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Persönlichkeitsentwicklung in Pubertät und Adoleszenz als Kernproblem von inklusivem Unterricht in der Sekundarstufe

AutorCora Ditter
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2006
Seitenanzahl80 Seiten
ISBN9783638489966
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis11,99 EUR
Examensarbeit aus dem Jahr 2005 im Fachbereich Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik, Note: 1,0, Universität Bremen, 78 Quellen im Literaturverzeichnis, Sprache: Deutsch, Abstract: Der Schulversuch 140 begleitete eine Integrationsklasse am Schulzentrum Helsinkistraße in Bremen von der Grundschule über die Orientierungsstufe bis zum Ende der Sekundarstufe I. Sie umfasste 6 Haupt-, 9 Real- und 6 behinderte Schülerinnen und Schüler. Von der Orientierungsstufe bis zur Entlassung wurde die Klasse von einem Team aus zwei Lehrerinnen geführt. Außerdem begleitete der Filmemacher JÖRG STREESE den gesamten Schulversuch mit der Kamera und sorgte damit für eine ausgezeichnete filmische Dokumentation, die eine hervorragende Ausgangssituation für die Auswertung bietet. Er dokumentierte auch zwei Interviewsituationen in den Jahren 1999 und 20012, die in Einzelgesprächen mit allen Schülerinnen und Schülern der Klasse geführt wurden und als Ausgangspunkt für diese Examensarbeit dienen. Aus diesen Aufnahmen stammt auch das einleitende Gespräch.

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Leseprobe

6.1 Die Tätigkeitstheorie


Die Grundlagen jeder (menschlichen) Entwicklung sind die biologischen Voraussetzungen, die in erbkoordinierten Handlungen (AAM 9 ) abgesichert sind. Die vitalen Körperfunktionen der biologischen Existenzsicherung stehen im Zusammenhang mit dem Bedarf im Komplex der Tätigkeitstheorie. Dazu gehört auch der Bedarf nach Information zur Herstellung von Ordnung durch Fluktuation, als grundsätzliche Voraussetzung für Selbstorganisation und Entwicklung (LANWER 2001, S.88ff). Wie die einzelnen Prozesse im Komplex der Tätigkeitstheorie ineinander greifen, soll nun im Weiteren dargestellt werden. Zur besseren Anschaulichkeit dieser komplexen Theorie, habe ich diese im folgenden Schema zusammengefasst 10 :


Abbildung 3: Die Tätigkeitstheorie (eigene Darstellung, C.D.)


Ablauf der ersten Realisierung einer bestimmten Tätigkeit. Prozesse, die die Tätigkeit begleiten, widerspiegeln und dadurch Einfluss auf zukünftige Tätigkeiten haben.

