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Neue Gedanken - neues Gehirn

Die Wissenschaft der Neuroplastizität beweist, wie unser Bewusstsein das Gehirn verändert - Vorwort von Daniel Goleman

AutorSharon Begley
VerlagArkana
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl515 Seiten
ISBN9783641012670
FormatePUB/PDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Naturwissenschaft am Wendepunkt: Die Grundlagen der Gehirnphysiologie müssen neu definiert werden.
Lange Zeit hielt man das Gehirn des Menschen für unveränderlich - vergleichbar der Hardware eines Computers. Inzwischen sprechen viele wissenschaftliche Erkenntnisse dagegen. Damit nähert sich die Wissenschaft des Nervensystems dem spirituellen Weltbild des Ostens, das davon ausgeht, dass der Geist die Materie beherrscht. Die Implikationen dessen, was Wissenschaftler heute als 'Neuroplastizität' bezeichnen, sind revolutionär. Die renommierte Wissenschaftsjournalistin Sharon Begley beschreibt hier die spannende Entwicklung der Neurowissenschaften, die durch Zusammenarbeit mit Meditationsmeistern herauszufinden versuchen, wie und in welchem Maße Gedanken und Emotionen unser Gehirn beeinflussen. Buddhistische Erfahrungen belegen: Wir können Depression in Freude verwandeln und Aggression in Mitgefühl. Das heißt: Wir sind nicht Opfer unserer Gene, sondern selbst verantwortlich für unser Denken und Fühlen.
• Eindrucksvolle Bestätigung buddhistischer Bewusstseins- und Meditationserfahrungen.
• Hervorragender Wissenschaftsjournalismus: Die atemberaubenden Konsequenzen der 'Neuroplastizität'.


Sharon Begley hat sich als Wissenschaftsjournalistin einen Namen gemacht. Sie war viele Jahre Wissenschaftsredakteurin, erst bei der Zeitschrift 'Newsweek', später beim beim 'Wall Street Journal'.

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Leseprobe
Kapitel 2
Der verzauberte Webstuhl: Die Entdeckung der Neuroplastizität
Wenn es um Neuroplastizität und um die Frage ging, ob sich das Gehirn eines Erwachsenen noch grundlegend verändern kann, machten die Wissenschaftler ihre Sache zuerst gut, bevor sie dann die falschen Schlüsse zogen.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschte eine hektische Aktivität, die einzelnen Gehirnfunktionen zu entschlüsseln, und zwar aus reiner kartografischer Hybris, vergleichbar mit den Expeditionen im 15. Jahrhundert, als es darum ging, die Erde zu vermessen. Die Wissenschaftler waren wild entschlossen, die spezifischen Bereiche der Großhirnrinde zu entdecken, die für verschiedene Funktionen verantwortlich waren.

