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Ordnung und Außer-Ordnung

Zwischen Erhalt und tödlicher Bürde

VerlagHogrefe AG
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl325 Seiten
ISBN9783456944746
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis35,99 EUR

Ordnung kann eine tödliche Bürde sein und Ordnungsverlust eine vitale Attacke. Interdisziplinäre Beiträge zu Erhaltungsressourcen und tödlichen Bürden sind in diesem Band zusammengetragen.
Ordnung ist eine Stärke und eine Bürde, zugleich kann ein Verlust von Ordnung eine vitale Attacke sein: Die Herausforderungen des Sozialisationsprozesses und der Kulturbildung schaffen Frieden und Ressentiment zugleich, sie schützen Vielfalt und reduzieren Vitalität, sie schaffen Legitimation und Verführung.

Ordnung und Unordnung, Einbruch einer Katastrophe oder eines Traumas, Verstörung und Gewalt sind Themen, die beunruhigen und zugleich faszinieren. Und es sind Themen, die den Ordnungs- und Vertrauensverlust, den Bruch im Leben beschwören. Der Einbruch des Ausser-Ordentlichen zeigt im Kontroll- und Strukturverlust das Fragile der Personalität. Im vorliegenden Band sind interdisziplinäre Beiträge zu den Erhaltungsressourcen und tödlichen Bürden zusammengetragen.

Mit Beiträgen von: Wolfgang Mertens, Hermann Lang, Georg Kohler, Francis Cheneval, David Lätsch, Philipp Stoellger, Ursula Renz, Dirk Fabricius, Karl Wagner, Reinhard Fatke, Helmut Holzhey, Brigitte Boothe, Ingolf Dalferth, Elisabeth Bronfen, Michael Hampe, Hanspeter Mathys, Gisela Thoma, Hermann Lübbe.

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Kapitelübersicht
  1. Inhalt und Vorwort
  2. Einleitung
  3. Die Nachrichten von meinem Tod sind wieder einmal kräftig übertrieben – Anmerkungen zur Geschichte der Psychoanalyse in den Nachbarwissenschaften
  4. Die Idee des Todestriebes und das Desaströse in der Kultur
  5. Die leise Stimme des Intellekts und die schlechten Ohren antiliberaler Politik – Im Nachgang zum Beitrag Georg Kohlers
  6. Narziss und die Sehnsucht zum Tode
  7. Alles in Ordnung? Die Ordnung des Übels – und das Übel der Ordnung Ordnung und Außerordentliches in theologischer Perspektive
  8. Bloße Ordnungsbegriffe? Vom Idealismus der «Übel» zum Realismus des Leidens
  9. Keine Strafe! Vom Glück, Beklagter zu sein
  10. Der Angeklagte vor Gericht
  11. Destruktivität im schulischen Kontext
  12. Über das Verhältnis von Vernunft und Schicksal
  13. Abraham, der Ausgezeichnete Die Loyalitätsprobe
  14. Schuldeingeständnisse als Element internationaler Politik. Über ein neues Bußritual
  15. Freuds Nachtreisen
  16. Der Traum der Nacht als Weg zum Wesen?
  17. Gedächtniskatastrophen
  18. «Ein ganz böser Traum» – nächtliches Widerfahrnis bei Tageslicht betrachtet
  19. Die Ordnung der Sprache im Traum
  20. Autorinnen und Autoren
Leseprobe

Hermann Lang
Die Idee des Todestriebes und das Desaströse in der Kultur
(S. 54-55)

Freuds Begriff des Todestriebes ist wohl der umstrittenste seiner Begriffe. Viele seiner Schüler lehnten ihn ab, hielten ihn für einen unentschuldbaren Ausflug in Poesie und Metaphysik oder parlierten unter der Hand, dass es sich bei diesem Konzept um die Erfindung eines alternden Mannes handle, der an einem schweren Krebs erkrankt sei und sich selbst dabei recht autodestruktiv verhalte: obwohl er wisse, dass die Erkrankung mit seinem täglichen Verbrauch von 20 Zigarren zu tun habe, sei er nicht in der Lage, diese Sucht abzustellen.

In seinem ersten Triebmodell hatte Freud bekanntlich zwischen libidinösen Arterhaltungstrieben (Sexualtrieb) einerseits und Selbsterhaltungs- bzw. Ich- Trieben andererseits unterschieden. Letzteren ordnete er alles zu, was mit der Erhaltung, Behauptung und «Vergrößerung» der Person zu tun hatte. «Aggression » – diesen Begriff müssen wir zunächst in den Mittelpunkt unserer Überlegungen rücken – erschien dabei als «Mittel zur Durchsetzung» (Mentzos 1993) von Ansprüchen und verweigerten Befriedigungen, als wichtiger Affekt, aber nicht als ein spontaner selbstständiger Trieb.

