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Nice to meet you, Jerusalem

Auf Entdeckungstour ins Herz der Stadt

AutorStefan Gödde
VerlagPolyglott, ein Imprint von GRÄFE UND UNZER Verlag
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl160 Seiten
ISBN9783846407707
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Zwischen schwitzenden Touristen mit Selfiesticks vor der Klagemauer? Eine Dornenkrone als Souvenir? - Jerusalem bietet so viel mehr als das. Wer den Puls dieser faszinierenden Stadt spüren will, sollte sie jenseits der allzu bekannten Pfade entdecken und dafür vor allem eines tun: ihren Menschen begegnen. Stefan Gödde, Moderator des ProSieben-Wissensmagazins Galileo und passionierter Jerusalem-Reisender, stellt ausgewählte Orte in seiner Lieblingsstadt vor. Er verrät, an welche Türen es sich zu klopfen lohnt und mit wem man ins Gespräch kommen kann, um Ungewöhnliches zu erleben - vom rituellen Shabbat-Dinner mit der Familie eines Rabbis bis zur ältesten Tattoo-Tradition der Welt.

Stefan Gödde, Fernsehjournalist und weit gereister Reporter, moderiert das beliebte ProSieben-Wissensmagazin Galileo. Seine Arbeit führte ihn in zahlreiche Länder dieser Erde - doch sein Herz gehört Israel, und ganz besonders Jerusalem. Bereits als Jugendlicher entdeckte er seine Liebe zu dieser außergewöhnlichen Stadt. Seitdem reist er mehrmals im Jahr dorthin. Und obwohl er Jerusalem inzwischen sehr gut kennt, entdeckt er dort immer wieder neue und überraschende Facetten und begegnet Menschen, die ihn zutiefst beeindrucken.

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Leseprobe

MUEZZIN UND SACHERTORTE


Sind Sie bereit für eine wilde Mischung aus Orient und Okzident? Aus Muezzin und Wiener Schmäh? Falafel und Apfelstrudel? Dann kann’s losgehen. In diesem Kapitel nehme ich Sie nämlich mit auf einen ganz besonderen Ausflug.

Ich werde Sie zu einem meiner absoluten Lieblingsorte in Jerusalem führen. Und ich verspreche Ihnen: Ihr Herz wird höher schlagen bei dem, was Sie heute sehen und erleben werden. Hier ist der Deal: Falls es Ihnen – entgegen aller Erwartung – nicht gefallen sollte, gebe ich Ihnen die fünf Schekel zurück, die Sie für diese Entdeckung zahlen müssen. Mein Tipp: Machen Sie diesen Ausflug eher zu Beginn Ihres Aufenthalts in Jerusalem. So können Sie sich einen Überblick verschaffen über das, was Ihnen die Heilige Stadt zu bieten hat. Womit Jerusalem Sie locken, begeistern – und wohl auch stellenweise überfordern wird.

© Stefan Gödde

Eines der acht großen Tore der Altstadtmauer: das prächtige Damaskustor

AM DAMASKUSTOR


Wir treffen uns direkt vor dem beeindruckenden Damaskustor (Damascus Gate). Es wurde 1535–1538 unter Sultan Süleyman dem Prächtigen gebaut. Das größte Tor in der Altstadtmauer ist gleichzeitig der Haupteingang zum Muslimischen Viertel. Und wenn es in Jerusalem kracht – zwischen israelischen Sicherheitskräften und Palästinensern –, dann ziemlich sicher auch hier. Deshalb stehen auf dem Vorplatz zwei Wachhäuschen mit bewaffneten Soldatinnen und Soldaten. Aber heute ist alles ruhig, und wir treffen uns am besten am späten Nachmittag, wenn die Sonne schon tiefer steht und nicht mehr ganz so gnadenlos auf die Erde feuert.

Wir betreten die Altstadt. Durch den Torbogen hindurch, dann direkt nach links – und sofort wieder scharf nach rechts. Diese versetzte Form des Eingangs sollte es Angreifern schwerer machen, einfach so schnurstracks in die Stadt einzufallen mit Gebrüll.

Heute will man am Tor niemanden mehr abhalten, im Gegenteil. Man heißt die Menschen willkommen, damit sie auf dem Markt ihr Geld lassen. Und gebrüllt wird nicht mehr vor, sondern hinter dem Tor.

