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Pädagogik der Vielfalt

Verschiedenheit und Gleichberechtigung in Interkultureller, Feministischer und Integrativer Pädagogik

AutorAnnedore Prengel
VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl236 Seiten
ISBN9783531901596
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis22,99 EUR
Das Miteinander der Verschiedenen ist und bleibt ein Schlüsselthema des Schullebens im Kontext deutscher und internationaler Entwicklungen. Das Buch analysiert die Bedeutung der Interkulturellen Pädagogik, der Feministischen Pädagogik und der Integrationspädagogik für eine Pädagogik der Vielfalt.  

Annedore Prengel war Professorin am Institut für Grundschulpädagogik an der Universität Potsdam.

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Leseprobe
V. Integrationspädagogik (S. 139-140)

1. Vorbemerkungen

Die schulische und gesellschaftliche Nichtaussonderung von Menschen mit Behinderungen ist das Ziel der Integrationspädagogik. Im Verständnis dieser Bewegung meint Integration das gemeinsame Lernen aller, von geistig behinderten bis hin zu sehr guten Schülerinnen und Schülern und schließt Kinder mit allen Arten von Behinderungen, also auch blinde, gehörlose, körperbehinderte und schwermehrfachbehinderte Kinder mit ein. In Integrationsklassen werden seit Ende der siebziger Jahre zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Schulwesens geistig Behinderte in den Unterricht der Regelschule aufgenommen. Integration ist darum nicht mißzuverstehen als gelegentliches Zusammensein, z.B. bei Festen und Feiern, oder als Begegnung mit ,gruppenfähigen‘ Behinderten in Situationen, in denen Hilfeleistungen der Nichtbehinderten die Kommunikation bestimmen würden.

Ein anderes Mißverständnis wäre die Gleichsetzung von Integration mit kompensatorischer Förderung, die Behinderung beseitigen und zum Mitkommen in der homogenen Jahrgangsklasse befähigen möchte. Dieses Verständnis von Integration hat weitreichende Konsequenzen für das Bildungswesen, sowohl für die Regeleinrichtungen, als auch für die sonderpädagogischen Einrichtungen. In Regelschulen bedeutet Integration die Aufgabe des Prinzips der homogenen Jahrgangsklasse, denn die heterogene Zusammensetzung läßt kein gleichschrittiges Lernen zu. In integrativen Schulklassen gibt es darum keine für alle verbindlichen Lernziele mehr, sondern es gilt das Prinzip ,zieldifferenten Lernens‘, welches die Unterschiedlichkeit der Lernziele innerhalb einer Klasse favorisiert und die Intention der Ausrichtung aller Kinder am gleichen Lernziel wegen der Unterschiedlichkeit ihrer Lernausgangslagen ab lehnt.

Mit der Akzeptanz der anderen Lernweisen von Kindern mit Behinderungen geht die Akzeptanz der Differenzen zwischen allen anderen Kindern einher. Die Realisierung dieses Ziels bringt weitere Veränderungen der Regelschule mit sich: Teamunterricht in Kooperation zwischen Lehrkräften aus Grundschulen, Sonderschulen und Sozialpädagogik, eine Didaktik, die Individualisierung und Differenzierung bei Aufrechterhaltung der Gemeinsamkeit erlaubt, Abschaffen der Ziffernnoten, an deren Stelle Berichtszeugnisse mit Leistungsbewertung im Hinblick auf die individuellen Lernmöglichkeiten des Kindes treten. Das separate Sonderschulwesen, das zehn verschiedene Sonderschulformen umfaßt, wird durch Integration in seiner Eigenständigkeit grundsätzlich in Frage gestellt.

Die Aufhebung der Segregation der Kinder muß sich auf der Ebene der Institutionen und der Lehre und Forschung fortsetzen. Die Sonderpädagogik wandert darum im Zuge der Integration in die Regelschulen ein. »Mit der Forderung der Integration Behinderter in allgemeine Schulen sowie in vorschulische Einrichtungen kommen auf die Sonderpädagogik in Theorie, Ausbildung und Praxis veränderte Zielsetzungen und Funktionen zu, die eine grundlegende Revision des traditionellen Selbst- und Aufgabenverständnisses dieser Wissenschaft zur Folge haben werden.« Konsens der Integrationsbewegung ist: »Die verhängnisvolle, aufgrund veränderter Rahmenbedingungen heute nicht mehr zu rechtfertigende Trennung von Pädagogik und Sonderpädagogik muß durch Integration ,sonder‘-pädagogischer Problemstellungen in die Allgemeine Erziehungswissenschaft überwunden werden.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt7
Vorwort von Otto Dann9
I. Einleitung12
1. Problemstellung12
2. Bildungspolitische Aktualität des Themas19
II. Zur Theorie und Geschichte von Gleichheit und Verschiedenheit30
1. Zur Semantik von Gleichheit und Verschiedenheit30
2. Zu Geschichte der Bedeutung von Gleichheit und Verschiedenheit34
3. Aktuelle Prämissen zu Fragen radikaler Pluralität49
4. Zur Frage gleichberechtigter Beziehungen: Differenz, Intersubjektivität und Dialog54
5. Anerkennungstheorie und Funktionen des Bildungssystems61
III. Interkulturelle Pädagogik65
1. Vorbemerkungen65
2. Hierarchisierung von Differenzen: biologischer und kultureller Rassismus71
3. Assimilationspädagogik75
4. Pädagogischer Universalismus: heimlicher Eurozentrismus?78
5. Pädagogischer Kulturrelativismus: Die unmögliche Anerkennung der Anderen?83
6. Interkulturelle Pluralität in der Erziehung oder Universalismus versus Relativismus – eine falsche Alternative im interkulturellen Diskurs88
IV. Feministische Pädagogik97
1. Vorbemerkungen97
2. Zur Tradition der Geschlechterhierarchie in der Geschichte der Erziehung100
3. Zur Pädagogik der übergangenen Geschlechterdifferenz111
4. Zur Pädagogik der Gleichstellung113
5. Den Lebensweisen von Frauen Wert verleihen117
6. Androgynitätspädagogik126
7. Zur Unbestimmbarkeit von Weiblichkeit129
8. Pluralität in der Feministischen Pädagogik oder Gleichheit versus Differenz – eine falsche Alternative im feministischen Diskurs132
9. Die neue Geschlechtslosigkeit: Postfeminismus?136
V. Integrationspädagogik140
1. Vorbemerkungen140
2. Behinderung als ,Minderwertigkeit‘146
3. Sonderpädagogik: Besondere Förderung durch Spezialisten und Spezialeinrichtungen150
4. Normalisierung156
5. Integrationspädagogik159
6. Trauerarbeit – Abwehr, Aggression und Akzeptanz in der Auseinandersetzung mit Behinderung165
VI. Perspektiven von Verschiedenheit und Gleichberechtigung in der Bildung168
1. Durch welche besonderen Stärken und Schwächen zeichnet sich jede neue pädagogische Bewegung aus?168
2. Strukturelle Gemeinsamkeiten der neuen pädagogischen Bewegungen172
3. Annäherung an einen demokratischen Differenzbegriff oder: Versuch, Erkenntnisse aus drei pädagogischen Reflexionsfeldern zusammenzudenken182
4. Elemente einer Pädagogik der Vielfalt185
VII. Literaturverzeichnis198
Danksagungen237

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