Die Kartografen


Der erste große Schritt in diese Richtung wurde 1861 getan, als der französische Anatom Pierre Paul Broca verkündete, er habe den Gehirnbereich entdeckt, der für Sprache zuständig sei. Während der Autopsie eines Patienten, der nur eine einzige Silbe sprechen konnte – nämlich »tan« (und der daher in dem Krankenhaus, in dem er behandelt wurde, nur als Herr Tan bekannt war) -, entdeckte Broca eine Verletzung im hinteren Bereich des Frontallappens. Er zog daraus die korrekte Schlussfolgerung, dass der verletzte Bereich für die artikulierte Sprache zuständig ist, und daher wird dieser Bereich seitdem auch »Brocas Sprachzentrum« genannt.
Brocas Entdeckung war der Startschuss zu einem Wettlauf unter den Wissenschaftlern. Die Anatomen konnten es gar nicht abwarten, bestimmten Gehirnbereichen spezifische Funktionen zuzuordnen. Im Jahre 1876 entdeckte der Deutsche Carl Wernicke, dass ein Bereich hinter und unterhalb von Brocas Sprachzentrum auch eine entscheidende Rolle bei der Sprache spielt, und zwar nicht so sehr bei der Artikulierung der Wörter, wie im Fall von Brocas Sprachzentrum, sondern in Bezug auf das Verstehen von Sprache und die sinnvolle Aneinanderreihung der Worte. Menschen, bei denen dieser Bereich in Mitleidenschaft gezogen war, konnten zwar mühelos sprechen, aber was sie sagten, war ein unverständliches Kauderwelsch. Der deutsche Neurologe Korbinian Brodmann, kein Freund von halben Sachen, analysierte die Gehirne von Leichen und teilte die Hirnrinde in 52 verschiedene Regionen ein. Zu Ehren seiner Forschungen heißen diese Bereiche immer noch BA (englisch für Brodmann’s Area) 1, BA2, BA3... bis zu BA52. BA1, 2 und 3 bilden beispielsweise den somatosensorischen Kortex, wo das Gehirn Signale von verschiedenen Stellen auf der Körperoberfläche erhält und sie als Gefühl der Berührung interpretiert.
Diese Landkarten des Gehirns warfen für die Wissenschaftler der damaligen Zeit die offensichtliche Frage auf, ob die Ausmaße und Funktionen dieser spezifischen Bereiche ein für allemal festgelegt waren. Wenn ja, dann würde der Bereich, der das Signal »Der rechte große Zeh ist gerade gegen etwas gestoßen« empfängt, immer nur die Signale vom rechten großen Zeh empfangen. Und ein solcher Gehirnbereich säße bei allen Menschen an genau der gleichen Stelle. Oder gab es von Person zu Person oder sogar innerhalb einer Person Unterschiede, sodass sich mein Rechter-großer-Zeh-Bereich von Ihrem unterscheidet, und der Bereich, der bei mir in diesem Monat für den rechten großen Zeh, im nächsten Monat für den rechten Mittelzeh verantwortlich ist?
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichte diese Art von Fragen ihren Höhepunkt. Neuroanatomen fingen an, die »Bewegungskarten« des Gehirns zu untersuchen. Diese Art Landkarte des Gehirns ist im Wesentlichen eine Zeichnung des motorischen Kortex, der wie ein Streifen auf der Oberseite des Gehirns von einem Ohr zum anderen verläuft und bei dem jede Stelle für die Bewegung eines anderen Körperteils zuständig ist. Eine solche Stelle empfängt nicht nur das Signal, dass der rechte große Zeh angestoßen ist; sie sendet auch die Signale aus, die ihm den Befehl geben, sich zu bewegen. Um eine solche Landkarte der Bewegungen zu erstellen, verbinden Wissenschaftler eine Vielzahl winziger Elektroden mit dem motorischen Kortex eines Versuchstieres (wodurch ihm kein Schmerz zugefügt wird, da das Gehirn paradoxerweise nichts fühlt). Dann beobachten sie, welcher Teil des Körpers sich bewegt. Wenn der Punkt, den sie stimulieren, den rechten großen Zeh zucken lässt, dann wissen sie, dass dieser Punkt nicht für den kleinen Finger verantwortlich ist... und so weiter, von den Lippen und Wangen, bis zu den Füßen und Fingern und allem, was dazwischen liegt.
