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E-Book

Obamas kleines Weißbuch

Faszinierende Einblicke in den Führungsstil von Präsident Obama

AutorSasha Abramsky
VerlagFinanzBuch Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl336 Seiten
ISBN9783862483808
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Seit Barack Obama ins Licht der Weltöffentlichkeit getreten ist, übt er eine unbestreitbare Anziehungskraft aus. Er hat Charisma und Führungsqualitäten. Er ist dynamisch und volksnah. Aber wie wurde er zu dem, der er heute ist - zu einem der mächtigsten Männer der Welt? Sasha Abramsky hat Obamas Werdegang untersucht und seine Motive, Ideen und Vorstellungen herausgearbeitet. Er zeichnet das faszinierende Bild eines Visionärs, der die Geschicke der Welt wohl noch lange beeinflussen wird.

Sasha Abramsky hat Politik, Philosophie und Wirtschaft in Oxford studiert. Als freischaffender Journalist hat er u. a. für den Rolling Stone und die New York Times gearbeitet.

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Leseprobe

Kapitel 1


Fokus


Mitte der 1980er Jahre organisierte der junge Community Organizer Obama ein Übungsseminar für mehrere andere Organizer aus South Side Chicago, in dem er ihnen beibrachte, wie sie ihre Geschichten erzählen müssten, wie sie Beamte von Anliegen wie der Asbestbeseitigung im sozialen Wohnungsbau oder der Schaffung lokaler Berufsqualifikationsprogramme überzeugten und wie sie andere Bewohner des Bezirks in Diskussionen über die Probleme ihres Viertels einbänden. Er fand ein Hotel abseits der Autobahn, die Richtung Lansing in Michigan führt, und buchte dort den Konferenzraum. Es lag, wie die Aktivisten bemängelten, am Ende der Welt. Das Geld war knapp, und für die meisten von ihnen waren Reisen aus Chicago heraus ein seltener Luxus. Warum wählte er einen derart erbärmlichen Ort für ihre Klausurtagung?

»Er sagte: ›Ich wollte, dass Sie fokussiert bleiben. Wir hätten anderswo hingehen können, aber dort hätten Sie einkaufen und in Restaurants gehen wollen. Und ich will, dass Sie alle konzentriert bei der Sache sind‹«, erinnert sich eine der Teilnehmerinnen, Loretta Augustine-Herron, eine Community Organizerin und Lehrerin, die in jenen Jahren eng mit Obama zusammenarbeitete.20 »Ich werde das nie vergessen. ›Aber wir werden am letzten Abend eine Party feiern‹«, fügte Obama Herrons Erinnerung nach etwas betreten hinzu. »Und das taten wir. Es war nicht gerade ein rauschendes Fest. Aber es entsprach wohl seiner Vorstellung von einer Party.« Sie macht eine Pause und lacht über die Erinnerung. »Als junger Mann war er sehr konzentriert auf das, was er gerade tat. Und er recherchierte alles und jedes. Er schien so entspannt, wenn er so dasaß und zu uns sprach. Aber wissen Sie was: Wir wussten, dass es anders war. Es war fast wie eine besondere Gabe. Er schien einfach zu wissen, wie die Dinge zusammengehörten – wo alles im großen Bauplan der Dinge einzuordnen war.«

Wenn die Community Organizer öffentliche Versammlungen organisierten, um über den baufälligen Wohnungsbestand oder den Mangel an Berufsausbildungsmöglichkeiten zu diskutieren, dann bereitete Obama sein Team sorgfältig vor und hielt sich dann im Hintergrund des Raumes, schweigend, die Arme verschränkt, und hörte sorgfältig zu, was gesagt wurde. Er suchte nicht das Rampenlicht, doch wenn die Dinge drohten, außer Kontrolle zu geraten, schritt er ein, behutsam, respektvoll, und lenkte das Gespräch wieder in die richtige Richtung.

