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Nur die Liebe fehlt

Von Depression nach der Geburt und Müttern, die ihr Glück erst finden mussten

AutorPetra Wiegers
VerlagPatmos Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl176 Seiten
ISBN9783843606998
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Ein Baby zu bekommen, ist das größte Glück. So die Erwartung. Doch zehn bis zwanzig Prozent aller Mütter geraten nach der Geburt in eine schwere Krise, die sogenannte postpartale Depression. Liebevolle Gefühle für ihr Kind bleiben aus, Traurigkeit, Ängste, Aggressionen und Schuldgefühle bestimmen den Tag. Hinzu kommt oft das Unverständnis von Familie und Freunden. In diesem Buch erzählt die Journalistin Petra Wiegers die bewegenden Geschichten von vier Frauen, die nach einem - zum Teil sehr schweren - Leidensweg durch die Depression wieder Lebensmut und Liebe für ihr Kind gefunden haben. Die Psychiaterin Susanne Simen ordnet die Geschichten in einen therapeutischen Kontext ein. Ein Buch, das aufklärt, berührt und Mut macht.

Petra Wiegers ist Journalistin, Autorin, Filmemacherin und Moderatorin. Sie arbeitet für Arte und den Bayerischen Rundfunk, dort unter anderem für die Sendung 'quer. Zum Thema postpartale Depression hat sie einen Dokumentarfilm namens 'Mein fremdes Kind - Wenn Müttern die Liebe fehlt' gedreht, der in der ARD und den dritten Programmen ausgestrahlt wurde. Sie lebt mit ihrer Familie in München.

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Leseprobe

Erste Begegnung – Mavi und die Suche nach der Perfektion


Das Schlimme ist (…), dass ich mich an keine einzige Zärtlichkeit erinnere. Dabei muss es sie, von der Wahrscheinlichkeitsrechnung her, gegeben haben, diese intimen Berührungen zwischen Mutter und Kind. Aber das Gedächtnis meiner Haut hat sie nicht gespeichert.

Hermann Burger: Die künstliche Mutter2

Ich fahre mit dem Auto raus aus der Stadt. Ein Vorort. Reihenhaussiedlung, wie sie überall sein könnte. Gepflegte Gärten. Einer wie der andere. Mavi hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Ihr ist es lieber, wir treffen uns bei ihr, weil ihre großen Kinder bald nach Hause kommen. Anna und Paul gehen schon in die Schule. Das Reihenmittelhaus liegt in einer Sackgasse. Am Eingang hängt ein selbst getöpfertes Türschild. »Familie Gründler« steht drauf. Herzchen, Blumen und eine Sonne umranken die Buchstaben. An der Tür ein Kranz aus Trockenblumen. Übrig geblieben aus dem letzten Herbst. Drei Paar Gummistiefel stehen in der Reihe am Eingang zum Garten. Rosa, hellblau und mit großen lila Punkten. Die Farben verraten, dass der Herr des Hauses wohl nicht so häufig die Gartenarbeit übernimmt. Ich klingele. Eine zierliche blonde Frau mit roten Wangen öffnet mir die Tür. Mavis Haare sind kinnlang und perfekt gefönt. Ich staune, wie genau sie die Kleidung farblich aufeinander abgestimmt hat: Schwarze Leggings, türkis-schwarze Tunika, eine Kette mit türkisen und schwarzen Steinen und türkisfarbene Ballerinas. Nach den ersten Begrüßungsritualen setzen wir uns ins Wohnzimmer. Wasser gibt es aus einer Karaffe mit Zitronenscheiben drin.

»Die sind nicht gespritzt. Darum hab ich die Schale drangelassen. Ich hoffe, das passt.«

»Klar. Toll. Vielen Dank.«

Wir sitzen auf einem hellorangen Sofa. Die Wohnlandschaft nimmt fast die Hälfte des Raumes ein. Es ist so leise hier. Wo ist eigentlich das Baby? Vor drei Monaten ist Fabian auf die Welt gekommen. Geplant war das nicht, erzählt mir Mavi. »Aber wir haben immer gesagt: Wenn es noch mal passiert, dann passiert es eben. Das ist dann gut so.« Mavi und ihr Mann Frank sind gläubig. Eine Abtreibung wäre niemals infrage gekommen.

