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E-Book

Narzissmus, Geschlecht, Paarbeziehung

Weiblicher Narzissmus

AutorVanessa Ram
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl127 Seiten
ISBN9783656933618
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
Masterarbeit aus dem Jahr 2014 im Fachbereich Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter, Note: Sehr gut, Leopold-Franzens-Universität Innsbruck (Erziehungswissenschaft), Veranstaltung: Erziehungs- und Bildungswissenschaft, Sprache: Deutsch, Abstract: Die Psychotherapeutin Klammer stellt in den Raum, dass sich die westliche Gesellschaft in einem sogenannten 'Zeitalter des Narzissmus' befindet. Die stetige Suche nach Anerkennung, Konsumbesessenheit, die Überzeugung der Mensch könne alles verändern und ein übertriebener Schönheitswahn sind nur vier von etlichen Schlagwörtern, welche im Zeitgeist des Narzissmus vorherrschen. (vgl. Klammer 2008, S. 5) Wie hungrig ein Großteil der Gesellschaft nach Anerkennung ist, lässt sich beispielsweise in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Tumblr oder Twitter sehr gut beobachten. Durch meist nur zum Teil realitätsgetreue Darstellungen der eigenen Person wird in diesen sozialen Plattformen nach Anerkennung gesucht und folglich auch erlangt. Möglicherweise passiert dies überwiegend in sozialen Netzwerken, da das Web 2.0 im Allgemeinen sehr an Bedeutung gewonnen hat. Generell findet heutzutage eine Überflutung durch teilweise sehr unrealistische Medienbilder statt, welche diesen Schönheitswahn möglicherweise verstärken bzw. aufrechterhalten. (vgl. ebd., S. 5) Daraus resultiert zunehmend, dass sich immer mehr Menschen einer Schönheitsoperation unterziehen. Auch Piercings und Tätowierungen dienen häufig zur Aufwertung des eigenen Selbstwertgefühls bzw. der Anerkennung. Unrealistisch scheinen die Konfektionsgrößen mancher weiblicher Stars ohnehin zu sein. Als würde das ständige zur Schau stellen von 'Size Zero' Körpern nicht genügen. Die Modemarke Abercrombie & Fitch brachte kürzlich die Konfektionsgröße 'Trible Zero' auf den Markt. 'Dreimal so dünn' - lautet das neue Schönheitsideal unter Frauen. Eine äußert gefährliche Botschaft an junge Mädchen und Frauen. Es sollte kritisch betrachtet werden, ob Signale dieser Art zur Verleugnung des weiblichen Körpers, der Weiblichkeit 'an sich' also, maßgeblich beitragen. (vgl. Mokosch 2014) Das wohl aktuellste Emblem des 'narzisstischen Zeitalters' scheint das 'Selfie' zu sein. 'Selfie' meint das Selbstporträt mit einem Smartphone oder einer Webcam. Von einem 'Selfie' kann gesprochen werden, wenn das Selbstporträt auf einem sozialen Netzwerk veröffentlicht wird. Im Jahr 2013 wurde es von der Oxford English Dictionary nicht umsonst zum Wort des Jahres gekürt. (vgl. Thomas 2013) Dem Pew Research Center nach haben 91 Prozent aller Jugendlichen schon mindestens einmal ein Selfie von sich veröffentlicht. (vgl. Lambrecht 2013) Es erweckt den Eindruck, dass...

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Leseprobe

3 Liebe


 

Um die vermeintlichen Problematiken in narzisstischen Paarbeziehungen besser zu verstehen, sollen zunächst allgemeine Aspekte über die Liebesfähigkeit erläutert werden.

 

Mehrere Jahrhunderte lang beschäftigten sich Dichterinnen/Dichter und Philosophinnen/Philosophen immer wieder mit dem Thema „Liebe“. Heute schenken Soziologinnen/Soziologen und Psychologinnen/Psychologen dieser Thematik ihre Aufmerksamkeit. Leider aber gibt es wenig Psychoanalytikerinnen/Psychoanalytiker die sich mit der „Liebe“ explizit auseinandersetzten. Allein der Psychoanalytiker Otto Kernberg wagte sich an das Thema „Liebe“ heran. In seinem Buch „Liebesbeziehungen – Normalität und Pathologie“ beleuchtet er die Thematik auch aufgrund langjähriger Praxiserfahrung aus psychoanalytischer Sichtweise. Beim Ergründen des Wesens der Liebe kam er nicht darum herum, auch die Beziehung von Erotik und Sexualität zu erforschen. In diesem Zusammenhang landete er in seinen Forschungen immer wieder bei unbewussten Fantasien der Klientinnen/Klienten sowie ihren Wurzeln in der frühen kindlichen Sexualität und somit bei den Theorien von Sigmund Freud. (vgl. Kernberg 1999, S. 9)

