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E-Book

Nicht normal, aber das richtig gut

Mein wunderbares Leben mit Autismus und ADHS

AutorDenise Linke
VerlagBerlin Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783827078414
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
Schwer zu sagen, wie viele der kuriosen und komischen Dinge, die ihr im Alltag widerfahren, im Zusammenhang mit ihren Diagnosen stehen - vermutlich viele. Warum Menschen auf sie anders reagieren, kann sich die Studentin und Journalistin erst erklären, als der damals 22-Jährigen Asperger diagnostiziert wird. Das Enttäuschendste: Sie kann keinen einzigen Rainman-Trick. Das Schönste: Fast alles andere. Außer den Vorurteilen, gegen die sie angeht. Sie startet ein Crowd-Funding-Projekt und bringt 2014 die Zeitschrift 'N#MMER. Magazin für Autisten, AD(H)Sler und Astronauten' heraus, die ein gewaltiges Echo erfährt. In ihrem Buch erzählt sie, wie es ist, sensorisch hochempfindlich durch die Welt zu gehen, und was es bedeutet, Freundschaften zu führen und zu lieben, wenn soziale Interaktionen wie Händeschütteln und das Halten von Blickkontakt Anstrengung kosten. Ihr Leben erscheint darin so reich, intensiv und vielschichtig, dass der Normalo zuweilen neidisch wird. Und begreift, warum sie sich ihre 'Ticks' nicht einfach wegtherapieren lassen will. Und dass es gut ist, wenn manche Menschen anders sind.

Denise Linke, Jahrgang 1989, studierte Politikwissenschaft in Berlin. Nach Stationen bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Zeit arbeitet sie heute als freie Journalistin und Autorin. Mit Joachim Gerhard veröffentlichte sie 2016 den Bestseller Ich hole euch zurück. Ein Vater sucht in der IS-Hölle nach seinen Söhnen. Im Berlin Verlag erschien Nicht normal, aber das richtig gut. Mein wunderbares Leben mit Autismus und ADHS (2015).

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Leseprobe

Ein Baumhaus ohne Tür

Im Sommer 2011 hatte ich es mir in den Kopf gesetzt, nach Los Angeles zu fliegen und drei Monate dortzubleiben. Drei Monate können eine verdammt lange und teure Zeit sein, besonders in einer Stadt, in der man für ein Loch achthundert Dollar Miete im Monat bezahlt.

Und wenn ich »Loch« sage, dann meine ich das ziemlich wörtlich.

Mein Zuhause war eine Ecke, die mit Brettern notdürftig vom Rest des Zimmers abgetrennt wurde. Sie war ungefähr so groß wie die bettgestelllose Matratze, die ich von meinem Vorgänger übernahm. Es blieb bloß noch Platz für ein winziges Bücherregal und für eine Stange, an die man mit Glück zehn Kleidungsstücke hängen konnte, bevor sie herunterkrachte.

Außerdem durfte ich für diesen Spottpreis die Wohnküche benutzen, den Balkon und ein kleines Bad, das ich mir mit riesigen Spinnen teilen musste.

Ich war abends angekommen. Ryan hatte mich abgeholt.

Heiße Luft schlug mir entgegen, als ich den Bauch des Flugzeugs verließ. Alles sah nach Terrakotta oder Naturstein aus und fühlte sich auch so an, sogar die Luft. Sie lag schwer auf meinen Schultern und roch nach Staub. Durch eine große Glasfront erschlug mich die Schwärze der Nacht.

Wir hielten Händchen. Ryan trug meine Taschen zum Auto, einem alten, klapprigen VW-Bus. Ich stieg ein und knallte die Tür zu.

Als wir die Parkwächter passierten, bat Ryan mich um sieben Dollar. Er habe gerade kein Bargeld, sagte er und stülpte entschuldigend die Taschen seiner bunt gestreiften Boardshorts nach außen. Ich fischte ein paar Dollarnoten heraus und gab sie ihm. Die Scheine fühlten sich an wie Monopoly-Geld, so dick und klein. Und die Straßen sahen genauso unecht aus wie das grüne Papier, die Luft und der Terrakotta-Flughafen. Es war finster, hier und da malten Neonleuchtreklamen grelle Lichtkleckse auf die Straßen und die Schlaglöcher. Wir schwiegen die ganze Fahrt. Erst als wir anhielten, sprach Ryan wieder.

»This is Treehouse.«

Ich blickte ihn fragend an.