S.138). Sie sind, wie in Abbildung 2 dargestellt, die inneren Bedingungen und notwendigen Voraussetzungen der Tätigkeit, gleichzeitig greifen sie steuernd und regulierend ein (LEONT’EV 1982, S.88). Sie spiegeln die Bedarfszustände des Organismus, enthalten aber auch die Signalmerkmale der Gegenstände. Allerdings ist der Gegenstand, der in der Lage ist das Bedürfnis zu befriedigen, nicht scharf umrissen. „Vor seiner ersten Befriedigung kennt das Bedürfnis seinen Gegenstand nicht, er muss erst noch entdeckt werden. Erst durch diese Entdeckung wird das Bedürfnis gegenständlich und der wahrgenommene (vorgestellte, gedachte) Gegenstand erhält seine stimulierende und tätigkeitslenkende Funktion, das heißt er wird zum Motiv“ (LEONT’EV 1982, S.181). Der Gegenstand ist das tatsächliche Motiv der zukünftigen Tätigkeit. Das Motiv repräsentiert folglich die Vermittlung des Zeitpfeils aus der Gegenwart in die Zukunft. LEONT’EV unterscheidet zwei Arten von Motiven, die sinngebenden und die stimulierenden Motive. Das Bewusstwerden der Motive ist jedoch eine sekundäre Erscheinung, das erst auf einem bestimmten Niveau der Persönlichkeitsentwicklung möglich ist (ebd. S.193 u. 195). Die Bedürfnisse werden aber auch aus vergangenen Erfahrungen gebildet und haben deshalb über den Sinn auch Verbindungen zu den Emotionen, die diese vergangenen Handlungen begleitet haben. Sie übersetzen den Sinn in potentielle Bedeutung (LANWER 2001, S.90ff). In der Entwicklung werden die gegenständlichen Inhalte der Bedürfnisse immer reicher, verändern sich und es entstehen neue Verbindungen zwischen den Bedürfnissen, dadurch verändert sich auch die Form ihrer psychischen Widerspiegelung, wodurch sie ideatorischen Charakter erlangen und psychologisch invariant werden. Auf der Bewusstseinsebene entstehen schließlich gegenständlich-funktionelle Bedürfnisse, wie das Bedürfnis nach Arbeit oder nach künstlerischem Schaffen (LEONT’EV 1982, S.186f). Jede Tätigkeit entspricht also einem Bedürfnis, das im Motiv vergegenständlicht ist und bezieht sich immer direkt auf das Ziel bzw. den Gegenstand. Außerdem vermittelt und kontrolliert sie die Austauschprozesse im Bereich des Zwischen. Im System Subjekt-Tätigkeit-Objekt finden Prozesse statt, die zur Interiorisation der äußeren Welt in die psychischen Strukturen führen. Deshalb sind Tätigkeit und Abbild untrennbar miteinander verbunden, obwohl sie nicht identisch sind, denn die Tätigkeit ist nicht nur Bedingung des Abbilds und sein Ausdruck der Widerspiegelung, sondern Widerspiegelung ist selbst Tätigkeit (JANTZEN 1987, S.124). Im Abbild werden die einzelnen sinnlichen Eigenschaften der Gegenstände einheitlich repräsentiert. Außerdem macht das Subjekt in der Tätigkeit auch Erfahrungen mit sei-

(BRENNER 2002, S.169).

Die Wahrnehmungstätigkeit ist zeitlich strukturiert und garantiert damit ihre Nähe zur Realität. „Das Abbild entsteht also auf der Basis der Gemeinsamkeit der unterschiedlichen Sinneseindrücke von dem Gegenstand für das Subjekt. Es ist daher nicht sinnlich. Es ist von den unmittelbar wahrnehmbaren Raum- und Zeiteigenschaften des Gegenstandes gelöst“ (JANTZEN 1987, S.125). Dazu werden die Informationen einer spezifischen Transformation unterzogen: Sie werden verallgemeinert, verbalisiert, verkürzt und vor allem werden sie zu einer Weiterentwicklung fähig, die über die Möglichkeiten der äußeren Tätigkeiten weit hinausgeht (LEONT’EV 1982, S.61 u. 95f). „Die Möglichkeit, zwischen dem ‚Erscheinungsfeld’ und dem Feld der gegenständlichen ‚bedeutsamen’ Abbilder zu unterscheiden, ist offenbar eine Besonderheit des menschlichen Bewußtseins, die es dem Menschen erlaubt, sich von den Sinneseindrü- cken zu befreien, wenn diese infolge zufälliger Wahrnehmungsbedingungen verzerrt werden“ (ebd. S.522). Nur bei Täuschungen oder Verzerrungen der äußeren Eindrücke tritt das Abbild zutage, normalerweise äußert es sich in Form des Realitätsgefühls nur indirekt (LEONT’EV 1982-2, S.520f). Seine Adäquatheit wird dadurch sichergestellt, dass die Interiorisation und der Aufbau der höheren - spezifisch menschlichen - psychischen Widerspiegelung nur im Dialog von Mensch zu Mensch möglich sind. „Im Prozess der Tätigkeit werden die gesellschaftlich vorgefundenen Bedeutungsstrukturen als Werkzeuge, Zeichen, brauchbar und gewinnen ihre psychische Struktur im Abbild“ (JANTZEN 1987, S.152). Voraussetzung dafür ist ein Abbild der anderen Mitglieder der Gattung. Der Körper und speziell die Haut sind die Sinnesorgane zur basalen Vermittlung dieser innerartlichen Beziehungen (ebd., S.139).

