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Organisationsdynamik

Zur Konstitution organisationaler Handlungssysteme als kollektive Akteure

AutorAnke Felsch
VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl251 Seiten
ISBN9783531921433
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis44,99 EUR
Die Analyse der Organisationsdynamik erfordert die Entwicklung einer Theorie, die den Akteurcharakter sowie die Prozessualität von Organisationen in den Mittelpunkt stellt und die prinzipielle Möglichkeit der Entstehung von Neuem einschließt. Felsch setzt auf den konstitutionstheoretisch erweiterten mikropolitischen Ansatz der Organisationsforschung, der für jede historisch-kontingente Analyse von Organisationsdynamik unentbehrlich ist. Mit Hilfe dieses Ansatzes werden Beschränkungen sowohl eines rational-choice-theoretisch basierten als auch eines evolutionstheoretischen Erklärungsrahmens überwunden. Zudem schärft der konstitutionstheoretische Bezugsrahmen den Blick für die doppelte Kontingenz und fundamentale Unsicherheit organisationalen Handelns, für die Kontextualität und Zukunftsoffenheit der Organisationsdynamik und damit für die Spannung zwischen Stabilität und Wandel organisationaler Handlungssysteme als kollektive Akteure.

Dr. Anke Felsch ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Hessischen Berufsakademie.

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Leseprobe
4 Organisationsdynamik als Konstitutionsprozess kollektiver Akteure (S. 99-100)

In diesem Kapitel werden konzeptionelle Basiselemente einer konstitutionstheoretischen Analyse der Organisationsdynamik vorgestellt, die es erlaubt, der Relationalität und Potentialität organisationalen Handelns bzw. der Prozessualität von Organisationen als kollektive Akteure Rechnung zu tragen. Zunächst wird der mikropolitische Ansatz der Organisationsforschung (Abschnitt 4.1) im Hinblick auf seine grundlegenden Sichtweisen von sozialen Beziehungen als Machtbeziehungen, von mit Machtinstitutionalisierung einhergehenden Machtspielen sowie hieran anknüpfender Managementmacht skizziert (Abschnitt 4.1.1). Weiterhin wird das diesem Ansatz zugrunde liegende konstitutionstheoretische Verständnis der Beziehungen zwischen Handlungen und normativen sowie faktischen Strukturen erörtert (Abschnitt 4.1.2).

Im Anschluss daran geht es um Fragen der systematischen Einbeziehung von Kreativität in die handlungstheoretische Analyse. Hier wird auf die umfassende Studie zur Kreativität des Handelns von Hans Joas (1992) Bezug genommen, der die Idee des amerikanischen Pragmatismus in Hinblick auf Folgerungen für die Handlungs- und Gesellschaftstheorie zu artikulieren sucht und Konturen einer allgemeinen Handlungstheorie verdeutlicht (Abschnitt 4.2).

Auch im Prozessansatz von Stacey (2001) wird zur Klärung von Grundfragen der Ermöglichung menschlichen Handelns und besonders der Kommunikation – kommunikative Prozesse, die so verstanden werden, dass sie stets zugleich Stabilität und Veränderung von Organisationen bewirken – auf pragmatistisches Gedankengut zurückgegriffen. Eine in diesem Zusammenhang besonders interessante Idee Staceys besteht in der Zusammenführung pragmatistischer und komplexitätstheoretischer Perspektiven auf dem Wege der Analogienbildung (Abschnitt 4.3).

U.a. wird gezeigt, dass auf der fundamentalen Ebene der theoretischen Auseinandersetzung nicht nur die von Stacey entwickelte Sicht komplexer responsiver Prozesse in Organisationen von einer Verbindung zwischen macht- und identitätstheoretischen Konzepten profitieren könnte. Nachdem die Möglichkeit einer solchen, in relevanten sozialwissenschaftlichen Kontexten bisher nicht hergestellten Verbindung im Sinne der Dualität von Macht und Identität vorgestellt worden ist (Abschnitt 4.4), wird schließlich der Frage nachgegangen, auf welche Weise sich ein konstitutionstheoretisches Verständnis des Interaktionsverhaltens von Individuen auf Organisationen als kollektive Akteure übertragen lässt, so dass gehaltvoll zwischen individuellen und kollektiven Identitäten und Rationalitäten unterschieden werden kann (Abschnitt 4.5).