© Stefan Gödde

In den Gassen hinter dem Damaskustor wird lautstark gefeilscht und gehandelt

LEBHAFTES MARKTTREIBEN


Áschara! Áschara! Arabisch für Zehn. Áschara! So schreien die Händler. Zehn Schekel für Zigaretten, Plastikspielzeug oder Schokolade. Am Boden kauern alte muslimische Frauen, die saftig-grüne Weinblätter, Salat und selbst gepflückte Kräuter verkaufen.

Einen bunteren Warenmix als auf diesem Markt kann man sich kaum vorstellen: Berge von plastikverpackten Süßigkeiten und Polyesterpullis, knallrote Reisekoffer, gerupfte Hühnchen, Bananen, Orangen und natürlich die typisch lang gezogenen Jerusalem-Bagels. Áschara! Dieser Markt ist eine große Bühne.

Eigentlich könnten wir den ganzen Tag hier stehen bleiben und mit all unseren Sinnen die verschiedenen Eindrücke aufnehmen: Den Duft der frisch gebackenen Pitabrote einatmen. Zuhören, wie die Händler schreiend um Kundschaft buhlen, und uns darüber wundern, dass das »Áschara« manchmal sogar aus scheppernden Lautsprechern kommt, als Aufzeichnung in Dauerschleife. Manchen Händlern ist das stundenlange Schreien wohl doch zu anstrengend.

KALEIDOSKOP DER RELIGIONEN, NATIONEN, TRADITIONEN


Oder wir schauen einfach nur zu, wie arabische Jungs mit ihren klapprigen Lebensmittelkarren die Steinrampen herunterrumpeln. Wie sich schwedische Touristinnen fotografierend an ihnen vorbeidrängeln, immer darauf bedacht, nicht auf die alten Frauen am Boden zu treten oder auf deren knackig-grünen Salat. Daneben: schwer bewaffnete junge Soldatinnen und Soldaten. Und nicht zu vergessen die ultraorthodoxen Juden in ihren schwarzen Anzügen, mit langen Schläfenlocken und beeindruckenden, schwarz schimmernden Zobelpelz-Hüten. Sie kommen aus ihrem orthodoxen Wohnviertel Mea Shearim und wollen zur Klagemauer, um zu beten. Und eigentlich empfinden sie es als absolute Zumutung, durch diesen arabischen Markt gehen zu müssen. Aber so ist es nun einmal: Hier, durch das Damaskustor, führt der kürzeste Weg zur Klagemauer. Also schreiten sie so schnell wie möglich, rennen beinahe. Manche von ihnen halten sich dabei die Hände wie Scheuklappen neben die Augen, abwehrend, abschottend. Nichts sehen, am besten auch nicht gesehen werden, nur schnell wieder raus aus dieser seltsamen anderen Welt. Und neben den orthodoxen Juden gehen langsam drei alte, russisch-orthodoxe Nonnen – komplett in schwarze Schleier eingehüllt – mit Einkaufstüten in den Händen.

All diese Menschen drängen sich durch das Nadelöhr am Damaskustor. Religionen, Nationen, Traditionen und Weltanschauungen treffen hier aufeinander. Und auch wenn sich Israelis und Palästinenser am Gazastreifen seit Jahrzehnten feindselig gegenüberstehen und sich – nicht nur im übertragenen Sinne – die Köpfe einschlagen, so müssen sie hier in der Altstadt von Jerusalem jeden Tag miteinander klarkommen. Zwangsläufig. Irgendwie. Denn eins ist offensichtlich: Die unterschiedlichen Lebenswelten wollen sich zwar eigentlich aus dem Weg gehen, doch irgendwann kommen sie unweigerlich miteinander in Berührung. Wie hier am Damaskustor. Was für ein Schauspiel.

VIA DOLOROSA


Wir gehen weiter die Steinstufen hinab – geradeaus im Laden gibt’s super Falafel –, nehmen an der Abzweigung dann den linken Weg, folgen dem Souk, also dem arabischen Markt, und kommen nach wenigen Minuten an unserem Ziel an, dem Österreichischen Hospiz – einer Institution in dieser Stadt.

Wenn Sie jetzt nach oben schauen, bekommen Sie schon mal einen kleinen Vorgeschmack auf den extremen Kontrast, der Sie gleich erwarten wird. Auf der einen Seite der exotische Orient: das Minarett einer Moschee, wir sind ja mitten im Muslimischen Viertel. Und auf der anderen Seite weht uns das vertraute Abendland entgegen: die gelb-weiße Flagge des Vatikans und das Rot-Weiß-Rot Österreichs. Aber bevor wir hineingehen, bleiben wir noch kurz an der Straßenecke stehen. Denn von links hören wir Gesänge.

