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Paarberatung und -therapie bei unerfülltem Kinderwunsch

AutorHeike Stammer, Rolf Verres, Tewes Wischmann
VerlagHogrefe Verlag Göttingen
Erscheinungsjahr2004
Seitenanzahl149 Seiten
ISBN9783840914584
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Die Zahl der Paare, die auf Grund eines unerfüllten Kinderwunsches eine fortpflanzungsmedizinische Behandlung in Anspruch nehmen, steigt weiter dramatisch an. Während in den Medien die »Erfolge« der Fortpflanzungsmedizin dominieren, steht die psychische Situation der ungewollt kinderlosen Paare meist im Hintergrund. Dabei wird der unerfüllte Kinderwunsch von vielen Paaren als eine persönliche Lebenskrise erlebt, die sich teilweise über Jahre erstreckt. Der Umgang mit dem ungewollt kinderlosen Paar in dieser Zeit ist oft von Hilflosigkeit und Informationsmangel geprägt, was den Leidensdruck der Paare häufig noch verstärkt. Dieser Band bietet einen aktuellen Überblick zum Stand der Forschung zur ungewollten Kinderlosigkeit. Er stellt ein praxisorientiertes und bewährtes Konzept zur Beratung ungewollt kinderloser Paare vor. Alle Aspekte der psychologischen Beratung bei unerfülltem Kinderwunsch werden behandelt und mit zahlreichen Fallbeispielen anschaulich illustriert. Vom Aufbau eines Erstgesprächs mit dem Paar bis zur Thematisierung eines möglichen Abschieds vom Kinderwunsch werden die verschiedenen Stufen, bei denen ein Paar psychologische Unterstützung in Anspruch nehmen kann, aufgezeigt. Spezifische Themen wie der beraterische Umgang mit einer Fehl- oder Totgeburt, sekundärer Sterilität oder die besondere Situation von Migrantenpaaren werden ebenfalls erläutert.   

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Kapitelübersicht
  1. Inhaltsverzeichnis
  2. 1 Relevanz des Themas
  3. 2 Gesellschaftlicher Kontext
  4. 3 Ein zweistufiges Paarberatungs- und Paartherapiemodell
  5. 4 Anwendung in der Praxis
  6. 5 Spezielle Themen in Beratung und Therapie: Fallbeispiele
  7. 6 Schlussfolgerungen für die Praxis
  8. Literatur und Glossar wichtiger reproduktionsmedizinischer Begriffe
  9. Stichwortverzeichnis
Leseprobe
2 Gesellschaftlicher Kontext (S. 25-26)

Die individuelle und gesellschaftliche Bewertung einer Familiengründung hat sich in den letzten Jahrzehnten in hohem Maße gewandelt (Ochs & Orban, 2002). Beeinflusst wurde dieser Wandel von der Entwicklung der modernen Geburtenkontrolle, die eine Schwangerschaft vermeintlich planbar macht. Frauen sind nicht mehr so stark auf die Mutterrolle fixiert. Männer versuchen die Vaterrolle neu zu besetzen. Paarbeziehungen sind nicht mehr grundsätzlich an die Bildung einer gemeinsamen Familie gekoppelt. Junge Paare widmen sich zunächst der Verwirklichung anderer Lebensziele mit der Option, mithilfe der assistierten Reproduktion den Kinderwunsch in einem späteren Lebensabschnitt realisieren zu können: Eine neuere Umfrage ergab, dass in der Altersgruppe der 18- bis 30-Jährigen 35 % der Befragten „alle medizinisch möglichen Verfahren" zur Erfüllung des Kinderwunsches in Anspruch nehmen würden, während die Gruppe der 41- bis 50-Jährigen sich eher mit der Kinderlosigkeit abfinden bzw. ein Kind adoptieren würde (Brähler & Stöbel-Richter, 2004). Kinder haben in der Moderne eine neue Bedeutung in der Gesellschaft bekommen, wie wir im Folgenden zeigen wollen.

