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Nietzsches Zarathustra Auslegen

Thesen, Positionen und Entfaltungen zu 'Also sprach Zarathustra' von Friedrich Wilhelm Nietzsche

AutorMurat Ates, Helmut Heit, Irene Treccani, Choong-Su Han, Thomas Land, Ulrich Alexander Götz, Paul Ste
VerlagTectum Wissenschaftsverlag
Erscheinungsjahr2014
Seitenanzahl229 Seiten
ISBN9783828861183
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis19,99 EUR
Nietzsche selbst schrieb einst über seinen Zarathustra, dieser sei 'das tiefste Buch, das die Menschheit hat [...] Aber mit dem kann man nicht anfangen'. Tatsächlich machte es Nietzsche seinen Leserinnen und Lesern nicht einfach: Der durchwegs kryptisch gehaltene Text erschwert das philosophische Verstehen des Werkes enorm, stellt dem Versuch eiliger Aneignung bewusst Hindernisse in den Weg. Es gibt wohl kaum ein philosophisches Werk, das die Auslegung derart erschwert und zugleich einfordert, wie 'Also sprach Zarathustra'. Der vorliegende Sammelband setzt genau dort an. Chronologisch und detailliert werden die Werkabschnitte des Zarathustra verstehend ausgelegt, ohne dabei unkritisch dessen Inhalte zu übernehmen. Der Band 'Nietzsches Zarathustra Auslegen' bietet unter Berücksichtigung der aktuellen Forschung nicht bloß eine adäquate und anspruchsvolle Lesehilfe zum Zarathustra, sondern zeigt darüber hinaus spannende neue Zusammenhänge im Denken Nietzsches auf.

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Leseprobe

Ein Buch, mit dem man nicht anfangen kann

Zarathustras Vorrede 1 bis 5

Irene Treccani

Also sprach Zarathustra ist »das tiefste Buch, das die Menschheit hat […] Aber mit dem kann man nicht anfangen«7. Mit diesen Worten wendet sich Nietzsche um den 17. Dezember 1888 an Jean Bourdeau. In einem anderen Brief desselben Jahres empfiehlt er, dass man zuvor Jenseits von Gut und Böse gelesen haben sollte8. Laut dem Philosophen sagt letzteres Buch nämlich »dieselben Dinge wie Zarathustra, aber anders, sehr anders«9.

In Richtung dieser Aussage, d.h. einer notwendigen Distanzierung von der unmittelbaren Lektüreauswahl Zarathustras, gehen auch einige Äußerungen Nietzsches, die aus früheren Jahren stammen und nach denen sowohl Morgenröthe als auch Die fröhliche Wissenschaft als »Einleitung, Vorbereitung und Commentar« zu dem bereits erwähnten Zarathustra zu lesen sind10. Historisch und theoretisch betrachtet, steht also Zarathustra nicht wirklich »durchaus für sich«, wie Nietzsche an anderen Stellen behauptet11. Es gibt eher einen roten Faden, der dieses mit den Werken verbindet, die ihm folgen und vorangehen. Es gibt offensichtlich eine Entwicklung von Nietzsches Gedanken in Bezug auf seinen Zarathustra, die durch die anderen Texte, die Briefe und die nachgelassenen Fragmente klar werden kann. So ist es nun die Aufgabe des vorliegenden Beitrages, durch einen genealogischen und retrospektiven Ansatz, und nicht durch eine unmittelbare Lektüre des Zarathustra, das Buch »für Alle und Keinen«, beziehungsweise genauer die Vorrede 1-5, zu analysieren.

In der Forschung wird allgemein angenommen, dass der erste Teil von Zarathustra erst im Januar 1883 – laut Nietzsches eigener Aussage in nur zehn Tagen – verfasst wurde.12 Man sollte sich aber daran erinnern, dass die Abfassung der ganzen Vorrede 1 auf einen früheren Zeitpunkt zurückgeht: sie entspricht nämlich dem Aphorismus 342 der Fröhlichen Wissenschaft, d.h. dem letzten Aphorismus der Ausgabe von 1882.13 »Incipit tragoedia« trägt er als Titel, welcher für sich schon bedeutend ist. Einerseits erklärt er, dass es sich um ein Incipit, um einen Anfang handelt. Und ein Anfang ist immer, laut Definition, ein Anfang von etwas Neuem, schließt das Ende von etwas anderem ein. Andererseits zeigt er als Brücke zwischen zwei Texten (Der fröhlichen Wissenschaft und Also sprach Zarathustra), wie das Incipit tragoediae im Grunde genommen ein Incipit Zarathustras ist. Zu verstehen sind also in diesem Zusammenhang drei Worte: 1. Incipit, 2. Tragödie, 3. Zarathustra.


1. Incipit. In Bezug auf den Hinweis den Nietzsche in der Götzen-Dämmerung (genauer im Abschnitt Wie die »wahre Welt« endlich zur Fabel wurde) gibt, der einzigen Stelle, in der er überhaupt von »Incipit Zarathustra« spricht, besteht das Neue stets im Mittag, im Augenblick des kürzesten Schattens.14 Das Ende ist hingegen das Ende des längsten Irrtums, der Höhepunkt der Menschheit, d.h. das Ende der Idee der »wahren Welt«, das Ende der alten Metaphysik. Dieser Anfang und gleichzeitig dieses Ende bilden ein zeitliches Diskontinuum, das Interregnum von einer Zukunft, die noch kommen muss, und einer Vergangenheit, die aufgehört hat zu sein.15 Genau in diesem Interregnum stellt sich die Neuigkeit Zarathustras, die Neuigkeit eines Zarathustra, der gerade beginnt, incipit. Das Neuigkeitselement, der Wendepunkt – das, was in anderen Worten »beginnt« – ist hingegen, laut der Erzählung der Fröhlichen Wissenschaft und von Also sprach Zarathustra, der Untergang, Zarathustras Untergang. Der Satz »Also begann Zarathustras Untergang« steht bezeichnenderweise am Ende dieser beiden Passagen.


