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Neuseeland

Ein Länderporträt

AutorIngrid Kölle
VerlagCh. Links Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl216 Seiten
ISBN9783862843152
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Spätestens seit der 'Herr der Ringe'-Verfilmung sind die grandiosen Naturlandschaften Neuseelands weltweit bekannt. Aotearoa, 'das Land der langen weißen Wolke', heißt Neuseeland in der Sprache der Maori. Das Land ist aber weit mehr als ein Naturparadies. Schon früh machte es mit progressiven Ideen von sich reden, 1893 erhielten Frauen hier weltweit als erste das aktive Wahlrecht, und in den 1950er Jahren entwickelte sich Neuseeland zum ersten Wohlfahrtsstaat im Pazifik. Ingrid Kölle gibt einen Einblick in Natur, Kultur, Politik und Wirtschaft des Landes, weist aber auch auf die Gefährdungen dieses einzigartigen Lebensraumes hin. Mit großer Kenntnis und Sympathie berichtet sie darüber, wie sich Zusammenleben und Alltag in diesem vielfältigen Land mit 200 Ethnien gestalten.

Studium der Anglistik und Germanistik; arbeitet seit über 30 Jahren als freie Auslandskorrespondentin für die ARD-Hörfunkanstalten, von 1989 bis 2003 schrieb sie aus San Francisco auch für Zeitungen (u.a. Stuttgarter Zeitung, Badische Zeitung), gelegentlich auch für Zeitschriften (u.a. Focus, Spiegel Online); lebte von 1981 bis 1983 in Neuseeland und seit 2003 wieder.

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Leseprobe

Vorwort


In den frühen 1980er Jahren kam ich das erste Mal nach Neuseeland. Ich war mit meinem Freund auf Reisen gegangen, um die Welt zu entdecken. Ich träumte von weißen Sandstränden und exotischen Früchten, war gespannt auf das Leben in anderen Ländern. Dort, wo es am schönsten war, wollte ich mich niederlassen. Am Tag nach unserer Ankunft in Auckland wusste ich, dass ich »mein Land« gefunden hatte. Der Jugendherbergsleiter hatte uns zu einem kleinen Ausflug zum Strand von Piha und zur Tölpelbrutkolonie in Muriwai mitgenommen. Die Schönheit dieses Landes berührte mich im tiefsten Inneren. Hier wollte ich leben.

Ich blieb zweieinhalb Jahre. An der Correspondence School in Wellington, einer staatlichen Fernschule für Kinder, die in abgelegenen Gegenden wohnen oder zu Hause unterrichtet werden, und für Erwachsene, die sich weiterbilden möchten, arbeitete ich als Deutschlehrerin. Ich schrieb auch Radiogeschichten für den Unterricht und trat darin als Sprecherin auf. Mit einem befreundeten Journalisten verbreitete ich die Hits der Neuen Deutschen Welle auf Access Radio, einem Community Radiosender, den es heute noch gibt.

In meiner Freizeit bereiste ich die beiden Hauptinseln des Landes, die Nord- und die Südinsel, und entdeckte das Outdoor-Leben. Kiwis, wie sich Neuseeländer selbst gern nennen, gehen trampen. Das kann man einfach mit »wandern« übersetzen, aber für den echten Kiwi bedeutet dies, mehrere Tage lang mit Rucksack, Zelt und Verpflegung auf dem Rücken durch die Wildnis oder besser gesagt den bush zu stapfen. Menschen begegnet man auf diesen Touren nur ab und zu, dafür stößt man auf Wasserfälle, Regenwälder mit Farnen und moosbewachsenen Bäumen, Gletscher, die fast bis ans Meer reichen, türkis schimmernde Bergseen und Flüsse, aus denen man damals noch ohne Bedenken trinken konnte. Aufpassen muss man bestenfalls auf Weka, Waldhühner, die einem beim Picknick das Essen stibitzen und auch gern alles, was glitzert mitgehen lassen, oder auf Kea, hochintelligente Bergpapageien, die es auf Gummi jeder Art abgesehen haben. Diese neugierigen Vögel schlagen jedoch bevorzugt auf Park- oder Campingplätzen zu. Worauf man, im Gegensatz zum Nachbarn Australien, überhaupt nicht achten muss, sind giftige Schlangen, Spinnen, Skorpione, Tausendfüßler, Ameisen, Schnecken und Fische oder auch Krokodile. In Neuseeland gibt es nur eine einzige giftige, aber ganz seltene Spinnenart. Was für eine Wohltat!