»Er kam in unsere Häuser, in die Häuser der Leute, die an dem Projekt teilnahmen. Die älteren Leute liebten ihn über alles«21, erinnert sich eine andere der Community Organizerinnen, Yvonne Lloyd, über zwei Jahrzehnte später. Lloyd war eine ältere Dame mit elf Kindern, 24 Enkeln und 13 Urenkeln, die mittlerweile in Nashville, Tennessee lebte, als ihr Bekannter zum Präsidenten gewählt wurde. Für sie hatte der junge Obama im Rückblick über die Jahre einfach eine magische Anziehungskraft gehabt. Sie bemerkte, dass selbst Leute, die weitaus älter als Barack waren, ihm einfach folgen wollten. »Er sagte uns Dinge wie: ›Wenn die Leute um Sie herum verrückt spielen und in der Gegend herumschreien, dann müssen Sie unbedingt ruhig bleiben. Bleiben Sie fokussiert.‹ Auf diese Art und Weise schulte er uns. Das ist die Person, die ich kennenlernte, das ist der Barack, den ich kenne. Ein junger Mann, der eine Gruppe führen konnte, in der alle sehr viel älter als er waren. Ich kann mich erinnern, wie eine Dame, die nicht unserer Gruppe angehörte, zu mir sagte: ›Mädchen, Ihr folgt alle diesem Mann dort?‹ Ich darauf: ›Wenn Sie ihn erst kennenlernen, wenn Sie sich mit dem Community Organizing befassen, dann werden Sie ihm freiwillig folgen wollen, weil Sie daran glauben, dass er etwas zustande bringt.‹ Ich hatte das Gefühl, als sei er eines meiner Kinder. Ich wollte, dass er Erfolg hat.«

Ratten, Golf und Dreipunktewürfe


Von sehr jungem Alter an sind Konzentration und die Fähigkeit, störende Umweltgeräusche herauszufiltern, entscheidende Facetten von Barack Obamas Persönlichkeit gewesen. Vielleicht war dies eine Folge der nächtlichen Englischstunden, die er als kleiner Junge in Indonesien von seiner Mutter über sich ergehen lassen musste. Konzentrieren, konzentrieren, konzentrieren. Freunde aus seiner Zeit an der elitären Punahou Academy in Honolulu erinnern sich, dass Barry, wie er damals genannt wurde, immer die Fähigkeit besessen hatte, seinen Fokus auf einzelne Personen zu richten, den Eindruck zu erwecken, dass er ihnen seine ganze, ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. »Er war sehr ruhig, sehr selbstsicher, ein guter Zuhörer genauso wie ein guter Redner. Sehr eloquent«, erinnert sich sein Klassenlehrer Eric Kusunoki, der den Schülern einfach als Mr. Kus bekannt war.22 »Er war intelligent, wortgewandt, hatte ein gutes Betragen und kam mit allen aus.« Mr. Kusunoki und Mitschüler aus Obamas Klasse erinnern sich an einen glücklichen, entspannten Teenager, der sich aber auch intensiv konzentrieren konnte, wenn er musste.

Während Obamas gesamten Erwachsenenlebens ist dieser Charakterzug Kollegen und Freunden immer wieder aufgefallen. Wenn er einen Kurs absteckt, dann folgt er diesem methodisch und lässt nie eine Aufgabe unvollendet.

Der Chicagoer Anwalt Judson Miner, dessen kleine Bürgerrechts-Kanzlei Obama direkt von Harvard weg einstellte – und damit mehrere hundert andere potenzielle Arbeitgeber ausstach, die den ehemaligen Präsidenten der studentischen Fachzeitschrift Law Review umwarben, die meisten davon Unternehmen, von denen viele eine weitaus bessere Bezahlung anzubieten hatten –, gelangte zu der Überzeugung, dass nichts den jungen Oba­ma ablenken konnte.

