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Norahib bikom heißt willkommen

Von ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe, einer syrischen Familie und mir. Eine Freundschaftsgeschichte

AutorBettina Schuler
VerlagEdel Germany GmbH
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783959100557
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
»Da muss doch etwas gemacht werden!« Das denkt Bettina Schuler 2014, als sie in den Nachrichten erneut Bilder zur Flüchtlingskrise sieht. Prompt entscheidet sich die ausgebildete Yogalehrerin, in einem Flüchtlingsheim ehrenamtlich einen Yogakurs anzubieten. Arwa wird Bettinas erste Schülerin. Monatelang war diese mit ihren Kindern auf der Flucht von Syrien nach Deutschland, und was sie währenddessen erlebt haben, lässt sich kaum in Worte fassen. Die beiden Frauen lernen sich näher kennen. Bettina erfährt, dass Arwas Mann noch immer auf der Flucht ist und welche absonderlichen bürokratischen Hürden Deutschland den Neuankömmlingen stellt. Gemeinsam bewältigen Bettina und Arwa Arztbesuche, Wohnungsbesichtigungen und Behördengänge, erleben Verrücktes und Schönes, Trauriges und Witziges. Vor allem aber erfahren sie, wie bereits kleine Gesten ihr - und unser - Leben reicher und menschlicher machen!

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Leseprobe

2
Ehrenamt: Von der Idee zur Tat


Es gab allerdings noch ein kleines Problem bei meinem Wunsch nach Engagement – denn ich wusste nicht, auf welche Weise ich, vierzigjährige Berliner Mittelstands-Mutti, die Teilzeit als Journalistin und Yogalehrerin arbeitet, mich eigentlich für die in mein Land Geflüchteten einsetzen sollte. Geld, um ein anständiges Flüchtlingsheim zu bauen, hatte ich leider nicht, und Frau Merkel würde sich meine Gedanken zur Verbesserung der deutschen Flüchtlingspolitik sicherlich auch nicht anhören. Natürlich hätte ich meine Koffer packen, mir ein kleines Schiff kaufen und nach Italien fahren können, um die Geflüchteten eigenhändig aus dem Meer zu retten, wie manch andere das taten. Doch auch das schien mir zu ambitioniert. Und wir alle wissen ja, was geschieht, wenn man sich als Sportmuffel überengagiert im Fitnessstudio anmeldet: Man geht ein Mal hin – und dann nie wieder. Ebenso würde es mir wahrscheinlich mit der ehrenamtlichen Arbeit ergehen, wenn ich mir meine Ziele von Anfang an zu hochsteckte. Deshalb wollte ich lieber mit etwas Simplem und Überschaubarem beginnen. Einsatzbereiche gab es dabei viele: von Suppe ausschenken über Deutschunterricht geben bis zu Kleider sortieren.

Wobei es mir im ersten Moment am wichtigsten erschien, den Menschen, die in unser Land kamen, unsere Sprache beizubringen, damit sie sich integrieren könnten.

Meine Mutter, mit der ich mich noch am selben Abend am Telefon über mein Vorhaben unterhielt, hatte diesbezüglich jedoch einige Bedenken. Insbesondere, was meine Kompetenzen anging.

»Du willst doch nicht wirklich unterrichten?«, fragte sie, ehemals selbst Lehrerin, skeptisch. »So ungeduldig, wie du bist, verlieren die doch schon in der ersten Stunde den Glauben an sich …«

Das fand ich jetzt zwar etwas übertrieben, lenkte aber ein und schlug meiner Mutter die diversen anderen Hilfsmöglichkeiten vor. Dann würde ich eben Essen austeilen oder mich in der Kleiderkammer engagieren.

»Hm«, sagte meine Mutter daraufhin, noch immer nicht so recht von meinem Vorhaben überzeugt, »irgendwie habe ich die Befürchtung, dass du denen nur im Weg stehen wirst.«

Was sollte das nun schon wieder? Meine Mutter tat manchmal wirklich so, als wäre ich sozial komplett inkompetent.

»Das habe ich nicht gesagt«, verteidigte sie sich, »aber, sagen wir es mal so, dir fällt es etwas schwer, dich in Gruppen und deren Hierarchien zu integrieren.«

»Dann lass ich es eben ganz bleiben!«, motzte ich beleidigt zurück.