Dennoch gab es eine Besonderheit bei diesen Bewegungskarten. Sie unterschieden sich von Tier zu Tier. Der elektrische Reiz einer bestimmten Stelle auf dem motorischen Kortex eines Affen führte bei dem einen zur Bewegung des Zeigefingers und bei dem anderen zur Bewegung der ganzen Hand. Es gab also nicht die Karte, die auf alle Tiere gleichermaßen zutraf. Jeder Affe besaß vielmehr seine eigene Bewegungskarte.
Warum? Eine offensichtliche Erklärung lag darin, dass die Neuroanatomen schlampig gearbeitet hatten, denn die Entfernung von dem Punkt auf dem motorischen Kortex, der den rechten Fuß bewegt, zu dem Punkt, der das rechte Fußgelenk steuert, ist nur minimal. Im Jahre 1912 entschlossen sich daher die beiden britischen Neurowissenschaftler T. Graham Brown und Charles Sherrington, der Frage auf den Grund zu gehen, ob die Bewegungskarten sich deshalb von Affe zu Affe unterschieden, weil die Anatomen nicht genau genug gemessen hatten oder weil die Karte bei jedem Tier einzigartig war.1 In damals bahnbrechenden, aber heute längst vergessenen Experimenten stimulierten sie den motorischen Kortex von Versuchstieren mit haarfeinen Elektroden. Nach jedem Reiz hielten die Wissenschaftler sorgfältig fest, welche Muskeln sich bewegten. Dann stimulierten sie eine andere Stelle, bis sie den gesamten motorischen Kortex des Tieres überprüft hatten. Und nachdem sie damit fertig waren, machten sie das Gleiche bei einem anderen Tier.
Es stimmte: Die Bewegungskarten waren so individuell wie Fingerabdrücke. Wenn sie bei einem Tier eine bestimmte Stelle stimulierten, bewegte sich beispielsweise der Wangenmuskel. Bei einem anderen Tier bewirkte der Reiz an genau der gleichen Stelle ein Zucken der Lippe. Als Sherrington darüber nachsann, wodurch es zu diesem Unterschied kommen konnte, kam er zu der Schlussfolgerung, dass eine Bewegungskarte die Bewegungsgeschichte eines Tieres widerspiegelte – wie Fußabdrücke im Sand.
Nicht jede Bewegung hinterlässt im Laufe des Lebens einen physischen Abdruck im motorischen Kortex, wohl aber sich wiederholende, gewohnheitsmäßige Tätigkeiten. Stellen wir uns einen Affen vor, der es sich angewöhnt hat, eine Frucht zwischen Daumen und kleinem Finger zu halten. In einem solchen Fall krümmen sich die beiden Finger immer wieder zur gleichen Zeit, sodass der Affe seinen Snack ergreifen kann. Sherrington nahm nun an, dass als Ergebnis die Verbände von Nervenzellen im motorischen Kortex, die für die Bewegung der beiden Finger sorgen, eng beieinander liegen. Ein Affe aus derselben Schar mit anderen Tischmanieren, der sein Stück Obst mit Daumen und Zeigefinger hält, würde dementsprechend eine andere Bewegungskarte haben, auf der die Nervenzellen, die den Daumen bewegen, dicht an den Nervenzellen liegen, die für die Bewegung des Zeigefingers verantwortlich sind. Bewegungskarten spiegeln daher nicht nur wider, welche Finger oder andere Körperteile sich in der Regel unisono bewegen, sondern auch, wie intensiv ein Tier diese Bereiche seines Körpers benutzt. Von Musikern, die regelmäßig bestimmte Finger trainieren, nimmt man zu Recht an, dass sie in dem Bereich des motorischen Kortex, der für die Bewegung dieser Finger verantwortlich ist, über mehr Nervenzellen verfügen als jemand, der kein Instrument spielt. Tänzer, die immer wieder bestimmte Schrittfolgen ausführen, sollten über mehr Nervenzellen verfügen, die für die Bewegung der entsprechenden Fußmuskeln verantwortlich sind, als diejenigen, die gerade mal mühsam einen Fuß vor den anderen setzen. Die Experimente von Brown und Sherrington lieferten den frühesten empirischen Beweis für die Vermutung, die vor hundert Jahren in der Psychologie die Runde machte – dass nämlich bestimmte Verhaltensmuster zu Veränderungen im Gehirn führen und gleichzeitig Ausdruck dieser Veränderungen sind.
