimmer herum.

»Guten Morgen, Mädschi! Heute wird es ein herrlicher Tag! Es ist übrigens Viertel nach neun. Gleich gibt’s Frühstück«, rief sie.

Ob sie sich dann anzog?

Oh, bitte!

Doch davon konnte keine Rede sein. Meine Mutter fühlte sich offensichtlich ganz wie zu Hause, sie hantierte auch oben ohne in der kleinen Küche herum. Ich nutzte die Gelegenheit, mich anzuziehen. Ich musste hier raus.

Jetzt.

Sofort.

»Ich geh zum Bäcker, Mama. Frische Brötchen holen, ja?«

»Aber bleib nicht so lange weg, der Kaffee wird sonst schal!«

Am liebsten hätte ich am Strand gefrühstückt, mit einem Pappbecher-Cappuccino, einer eiskalten Cola light, einem Croissant und der ersten Zigarette des Tages. Und das würde ich auch tun. Wenn auch nur für zehn Minuten, weil meine Mutter und der Kaffee nicht länger warten konnten.

»Ich mach uns in einer Viertelstunde ein weiches Ei.«

»Super Idee, Mama! Bis gleich!«

Ich folgte der Straße zur Restaurant- und Shoppingmeile. Ältere Männer mit Brötchentüten kamen mir entgegen. Ob sie nicht minder froh waren, für wenige Minuten ausgebüxt zu sein und darum so eifrig ihre Tüten trugen? Waren das in Wahrheit jämmerliche Freiheitstrophäen? Der Bäcker-Hofgang eine kleine Flucht?

Eindeutig: Ich war nicht sonderlich gut gelaunt. Und das im Urlaub. Jetzt reiß dich mal zusammen, rief ich mich zur Räson und betrat den Back-Shop.

»Guten Morgen! Was hätten Sie denn gern?« Die Verkäuferin, halb so alt wie ich, lächelte. Sicher eine Studentin. Hatte die eine gute Laune. Bestimmt war sie mit dem Bar-Beau von gestern Abend liiert. So klasse, wie die aussah, würde sie jedenfalls prima zu ihm passen.

Sie strahlte richtig. Kunststück, sie hatte die Nacht bestimmt auch nicht an der Seite ihrer Mutter verbracht.

Hinter mir räusperte sich ein älterer Herr. Ungeduldig. Als hätte er es furchtbar eilig. Lächerlich. Der hatte doch sicherlich alle Zeit der Welt.

Ich drehte mich zu ihm um, bereit, ihn mit Blicken zu erdolchen, ich war tatsächlich schlechter aufgelegt als Lady Macbeth. Aber er grinste mich nur hoffnungsvoll an.

Versuchte der etwa, mit mir zu flirten?

Sag mal, dachte ich, hast du keine Augen im Kopf? Für wen hältst du dich? Du bist mindestens zwanzig Jahre älter als ich, glaubst du im Ernst, du hast bei mir Chancen? Was bildest du dir eigentlich ein?

Ich lächelte dünn zurück. Er konnte ja nichts dafür, dass er an Realitätsverlust litt. Trotzdem eine Unverschämtheit.

Oder sah ich etwa schon so alt aus?

Das passierte mir, seitdem ich vierzig geworden war, immer öfter. Männer, die viel älter waren als ich, glotzten mich an, für Jüngere wurde ich dagegen fast unsichtbar. So wie gestern. Musste ich vielleicht etwas an meinem Outfit, an den Haaren, an wer weiß was ändern? Genügten die blonden Strähnchen etwa nicht mehr, für die ich alle paar Wochen Stunden meines Lebens beim Friseur verpulverte, um meine ersten grauen Haare zu tarnen?

Die Verkäuferin räusperte sich und war immer noch unverschämt gut gelaunt. Na, die hatte gut lachen.

Und überhaupt möchte ich ein Rückflugticket, jetzt sofort. Weg von hier und zurück in meine Zwanziger sowieso. Oder wenigstens in das Zeitalter U40.