Auch wenn sie mit zwei Kindern und ihrer Halbtagsstelle als Sekretärin schon gut ausgelastet war, haben die beiden nicht an Verhütung gedacht. »Wenn der liebe Gott will, dass noch ein Kind kommt, dann ist es uns herzlich willkommen. Das haben wir nie angezweifelt.«

Dass dieses Kind, oder besser gesagt, die Umstände rund um die Geburt dieses Kindes, alles verändern würden, damit hatte das Paar nicht gerechnet.

»Ich dachte zuerst, es sind die Heultage. Obwohl ich die zuvor gar nicht kannte. Ich war bei beiden Kindern vorher immer gut drauf. Aber auf einmal war ich so erschöpft, die Stimmung war gedrückt, ich konnte mich gar nicht richtig freuen über den Kleinen. Und das Schlimmste: Ich konnte ihn gar nicht anfassen. Hab mich geekelt.« Sie weint. »Ich kann es auch heute noch nicht gut.«

Sie schaut nach oben, die Tränen sind ihr unangenehm. Sie putzt sich die Nase. »Tschuldigung.«

»Aber nicht doch. Kein Problem.«

»Ich hatte einfach keine Energie und war so hoffnungslos. In dem Moment konnte ich mir nicht mehr vorstellen, wie das mit noch einem Kind gehen soll.«

Plötzlich gibt das Babyfon Geräusche von sich.

»Ah, jetzt wird der Fabian wach. Ich hole ihn schnell. Nimm dir gerne noch was zu trinken.«

»Ja, mach ich, danke.«

Ich sehe die Obstschale mitten auf dem Wohnzimmertisch. Voll mit Orangen, Kiwis und Bananen. Wie die Deko eines Möbelhauses. An den Wänden hängen eingerahmte Bilder: Die Familie beim Skifahren, Anna und Paul mit der Schultüte, das verliebte Ehepaar und das obligatorische Hochzeitsbild. Happy Family. Neben den Bildern hängt Jesus am Kreuz. Ziemlich groß das Kreuz. Im Bücherregal sehe ich Titel wie Die Kunst sich selbst wertzuschätzen, Wahre Kraft kommt von Innen oder Jedes Kind kann schlafen lernen, daneben eine Kinderbibel und einige Regionalkrimis. An den Fenstern hängen lange pastellfarbene Vorhänge. Alles wirkt gut durchdacht und mit Sorgfalt ausgewählt. Neben dem Kamin in der Ecke thront ein kniehoher Buddha. Irgendwie wirkt er in dieser Wohnung völlig deplatziert. Draußen fährt ein Traktor vorbei. So weit raus aus der Urbanität sind wir also schon.

Der kleine Mann auf ihrem Arm hat genauso rote Wangen wie seine Mama. Sie zeigt ihn mir stolz.

»Das ist der Fabian.« Ich verhalte mich wie man sich eben verhält. Ich fasse den Kleinen an den Händen und rede mit hoher Stimme ein paar Worte auf ihn ein. Mavi gibt ihrem Sohn die Flasche. »Ich habe vor drei Wochen abgestillt, weil ich bei den ersten Kindern ständig eine Brustentzündung hatte. Und das wollte ich nicht wieder riskieren. Außerdem nehme ich Psychopharmaka. Es gibt zwar welche, die nicht in die Muttermilch übergehen sollen, aber das Risiko ist mir zu hoch. Abgesehen davon, kann ich den Kleinen nicht so nah an mich heranlassen. Mir ist unwohl, wenn ich ihn an meiner Haut spüre. Ich kann das einfach nicht. Noch nicht.« Wenn sie redet, wirkt das fast wie eine Entschuldigung.

Happy Family


»Was? Du hast eine Putzfrau?«, Mavi hält ein Glas Prosecco in der Hand und ihre Stimme überschlägt sich fast. Ihre Wangen sind gerötet vom Alkohol. Ein Glas Prosecco gönnt sie sich jetzt. Auch wenn einige ihrer Freundinnen das nur naserümpfend zur Kenntnis nehmen. Schwanger und Alkohol – das geht eigentlich gar nicht. Mavi gehört zu den Frauen, die immer lächeln. Egal was sie sagen. Ihre Mundwinkel zeigen immer nach oben. Sie sieht so aus, wie man sich eine Mutter vorstellt. Gesund, selig lächelnd, zufrieden mit sich und der Welt. Die Frauen auf ihrem orangefarbenen Sofa stoßen spitze Schreie aus. Die Stimmung ist ausgelassen.