»We call it Treehouse cause there’s a huge tree in the middle.«

Daher also der Name Baumhaus. Eine naheliegende Begründung. Ich schleppte mich erschöpft siebzehneinhalb Stufen nach oben und stand vor einer angelehnten Tür.

»This is our apartment.«

Eine goldene, aber garantiert nicht aus Gold gefertigte »1« hing schief auf dem blauen Grund einer Tür. Mir schien das Ganze nicht sehr verheißungsvoll.

»Why is the door open?«

Im Gegensatz zu mir wirkte Ryan überhaupt nicht ängstlich. Die derangierte Tür kümmerte ihn nicht. So lässig würde ich mich nie geben können.

»We never close the doors. Everybody is welcome.«

Ich warf einen Blick die siebzehneinhalb Stufen hinunter. Er blieb im Müll am Treppenabsatz liegen. Jeder war willkommen?

»Like … everybody? As in … everybody?«

Ich lauschte dem Straßenlärm. Ein paar Typen unterhielten sich, ein Mädchen lachte schrill auf, zwei oder drei Hunde bellten. Und ein Obdachloser raschelte. Er hing kopfüber und bis zur Hüfte in einer Mülltonne. Da sie neben dem VW-Bus stand, war es aller Vermutung nach unsere Mülltonne.

»No, stupid, just the Treehouse people.«

Wer auch immer zu den Treehouse-Leuten gehörte. Um keinen Streit vom Zaun zu brechen, sagte ich nichts weiter. Das Fehlen einer vernünftigen Haustür bereitete mir Unbehagen, aber ich wollte jetzt wirklich nicht spießig sein. Nicht direkt nach meiner Ankunft.

Am nächsten Morgen schälte ich mich bei Sonnenaufgang aus den Laken. Der Tesafilm, mit dem unsere Gardinen an die Glaswand geklebt waren, hatte sich an einigen Stellen gelöst und ließ Helligkeit und, deutlich schlimmer, große Hitze in unser Goldfischglas-Schlafzimmer. Noch müde sah ich mich das erste Mal richtig im Raum um. Er hatte drei Wände. Eine bestand aus einer großen, zugenagelten Tür, eine andere aus Fensterglas, und die dritte war aus losen Brettern gezimmert, zwischen denen eine Tür lehnte.

Auf dem kleinen Stück Teppich zwischen Bett und Tür lagen verkrustete Teller und dreckige Wäschestücke. Es gab keine Lampe und auch keine anderen Möbel außer der Matratze, auf der ich geschlafen hatte. Aus dem Wohnzimmer drangen Geräusche durch die Bretterritzen. Ryan hatte mir erzählt, dass es eine ganze Menge Mitbewohner gab. So war das eben, wenn man in L. A. nur achthundert Dollar im Monat für die Miete aufbringen konnte.

Mühsam richtete ich mich auf und bahnte mir, das dünne braune Laken eng um den Körper geschlungen, auf Zehenspitzen einen Weg zur Tür. Als ich sie öffnete, nahm ich den halben Rahmen mit.

»Hey, you gotta be Denise.«

Eine helle Gestalt. Als meine Augen sich an den Sonnenschein gewöhnt hatten, konnte ich einen braunen Lockenkopf ausmachen. Die Frau saß im Schneidersitz vor einem grotesk großen Glastisch auf dem Boden und trug etwas, das irgendwie nach Basketball-Trikot aussah. Zwischen Daumen und Zeigefinger drehte sie einen halben Strohhalm hin und her.

»Morning, gorgeous«, sagte ein weiteres Mädchen mit breitem texanischem Akzent. Sie sah sauberer aus als die andere. Ihr kurviger Körper war in weite schwarze Kleider gehüllt, schwarze Locken fielen auf braune Schultern. Ihre Nase war groß, ihre Zahnlücke auch. Sie zwinkerte und lehnte sich nach vorne, um auf dem Glas mit einer Rasierklinge weißes Pulver zusammenzuschieben.

»You’re up early«, sagte ich zu niemandem Bestimmten und starrte auf das weiße Zeug. Das Mädchen mit der Zahnlücke verfolgte meinen Blick und fragte mich, ob ich auch eine Line wolle. Als Willkommensgeschenk. Ich lehnte ab. Das zweite Mädchen stand auf und ging auf mich zu.

»I’m Cat.«

»Jeez, why so formal?« Die andere nahm mich in den Arm.