Zur Auffassung nun, Aggression bzw. Destruktivität jetzt als einen angeborenen Trieb zu sehen, gelangte Freud wohl erst unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges mit seinem Freiwerden eines ungeheuren Vernichtungspotenzials und durch die Suche nach der Erklärung für eine Vielzahl destruktiver Neigungen des Menschen, seinesgleichen sadistisch zu drangsalieren, unverständliche Hassgefühle entgegenzubringen, sich für Kriege zu begeistern. So entschied sich der späte Freud (1920, 1930) für ein Konzept zweier antagonistischer Grundtriebe beim Menschen: Dem Lebenstrieb (Eros) steht jetzt ein Todestrieb (Thanatos) entgegen, der sowohl auf Selbstvernichtung des Individuums zielt als auch, nach außen gewendet, destruktiv gegen die Umwelt wirkt. In seinem berühmten Brief vom September 1932 an Albert Einstein, erschienen unter dem Titel «Warum Krieg?», heißt es entsprechend:

«Mit etwas Aufwand von Spekulationen sind wir…zu der Auffassung gelangt, dass dieser Destruktionstrieb innerhalb jedes lebenden Wesens arbeitet und dann das Bestreben hat, es zum Zerfall zu bringen, das Leben zum Zustand der unbelebten Materie zurückzuführen. Er verdient in allem Ernst den Namen eines Todestriebes. Der Todestrieb wird zu einem Destruktionstrieb, indem er … nach außen gegen die Objekte gewendet wird. Das Lebewesen bewahrt sozusagen sein eigenes Leben dadurch, dass es fremdes zerstört» (Freud 1932, S. 22). Nach Freud wird die Energie für den Todestrieb, von ihm auch Destrudo genannt, stetig im Körper generiert. Sie sammelt sich wie Wasser in einem Tank. Wird sie nicht in kleinen Mengen und auf sozial akzeptierte Weise abgegeben, wird sie so lange anwachsen, bis sie auf extreme und sozial nicht akzeptableWeise «überläuft». So wird verständlich, wenn er im «Abriss der Psychoanalyse» von 1938 schreibt: «Zurückhaltung von Aggression ist überhaupt ungesund, wirkt krankmachend (Kränkung)» (Freud 1938, S. 72). Eine Möglichkeit der Ableitung dieser Energie sei die so genannte Katharsis, ein Begriff, den Freund bekanntlich schon zusammen mit Breuer in seinem ersten Therapiekonzept entwickelt hatte (griechisch: Reinigung, Läuterung). Katharsis, das bedeutet jetzt, dass Emotionen intensiv ausgedrückt, ausgelebt werden, sei es im Weinen, in Worten, in symbolischen Darstellungen oder auch in direkten Handlungen. Es wird dabei die Auffassung vertreten, dass dieses emotionale «Rauslassen» aggressiver Gefühle das Auftreten nachfolgender Aggressionen zu senken vermöchte.

Das Freud’sche «Dampfkesselmodell» – der Triebdruck steigt so lange an, bis er sich an einer bestimmten Stelle explosionsartig entlädt – begegnet wieder in der ethologischen Aggressionstheorie (vor allem durch Konrad Lorenz 1963 vertreten, vgl. auch Eibl-Eibesfeldt 1986). Analog zur Auffassung Freuds geht man hier davon aus, dass aus einer inneren Triebquelle aggressive Impulse entstehen, die im Lebenskampf, im «Kampf ums Dasein» (Darwin), eingesetzt werden oder periodisch der Entladung zur Spannungsreduktion bedürfen. Ziel sei eine adäquate Aggressionsabfuhr: z. B. über ein «Ersatzobjekt»: «Wenn ich …damals im Gefangenenlager trotz schwerster Polarkrankheit nicht meinen Freund geschlagen, sondern einen leeren Karbidkanister zerstampft habe, so war dies ganz sicher meinem Wissen um die Symptome der Instinkt-Stauung zu danken» (Lorenz 1963). Es entspricht einer sozialen Norm, eher Sachen alsMenschen zu beschädigen.

Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Vorwort12
Einleitung16
Ordnung und Todestrieb32
Die Nachrichten von meinem Tod sind wieder einmal kräftig übertrieben – Anmerkungen zur Geschichte der Psychoanalyse in den Nachbarwissenschaften34
Die Idee des Todestriebes und das Desaströse in der Kultur55
Die leise Stimme des Intellekts und die schlechten Ohren antiliberaler Politik – Im Nachgang zum Beitrag Georg Kohlers80
Narziss und die Sehnsucht zum Tode85
Ordnung und Kontrolle110
Alles in Ordnung? Die Ordnung des Übels – und das Übel der Ordnung Ordnung und Außerordentliches in theologischer Perspektive112
Bloße Ordnungsbegriffe? Vom Idealismus der «Übel» zum Realismus des Leidens143
Keine Strafe! Vom Glück, Beklagter zu sein151
Der Angeklagte vor Gericht164
Destruktivität im schulischen Kontext168
Schicksal, Herausforderung und Verantwortung182
Über das Verhältnis von Vernunft und Schicksal184
Abraham, der Ausgezeichnete Die Loyalitätsprobe198
Schuldeingeständnisse als Element internationaler Politik. Über ein neues Bußritual229
Das Leben der Nacht und die Bedrohung durch das Erinnern236
Freuds Nachtreisen238
Der Traum der Nacht als Weg zum Wesen?252
Gedächtniskatastrophen258
«Ein ganz böser Traum» – nächtliches Widerfahrnis bei Tageslicht betrachtet270
Die Ordnung der Sprache im Traum289
Autorinnen und Autoren308

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