Die Studien der beiden Neurowissenschaftler führten auch zu einem ersten Forschungsschub im Bereich der Neuroplastizität. Im Jahre 1915 verglich der Neurologe S. Ivory Franz die Bewegungskarten im motorischen Kortex von Makaken.2 Auch er fand heraus, dass sich die Karten von einem Affen zum anderen unterschieden. Er spekulierte daher, dass die Unterschiede vielleicht ein Ausdruck der einzigartigen Bewegungsmuster der einzelnen Affen waren. Im Jahre 1917 beschrieb Sherrington selbst das Gehirn treffend als »einen verzauberten Webstuhl, wo Millionen hin- und herfliegender Schiffchen ein sich ständig wieder auflösendes Muster weben – immer voller Bedeutung, aber nie von langer Dauer.«3
Dennoch lag allem ein logischer Irrtum zugrunde. In allen Untersuchungen, die die eigenartigen Bewegungskarten der Versuchstiere ans Tageslicht brachten, hatten die Wissenschaftler nämlich nur...
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Geleitwort des Dalai Lamas10
Vorwort von Daniel Goleman15
Kapitel 120
Können wir uns verändern? Das überholte Dogma vom fest verdrahteten Gehirn20
Das Dogma der Unveränderbarkeit23
Buddhismus und Wissenschaft34
Von Uhren und Teleskopen41
Das »Mind and Life«-Institut48
Kapitel 260
Der verzauberte Webstuhl: Die Entdeckung der Neuroplastizität60
Die Kartografen60
Flexible Verbindungen70
Die Silver-Spring-Affen81
Den Blitz hören und den Donner sehen93
Kapitel 3102
Frische Zellen für alte Gehirne: Die Neurogenese102
Ein Familienerbe104
Vogelgehirne106
Eine anregende Umgebung115
Ein kurzer Blick auf die Rechte der Tiere119
Neurogenese beim Menschen122
Lauf!131
Neurogenese und Depression138
Das sich verändernde Selbst141
Kapitel 4145
Ein Kind soll sie führen: Neuroplastizität im kindlichen Gehirn145
Das Gehirn, mit dem wir auf die Welt kommen146
Mit den Augen hören, mit den Ohren sehen155
Was die Blindenschrift-Leser zeigten166
Mit den Augen hören185
Sprache »sehen«188
Blind malen195
Neuverdrahtung von Legasthenikern198
Aufmerksamkeit ist wichtig205
Kapitel 5212
Fußabdrücke im Gehirn: Sinnliche Erfahrungen formen die Gehirnstruktur beim Erwachsenen212
Jugendliche Gehirne215
Das Experiment mit verbundenen Augen218
Der Preis der Neuroplastizität223
Phantomglieder225
Besserung nach einem Schlaganfall230
Das musikalische Gehirn241
Umschulung des sehenden Gehirns244
Kapitel 6251
Der Geist beeinflusst die Materie: Mentale Aktivität verändert das Gehirn251
Der lange Schatten von Descartes251
Zwangsstörungen beheben261
Depression durch falsches Denken269
Achtsamkeit und Depression279
Das depressive Gehirn verändern283
«Das Denken macht es erst dazu« (Hamlet)287
Das buddhistische Gehirn290
Bewusste Aufmerksamkeit ist notwendig298
Kapitel 7306
Natur oder Kultur? Wie man Gene im Gehirn aktiviert306
Die Erfahrung einer Mutter309
Ratten mit Stress-Thermostat312
Lecken und Putzen316
Sanftmütige Ratten319
Geerbtes Verhalten325
Armut geht unter die Haut332
Eine schreckliche Altlast335
Kapitel 8343
Hat Mama Schuld? Die Neuverdrahtung des Gehirns zur Entfaltung von Mitgefühl343
Die Bindungstheorie347
Drei verschiedene Bindungsmuster350
Das Kind ist der Vater des Erwachsenen361
Ein neues Bild der Menschheit364
Bindung im Labor369
Vorlieben, Abneigungen und Unwahrscheinlichkeiten372
Die Macht der Bahnung380
Nimm meine Tarantel … bitte!384
Richtige Kindererziehung392
Kapitel 9398
Transformation des emotionalen Geistes: Gibt es einen » Sollwert « des Glücks?398
Auf in die Berge398
Das emotionale Gehirn413
Ein »Sollwert« des Glücks?424
Den Sollwert verändern429
Verkabelte Mönche436
Freiheit vom Leiden446
Kapitel 10454
Wie geht es weiter?454
Neuroplastizität auf Abwegen456
Die Uhr zurückstellen460
Das volle Potenzial466
Säkulare Ethik470
Anhang476
Dank476
Über das »Mind and Life«-Institut von Adam Engle477
Anmerkungen490
Über die Autorin504
Register505

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