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Ordnungen der Ungleichheit - die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen

1871 - 1945

AutorStefan Breuer
Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl424 Seiten
ISBN9783534700271
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis39,99 EUR
Im öffentlichen Sprachgebrauch ist die ?Zweite? deutsche Rechte - die des zweiten Deutschen Reiches - in unterschiedlicher Gestalt präsent. Bald erscheint sie als Monolith, bald als amorphes Gebilde, dem jede klare Idee fehlt. Beide Sichtweisen sind unangemessen. Die Zweite Rechte war von Anfang an ein Ensemble von unterschiedlichen Strömungen, die sich nur selten und vorübergehend, aus ereignisbedingten und daher kontingenten Gründen verbanden; und sie verfügte durchaus über einen eigenen Ideenvorrat. Im Anschluss an seine Bestimmung der ?Grundpositionen der deutschen Rechten? (1999) untersucht Stefan Breuer nun die Spannweite der Stellungnahmen in zentralen Handlungsfeldern wie Innen- und Außenpolitik, Wirtschafts- und Sozialpolitik, Familien- und Bevölkerungspolitik sowie in den Bereichen Kultur und Religion. Dabei wird erkennbar, wie sehr das NS-Regime auf der Linie sehr viel älterer ideologischer Traditionen lag - und wie sehr es zugleich von ihnen abwich, indem es unvereinbare Elemente mischte und so der Polykratie der Ressorts einen Polyzentrismus der Ideen hinzufügte. Ob es überhaupt so etwas wie ?Nationalsozialismus? im Sinne einer eigenständigen kohärenten Ideenformation gegeben hat, erscheint damit ebenso fraglich wie die Existenz einer ?Konservativen Revolution?.

Stefan Breuer, geb. 1948, ist Professor für Soziologie in Hamburg. Bei der wbg erschien von ihm u.a.: Anatomie der Konservativen Revolution (2. Aufl. 1995); Ästhetischer Fundamentalismus. Stefan George und der deutsche Antimodernismus (1995); Ordnungen der Ungleichheit. Die deutsche Rechte im Widerstreit ihrer Ideen 1871-1945 (2001).

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Leseprobe
Neuntes Kapitel Religion (S. 291-292)

Typologie

Was Religion ist, wissen allein die Götter. Die Menschen haben sich darüber, wie der Blick in die einschlägigen Handbücher und Lexika zeigt, nicht einigen können.Wir müssen uns deshalb mit einer Notlösung behelfen und von dem ausgehen, was zeitgenössisch, also etwa um die Jahrhundertwende, unter Religion verstanden wurde. In der Religionsphilosophie und der Religionsgeschichte dominierte damals ein Minimalbegriff, der unter Religion die Überzeugung vom Dasein Gottes bzw. von Göttern sowie „ein einfaches Sichhingezogenfühlen zum Sein und Leben der Gottheit" verstand (Siebeck 1893, 48; Bousset 1906, 20).

Da diese Sicht einen nicht unerheblichen Bestand an religiösen Überzeugungen ausschloß, erweiterte William James sie durch den Vorschlag, besser von gottähnlichen Objekten zu sprechen (James 1997, 67). Auch Ernst Troeltsch zielte in diese Richtung mit seiner Formulierung, Religion sei „der Glaube an Präsenz und Wirkung übermenschlicher Mächte mit der Möglichkeit der Verbindung mit ihnen" (Troeltsch 1922, 493). Auf der Linie von Siebeck und Troeltsch liegt der später vor allem von Max Weber ausgebaute Gedanke, die Religionen danach zu unterscheiden, ob sie auf Erlösung ausgerichtet sind oder nicht. Zum ersteren Typus zählt Weber Kulturreligionen wie Christentum, Hinduismus und Buddhismus sowie die verschiedenen modernen Versuche, die Erlösung innerweltlichen Instanzen wie der Kunst oder der Erotik zuzuschreiben (Weber 1972, I, 263, 554ff.); zum letzteren die Bildungs- oder Zivilreligionen, wie sie im alten China oder in der griechisch-römischen Antike anzutreffen waren.