4.1 Mikropolitische Organisationsanalyse

Mikropolitische Analysen werden durch die Annahme geleitet, dass jedes Handeln von Akteuren in, für oder mit Bezug auf Organisationen stets auch ein Handeln unter Beachtung und in Verfolgung eigener Interessen ist. Dieses Handeln macht in dem Deutungsrahmen, den Akteure in ihrer jeweiligen organisationalen Handlungssituation ausbilden, dadurch Sinn, dass keine bessere Handlungsalternative für die Verfolgung der eigenen Interessen aktiviert werden kann.

Für organisationale Handlungssituationen sind Handlungsinterdependenzen und hieraus folgende strategische Unsicherheiten konstitutiv, d.h. die Abhängigkeit der Handlungsmöglichkeiten und Handlungsergebnisse eines Akteurs von den Handlungen anderer Akteure, die zwar nicht zufällig, aber ex ante unbestimmt sind. Organisationale Akteure entwickeln deshalb ein Interesse an Ressourcen und Ereignissen, die von anderen Akteuren kontrolliert (genutzt, zugewendet, herbeigeführt, verhindert etc.) werden können und deren (auch teilweise) Kontrolle durch den Akteur selbst für ihn von Nutzen wäre; entweder indem sie seine Bedürfnisse unmittelbar befriedigen, oder indem sie ihm als Mittel für seine (zukünftige) Bedürfnisbefriedigung dienlich sind, z.B. indem sie seine Handlungsmöglichkeiten erweitern.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Abbildungsverzeichnis8
1 Ausgangspunkte einer theoretischen Fundierung von Organisationsdynamik9
1.1 Von der „Dynamisierung der Organisationstheorie“ zur Theorie der Organisationsdynamik10
1.2 Organisationen als kollektive Akteure16
1.3 Arten und Ursachen der Organisationsdynamik – zur Klärung des Kausalitätsbegriffs23
1.4 Aufbau der Arbeit30
2 Rational Choice-Theorie: Grenzen des ökonomischen Verhaltensmodells und erweiterte Rationalitäts-verständnisse35
2.1 Zur handlungstheoretischen Erklärung in der Sozialwissenschaft35
2.2 Grenzen der Aussagekraft des ökonomischen Verhaltensmodells41
2.3 Vom rationalen Wahlhandeln unter Ungewissheit (Risiko) zur Potentialität rationalen Handelns aufgrund fundamentaler Unsicherheit45
2.4 Kollektive Akteure als korporative Akteure54
3 Evolutionstheorie: von der neodarwinistischen Prägung zu einem konstitutionstheoretischen Verständnis62
3.1 Dualismus oder Dualität von Evolution und Entwicklung63
3.2 Dualität der Dynamik von Organisationen und Institutionen68
3.3 Evolutionstheorie als organisationstheoretischer Ansatz oder als Rahmentheorie der Organisationsdynamik87
4 Organisationsdynamik als Konstitutionsprozess kollektiver Akteure98
4.1 Mikropolitische Organisationsanalyse98
4.2 Rationalität und Kreativität des Handelns – Konturen einer allgemeinen Handlungstheorie107
4.3 Komplexe, responsive Prozesse in Organisationen111
4.4 Dualität von Macht und Identität121
4.5 Individuelle und kollektive Identitäten und Rationalitäten126
5 Kontextualität der Organisationsdynamik im Spannungsfeld zwischen externer Steuerung und interner Eigendynamik136
5.1 Marktdynamik und Organisationsdynamik137
5.2 Zur Eigendynamik organisationsinterner Kontexte165
6 Innovation – Die Pfadabhängigkeit der Organisationsdynamik am Beispiel des technischen Fortschrittes und organisationaler Innovationen183
6.1 Dynamik sozio-technischer Systeme184
6.2 Marktdynamik und Innovationen190
6.3 Kleine Innovatoren und Großunternehmen im Innovationsprozess201
Literaturverzeichnis208
Personenregister224
Sachregister229

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