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Normalsein ist nicht einfach

Meine Erlebnisse als Psychiater und Filmemacher. Aufgezeichnet von August Staudenmayer

AutorHouchang Allahyari, August Staudenmayer
VerlagAmalthea Signum Verlag GmbH
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl240 Seiten
ISBN9783903083554
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis17,99 EUR
»Wer Filme macht, muss selbst verrückt sein.« Houchang Allahyari kommt Anfang der 1960er-Jahre aus dem Iran nach Österreich, um Filme zu machen. Er studiert Medizin und wird Psychiater - eine zukunftsweisende Entscheidung. Später stellt er die Psyche des Menschen in den Mittelpunkt seines filmischen Schaffens. In seiner Autobiografie erzählt Allahyari von seiner Ausbildungszeit zum Neurologen sowie Psychiater u. a. an der Linzer Nervenheilanstalt Wagner-Jauregg, von seiner Zeit als Psychiater in einer Strafanstalt, wo er das Medium Film in der Therapie mit jugendlichen Straftätern nutzt, und von der Entstehung seiner preisgekrönten Filme und Begegnungen mit Stars wie Leon Askin, Gunther Philipp, Waltraut Haas, Karl Merkatz, Erni Mangold und Liza Minnelli. In knappem, sensiblem Ton setzt August Staudenmayer die selbstironischen Schilderungen Allahyaris von skurrilen Vorkommnissen und erschütternden Erlebnissen mit Patienten wie etwa Paul Wittgenstein in literarische Episoden um. Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Privatarchiv des Autors

Houchang Allahyari, geboren 1941 in Teheran, kam als Jugendlicher nach Österreich, studierte Psychiatrie, arbeitete über 20 Jahre als Psychiater in Strafanstalten und führt heute eine Praxis in Wien. Seit 1970 dreht Allahyari Filme, das Filmen setzt er wiederholt auch in seiner Therapiearbeit ein. 2014 wurde »Der letzte Tanz« (in den Hauptrollen: Erni Mangold und Daniel Sträßer) mit dem Großen Diagonale-Filmpreis als bester österreichischer Spielfilm ausgezeichnet. August Staudenmayer, geboren 1961 in Niederösterreich, lebt seit den 1990er-Jahren in Wien. Regelmäßige Arbeiten für den ORF (u. a. »Einfach zum Nachdenken«). Buchpublikationen u. a.: »Waldschallers Einsatz« (2005), »Lichtschek« (2007), »Im Wartezimmer« (2009, mit Dietmar Krug), »Der Türspion« (2010) sowie bei Amalthea »Einfach zum Nachdenken« (2010, mit David G. L. Weiss und Christian Stuhlpfarrer).

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Die Pharmazeutin und Allgemeinärztin Frau Dr. Balata war wie eine einsame Spinne, in deren Netz keiner gegangen war – vielleicht, weil es ihr nie gelang, ein robustes oder auch einladendes Netz zu spinnen. Wir wurden komischerweise an jenem Tag, an dem sie, wie im vorigen Kapitel erzählt, mit einer Patientin verwechselt wurde und sie der Pfleger in die Badewanne stecken wollte, Freunde. Und blieben es auch sehr lange.

Das Linzer Wagner-Jauregg suchte damals einen praktischen Arzt beziehungsweise eine praktische Ärztin. Ich war bereits zwei oder drei Jahre dort angestellt und konnte mich für sie verwenden, das heißt, ich setzte mich für sie ein, und sie erhielt die Stelle. Das war gar nicht so einfach, weil die Frau Doktor eine etwas eigentümliche Person war. Vom Äußeren her war sie eine fragile Erscheinung – sie hatte dünne Arme und Beine, fast Ärmchen und Beinchen, war schmächtig und klein. Im Beruflichen war sie übergenau, diagnostizierte sehr, sehr lange. Wenn ich das sage, meine ich wirklich sehr lange. Und das änderte sich, meines Wissens, in ihrer gesamten Laufbahn nicht.

Viele Jahre später tauchte sie in meiner Wiener Praxis auf. Es bedurfte keiner langen Erklärungen, ich wusste, was sie suchte, und ich stellte sie als zweite Ärztin ein. Aber was ich damals noch nicht wusste: Das »sehr lange« hatte sich mit den Jahren noch weiter ausgedehnt. Übergenauigkeit war keine passende Definition mehr, sondern zu einer Krankheit geworden. Vor mir stand eine Zwänglerin, eine unter Zwängen leidende Frau.