»Zwei von den Semm-, äh, Schrippen da, bitte.«

War das richtig? Welche Brötchen mochte meine Mutter eigentlich? Wir hatten seit Jahren nicht mehr gemeinsam gefrühstückt. Da kannte ich ja die kulinarischen Vorlieben meiner engsten Arbeitskolleginnen besser. Croissants? Nein, zu kapriziös. Ganz normale Semmeln? Zu lieblos, und am Ende verursacht das Weißmehl Verstopfung.

Schließlich entschied ich mich für Mehrkornbrötchen. Mochte sie bestimmt, die sahen auch irre vital aus. Für mich die Schrippen. Ich nahm vorsichtshalber alles doppelt. Nicht dass meine Mutter am Ende meine Lieblingsbrötchen wollte.

Jetzt musste ich mich noch für mein Undercover-Blitzfrühstück am Strand mit einem Schokocroissant, einer Cola und einer Latte ausstatten. Nachdem ich alles bezahlt hatte, warf ich dem Herrn hinter mir einen triumphierenden Blick zu – soll er doch glauben, was er will. Ich wollte jedenfalls ans morgendliche Meer.

Vor der Bäckerei blieb ich stehen. Von hier aus konnte ich über den Binnensee blicken und unseren Balkon sehen. Unser Zimmer hatte als einziges die weiß-gelb gestreifte Markise bereits ausgefahren. Hatte ich gestern Abend gemacht, auf Wunsch meiner Mutter. Weil die Laternen im kleinen Park vor dem Binnensee blenden und in den Raum scheinen konnten.

Am Strand setzte ich mich auf einen Stein, aß ein halbes Croissant, verbrühte mir den Mund am Kaffee und rauchte, bis mir schwindlig wurde. Ich sah aufs knallblaue Wasser und fühlte mich ein wenig, als wäre ich an Deck eines Schiffes. Als ich wieder aufstand, wankte ich. Die Mojitos. Und heiß wurde mir auch! Lag das am Wetter, an dem Restalkohol, oder waren es verfrühte Wechseljahre? Heute und hier? Irgendwann musste der Tag ja kommen. Passierte das dann hinterrücks und schleichend oder überfallartig, und woran merkte man, dass es losging? So, wie ich es eben erlebt hatte?

Ich musste meine Mutter unbedingt danach fragen.

Meine postklimaktorale Mutter hatte bereits den kleinen Balkontisch gedeckt. Erstaunlich. Sogar eine Tischdecke hatte sie mitgeschleppt, ohne die ging wohl gar nichts. Wie hatte denn das alles in ihren Koffer gepasst? Anscheinend besaß sie bessere Einpacktechniken als ich.

Ich stellte meine Cola-Flasche auf die Decke.

»Kaum räum ich den Tisch ab, ist er schwuppdiwupp wieder voll mit deinem Kram«, sagte meine Mutter leicht vorwurfsvoll.

»Ja, Mama«, erwiderte ich etwas leiernd und rollte die Augen wie ein Teenager.

Außerdem war sie noch immer oben ohne. Beim Frühstück! Ich meine, es war wirklich warm, ich wischte mir selbst den Schweiß von der Nase, wir hatten schließlich August. Und sicher, es würde heute ein extrem sommerlicher Tag werden, Himmel und Meer hatten ja kristallklar und tiefblau vor sich hin geleuchtet, und die Sonne hing als sattgelbe Scheibe bereits riesengroß am Horizont. Aber musste meine Mutter deswegen gleich strippen? Vor meinem Bruder hätte sie das sicher nicht gebracht.

Ich streifte ihren Busen mit einem kurzen Blick. Nun stell dich doch nicht so an, dachte ich. Was ist schon dabei? Wenn sie sich wohlfühlt?

Damit war ich schließlich gestillt worden, versuchte ich mich zu beruhigen. Ich hatte ja selbst Brüste, und auch mein Busen würde so aussehen mit fast siebzig....

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