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Ort der Engel

Die Tragödie von Beslan und ihre Folgen

AutorErika Fatland
Verlagbtb
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl288 Seiten
ISBN9783641197049
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Ort der Engel nennen die Bewohner des ossetischen Beslan ihren neuen Friedhof, der an eines der blutigsten Attentate der letzten Jahrzehnte erinnert: 2004 besetzte ein Terrorkommando die Schule von Beslan und nahm über 1100 Schüler und Lehrer als Geiseln. Nach drei Tagen wurde das Gebäude gestürmt - ein langer Kampf und 333 Tote waren die Folge. Erika Fatland ist nach Beslan gereist und hat mit Überlebenden wie Hinterbliebenen gesprochen. Sie erzählt von den dramatischen drei Tagen, ihren undurchsichtigen politischen Hintergründen, vom Kaukasus als »Pulverfass Europas« und davon, wie der Terror unser Leben verändert - auch lange nachdem die letzten Kamerateams abgezogen sind.


Erika Fatland, geboren 1983, ist eine norwegische Autorin und Sozialanthropologin. Sie studierte in Lyon, Helsinki, Kopenhagen und Oslo, spricht sieben Sprachen und verbringt einen Großteil ihrer Zeit auf Reisen. Ihr Interesse gilt den Opfern und Überlebenden von Terrorangriffen und anderen Tragödien, denen sie in ihren hoch gelobten und in vielen Sprachen übersetzten Büchern eine Stimme gibt. Erika Fatland lebt mit ihrem Lebensgefährten Erik Fosnes Hansen in Oslo.

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Leseprobe

Der Tag des Wissens

»Wir waren auf den Markt gegangen, um einen Ranzen zu kaufen«, erzählt Rita Sedakowa. »Der Ranzen hatte ein kleines Fach, das eigentlich für Handys gedacht war. Ala hatte kein Handy, trotzdem wollte sie genau diesen Ranzen haben. Als wir nach Hause kamen, zeigte sie ihn stolz den Nachbarn und erklärte ihnen freimütig: ›Das Fach hier ist eigentlich für Handys, aber weil ich keins habe, nehme ich es einfach für meinen Schlüssel!‹ Sie hatte sich so sehr auf das neue Schuljahr gefreut.«

Rita klingt wie ein junges Mädchen, als sie die Worte ihrer Tochter wiederholt. Ihr Blick ist versonnen nach innen gerichtet, auf die emsigen Vorbereitungen.

»Wir haben auch neue Sportsachen, eine Bluse und einen Rock gekauft. Und neue Schuhe! Eigentlich hatte ich dafür gar kein Geld übrig, aber Ala hat so nett darum gebeten: ›Die sind so bequem, Mama, bitte!‹ Sie wollte sie so gern haben. ›Na gut, wir kaufen sie!‹, habe ich geantwortet. Das Geld reichte nicht aus, um auch für mich noch neue Schuhe zu kaufen, obwohl meine schon ganz ausgetreten waren. Wissen Sie, was sie da gesagt hat? ›Nächsten Monat kaufen wir nichts für mich. Da sollst du dir neue Schuhe kaufen, Mama!‹ Das war typisch für sie. Sie war immer so fürsorglich und lieb.«

Rita seufzt und sieht mit einem Mal älter aus als ihre 50 Jahre. Sie fährt sich mit der Hand durch die kurzen, grauen Haare. Ihr schmales Gesicht ist nicht geschminkt. Sie hat klare, braune Augen, hohe Wangenknochen und volle Lippen. Mir fällt auf, dass sie seit unserer ersten Begegnung vor gut zwei Jahren dünner geworden ist. Sie sieht nicht gut aus. Ihr schmächtiger Körper versinkt beinahe in der weiten Jogginghose. Obwohl alle Heizkörper voll aufgedreht sind, behält sie ihre schwarze Strickjacke an. Häufig fasst sie sich an den Kopf und reibt sich die Schläfen. Die Tabletten, die sie vorhin eingenommen hat, verschaffen ihr offenbar keine Linderung.