Es war zu spät. Ich hatte keine Wahl mehr und versuchte es mit ihr. Was soll ich sagen? Sie sollte mir eine Hilfe sein – doch während ich mich mit zehn Patienten beschäftigte und sie, ich verwende diesen Ausdruck nicht gerne, abfertigte, beschäftigte sie sich mit einem. Sie brauchte also zehn Mal so lange wie ich. Und das lag nicht an mangelnder Bildung oder an ihrem Ausbildungsgrad. Sie war hochgebildet und eine gute Fachkraft. Nur eben höchst übergenau. Übervorsichtig und ängstlich, sie könnte etwas falsch machen, fragte sie ständig bei mir nach, holte sich Bestätigung und Zustimmung.

Aus diesem Grund war es schon in Linz sehr schwer gewesen, die Vorgesetzten von ihren Qualitäten zu überzeugen. Mir war es, wie gesagt, trotzdem gelungen, und so verbrachten wir neben ihren schrulligen Ausreißern mit ihrem schrägen Benehmen, das das Nervenkostüm der Kollegen manchmal hart auf die Probe stellte, auch einige schöne Kollegenjahre zusammen.

Ich weiß nicht, ob und was das mit ihr selbst zu tun hatte, aber Dr. Balata konnte mit jüngeren schizophrenen Frauen nicht umgehen – zum Beispiel mit Hermine, einer chronischen Patientin im Altbau. Für Hermine entwickelte sie so gut wie keine empathischen Gefühle und auch kein fachliches Interesse. Sie lehnte sie geradezu ab. Nur gut, dass es neben einigen wenigen Ärzten, die sich nicht einlassen konnten oder wollten, die unter Umständen sogar als herzlos galten, auch offenes, freundliches Personal gab, das eine Charge unter ihnen stand.

Eine der beiden Oberschwestern im Altbau hatte ein riesengroßes Herz für die weiblichen Schizophrenen, insbesondere für Hermine. Sie nannte sie »mein Sensibelchen«. Ich lernte Hermine über diese Oberschwester kennen, deren Engagement ich schätzte. Von Anfang an machte ich kein Hehl daraus, dass ich sie für Goldes wert und unersetzlich hielt. Einmal, glaube ich, küsste ich sie sogar spontan auf die Wange, natürlich rein kameradschaftlich, aus purer Freude an ihrer Mitarbeit. Frau Dr. Balata küsste ich nie, das wäre mir nie in den Sinn gekommen und wäre zu jedem Zeitpunkt unserer Verbindung auch völlig unangebracht gewesen.

Mit der Oberschwester verband mich ein großer Zusammenhalt. Und später auch mit Hermine. Eines Tages fragte mich die Oberschwester, ob ich mir vorstellen könnte, Hermine in meiner Wohnung, die unweit des Spitals lag, ein wenig mitarbeiten zu lassen. Man war allgemein der Meinung, dass ein bisschen Arbeit und Verantwortung Hermine guttäten.

Ab meinem dritten Jahr im Wagner-Jauregg lebten meine Frau Helga, unser kleiner Sohn Dariusch, unsere kleine Tochter Petra und ich in einer Wohnung, die zur Klinik gehörte. Die zweite Oberschwester im Altbau, eine elegante Dame, jedoch als Mensch unnahbar, hatte bereits vor langer Zeit auch um eine Wohnung angesucht. Doch immer, wenn es so weit war, wusste sie plötzlich nicht mehr, ob sie dort wirklich wohnen wollte und lehnte sie ab. Sie lehnte auch die Wohnung ab, die wir kurz darauf angeboten bekamen. Wir sagten sofort zu und begannen mit der Organisation für den Umzug. Kaum erfuhr die elegante Oberschwester davon, wollte sie die Wohnung doch wieder haben. Zu spät für sie, wir hatten gerade unterschrieben. Ab diesem Zeitpunkt war sie nicht mehr gut auf mich zu sprechen, intrigierte gegen mich, erzählte überall herum, dass ich sie vertrieben hätte und mit Sack und Pack und Kind und Kegel wie eine Heuschreckenplage aufgetaucht wäre und eine alleinstehende Frau ihrer Lebensgrundlage berauben würde.