Man kann aber auch eine Religion wie die germanische hierzu rechnen, in der die Götter, weit davon entfernt, Erlösung zu bringen, selbst als schuldbeladen und zum Untergang verurteilt erscheinen. Die Erlösungsreligionen lassen sich weiter differenzieren nach dem jeweils präferierten Heilsweg. Erlösung kann das Resultat von Eigenaktivitäten, ohne alle Beihilfe übermenschlicher oder überirdischer Mächte sein, d. h. von magisch-rituellen Handlungen, sozialen Leistungen oder Praktiken der Selbstvervollkommnung – die Heilswege der Selbsterlösung. Die Selbstvervollkommnung kann dabei ihrerseits als Selbstvergottung auftreten oder, wenn der Platz des allmächtigen Gottes bereits besetzt ist, als Erringung der von diesem Gott geforderten religiösen Qualitäten via Mystik oder Askese. Des weiteren kann die Erlösung als Ge- schenk bzw. Gnade aufgefaßt werden, das auf unterschiedliche Weise angeeignet wird: magisch-rituell, in der Weise der Glaubensreligiosität oder derjenigen der Prädestinationsgnade – die Heilswege der Fremderlösung (Weber 1976, 321ff.).

Im Verhältnis der deutschen Rechten zu diesen Typen lassen sich, vereinfacht und chronologisch betrachtet, folgende Muster ausmachen. Der historische Konservatismus stützte sich auf ein entweder katholisch oder protestantisch gedeutetes Christentum, das in einem spezifisch ‘theokratischen’, nicht so sehr die Priesterherrschaft als die tatsächliche Herrschaft eines persönlichen Gottes mittels der von ihm eingesetzten Obrigkeiten meinenden Sinne verstanden wurde und sich in scharfer Frontststellung gegen alles befand, was diese Ordnung zu untergraben drohte: die pantheistische Auflösung der göttlichen Persönlichkeit und Vergöttlichung irdischer Größen ebenso wie die deistische Neutralisierung Gottes (Kraus 1994, I, 214f.;Kondylis 1986, 322ff.). Der liberal-konservative alte Nationalismus schloß dagegen an eben diese Neutralisierung an und setzte sich für den stato neutrale ed agnostico ein, ohne dabei allerdings auf die integrativen Funktionen verzichten zu wollen, die dem – immer noch christlich verstandenen – Glauben im Hinblick auf die Stabilisierung der kollektiven, i.e. nationalen Identität zukommen sollten. Gegen diese Neutralisierung und Funktionalisierung richteten sich dann wiederum zahlreiche Bemühungen um eine Revitalisierung der Religion, deren Spektrum von der traditionellen, kirchlichen Religiosität – etwa in Gestalt des Ultramontanismus – bis zu den vielfältigen Formen der ‘neuen Religiosität’ reichte, die sich auf innerweltliche Offenbarungsquellen der Kultur, der Natur oder der Geschichte beriefen (Linse 1997).
Inhaltsverzeichnis
Cover1
Titel4
Impressum5
Inhalt6
Einleitung12
ERSTES KAPITEL: Boden22
Reiner Chthonismus und Fundamentalismus23
Entzauberter Chthonismus und Nationalismus im Kaiserreich28
Entzauberter Chthonismus und Nationalismus in der Weimarer Republik35
Depotenzierung des Bodens I: Nationalismus, Neoaristokratismus, und planetarischer Imperialismus37
Depotenzierung des Bodens II: Nationalsozialismus42
ZWEITES KAPITEL: Blut48
Ein ganz besonderer Saft48
Anthropologie und Entropologie: Der gobinistische Rassenbegriff49
Rezeption in Deutschland I: Wagner, Nietzsche52
Rezeption in Deutschland II: Ammon, Woltmann56
Dynamisierung des Rassenbegriffs60
Rassenhygieniker62
Völkische66
Nordische69
Nationalisierung des Gentilcharismas71