2.1 Psychologie des Kinderwunsches

Kinderwunsch wurde aus psychologischer Sicht im deutschsprachigen Raum – mit der Ausnahme des Buches von Gloger-Tippelt, Gomille und Grimmig (1993) – bis vor einigen Jahren relativ wenig untersucht. Strauß (1991) führt dieses in erster Linie darauf zurück, dass der Wunsch nach einem Kind im Allgemeinen als „biologisches Grundrecht" gesehen wird. Theoretische Überlegungen zum Kinderwunsch wurden eher aus psychoanalytischer Sicht angeboten und setzen bisher insbesondere an intrapsychischen Motiven an. Groß (1999) stellt in ihrer umfassenden Arbeit den Kontext des Kinderwunsches aus historischer, biologischer und anthropologischer, psychoanalytischer, psychosomatischer und sozialwissenschaftlicher Sicht dar. Sie kommt zu der Einschätzung, dass die heutige Definition der Mutterrolle – das Kind liebend und für es sorgend – historisch relativ jung ist und sich erst mit der Entwicklung der bürgerlichen Familie im Laufe des 18.

Jahrhunderts formte. Zuvor behandelten Mütter – und Väter – ihre (keineswegs immer erwünschten) Kinder häufig mit Desinteresse und auf eine aus heutiger Sicht oft als grausam zu bezeichnende Art (z. B. Aussetzen von Kindern, Ammenwesen, körperliche Züchtigung und strengste Erziehung). Im Unterschied zu humanethologischen Autoren (z. B. Eibl-Eibesfeldt, 1989) kommt die Autorin zu der Einschätzung, dass sich aus der biologischen Forschung keine gesicherten Hinweise auf einen Mutter- schaftsinstinkt oder einen Fruchtbarkeitstrieb bei Menschen ableiten lassen. Der Kinderwunsch in seiner heutigen Form – als eine Lebensoption für Frauen – kann als ein Phänomen der Moderne betrachtet werden, da erst die Möglichkeit einer zuverlässigen Kontrazeption überhaupt eine tatsächliche Wahlfreiheit zwischen Mutterschaft und gewollter Kinderlosigkeit ermöglicht hat. Nach Groß (1999) ist es bereits ein Ergebnis geschlechtsspezifischer Erziehung, dass junge Frauen bereitwillig davon ausgehen, sie müssten das Vereinbarkeitsproblem von Beruf, Familie und Arbeit bewältigen. Im Gegensatz dazu scheinen Männer ihren beruflichen Werdegang weitgehend ohne Berücksichtigung eines Kinderwunsches zu planen.