Im Winter ging ich Skilaufen. Auf dem Mount Erewhon bestand der Skilift damals aus einem Zugseil, an dem man sich festklammern musste. Fortgeschrittene Skiläufer durften sich noch ein Stück höher ziehen lassen, um dann als lebende Pistenwalzen zu dienen. Auf frischem Pulverschnee fuhren wir auf und ab, bis der Hang auch für die weniger Geübten präpariert war. Heliskiing hätte nicht schöner sein können.

Weihnachten feierten wir mit einem Picknick am Strand oder mit Grillpartys bei Freunden. Wir schwammen in Flüssen und im Meer – wenn das Wasser nicht zu kalt war. Statt Kneipenleben gab es damals Dinnerpartys und Spieleabende, Kostümfeste und Lagerfeuer.

Ich ging zurück nach Deutschland, um mich als Radiojournalistin ausbilden zu lassen. Oh, wie ich das Licht vermisste, die kräftigen Farben. Deutschland im Januar war grau, bestenfalls pastellfarben. In Neuseeland war alles immer so intensiv gewesen: der Himmel, die Wälder, das Meer. Ja, die idyllische Vorstellung von den vielen weißen Schafen auf saftigen, grünen Weiden stimmte wirklich. Ich vermisste die Offenheit und die Freundlichkeit der Menschen. Das Leben in Neuseeland schien mir so viel unkomplizierter zu sein.

Fünf Jahre lang lebte ich in Deutschland und sehnte mich insgeheim nach Neuseeland. Dann entdeckte ich San Francisco. Ein Freund hatte mich auf eine Reise nach Kalifornien mitgenommen. Wir fuhren den Highway 1 von Los Angeles bis nach San Francisco. Je weiter nördlich wir kamen, desto dramatischer wurde die Umgebung und desto besser gefiel sie mir. »Hier ist es ja wie in Neuseeland«, rief ich voller Freude. Neuseeland war für mich der Maßstab aller Dinge geworden. Die Landschaft von Big Sur nach San Francisco erinnerte mich an die Fahrt von Picton nach Kaikoura auf der Südinsel Neuseelands. Als wir in San Francisco eintrafen, kannte meine Begeisterung keine Grenzen. In meiner Erinnerung sah ich Wellington vor mir: Die gleichen bunt angemalten viktorianischen Holzhäuschen auf steilen grünen Hügeln, das Meer, der Wind und die wunderschöne Natur in unmittelbarer Nähe der City. Natürlich war alles viel größer, aber auch näher an Europa. Ich verbrachte über 13 Jahre als freischaffende Journalistin in der Stadt.

Seit 2003 lebe ich nun wieder in Wellington. Ich bin sogar Staatsbürgerin geworden, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass ich auch meinen deutschen Pass behalten durfte. Als ich meiner Schwester einst erzählte, dass ich mich in das Land verliebt hätte, schaute sie mich ganz entgeistert an: »Man verliebt sich in einen Menschen, aber doch nicht in ein Land!« Ich kann nur sagen, dass ich mich hier zu Hause fühle. Es war Liebe auf den ersten Blick, die ein zweites Mal aufflackerte, als mein Lebenspartner und ich nach 20 Jahren eine weitere Reise nach Neuseeland machten. Wir hatten nie daran gedacht, dass wir wieder dorthin ziehen würden. Aber schon nach wenigen Tagen erwachte dieses Gefühl des Zuhauseseins, dieses Gefühl, hierherzugehören. Da wir beide freiberuflich tätig sind, glaubten wir nicht, dass wir ein zweites Mal eine Chance hätten, eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Aber irgendwann setzten wir uns auf dieser Reise ins Internetcafé, riefen die Webseite der Einwanderungsbehörde auf und stellten fest, dass wir unter der Kategorie »Besondere Fähigkeiten« die Voraussetzungen doch erfüllen könnten. Zwei Jahre später reisten wir mit unserer permanent residence, der vorläufig auf zwei Jahre begrenzten Aufenthaltsberechtigung im Pass, und mit unserem Kater Max aus San Francisco im Gepäck in Neuseeland ein.