2. Tragödie. Das Tragische – manchmal auch das Dionysische genannt – stellt ein typisches Problem von Nietzsches Philosophieren dar. Schon in jugendlichen Jahren setzt sich der junge Professor in Basel mit dieser Thematik intensiv auseinander. Ein Blick auf die Schriften der Basler Zeit spricht für sich: der Vortrag Socrates und die Tragoedie (1870), die Abhandlungen Die dionysische Weltanschauung und Die Geburt des tragischen Gedankens (beide 1870), der Privatdruck Sokrates und die griechische Tragoedie (1871), die unvollendete Schrift Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen (1873) und vor allem das Werk Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik (1872, 1874, 1878), in denen die berühmte Antithese zwischen dem tragischen und theoretischen Menschen, zwischen dem dionysischen und sokratischen Geist umrissen wird.16 Wenn also Nietzsche in den Fröhlichen Wissenschaft Zarathustra einführt und sich dabei auf die Tragödie bezieht, dann geht dem ein tiefes Bewusstsein und eine solide Erkenntnis über das Phänomen des Tragischen voraus. Es bleibt allein unklar, um welche Tragödie es sich im Zusammenhang mit seinem Zarathustra handelt. Wenn man sich an den Text der Fröhlichen Wissenschaft hält, und zwar an den vorigen Aphorismus 341, scheint die Tragödie im größten Schwergewicht, d.h. im Gedanken der ewigen Wiederkehr zu bestehen.17 In anderen Worten fängt diese Tragödie mit der Frage an: »Willst du diess noch einmal und noch unzählige Male?« (FW, KSA 3, 570). Als Antwort darauf stellt Nietzsche die Figur Zarathustra vor: die Verkörperung und zur selben Zeit die Lösung dieser Tragödie.

In den Schriften nach der Fröhlichen Wissenschaft IV beruft sich Nietzsche jedoch nicht mehr wirklich auf den Begriff der Tragödie. Im Text, der Zarathustra einleitet, spielt er z. B. auf das alte tragische Phänomen nur mittels des Wortes »Untergang« an, das etymologisch ein Versinken, einen Verfall, ein Verderben andeutet.18 In den Schriften nach Zarathustra scheint es hingegen so, dass Nietzsche den Begriff des Tragischen in Bezug auf Zarathustra sogar nochmals vertieft. Es scheint, dass er dem Tragischen eine neue zusätzliche Bedeutung erteilt, indem er sich auf etwas scheinbar Anderes – das Lachen oder die Parodie – bezieht.

Im Jahr 1886 (d.h. nach der Abfassung von Also sprach Zarathustra) als Nietzsche im Lauf der neuen Ausgabe seines Werkes über die Tragödie den Titel jenes Buches in Die Geburt der Tragödie oder Griechentum und Pessimismus ändert, fügt er seinem ursprünglichen Werk als eine Art Vorrede den Versuch einer Selbstkritik hinzu. Zu dieser Zeit möchte er unter dem Einfluss von Zarathustra die Bedeutung seines »unmöglichen Buches«19 weiter ausarbeiten. Jahre von der ersten Ausgabe entfernt, erkennt er in dem Autoren, der er selbst damals war, den »Jünger eines noch unbekannten Gottes«, Dionysos.20 Er bedauert, »mit Schopenhauerischen Formeln dionysische Ahnungen verdunkelt« zu haben und »das grandiose griechische Problem durch Einmischung der modernsten Dinge« verdorben zu haben.21 Am Ende dann beruft er sich bedeutungsvoll auf seinen Zarathustra: er wünscht sich, dass »die Kunst des metaphysischen Trostes, die Tragödie« unnötig, »alle metaphysische Trösterei zum Teufel« geschickt, und »die Kunst des diesseitigen Trostes« (d.h. das Lachen) gelernt sei.22

Im selben Jahr, indem er die Vorrede zur zweiten Ausgabe der Fröhlichen Wissenschaft abfasst, präzisiert er außerdem: »»Incipit tragoedia« — heisst es am Schlusse dieses bedenklich-unbedenklichen Buchs: man sei auf seiner Hut! Irgend etwas ausbündig Schlimmes und Boshaftes kündigt sich an: incipit parodia, es ist kein Zweifel…«23. Und später, im Teil von Ecce Homo, der Zarathustra gewidmet ist, behauptet er: »neben den ganzen bisherigen Erdenernst, neben alle bisherige Feierlichkeit in Gebärde, Wort, Klang, Blick, Moral und Aufgabe« stellt sich der Typus Zarathustra (d.h. ein anderes Ideal, das Ideal eines menschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens) »wie deren leibhafteste unfreiwillige Parodie«. Mit ihm »anhebt, trotzalledem, vielleicht der grosse Ernst erst, wird das eigentliche Fragezeichen erst gesetzt, wendet sich das...

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