Die objektiven Bedeutungen akkumulieren die historischen, gesellschaftlichen Erfahrungen und Werte. Sie liegen bei der Geburt jedoch nicht fertig vor, sondern entstehen im Prozess der Tätigkeit. Die Aneignung der Bedeutungen erfolgt zuerst durch die gegenständliche äußere Tätigkeit des Kindes mit Objekten und in der Kommunikation. „In den Anfangsstadien eignet sich das Kind konkrete, unmittelbar gegenstandsbezogene Bedeutungen an; danach eignet es sich auch eigentlich logische Operationen an, allerdings ebenfalls in ihrer äußeren exteriorisierten Form (anders könnten sie überhaupt nicht mitgeteilt werden). Durch die Interiorisation bilden sich abstrakte Bedeutungen, also Begriffe, und deren Bewegung stellt die innere geistige Tätigkeit, die Tätigkeit auf der Ebene des Bewußtseins dar“ (LEONT’EV 1982-2, S.524). Die Aneignung der Bedeutungen kann nur erfolgen, wenn sie den Bedürfnissen des Individuums entsprechen, derenErfüllung antizipierbar ist (LANWER 2001, S.87ff). Die Tätigkeit als solche ist auf die bedürf-

Regel zu negativen Emotionen. Der Wille ermöglicht die Beibehaltung des Ziels durch Kompensation dieser negativen Erregung. Dabei stützt er sich auf die Erfahrungen aus bereits vergangenen Tätigkeiten, die das Ziel erreicht haben. Realisiert werden die Tätigkeiten (auch die Tätigkeit des Denkens) über Handlungen und Operationen, dabei kann es sich nur um eine oder eine ganze Kette von Handlungen handeln. Tätigkeit und Handlung sind jedoch nicht identisch. Letztere offenbart ihre relative Selbständigkeit dadurch, dass sie verschiedene Tätigkeiten realisieren und von einer in die andere Tätigkeit übergehen kann 12 .

Die einzelnen Handlungen sind jeweils Teilzielen untergeordnet, die aus einem gemeinsamen Ziel abgeleitet werden. Für höhere Entwicklungsstufen ist charakteristisch, dass das bewusste Motiv diese Rolle übernimmt.

Man unterscheidet den intentionalen Aspekt der Handlung, der auf das Ziel gerichtet ist und den operativen Aspekt, der die Bedingungen der Ausführung berücksichtigt (LEONT’EV 1982, S.102 u. 104f). Ein wichtiges Element der Handlung ist die Orientierungsgrundlage. Darunter versteht man alle Informationen, auf die sich das Subjekt für die Ausführung der Handlung stützt. Sind alle notwendigen Informationen vorhanden, erreicht die Handlung ihr Ziel. Entscheidend ist jedoch nicht nur die Vollständigkeit der Orientierungsgrundlage, sondern auch ihr Grad an Allgemeinheit und das Verfahren ihres Erhalts (TALYZINA 2001, S.205f).

„Die Genese der Handlung liegt in den Beziehungen des Austauschs von Tätigkeiten, jede Operation dagegen ist das Ergebnis der Umwandlung einer Handlung, die durch ihre Einbeziehung in eine andere Handlung und ihre Technisierung erfolgt“ (LEONT’EV 1982, S.107). Die Handlungen und Operationen finden im Bereich des Zwischen statt und sind im besten Fall Teil eines Dialogs.

Das Ziel des Dialogs ist die Sinnbildung. Der Sinn ist ursprünglich gleich den Emotionen und erstreckt sich unter dem Aspekt der emotionalen persönlichen Erfahrungen in allen Tätigkeiten/ Handlungen und auf alle Bereich des Lebens. Der ‚Sinn’ bei LEONT’EV entspricht dem Begriff des ‚Erlebens’ bei VYGOTSKIJ. (LEONT’EV,...

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