In 20 Jahren hatte sich Aotearoa/Neuseeland stark verändert. Aus dem lieblich verschlafenen Wellington war eine kosmopolitische Hauptstadt geworden: Restaurants für jeden Geldbeutel und jeden Geschmack, jede Menge Cafés, in denen Kaffee ausgeschenkt wird, den Kenner als den besten der Welt bezeichnen. Rotweine aus Otago und Sauvignon Blancs aus Marlborough haben internationale Preise gewonnen und werden in Top-Restaurants weltweit exportiert. Die Wirtschaft boomt und das kleine Land am Ende der Welt hält international mit. Damit einher geht auch ein gewandeltes nationales Selbstverständnis. Der Blick ist nicht mehr wie früher europazentriert. Der pazifische Raum, China, Indonesien, Südostasien sind zu wichtigen Handelspartnern geworden. Ja, es steht sogar zur Debatte, ob man sich von der britischen Krone, dem Mutterland, loslösen soll!

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie schockiert wir waren, als wir ankamen und die englischsprachige Zeitung nicht verstehen konnten. Die Artikel waren gespickt mit uns unbekannten Worten. »Wir müssen unbedingt so bald wie möglich einen Maori-Sprachkurs mitmachen«, sagten wir damals. Leider haben wir dies bis heute noch nicht geschafft. Die Maori-Begriffe, die im heutigen Neuseeland zum alltäglichen Sprachgebrauch gehören, lernt man relativ rasch. Sich mit den Sitten und Gebräuchen der ersten Siedler des Landes bekannt zu machen, dauert etwas länger. Maori haben in den 1970er und 1980er Jahren eine kulturelle Wiedergeburt erlebt. Ihre Sprache und Kultur war damals nahe daran, auszusterben. Seitdem haben sie sich einen neuen Platz in Alltag und politischem Leben erobert, haben sich Rechte und Ansprüche auf Reparationszahlungen erkämpft. Während in den 1980er Jahren allerdings eine euphoriegeladene Aufbruchstimmung zu verspüren war, haben sich so manche Fronten mittlerweile verhärtet. Trotzdem glaube ich, dass Neuseeland im Allgemeinen stolz auf seine Art des bikulturellen bzw. multikulturellen Zusammenlebens sein kann. (Asiaten machen inzwischen 12 Prozent der Gesamtbevölkerung aus und sind nach den Maori mit 15 Prozent und den europäischen Einwanderern mit 74 Prozent die drittgrößte Bevölkerungsgruppe.)

Weniger erfreulich ist die Verunreinigung der Natur. »100 % pur« heißt der Slogan der Tourismusbehörde, aber jeder umweltbewusste Besucher, der auch nur einige Zeit in Neuseeland verbringt, merkt sehr rasch, dass das nicht ganz stimmt. Sicherlich gibt es hier sehr viel ursprüngliche und auch noch unberührte Natur. Das Land ist so groß wie die ehemalige Bundesrepublik und hat nur 4,5 Millionen Einwohner. Da kann man sich so manche Umweltsünde leisten, ohne dass dies gleich besonders auffällt. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Milchwirtschaft einen großen Aufschwung erlebt, während die Anzahl der Schafe in Neuseeland zurückgegangen ist. Damit einher ging leider eine zum Teil starke Verschmutzung von Flüssen und Seen. Die persönliche CO2-Bilanz eines Neuseeländers ist außerdem fast so hoch wie die eines US-Amerikaners. Der Fuhrpark ist veraltet und hat einen entsprechend hohen Benzinverbrauch, viele Häuser sind schlecht oder überhaupt nicht isoliert, das öffentliche Verkehrsnetz ist minimal ausgebaut, Recycling steckt noch in den Kinderschuhen. Aber ein Umdenken ist bereits im Gange. Neuseeländer lieben ihre Natur. Viele engagieren sich in ihrer Freizeit als Naturschützer, arbeiten an Projekten mit, die die Umwelt sogar wieder in ihren ursprünglichen Zustand – vor der menschlichen Besiedlung – zurückversetzen sollen.

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