Ich fand das würdelos. Sie fand es schrecklich, wenn mich meine Frau oder eines meiner Kinder im Spital besuchten. Wir begegneten ihr mit Freundlichkeit, was sie mit erbostem und rot angelaufenem Gesicht abwehrte. Wir trieben es auf die Spitze, als meine Frau – oder war es mein kleiner Sohn? – einmal einen Strauß Blumen mitbrachte. Die Oberschwester nahm ihn zwar an, doch presste sie ihre Faust so fest zusammen, dass die Venen an ihrem Unterarm hervortraten und ein dunkleres Blau annahmen als die Blüten des Straußes. Sie erwürgte die Blumen buchstäblich. – Schließlich hatte sie die Pflanzen stranguliert, und sie ließen die Köpfe hängen. Mit derselben Faust verabreichte sie eine Stunde später die Medikamente an die Patientinnen der Station.

Hermine kam also ein- oder zweimal pro Woche für kurze Zeit in unsere Wohnung, um ein wenig im Haushalt mitzuhelfen. Zu »helfen« – das ist eindeutig übertrieben. Meine Frau stöhnte unter dieser Hilfe und atmete erleichtert auf, wenn Hermine wieder gegangen war. Doch sie meinte jedes Mal am Abend oder am Morgen, wenn wir zusammensaßen – je nachdem, wann ich Dienst hatte –, Hermine dürfe wiederkommen, wenn es ihr guttue und ihrer Entwicklung förderlich wäre.

Es war Ostern. Helga hatte den Tisch im Wohnzimmer mit Süßigkeiten, vor allem Schokolade, für die Kinder beladen. Es sollte eine Überraschung werden, alles war reichhaltig und wunderschön drapiert. Wenn die Kinder nach Hause kamen, sollten sie die Geschenke entdecken. Dariusch und Petra liebten Schokolade. Ich übrigens auch – bis heute. Helga freute sich auf ihre Gesichter und ging noch einmal kurz weg. In der Zwischenzeit machte sich im Spital Hermine auf. Den Weg kannte sie, und er war kurz, die Wohnungstür unverschlossen. Sie trat ein und entdeckte die Osterhasen- und Osterlammschokoladenbescherung auf dem Tisch.

Meine Frau und die Kinder kamen gleichzeitig nach Hause. Aber anstatt des süßen Glücks fanden sie nur leere Stanniolverpackungen vor. Im Wohnzimmer sah es aus wie auf einem Schlachtfeld. Überall lagen Papier- und Folienfetzen. Hermine musste gewütet haben wie eine Furie. Ganz offensichtlich liebte auch sie Schokolade. Die Kinder, Petra und Dariusch, standen wie angewurzelt da. Was sie erwartet und von Andeutungen mitbekommen hatten, blieb nicht nur unerfüllt, sondern es bot sich ihnen geradezu ein zynisches Gegenteil davon dar, eine spöttische Fratze, die sie anschrie: Nichts, gar nichts ist für euch übrig!

Hermine aber war glücklich. Sie fiel meiner Frau um den Hals und wiederholte ihren Dank immer und immer wieder: »Danke, danke, liebe Frau, für die viele Schokolade, die Sie mir geschenkt haben, danke, danke!«

Die Kinder weinten. Hermine glaubte, vor Freude, und weinte mit. Und jetzt war auch Helga im Gesicht, am Hals und an ihrer Bluse über und über von Schokolade braun verschmiert. Hermine hatte alles aufgegessen. In einer Schnelligkeit, die für meine Frau noch lange ein Rätsel blieb.

Strikt gegen jeglichen Ausgang Hermines war ihre eigene Mutter. Schließlich sei ihre Tochter – aus gutem Grund – eine chronische Patientin, und das sollte sie in den Augen ihrer Mutter auch bleiben. Ich bat die Frau zu einem Gespräch in die Klinik. Wir saßen einander lange gegenüber, ohne etwas zu sagen. Die Nässe von ihrem Schweiß in meiner Hand trocknete langsam. Die Frau hatte ihre Augenbrauen tief nach unten gezogen, wirkte wütend und ängstlich zugleich. Ich fragte sie, warum Hermine keinen Ausgang haben sollte.

Sie schnaufte laut und pumpte einen Aufschrei aus ihrer Kehle: »Wenn Sie wüssten!«

Ich fragte ganz ruhig nach: »Was sollte ich denn wissen?«

Und dann erzählte sie. Es waren viele Geschichten, die ihre aufgeregte Stimme durcheinanderwirbelte. An eine erinnere ich mich ganz besonders.

Hermine war...

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