»Ja, klar, glaubst du, ich mach das alles selbst? Die Kinder kümmern sich nicht, mein Mann sowieso nicht. Und ich? Ich soll das dann alles allein machen, jede Woche? Nee. Eine Perle ist echt gut angelegtes Geld«, Elena arbeitet halbe Tage bei der Bank. Bis auf eine weitere Frau in der Runde sind alle anderen nach der Geburt ihrer Kinder zu Hause geblieben. Erst einmal. Bis die Kinder aus dem Gröbsten raus sind – da ist sich die Damenrunde einig. »Ein Kind braucht ja schließlich seine Mutter. Wozu sonst kriegt man Kinder, wenn man sich doch nicht kümmert und einfach weitermacht wie bisher?« Diese Sätze stürzen wie ein Fallbeil auf jeden herab, der versucht, eine der Übermütter nach der Zufriedenheit mit ihrem Lebensentwurf zu fragen.

Insgeheim ist Mavi ein bisschen neidisch. »Also, ich könnte das nicht. Jemand Fremden in der Wohnung haben. Außerdem mache ich ganz anders sauber als eine Putzfrau. Mir wäre das einfach nicht gründlich genug.« Aber für eine Putzfrau reicht einfach das Geld hinten und vorne nicht. »Und dann weiß ich auch nicht, mit welchem Putzlappen die was sauber macht … Vielleicht geht die mit dem Toilettenschwamm ja dann anschließend über mein Besteck.« Der Alkohol macht Mavis Zunge locker. Sie lacht laut. Sie ist beschwipst.

»Iiih,« Elena schüttelt den Kopf. »Klar brauchst du da schon ein bisschen Vertrauen. Aber so etepetete wie du bin ich da nicht, Frau Megareinlich.«

»Ja, ich weiß! Nenn mich einfach Putzfee, okay? Prost!« Alle lachen.

Mavi weiß genau, dass sie Witze platzieren kann und die Meute lacht. Das ist immer schon ihre Stärke gewesen. Auch in ihrer Familie ist sie diejenige, die im Zweifel den Laden wieder zum Lachen bringt. Frank ist oft deprimiert, frisst Probleme in sich hinein. Sie hingegen schafft es, ihn mit ihrer offenen lebensfrohen Art zum Reden zu bringen. Meistens jedenfalls. Es geht weiter um Kochrezepte, um die ersten pubertierenden Kinder und um die faulen Ehemänner, die sich in der Küche »ach so fremd« fühlen.

Mavi hat ihre Yoga-Freundinnen heute zum ersten Mal eingeladen. Den ganzen Vormittag hat sie dafür in der Küche gestanden. Es gibt Fingerfood, Prosecco oder wahlweise Aperol Spritz und als Nachtisch eine Aprikosentarte. Ihr Mann Frank ist oben im Arbeitszimmer. Männer sind heute Abend unerwünscht.

»So einen Mädelsabend sollten wir wieder viel öfter machen«, Sabine wirkt beschwipst. »Aber irgendwie ist immer so viel. Letzte Woche waren wir Skifahren, davor das Wochenende mit den Kindern Schneeschuhwandern.« Sabine hat auch zwei Kinder, genau wie Mavi und die meisten anderen Frauen hier. Zwei Kinder, einen Golden Retriever und ein blühendes Rosenbeet – das Glück einer jeder Vorstadt-Mami.

»Ja, und der Florentin hat jetzt dreimal die Woche Fußball. Der ist richtig talentiert. Ich kann gar nicht so viel nebenbei machen. Wenn wir wollen, dass der sportlich weiterkommt und vielleicht aufs Fußballinternat gehen kann, dann müssen wir halt alles andere zurückstellen«, Sabines Florentin ist schon mit drei Jahren im Fußballverein gewesen. Die meisten Wochenenden sind daher für sie tabu. Als ehrgeizige Soccermum muss man eben auch Opfer bringen, das ist ihre Devise. Und Tochter Lara geht mit Anna in dieselbe Klasse. Ein eher durchschnittliches Mädchen, wie Mavi findet, aber lieb. Mavi hat sich schon öfter gefragt, ob die beiden eigentlich auch befreundet sein würden, wenn Anna nicht so gut in der Schule wäre.

»Und du, Mavi, wie geht es denn jetzt mit der Anna weiter. Kann sie jetzt eine Klasse überspringen, oder…?«

Mavi hat gehofft, dass das Thema nicht angeschnitten würde. Nach der ersten Euphorie über die Beurteilung von Annas...

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