»Aber Bettina, darum geht es doch gar nicht!«, lenkte meine Mutter ein. »Du solltest dir einfach vorher ganz genau überlegen, wie du dich sinnvoll einbringen kannst. Sonst bist du nach dem dritten Mal Suppe ausschenken komplett desillusioniert. Und genau das …«, erklärte sie mir in ihrer fürsorglichen Art, »… sollte nicht geschehen. Denn wenn du dich entschließt zu helfen, dann übernimmst du auch ein Stück weit Verantwortung für die Menschen, die dort hinkommen und mit dir und deinem Einsatz rechnen.«

Huch, das gefiel mir jetzt aber gar nicht. Ich begann, kalte Füße zu bekommen, gehörte ich doch zur Generation »Sich immer schön alle Möglichkeiten offenhalten«, die, wann immer es ging, vermied, Verantwortung zu übernehmen.

Nachdenklich beendete ich das Telefongespräch und fragte mich, ob vielleicht die Aussicht, in die Pflicht genommen zu werden, mich so lange davon abgehalten hatte, mich ehrenamtlich zu engagieren. Denn mit meinen Jobs als Yogalehrerin und Autorin war ich eigentlich schon ziemlich ausgelastet. Zudem hatte ich noch einen Dritt-Job als Waldorf-Mutti – alle Eltern, die ihr Kind ebenfalls auf einer Waldorfschule haben, wissen, wovon ich spreche: Kuchen backen, einmal im Monat Elternabend und alle Nase lang irgendein Fest, bei dem man helfen muss. Alles gut und schön. Nur blieb mir dabei kaum noch Zeit für meinen Mann, geschweige denn für meine eigenen Hobbys. Und wann hatte ich eigentlich das letzte Mal ein Buch gelesen?

Also doch lieber Geld spenden und sich wieder in den Sessel zurücklehnen?

Nein, befahl mir mein politisches Gewissen, so schnell darfst du nicht aufgeben!

Aber wächst dir dein Leben nicht jetzt schon über den Kopf, warf da das große Zaudern ein. Willst du dir wirklich noch zusätzlichen Stress einhandeln?

Ich lag mit mir selbst im Clinch. Wie schon seit Jahren.

Doch dann kam mir die rettende Idee: Yoga … ich könnte doch Yoga unterrichten! Das war ein zeitlich begrenzter und überschaubarer Rahmen, in dem ich niemandem groß Rechenschaft schuldig war. Zudem konnte jeder mitmachen, ganz gleich, aus welchem Land er stammte oder wie alt er war.

Perfekt! Mein Plan stand. Nun musste ich ihn nur noch in die Tat umsetzen. Doch das sollte ja wohl kein Problem sein. Dachte ich. Und weil ich gerade einmal so gut in Fahrt war, begann ich sofort zu recherchieren, ob und wo es Flüchtlingsheime in meiner Nähe gab. Allerdings war es gar nicht so leicht, herauszufinden, wo man anrufen konnte, wenn man sich ehrenamtlich engagieren wollte. Also schrieb ich mir kurzerhand die Nummern der zwei erstbesten Heime auf, in der Hoffnung, dort an den Richtigen zu geraten. Was, wie ich sehr schnell herausfand, schwieriger war als gedacht.

Denn statt eines Sozialarbeiters, der sich ordentlich mit Namen und Funktion vorstellt, so wie man es in Deutschland gewohnt ist, hauchte mir wenig später eine verrauchte Stimme am anderen Ende der Leitung nur ein belangloses »Hallo?« entgegen.

»Hi«, sagte ich ganz aufgeregt, »ich würde gern mit jemandem sprechen, der für die ehrenamtliche Arbeit bei Ihnen zuständig ist …«

»Also ich kümmere mich um die Toiletten«, erwiderte die unbekannte Dame mit der Nina-Hagen-Stimme. »Vielleicht rufen’s beim Empfang an?«, riet sie mir noch kurz angebunden … und ehe ich mich’s versah, hörte ich auch schon ein Tuten in der Leitung. Aufgelegt!

Verwirrt klickte ich mich durch das Internet auf der Suche nach einer weiteren Nummer besagter Institution, doch vergeblich.