Die Straße hinunter kommt eine rund 30-köpfige philippinische Pilgergruppe. An ihrer Spitze eine Frau mit Dornenkrone im Haar, ein schweres Holzkreuz auf der Schulter tragend. Ja, auch das ist Jerusalem: Der Ort, an dem der Kreuzweg Christi verehrt wird, also jener Weg, den Jesus am letzten Tag seines irdischen Lebens gegangen sein soll. Die Gläubigen gedenken in 14 Stationen seines Leidensweges, von der Verurteilung durch Pontius Pilatus bis zum Kreuzestod auf Golgatha – und zwar rund um den Globus.

© Stefan Gödde

Via Dolorosa: Mit Dornenkrone und Kreuz auf den Spuren Jesu

Hier in Jerusalem gibt es den Originalkreuzweg. Sozusagen. Denn ja: Der historische Jesus wurde in Jerusalem verurteilt und ans Kreuz geschlagen. Ob er vor gut 2000 Jahren aber genau denselben Weg nahm wie die andächtige Philippinerin heute Nachmittag, ist fraglich. Die Route wechselte nämlich im Lauf der Jahrhunderte mehrfach die Richtung, außerdem bewegt man sich heutzutage meist vier oder fünf Meter über dem Straßenniveau von damals. Klar ist aber auch: Der jetzige Verlauf des Kreuzweges wird seit der Kreuzfahrerzeit, also bereits seit etlichen Jahrhunderten, verehrt. Und vielen Gläubigen ist es ohnehin wichtiger, im Gebet an Christus zu erinnern, als dass jeder Ort streng authentisch sein müsste.

Orte, die von Historikern als »vermutlich authentisch« eingestuft werden, gibt es natürlich trotzdem. Der Tempelberg, die Grotte Gethsemane am Ölberg, die Treppenstufen bei St. Peter in Gallicantu, der Bethesda-Teich und Golgatha zum Beispiel: Dort hat sich Jesus nach derzeitigem Stand der Forschung mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit aufgehalten.

Doch zurück zur Via Dolorosa. Bei aller Skepsis kann man festhalten, dass man auf dem heutigen Kreuzweg den Fußspuren von Millionen von Gläubigen folgt, die seit vielen Jahrhunderten dem historischen Jesus hier so nahegekommen sind wie nirgendwo sonst auf der Welt. Falls Sie selbst Interesse haben: An jedem Freitagnachmittag um 15 Uhr (während der Sommerzeit um 16 Uhr) gehen Franziskanerbrüder mit den Gläubigen entlang dem Kreuzweg betend durch die Altstadt. Treffpunkt ist bei der Geißelungskapelle in der Nähe des Löwentores. Besonderer Bonus: Die erste Kreuzwegstation ist nur auf diese Weise zugänglich. Und falls Sie – wie die Philippinerin – das volle Programm möchten: Die muslimischen Händler an der ersten und zweiten Station vermieten Kreuze und verkaufen auch Dornenkronen. Ja, wer zum ersten Mal zum Kreuzweg kommt, wird sich ziemlich wundern. Dieser Schmerzensweg Jesu in Jerusalem ist vermutlich recht anders, als Sie ihn sich bislang vorgestellt haben.

Und genau hier stehen wir nun. Am Schmerzensweg – lateinisch: Via Dolorosa – Nummer 37, beim Österreichischen Hospiz, dem ältesten und für viele auch schönsten christlichen Pilgerhaus in Jerusalem. Seit Kurzem heißt es auch nicht mehr nur Hospiz, wegen der unschönen Assoziationen an ein Sterbehaus, sondern nun ganz eindeutig und offiziell: Pilger-Hospiz.

© Stefan Gödde

Das Flair der k.u.k.-Monarchie ist heute noch erlebbar im Wiener Kaffeehaus in Jerusalem

Wir klingeln, man öffnet uns die Tür. Wir gehen ein paar Stufen hoch ins Haus hinein, an der Rezeption vorbei, dann direkt nach links, und nun hören wir sie schon, die gute alte Donaumonarchie. Bereits im Flur schwingt uns sanfte klassische Musik entgegen, dazu das geschäftige Klappern von Kaffeetassen und Kuchentellern. Wir sind angekommen – in einem originalen Wiener Kaffeehaus. Gemütliche Polster, Marmortische, weinrote und dunkelgrüne Wände. Links an...

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