Wie so viele andere Eltern hatte auch Rita ihren bescheidenen Monatslohn für neue Schulsachen ausgegeben, damit ihre Tochter für das neue Schuljahr gewappnet sein möge. Der erste Schultag, der »Tag des Wissens«, gehört zu den Festtagen, die noch aus der Sowjetzeit stammen und bis heute in Russland mit Pauken und Trompeten begangen werden. Im ganzen Land putzen sich die Mädchen mit weißen Blusen und schwarzen, knielangen Röcken heraus, während die Jungen in frisch gebügelte Hosen und blankpolierte Schuhe schlüpfen. Zu Ehren der Lehrer bringen die Schüler Blumen und Schokolade mit, es gibt Paraden, Reden, Gesangsdarbietungen und Tänze. Die Feierlichkeiten folgen in dem weitläufigen Land überall demselben Muster und erfahren sowohl in den Zeitungen als auch im Fernsehen große Aufmerksamkeit.

Wir trinken unseren Tee in aller Stille, bis Rita sie seufzend unterbricht.

»Der Tee schmeckt nicht mehr«, klagt sie. »Nichts schmeckt mehr.«

Sie verfällt wieder in Schweigen. Ich deute es als Zeichen dafür, dass unser Gespräch beendet ist und es langsam Zeit wird zu gehen, doch da leuchten ihre Augen plötzlich auf.

»Norwegen liegt doch neben Finnland und Schweden, nicht wahr? Auch Dänemark ist ein Nachbarland, aber dazwischen liegt ein Meer. Norwegen ist von vielen Meeren umgeben. Von der Barentssee, der Ostsee und der Nordsee. Gamsun, Ibsen und Grieg waren Norweger. Das stimmt doch, oder?« Rita gestikuliert wild, ihr Gesicht sprüht vor Lebendigkeit, und ich bekomme eine Ahnung davon, wie sie gewesen sein muss, bevor ihre Haare ergraut und ihre farbenfrohen Kleider einem schlichten Schwarz gewichen sind.

Ich nicke zur Bestätigung.

»Haben Sie was von Hamsun gelesen?«, frage ich.

»Ob ich was von Gamsun gelesen habe? Selbstverständlich hab ich Gamsun gelesen!«, antwortet Rita brüskiert.

Natürlich hat sie Hamsun gelesen. Wie konnte ich so etwas nur fragen.

»In der Schule haben wir die großen Werke der gesamten Weltliteratur durchgenommen«, fügt sie hinzu. »Wir haben alles Mögliche gelesen. So war das im sowjetischen Schulsystem. Wir haben etwas gelernt. Und das sitzt bis heute.«

Sie nippt an ihrem Tee und blickt eine Weile schweigend in die Luft. Die Geräusche vom Fernseher in der Ecke erfüllen den Raum. Weil Rita die Stille in der Wohnung nicht mehr erträgt, läuft ständig der Fernseher. Die Tür zu Alas Zimmer steht offen. Es sieht noch genauso aus, wie sie es vor gut fünf Jahren verlassen hat. Auf der Tagesdecke sind zahlreiche Kuscheltiere und Puppen aufgereiht. Der Schreibtisch ist aufgeräumt, bereit für Schulaufsätze und Matheaufgaben. Da es in der kleinen Wohnung nur ein Schlafzimmer gibt, haben Rita und ihre Tochter darin gemeinsam geschlafen. Alas Vater ist an einem Blutgerinnsel gestorben, als Ala drei Jahre alt war, danach waren sie nur noch zu zweit.

Heute schläft Rita auf dem Sofa im Wohnzimmer. Nur manchmal, wenn sie nachts wachliegt und keine Ruhe findet, geht sie ins Schlafzimmer und legt sich zu den vielen Kuscheltieren und Puppen auf Alas Bett. Dort dauert es nicht lange, bis sie eingeschlafen ist.

»Ich war damals auf der Arbeit«, erzählt Rita leise. »Ich hatte eine Stelle als Buchhalterin. Ich konnte mir nicht freinehmen und Ala zur Schule begleiten, obwohl ich das gern getan hätte. Um halb zehn erfuhren wir, dass die Schule angegriffen worden war.«

Die Schule Nr. 1 war Beslans ganzer Stolz. Sie wurde 1899 gegründet, und alle sind sich einig, dass sie die beste der insgesamt sieben Schulen war. Einige der besten Lehrer der Region unterrichteten dort. Nach russischen Maßstäben ist Beslan mit seinen 35.000 Einwohnern eine kleine Stadt, man muss es sich allerdings eher wie ein großes Dorf vorstellen. Trotzdem kamen einige Schüler extra aus Wladikawkas, der Hauptstadt der Republik Nordossetien-Alanien. Ihre Eltern wollten sie auf die beste Schule in der Region schicken, und die Schulleiterin Lidija Zalijewa hätte sie am liebsten alle aufgenommen. Doch obwohl die Schule Nr. 1 mit einer Aufnahmekapazität für fast neunhundert Schüler relativ groß war, sah sich Lidija häufig gezwungen, Eltern abzusagen. Es gab einfach nicht genug Platz für alle.