Miner erinnert sich an ein ganz konkretes Beispiel, welches belegt, dass sein junger Kollege selbst die ekelhaftesten Störungen herausfiltern konnte. Die Kanzlei Miner, Barnhill & Galland befand sich im Nachbarhaus eines kleinen Thai-Restaurants. Das Restaurant hatte ein Ungezieferproblem – welches später dazu führte, dass es von der Stadtverwaltung geschlossen wurde –, und die Ratten hatten angefangen, sich auf die Nachbargrundstücke auszubreiten. Eines Tages versammelten sich die Anwälte in großer Runde im Konferenzraum im Keller. Obama nahm gerade einen Anruf entgegen, der mit dem Fall zu tun hatte, an dem er damals arbeitete. Während er noch sprach, kamen zwei große Nager in den Konferenzsaal herein und begannen, zwischen den Beinen der Anwälte umherzulaufen. Solche Geschichten haben die Angewohnheit, beim Erzählen größer zu werden, aber der Partner der Kanzlei Chuck Barnhill schwört, dass eine der Kreaturen sogar Obamas Bein hinaufkletterte. »Und während wir alle von den Ratten abgelenkt waren«, lacht Miner, »konzentrierte er sich auf sein Telefonat, beendete es und ging dann auf unser Gespräch über Ratten ein. Er kann mit einer Menge Dinge gleichzeitig jonglieren und sie voneinander abschotten, so dass eine Sache der anderen nicht in die Quere kommt. In dieser Hinsicht ist er sehr verschlossen. Er erklärt nicht öffentlich seinen Zorn oder seine Trauer oder Ähnliches. Doch man merkt, dass die Dinge an ihn herankommen. Man sieht es an seinen Gesichtsausdrücken.«23

»Ich erinnere mich, wie Barack auf seine ironische Art davon erzählte«24, sagt George Galland, der bei diesem berüchtigten Meeting nicht anwesend war. »Der Zusammenhang war: ›In was für einer Müllhalde lasst ihr mich hier arbeiten?!‹ Diese Rattenfamilie trieb uns in den Wahnsinn.« Für Galland ist diese Episode nur eines von vielen Beispielen von Obamas Seelenruhe. »Er macht niemals den Eindruck, abgelenkt zu sein, wenn er mit Ihnen redet. Sie haben immer das Gefühl, seine gesamte Aufmerksamkeit zu besitzen, und ich vermute, das ist auch so. Das hat ihn immer ausgezeichnet.«

Nach Miners Ansicht war dies ein Talent, das man nicht erlernen konnte. Er hatte das Gefühl, dass dies sehr »natürlich« war. Und zugleich war es absolut fesselnd und hinterließ bei jedem, der den jungen Anwalt kennenlernte, sofort einen bleibenden Eindruck. Diese Fähigkeit beeindruckte auch Newton Minow, einer der Spitzenanwälte von Chicago und ehemaliger Vorsitzender der Federal Communications Commission. Er kam Anfang der 1990er Jahre einmal verspätet zu einer Sitzung der Strommakler der Stadt, erklärte, dass er sich mit zwei jungen Anwälten getroffen habe, Michelle und Barack Obama, und verkündete dann höchst theatralisch, dass er die Zukunft des Landes gesehen habe.25 Jahre später würde er in einem Gastkommentar schreiben, warum er hoffte, dass Obama seine Präsidentschaftskandidatur erklären würde. Der Senator wisse, wie man zum Kern einer Sache vordringe, er wisse, wie man sich auf das Wichtige konzentriere und dabei die breitere Öffentlichkeit mitnehme. »Er bringt die Menschen zusammen, um einen Konsens zu finden«, schrieb Minow in einem Beitrag, der in der Ausgabe vom 26. Oktober 2006 der Chicago Tribune erschien. »Er ist eine andere Art des politischen Führers. Er ist ein Friedensstifter.«

Diese extreme Fokussierung, dieser Antrieb zum Erfolg in allem, was er tat, hatte Obama schon so lange, wie irgendjemand zurückdenken konnte, aus der Menge hervorstechen lassen. Als er erwachsen war, richtete sich diese Fähigkeit auf die Herbeiführung politischer Veränderungen. Früher in seinem Leben ging es manchmal um kleinere, sozial weniger bedeutsame Triumphe. John Owens (der in Ein amerikanischer Traum lediglich Johnnie genannt wird) – der Mann, der Obama als Leiter des Developing...

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