 

3.1 Reife sexuelle Liebe


 

Die Psychoanalyse könnte das Phänomen der reifen Liebe, insbesondere Vorbedingungen und Komponenten dieser, nie so gut beschreiben wie es Dichterinnen/Dichter und Philosophinnen/Philosophen taten. Dennoch setzte Kernberg sich mit den Hindernissen, welche der reifen Liebe im Weg stehen, auseinander. (vgl. ebd. S. 57)

 

Kernberg sieht die reife sexuelle Liebe als emotionale Disposition, welche sich aus folgenden Elementen zusammensetzt: (vgl. ebd., S. 57)

 

1. sexuelle Erregung, die in ein auf einen anderen Menschen gerichtetes erotisches Begehren umgewandelt ist;

2. Zärtlichkeit, die auf der Integration libidinös und aggressiv besetzter Selbst- und Objektrepräsentanzen beruht, wobei die Liebe gegenüber der Aggression überwiegt und die normale Ambivalenz, die allen zwischenmenschlichen Beziehungen eigen ist, toleriert wird;

3. eine Identifizierung mit dem anderen, die sowohl eine wechselseitige genitale Identifizierung als auch eine tiefe Einfühlung in die Geschlechtsidentität des anderen umfasst;

4. eine reife Form der Idealisierung, verbunden mit einer tiefgehenden Bindung an den anderen und an die Beziehung;

5. die Leidenschaftlichkeit der Liebesbeziehung in allen ihren drei Aspekten: der sexuellen Beziehung, der Objektbeziehung und der Über-Ich-Besetzung des Paares. (ebd., S. 57)

 

Des Weiteren führt Kernberg folgende Voraussetzungen für eine reife Liebesbeziehung an:

 

1. „die Möglichkeit des Interesses am Lebensentwurf des Partners;

2. die Entwicklung eines Grundvertrauens und die Fähigkeit zur Abhängigkeit;

3. die Toleranz von Ambivalenz samt des Bewusstseins für die eigene Aggression und die Toleranz der Aggression im Partner;

4. die Fähigkeit zur Dankbarkeit und damit Demut für die erhaltene Liebe einer Person, die man zu schätzen und zu bewundern gelernt hat;

5. die Entwicklung eines gemeinsamen Ich-Ideals, gemeinsamen Bestrebungen und Lebenszielen;

6. vor allem aber die Fähigkeit einer reifen Abhängigkeit vom Partner sowie die Fähigkeit, dem Partner zu erlauben, von einem selbst abhängig zu sein.“ (Kernberg 2012, S. 137)

 

Zusammenfassend kann behauptet werden, dass Kernberg eine Liebesbeziehung als eine reife Partnerschaft definiert, wenn diese die Integration von erotischem Streben und Zärtlichkeit, beständiger reifer Idealisierung der/des Partnerin/Partners sowie Wertschätzung und Dankbarkeit der Liebespartnerinnen/Liebespartner für die Liebe beinhaltet. Ebenso dauerhafter Bestandteil einer reifen Liebesbeziehung sollte gegenseitiges Interesse der Partnerinnen/Partner sein sowie das Gefühl, dass die eigenen Bedürfnisse nach Abhängigkeit befriedigt werden. Des Weiteren wichtig sind die dauerhaften Bedürfnisse, dass man sich um den Menschen, den man liebt, kümmern darf und, dass man mit diesem Menschen eine leidenschaftliche, sexuelle Begegnung teilen darf. (vgl. ebd., S. 129)

 

Kernberg spricht davon, dass die sexuelle Erregung den Ausgangspunkt für reife sexuelle Liebe darstellt. Von der sexuellen Erregung ausgehend, weiter zum erotischen Begehren, welches auf einen anderen Menschen gerichtet ist, führt dies letztlich zur reifen sexuellen Liebe. (vgl. Kernberg 1999, S. 57) Zudem spricht Kernberg davon, dass wiederholte sexuelle Leidenschaft als dauerhafter Bestandteil einer Liebesbeziehung von großer Wichtigkeit für die Reifung einer Paarbeziehung ist. (vgl. Kernberg 2012, S. 137 f.)