Strauß (1991) konstatiert, dass allem Anschein nach der Kinderwunsch des Mannes lediglich stärker verdrängt und deshalb bisher auch theoretisch weniger berücksichtigt wurde. Zusammenfassend resümiert Groß: Der Kinderwunsch ist weder biologisch noch instinktiv verankert. Es gibt keine Beweise für einen menschlichen Fortpflanzungstrieb. Lediglich die Interaktion zwischen Säuglingen und Erwachsenen basiert auf gewissen instinktiv verankerten Mechanismen. Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die Zuweisung von Familienarbeit an Frauen ist hingegen Resultat kultureller Tradition. In diesem Sinne existiert kein natürlicher Kinderwunsch, denn erst die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung ermöglicht einen expliziten Kinderwunsch. Nur durch zuverlässige Kontrazeptiva ist es möglich, eine Schwangerschaft bewusst herbeizuführen oder auszuschließen. Erst diese Wahlfreiheit bietet die Voraussetzung für Wünsche. Ob Kinder in früheren Zeiten erwünscht, unerwünscht oder als Ergebnis der Sexualität einfach akzeptiert wurden, darüber sind keine verlässlichen Aussagen möglich. (a. a. O., S. 338)
Inhaltsverzeichnis
Danksagung9
1 Relevanz des Themas11
1.1 Unser Forschungshintergrund zur Psychosomatik bei Fertilitätsstörungen11
1.2 Kinderwunsch und psychologische Forschung13
1.2.1 Entwicklung psychologischer Modelle von Fertilitätsstörungen13
1.2.1.1 Frühe psychosomatische Modelle von Fertilitätsstörungen13
1.2.1.2 Infertilität als Krise15
1.2.1.3 Stress und Fertilität16
1.2.2 Psychologische Befunde bei Paaren mit Fertilitätsproblemen18
1.2.3 Idiopathische und psychogene Sterilität21
1.2.4 Beratungs- und Psychotherapiebedarf von Paaren mit Fertilitätsproblemen22
1.2.5 Effekte psychologischer Interventionen bei unerfülltem Kinderwunsch23
2 Gesellschaftlicher Kontext25
2.1 Psychologie des Kinderwunsches25
2.2 Veränderungen der Vorstellungen von Elternschaft27
2.3 Veränderungen der Bedeutung eines leiblichen Kindes30
2.4 Anstieg der Kinderlosigkeit31
2.5 Chancen und Risiken der assistierten Reproduktion32
3 Ein zweistufiges Paarberatungs- und Paartherapiemodell39
3.1 Leitlinien einer minimal-invasiven Psychotherapie41
3.2 Systemischer und tiefenpsychologischer Hintergrund43
3.3 Ziele und Grundhaltungen in Beratung und Therapie44
3.4 Das Risiko eines Circulus vitiosus bei Fertilitätskrisen46
3.5 Dysfunktionelle Paarbeziehungsmuster: Diagnostik und therapeutische Implikationen49
3.5.1 Fallbeispiel: Ein harmonisierend- verstrickt wirkendes Paar50
3.5.2 Fallbeispiel: Ein konflikthaft- verstrickt wirkendes Paar53
4 Anwendung in der Praxis57
4.1 Struktur und Inhalte der Paarberatung58
4.1.1 Einleitung und Klärung des Auftrags58
4.1.2 Einschätzung der medizinischen Diagnostik und Therapie durch das Paar59
4.1.3 Umgang mit der Kinderlosigkeit und der medizinischen Behandlung60
4.1.4 Subjektive Ursachenzuschreibung61
4.1.5 Perspektiven der medizinischen Behandlung63
4.1.6 Aktuelle Lebenssituation und Beruf64
4.1.7 Kinderwunschmotive65
4.1.8 Herkunftsfamilie66
4.1.9 Soziales Umfeld68
4.1.10 Paarbeziehung69
4.1.11 Sexuelles Erleben und Verhalten70
4.1.12 Körperbild72
4.1.13 Psychische und somatische Beschwerden sowie aktuelle Belastungen73
4.1.14 Alternative Lebensentwürfe und freiwerdende Lebensenergien74
4.1.15 Rituale76
4.1.16 Rückmeldungen und Empfehlungen an das Paar77
4.2 Grundzüge der fokalen Paartherapie78
4.2.1 Auftragsklärung für die Paartherapie80
4.2.2 Spezielle Interventionsstrategien in der Paartherapie81
Genauere Konkretisierung der Wünsche und Klagen81
Unterschiede der Partner markieren und positiv konnotieren82
Normalisierung der auftretenden Krisen und negativen Affekte83
Keinen zusätzlichen Leistungsdruck durch die Psychotherapie erzeugen83
Externalisierung der Unfruchtbarkeit84
Verabschiedung erleichtern85
Traurigkeit zulassen85
Ressourcen des Paares bewusst machen86
4.2.3 Beendigung der fokalen Paartherapie87
5 Spezielle Themen in Beratung und Therapie: Fallbeispiele89
5.1 Beginn der reproduktionsmedizinischen Behandlung89
5.2 Fehlgeburt, Totgeburt und Schwangerschaftsabbruch wegen kindlicher Fehlbildung91
5.3 Sexuelle Störungen97
5.4 Paare aus anderen Kulturen99
5.5 Unerfüllter Wunsch nach weiteren Kindern101
5.6 Chronische Erkrankung oder Behinderung106
5.7 Psychosomatische Reaktionen unter reproduktionsmedizinischer Behandlung109
5.8 Hilfen bei speziellen Entscheidungskonflikten112
5.9 Verarbeitung endgültiger Kinderlosigkeit – Abschied vom Kinderwunsch115
6 Schlussfolgerungen für die Praxis120
6.1 Paarberatung und Paartherapie120
6.2 Forschungsperspektiven122
6.3 Ausblick122
6.4 Weiterführende Literatur, Internet-Adressen, Beratungs- und Fortbildungsmöglichkeiten123
6.4.1 Patientenratgeber124
6.4.2 Literaturhinweise für Professionelle124
6.4.3 Internet- Adressen125
6.4.4 Psychologische Beratungsmöglichkeiten für Paare mit Fertilitätsstörungen126
6.4.5 Fortbildungsmöglichkeiten für Professionelle127
Literatur129
Glossar wichtiger reproduktionsmedizinischer Begriffe3140
Stichwortverzeichnis147

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