»I’m Hannah. And we’re all family here.«

Noch immer etwas benebelt und an der Echtheit der Situation zweifelnd, ging ich durch die offene Glasschiebetür auf den Balkon. Er war, wie auch das Wohnzimmer, mit abgewetzten Sofas, Sesseln, ungeputzten Bongs und Bierdosen vollgemüllt. Cat war mir gefolgt. Nun lehnte sie am gelben Geländer und zündete sich eine Mentholzigarette an. Ihre beringten Zehen gruben im Dreck, ihre Fußnägel kratzten über den Steinfußboden.

»You gotta love the sunrise«, hauchte sie. Der Rauch legte sich vor den strahlend blauen Himmel. Da hatte sie wohl recht. Der Sonnenaufgang war schön. Ich nahm die glühende Zigarette so wortlos, wie Cat sie mir reichte. Ihre Finger waren schmutzig. Wie sie das angestellt hatte, wird mir für immer ein Rätsel bleiben. Los Angeles liegt nicht im Wald. Die Möglichkeiten, Erde unter die Fingernägel zu bekommen, sind, gelinde gesagt, begrenzt. Aber das war mir eigentlich auch egal. An Schmutz würde ich hier bestimmt nicht sterben. Eher würde jemand durch unsere immer offene Tür spazieren und mich im Schlaf erschießen.

10 919 Strathmore Drive, Los Angeles. Das war meine neue Adresse. Und das waren die Menschen, die, wenigstens für die nächsten drei Monate, meine Freunde sein würden, wollte ich nicht ganz allein bleiben.

Das Haus sah aus wie mehrstöckiges Eigelb. Es war 1949 vom amerikanischen Architekten John Lautner für die Künstlerin Helen Taylor Sheats gebaut worden, 1988 hatte es die Stadt Los Angeles zu einem historisch-kulturellen Monument erklärt. Das hörte sich alles sehr nett an, war aber wenig wert, weil das Gebäude schon seit Ewigkeiten von Studenten buchstäblich als Behausung genutzt wurde.

Von wohnen konnte keine Rede sein. Es war so dreckig, dass selbst der Dreck schon Flecken hatte, und so marode, dass jeder Tag, an dem nichts umfiel oder zerbrach, ein guter Tag war. Mehrere runde Apartments waren im Kreis aufeinander geschichtet, in der freigebliebenen Mitte befanden sich ein Baum und ein kleiner Teich mit Wasserfall. Angeblich gab es dort Fische, ich sah jedoch nie welche. Wahrscheinlich versteckten sie sich, immer wenn ich hinguckte, in den herumtreibenden Bierdosen.

Jedes Apartment besaß einen Balkon. Aus Mangel an Eignung wurden nur die wenigsten zum Anbau illegaler Arzneimittel verwendet. Dafür waren sie offensichtlich alle gut geeignet, um auf ihnen eben jene illegalen Arzneimittel zu konsumieren.

Ich bin mir heute noch nicht sicher, wie viele Menschen in dem Haus tatsächlich gehaust haben. Vierzig waren es aber mindestens. Manche Wohnungen habe ich nie betreten. In Apartment #1 waren wir zu fünft. Sam lebte in einer Abstellkammer zwischen den beiden Räumen, die als Badezimmer bezeichnet wurden. Ich lernte schnell, das Licht im Bad ausgeschaltet zu lassen. Ich wollte die Spinnen nicht so genau sehen. Unglücklicherweise nahmen sie darauf aber kaum Rücksicht, und ich rutschte mindestens drei Mal beim Duschen in der Wanne aus, weil sich eine von ihnen direkt vor meinem Gesicht abseilte und auf Augenhöhe baumelte wie ein widerlicher achtbeiniger Bungeejumper.

Hinter einem Badezimmer wohnte Hannah. Bauchtänzerin, Fotografin und Zahnlückenträgerin. Sie studierte nicht mehr und blieb wohl tatsächlich wegen des Ambientes im Treehouse. Ich konnte das nicht verstehen. So high konnte man doch gar nicht sein. Obwohl ich nie begriffen habe, wie jemand freiwillig im Müll leben konnte, wurde Hannah meine engste L. A.-Freundin.

Neben ihrem Zimmer befand sich das von Cat, die irgendetwas studierte, was definitiv nichts mit Hygiene zu tun hatte. Immer klaute sie unser Essen aus dem Kühlschrank, was schließlich dazu führte, dass Ryan und ich uns einen eigenen Kühlschrank samt Schloss zulegten, um nicht zu verhungern.

Im Lauf der Zeit lernte ich, über meinen Schatten zu springen und...

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