 

Sexuelle Erregung beschreibt Kernberg als einen Affekt, welcher mit der Reizung von Haut und Körperöffnung zusammenhängt. Dieser Affekt konzentriert sich nach und nach, ausgehend von den Objektbeziehungen in der präödipalen und ödipalen Entwicklungsphase, in bestimmten Körperzonen und -öffnungen. Aufgrund der frühen symbiotischen Beziehungen mit den Eltern, sehnt sich der Mensch sein ganzes Leben lang nach körperlicher Nähe. Der Säugling nimmt den engen Körperkontakt mit der Mutter als lustvoll wahr. Gleichzeitig aber baut sich eine primitive Phantasie der Befriedigung polymorpher sexueller Sehnsüchte auf. Der Säugling entwickelt eine innere Phantasiewelt, welche aus erregenden und befriedigenden symbiotischen Erfahrungen besteht. Symbiotische Erfahrungen im Säuglingsalter bilden den Grundstock libidinöser Strebungen im Unbewussten. Die Grundlage erotischen Begehrens entsteht aus den sexuellen Erregungen in der präödipalen Mutter-Kind-Beziehung. Das erotische Begehren ist aber erst in der ödipalen Phase der Entwicklung an seinem Höhepunkt angelangt. Ödipale Sehnsüchte sind im unbewussten des erotischen Begehrens von zentraler Bedeutung. Für Freud ist die unbewusste Suche nach dem ödipalen Objekt Bestandteil einer gesunden Liebesbeziehung. (vgl. Kernberg 1999, S. 57 ff.)

 

Balint (1948) betont die Bedeutsamkeit der Zärtlichkeit. Von Zärtlichkeit ist dann die Rede, wenn libidinöse und aggressive Selbst- und Objektrepräsentanzen miteinander integriert sind und dennoch Ambivalenz geduldet wird. Nach Balint entstammt die Zärtlichkeit aus der prägenitalen Phase und die von uns geforderte „lange, gleichbleibende Rücksichtnahme und Dankbarkeit [zwingt uns] dazu, auf die archaische, infantile Form der zärtlichen Liebe zu regredieren oder sogar aus dieser gar nicht herauszuwachsen.“ (Balint 1966, S. 142; zit. nach ebd., S. 60) Die Verinnerlichung von Beziehungen zu wichtigen anderen formt die spätere komplexe Welt verinnerlichter Objektbeziehungen und letztlich die Struktur von Ich, Über-Ich und Es. Unter diesem Aspekt wird von zwei Haupttendenzen ausgegangen, welche auf die Entwicklung der Fähigkeit zur reifen sexuellen Liebe starken Einfluss nehmen: Entweder der regressive Drang, mit dem geliebten Objekt vollkommen zu verschmelzen, durch diese Verschmelzung kann zumindest für kurze Zeit das ersehnte symbiotische Gefühl der frühen Mutter-Kind-Beziehung wieder erlebt werden - oder die progressive Tendenz, welche vorerst die Unterschiede zwischen Subjekt- und Objektrepräsentanzen verstärkt. Später zielt diese Tendenz darauf ab, „nur gute“ mit „nur schlechten“ Selbstrepräsentanzen zu einem gefestigten Selbstkonzept zu integrieren sowie „nur schlechte“ und „nur gute“ Repräsentanzen von bedeutsamen anderen zu integrierten Bilder der Vorstellung, welche eine klare Unterscheidung der sexuellen Rollen ausdrücken, zusammenzufügen. Erotisches Begehren beinhaltet das Streben nach dem Wiedererleben symbiotischer Verschmelzung ohnehin. (vgl. ebd., S. 59 f.)

 

Grundvoraussetzung für eine reife Liebesbeziehung ist die Fähigkeit, eine intensive Beziehung zu einem differenzierten, integrierten Objekt eingehen zu können. Als Beginn der ödipalen Phase kann diese Integration von verinnerlichten „Teil-“ zu „Ganzobjektbeziehungen“ verstanden werden. Gleichzeitig kündigt dies die Vollendung der präödipalen Entwicklungsphase an und somit auch die Entstehung dessen, was Winicott als die Vorbedingung für die Entfaltung der Fähigkeit zur Besorgnis bezeichnete. Ausgangspunkt hierfür ist die Verschmelzung von Aggression und Liebe in frühen Beziehungen zu Objekten. Die Integration libidinöser und aggressiver Strebungen, welche in den Phasen der sexuellen Erregung und des erotischen Begehrens stattfanden, werden nun reproduziert. Zärtlichkeit ist Ausdruck der Fähigkeit, sich um das geliebte Objekt zu sorgen. (vgl. ebd., S. 60 f.)

 

Etliche Psychoanalytikerinnen/Psychoanalytiker haben sich mit den präödipalen Einflüssen auf die spätere sexuelle Liebesfähigkeit beschäftigt. In der Psychoanalyse werden folgende drei präödipale Stufen hinsichtlich der Entwicklung der Libido unterschieden:

 

1. „die orale Phase (rund das erste Lebensjahr), in der das Kleinkind ganz von der Pflege seiner Bezugspersonen abhängig ist, in der es...

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