Entweder war ich zu blöd oder die wollten nicht erreicht werden.

Also rief ich, um nicht schon wieder bei der Dame von der Sanitäranlagen-Reinigung zu landen, direkt die zweite Adresse auf meiner Liste an.

»Hallo?«, dröhnte mir diesmal eine tiefe Männerstimme entgegen.

Ich wiederholte mein Anliegen und wurde dann auch tatsächlich weiterverbunden. So unkompliziert konnte das also gehen – und schon hatte ich einen verantwortlichen Mitarbeiter der Unterkunft am Apparat. Der sich, wie es sich gehört, mit Namen und Funktion – Herr Kaldeira, -Heimleiter – vorstellte.

»Einen Yogakurs?«, fragte er etwas irritiert.

»Ja, ich dachte, bevor sich die Geflüchteten den ganzen Tag langweilen und an die Decke starren …«

»Ich glaube, Sie machen sich da komplett falsche Vorstellungen«, unterbrach mich Herr Kaldeira am anderen Ende der Leitung. »Sie glauben gar nicht, was die alles an Formalitäten zu erledigen haben.«

»Ach so … ich dachte …« Ja, was dachte ich eigentlich? Dass die den ganzen Tag Däumchen drehten?

»Was halten Sie davon, wenn wir für die nächste Woche einen Termin vereinbaren, um uns erst einmal kennenzulernen?«, schlug er da vor, während ich noch meinen Gedanken nachhing.

Ich nickte. Obwohl es keiner sah.

Mein Projekt begann ganz langsam Konturen anzunehmen.

Noch völlig beseelt von der Vorstellung, bald schon offiziell zu den guten Menschen dieser Welt zu gehören, eilte ich in mein Yogastudio, um dort meine wöchentliche Unterrichtsstunde zu geben. Dort angekommen konnte ich nicht anders, als der erstbesten Schülerin, die mir über den Weg lief, von meinem Vorhaben zu erzählen. Doch sie fiel mir weder um den Hals, noch lobte sie mich für mein selbstloses Vorhaben. Stattdessen sah sie mich irritiert, ja, fast schon angewidert an.

»Hast du denn gar keine Angst, dir dort etwas zu holen?«, fragte sie mich nach einer Weile.

Ich stutzte. Was meinte sie damit? Dass ich mir mit dieser Aufgabe zu viel Verantwortung, zu viel Arbeit oder zu viel sozialen Stress aufhalste?

»Ich meinte Krankheiten, Läuse oder so ’n Zeug«, konkretisierte sie ihr Anliegen.

Einer Comicfigur wären in diesem Moment vor Erstaunen die Augen aus dem Gesicht geschossen. Mir verschlug es nur die Sprache. Hatte ich gerade richtig gehört? Hatte diese moderne junge Frau, von der ich bis vor drei Sekunden dachte, dass sie super aufgeschlossen wäre, mich wirklich gerade gefragt, ob ich nicht befürchtete, mich bei diesen armen, hilflosen und heimatlosen Menschen mit irgendwelchen Krankheiten anzustecken? War das wirklich dieselbe Frau, die mir jeden Freitagabend beim Yoga gegenübersaß und mit mir gemeinsam Mantras für den Weltfrieden und die Freiheit aller Menschen und Tiere sang?

Ich muss etwas geschockt ausgesehen haben. Nur leider bekam sie diese Gefühlsregung meinerseits in den falschen Hals.

»Mach dir keine Sorgen! Wird schon nix passieren.« Dann schaute sie mich besorgt an: »Oder bist du etwa nicht geimpft?«

Eine Woche später saß ich dem freundlichen Mitarbeiter des Flüchtlingsheims gegenüber. Mit roten Backen und einer Tasse Kaffee in der Hand.

Allein schon der Weg zu seinem Büro war abenteuerlich gewesen. Denn das Heim lag nicht etwa in einem stinknormalen Wohngebiet, sondern fernab aller anderen menschlichen Behausungen im industriellen Niemandsland, einen zehnminütigen Fußmarsch von der nächsten U-Bahn-Station entfernt. Um das Gelände war ein Stacheldrahtzaun gezogen, als wenn es sich um ein Gefängnis handelte....

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