Die Schule Nr. 1 lag im Zentrum von Beslan direkt an der Komintern-Straße, einer der Hauptstraßen parallel zur Bahnlinie. Fünfstöckige Wohnblocks grenzten an das Schulgelände, und die Kinder, die dort wohnten, hatten den kürzesten Schulweg von ganz Beslan. Das Schulgebäude selbst war zweistöckig und bildete eine Hufeisenform. An der Längsseite ragte mittig die neue, moderne Turnhalle auf und teilte den Schulhof in zwei Bereiche.

Die 72-jährige Lidija Zalijewa war am Morgen des 1. September früh vor Ort gewesen, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war und den Feierlichkeiten nichts im Wege stand. Seit 24 Jahren war sie Rektorin der Schule, und bevor sie dieses Amt übernommen hatte, war sie dort zunächst Lehrerin gewesen und später auch in der Schulverwaltung tätig. Insgesamt hatte sie 52 Jahre an der Schule gearbeitet, über ein halbes Jahrhundert. Die Schule war ihr Leben, und sie freute sich, dass die Sommerferien endlich zu Ende waren und sich die Klassenzimmer bald wieder mit Schülern füllen würden. Stolz war sie ebenfalls. Was hatten sie im Laufe des Sommers nicht alles geschafft, allen Widrigkeiten zum Trotz! Obwohl die Schulverwaltung kein Geld für eine Renovierung gehabt hatte, war es ihnen dank wohlmeinender Spender gelungen, ein paar Tausend Rubel zusammenzukratzen. Etliche hatten sogar angeboten, unentgeltlich Hand anzulegen.

»Bezahl uns einfach, sobald du das nötige Geld beisammenhast«, sagten sie. »Mach dir keine Sorgen, Lidija.«

Lidija hatte mit ihnen zusammen den ganzen Sommer über gearbeitet. Ferien mochte sie ohnehin nicht, also hatte sie Wände gestrichen, aufgeräumt und geputzt. Mit vereinten Kräften hatten sie die Schule der so bitter nötigen Generalüberholung unterzogen, und das fast ohne Geld zu investieren.

Als Lidija an jenem Morgen an die Schule kam, erstrahlte das Gebäude in neuem Glanz. Die Putzfrau war bereits dagewesen und hatte die Fenster geputzt. Alles war sauber und wartete darauf, die Lehrer und die neuen Schüler für das kommende Schuljahr in Empfang zu nehmen.

Schon weit vor neun Uhr, dem geplanten Beginn der Feier, hatte sich der Schulhof mit feierlich gestimmten Schülern sowie stolzen Müttern und Großmüttern gefüllt. Auch von den Frauen aus der unmittelbaren Nachbarschaft waren einige gekommen, denn die Schule Nr. 1 war für ihre schönen Feste bekannt. Die Gespräche waren laut und ausgelassen, und überall wurde gelacht. Für die jüngsten Schulkinder war dies ein ganz besonderer Tag, wie wohl für alle Erstklässler auf der ganzen Welt. Er markierte das Ende der sorglosen Kindheit. Von nun an sollten ihre Spielsachen Bleistift und Papier weichen. Eine Mischung aus Ernst und freudiger Erwartung erfüllte den Schulhof.

Natalia, eine Englischlehrerin, war ebenfalls früher gekommen, um vor der Zeremonie noch genug Zeit für einen kleinen Schwatz mit den anderen Lehrern zu haben. Es war wie immer nett, die Kollegen wiederzusehen. Sie standen zusammen und unterhielten sich über alles Mögliche, darüber, was sie in den Ferien gemacht hatten, und wie schön es war, dass die Arbeit wieder begann. Natalia hatte gerade den Schulhof betreten, um die Kinder für den Beginn der Zeremonie in Gruppen aufzuteilen, als sie die ersten Schüsse hörte. Es war Viertel nach neun. Sie war überrascht, ging jedoch davon aus, dass die Schüsse Bestandteil der Feierlichkeiten waren. Im Kaukasus wird oft in die Luft geschossen, wenn es etwas zu feiern gibt, warum also nicht auch am ersten Schultag?

Unmittelbar darauf kamen ein paar Kinder...

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