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Nachgeholtes Leben

Helmuth Plessner 1892-1985

AutorCarola Dietze
VerlagWallstein Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl622 Seiten
ISBN9783835320147
FormatPDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis35,99 EUR
Helmuth Plessner ist einer der interessantesten deutschen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. In der Weimarer Republik wies der Mitbegründer der philosophischen Anthropologie radikale Ideologien zurück. Als 'Halbjude' 1933 von der Universität Köln entlassen, emigrierte er in die Niederlande und lehrte an der Universität Groningen, bis er 1943 von der deutschen Besatzungsmacht erneut relegiert wurde. Die letzten Kriegsjahre überlebte er im Untergrund. Nach dem Krieg erhielt er seine Groninger Professur zurück und nahm 1951 einen Ruf nach Göttingen an. Plessner wirkte entscheidend am Wiederaufbau der Philosophie an den deutschen Universitäten nach 1945 mit und gehört zu den Gründungsvätern der bundesdeutschen Soziologie. Bekannt wurde er vor allem mit seiner im Exil entstandenen Deutschlandstudie 'Die verspätete Nation'. Carola Dietze legt die erste Biographie Helmuth Plessners vor, die auf Archivquellen basiert. Sie führt in Plessners Philosophie ein und analysiert, welchen Einfluß die Erfahrung der Emigration auf sein Denken hatte. Exemplarisch werden der Verlauf eines Wissenschaftsexils in den Niederlanden, die Gründe für eine Rückkehr nach Deutschland und die Situation eines Remigranten in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre untersucht.

Helmuth Plessner (1892-1985) war neben Max Scheler und Arnold Gehlen einer der Begründer der Philosophischen Anthropologie. Er lehrte an den Universitäten Köln, Groningen und Göttingen. In der Nachkriegszeit war er u.a. Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie sowie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Carola Dietze, geb. 1973, studierte Geschichte, Soziologie, Philosophie und Slawistik an den Universitäten in Göttingen, Cambridge, Groningen und St. Petersburg. Seit dem Sommer 2005 ist sie Postdoktorandin am Graduiertenkolleg 'Transnationale Medienereignisse' an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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Leseprobe
1. Einleitung (S. 7-8)

Erfahrungsgemäß ist der Name Helmuth Plessner jüngeren Menschen heute zumeist kein Begriff mehr. Auch daß der Ausdruck von der »verspäteten Nation« durch einen Buchtitel Plessners geprägt wurde, ist ihnen meist unbekannt. Diese Mitteilung kann sogar einiges Erstaunen auslösen, so selbstverständlich ist das Schlagwort von der »verspäteten Nation« zur Charakterisierung Deutschlands inzwischen geworden. Anders bei Menschen, deren politische Sozialisation in die fünfziger und frühen sechziger Jahre fällt: sie erinnern sich häu?g an die Lektüre der Plessnerschen Deutschlandstudie als ein für sie wichtiges intellektuelles Erlebnis.

Dementsprechend beziehen sich Angehörige dieser Jahrgänge bei Anlässen grundsätzlicher politischer Re?exion nicht selten auf dieses Buch. Die Anzahl derer, die über Die verspätete Nation hinaus andere philosophische oder soziologische Werke Plessners gelesen haben, scheint allerdings auch unter ihnen gering. Gleichwohl kennen sie ihn oft noch als einen Begründer der philosophischen Anthropologie. Ihm geht dann zumeist der Ruf eines »schwierigen Autors« voraus, dessen Nennung mit Respekt quittiert wird.

Das trifft nicht nur auf Deutschland zu. Auch in Plessners Exilland, den Niederlanden, ist die Erinnerung an Person und Werk bei Angehörigen der mittleren und älteren Jahrgänge noch vielfach lebendig. »Plessner? Das ist doch ein halber Niederländer!«, ist eine spontan Reaktion.

Besonders stark fällt die Resonanz auf den Namen Plessner nach wie vor in Göttingen aus. Offensichtlich muß man keiner seiner Schüler gewesen sein, um sich auch heute noch genau an diesen Professor der Georgia Augusta zu erinnern. Wer in den fünfziger oder Anfang der sechziger Jahre an der Universität Göttingen Geistes-, Sozial- oder Rechtswissenschaften studierte, wer in diesem Zeitraum in die entsprechenden Fakultäten berufen wurde, sich dort habilitierte oder dort lehrte, kam – so scheint es – nicht an Plessner vorbei. Schon kleine Begegnungen blieben dabei in Erinnerung.

So kolportiert der eine schmunzelnd eine Anekdote aus Plessners Rektoratsrede, sucht ein anderer nach Worten, um das Charakteristische eines Gesprächs mit ihm wiederzugeben oder berichtet ein dritter mit vor Wut zitternder Stimme von einer Demütigung als Student durch den damaligen Rektor. Offenbar war Plessner eine Person, die – im Positiven wie im Negativen – Eindrücke hinterließ. Zu  ihm, so hat es den Anschein, mußte man sich stellen. Neben seiner starken Ausstrahlung als Person lag dies wohl nicht zuletzt daran, daß er zu den wenigen Professoren gehörte, die aus dem Exil nach Deutschland zurückgekehrt waren.

Helmuth Plessner wurde 1892 als einziger Sohn des Arztes Fedor Plessner, der aus einer jüdischen Familie stammte, und dessen Frau Elisabeth, reformierten Glaubens, in Wiesbaden geboren. Er studierte an den Universitäten Freiburg, Heidelberg, Berlin, Göttingen und Erlangen Zoologie und Philosophie; zu seinen Lehrern zählten unter anderem Wilhelm Windelband, Max Weber und Edmund Husserl.

In der Zwischenkriegszeit schuf er als Dozent an der Universität Köln ein philosophisches Werk, mit dem er zu einem der Gründerväter der philosophischen Anthropologie wurde. Seine Karriere erfuhr jedoch einen jähen Abbruch, als ihm 1933 auf Grund des sogenannten »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« die Venia legendi entzogen wurde und er seine Stelle als außerordentlicher Professor für Philosophie verlor. Plessner emigrierte erst in die Türkei und dann in die Niederlande.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
1. Einleitung8
2. Auch ein deutscher Lebensweg24
3. In nächster Distanz100
4. Ausgangspunkte im Zwischenraum224
5. Nachgeholte Etablierung352
6. Reflexionen zum Außenseiter. Ein Epilog528
7. Quellen und Literatur540
Danksagung612
Personenregister614

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