Eine deutsche Rasse?75
DRITTES KAPITEL: Volk, Nation78
Typologie der Nationsbegriffe78
Denker der Staatsnation80
Denker der Volksnation85
Nationalismus und Nation I: Alter Nationalismus90
Nationalismus und Nation II: Neuer Nationalismus93
Nationalismus und Nation III: Völkischer Nationalismus97
Nationalsozialismus und Nation100
VIERTES KAPITEL: Politische Herrschaft I: Der innere Staat106
Typen der Legitimität und der Führerauslese106
Die Bismarckverfassung und die verfassungspolitischen Positionen der Rechten107
Exklusion im Nationalstaat: Treitschke110
Varianten der Exklusion113
Fundamentalpolitisierung und Cäsarismus im Kaiserreich117
Die erblegitimistische Reaktion in Weimar122
Nationalisierung des Nationalismus126
Verfassungsnahe Rechte und Präsidialsystem131
Strategien der Legitimierung134
Die revolutionäre Rechte I: Führerauslese138
Die revolutionäre Rechte II: Veralltäglichung des Charismas144
FÜNFTES KAPITEL: Politische Herrschaft II: Der äußere Staat (Imperialismus)148
Typologie148
Nationalimperialismus im Kaiserreich I: Alter und neuer Nationalismus149
Nationalimperialismus im Kaiserreich II: Fundamentalistischer und völkischer Nationalismus158
Gescheiterte Synthese: Der Alldeutsche Verband163
Nationalimperialismus in der Weimarer Republik167
Neoaristokratischer Imperialismus173
Imperialismus in der NSDAP181
Exkurs: Imperialismus und Reichsideologie189
SECHSTES KAPITEL: Wirtschaft und Soziales196
Das ewig protestierende Deutschland und die Wirtschaft196
Nationalismus in der Nationalökonomie199
Varianten des ökonomischen Nationalismus: Treitschke, Wagner202
Grenzgänger und Hybride: Nationalsoziale und Völkische207
Ambivalenz des Kriegssozialismus: Plenge und Moellendorff210
Pseudoholismus in der Weimarer Republik213
Renaissance des Staatssozialismus218
Positionen der NSDAP226
SIEBTES KAPITEL: Bevölkerung und Familie235
Formen der Bio-Macht235
Pro- und Antinatalismus235
Bedingter Antinatalismus239
Bedingter Pronatalismus242
Pro- und Afamilialismus247
Profamiliale Konzepte249
Afamiliale Konzepte252
Afamilialismus und Männerbund256
Kontinuitäten261
ACHTES KAPITEL: Kultur und Zivilisation264
Hauptdeutungsmuster264
Von der Antithese zur Gleichrangigkeit265
„Bruch mit der Civilisation“272
Die Kultur der Zivilisation278
Die Kultur der NSDAP286
NEUNTES KAPITEL: Religion292
Typologie292
Neutralisierung und Funktionalisierung der Religion im alten Nationalismus294
Nichtchristliche Erlösungsreligiosität I: Varianten der Selbsterlösung296
Nichtchristliche Erlösungsreligiosität II: Varianten der Fremderlösung301
Erlösungsfreie Religiosität: Nietzsche305
Nietzsche-Nachfolge307
Schwundstufen christlicher Erlösungsreligiosität I: Lagardes Nationalmystik312
Schwundstufen christlicher Erlösungsreligiosität II: Chamberlains Warenhaus der Weltanschauungen315
Im Schatten Chamberlains: Völkische, neoaristokratische und neonationalistische Auslegungen318
Religion in der NSDAP322
ZEHNTES KAPITEL: Antisemitismus328
Typologie328
Gemäßigter Antisemitismus330
Radikaler Antisemitismus339
Paranoider Antisemitismus349
Exkurs: Vernichtungsantisemitismus im 19. Jahrhundert?356
Der doppelte Antisemitismus der NSDAP362
Die zweite Rechte. Ein Aufriß371
Literaturverzeichnis378
Abkürzungen378
Literatur379
Personenverzeichnis422
Back Cover426

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