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Pest und Policey

Die Pestabwehr als Faktor des Policeywesens in niedersächsischen Städten der frühen Neuzeit

AutorSonja Ribbentrop
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl90 Seiten
ISBN9783656529675
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis29,99 EUR
Magisterarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit, Note: 2,75, Georg-August-Universität Göttingen, Sprache: Deutsch, Abstract: Pest und Policey - jedes Thema für sich genommen wurde in der Forschung bereits eingehend besprochen. Sucht man in der Literatur jedoch nach einer Verknüpfung dieser beiden Themen, sieht man sich mit großen Forschungslücken konfrontiert. Das Ziel der vorliegenden Untersuchung ist es, die Entwicklung von Pest und Policey im norddeutschen, insbesondere im heutigen niedersächsischen Raum, zu untersuchen. Es soll analysiert werden, welche Einflüsse die Pest auf die Entwicklungen in der Frühen Neuzeit hatte. Besonderes Augenmerk wird sowohl auf die Entstehung des Policeywesens und die Ausbildung eines Verwaltungsapparates gelegt als auch auf die Auswirkungen der Seuche auf die Gesellschaft und auf den Beginn neuer Gesundheits- und Hygienemaßstäbe.

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Leseprobe

II. Kurze Geschichte und Epidemiologie der Pest


 

Um den Zusammenhang von Pest und Policey zu verstehen, soll an dieser Stelle die Pest in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen dargestellt werden. Die europaweite Ausbreitung und die hohe Ansteckungsgefahr der Krankheit machten es notwendig, dass die Obrigkeiten Wege und Mittel fanden, mit der Pest umzugehen, um schließlich geeignete Prophylaxe- und Schutzmaßnahmen ergreifen zu können.

 

A. Zur Epidemiologie der Pest


 

Der Schweizer Tropenarzt und Mitarbeiter am Institut Pasteur, Alexandre Yersin, entdeckte 1894 während einer Epidemie in Hongkong das Pestbakterium.[11] Nach ihm wurde der Erreger in den 1970er Jahren Yersinia pestis benannt, vorher war der Bazillus ebenfalls unter dem Namen Pasteurella pestis bekannt.[12]

 

Bei dem Pesterreger handelt es sich um ein unbewegliches, sporenloses, stäbchenförmiges Bakterium[13], das ein eiweißhaltiges Gift ausscheidet, welches beim Infizierten den Tod herbeiführen kann. Nur sehr wenige Menschen sind gegen den Erreger resistent.[14]

 

Die Pest ist im eigentlichen Sinne keine Krankheit des Menschen, sondern eine Erkrankung spezieller Nagetiere, zumeist Ratten, die den Menschen erst bei Kontakt mit denselben befällt. Man spricht hier von einer sogenannten Zoonose, also einer Krankheit, deren Träger ursprünglich Tiere sind, die jedoch unter bestimmten Bedingungen auf den Menschen übertragen werden kann.[15]

 

Als Überträger des Erregers auf den Menschen galten vorwiegend infizierte Ratten, die selbst durch den Biss des Rattenflohs Xenopsylla Cheopis Roth, der den Bazillus in sich trug, angesteckt wurden. Man unterscheidet bei den Ratten die Wanderratte Rattus Norvegicus Birkenhout von der Hausratte Rattus Rattus. Der Rattenfloh springt beim Tod seines eigentlichen Wirtstiers auch auf den Menschen über und überträgt somit die Pest auf diesen.[16] Bei zunehmender Infizierung der Bevölkerung kam die Tatsache hinzu, dass auch der Menschenfloh ein Überträger der Seuche sein konnte, was einen Übertragungsweg von Mensch zu Mensch bedeutete und das Infektionsrisiko wiederum erhöhte. Starb eine große Anzahl von Ratten an der Pest, suchten die Flöhe nach einem Alternativwirt und setzten sich massenhaft auf dem Menschen ab. Überdies wurde das Infektionsrisiko dadurch begünstigt, dass die Flöhe bis zu dreißig Tage auch ohne Wirt in Kleidern, Lumpen, Betten usw. überleben konnten.[17] Die Pest habe sich Erich Keyser zufolge besonders stark entlang der Handelswege ausgebreitet, was einen Zusammenhang zwischen der Seuchengeschichte und der Wirtschafts- und Verkehrsgeschichte deutlich mache.[18]

 

Die Ansteckungswege der Pest, so stellt Martin Dinges treffend fest, waren komplex: „Anpassungen zwischen den Mikroben, den Wirten und den Alternativwirten waren notwendig: Ratten mussten zum Beispiel in der Nähe von Menschen leben, damit der Floh nach deren Tod überhaupt auf sie als ‚Wirte’ übergehen konnte.“[19] Daneben spielte die Umgebungstemperatur eine Rolle bei der Übertragung durch Flöhe, da letztere bei einer Temperatur von weniger als zehn Grad Celsius in eine Gliederstarre fallen. Damit wäre laut Klaus Bergdolt auch das Abklingen von Pestwellen im Winter zu erklären.[20]

 

Dinges bemerkt, dass einer der möglichen Gründe für das Verschwinden der Pest in Europa seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert die Störung der Ansteckungskette Ratte-Floh-Mensch durch einen Populationsrückgang der eng mit dem Menschen zusammenlebenden Hausratte gewesen sei.[21] Die Wanderratte hingegen trat in Europa erst im 17. Jahrhundert auf. Durch ihre starke Mobilität und aufgrund ihrer Eigenschaft, sich nur kurz an einem Ort aufzuhalten, bot sich somit eine geringere Möglichkeit zur Übertragung der Seuche auf den Menschen.[22] Dessen ungeachtet ist das Abklingen der Seuche nicht allein mit der Veränderung der Rattenpopulation zu erklären. Ebenso könnte nach Meinung von Claudia Eberhard-Metzger eine Mutation des Pesterregers dazu geführt haben, dass der Bazillus sich genetisch dahingehend veränderte, dass er nicht mehr so aggressiv auftrat.[23] Weniger ansteckende Stämme des Pesterregers hätten außerdem die gefährlicheren Erreger verdrängen können. Diese Veränderungen, denen der Bazillus vermutlich unterlag, könnten eine Erklärung dafür sein, dass die Pest mit unterschiedlich starker Virulenz auftrat und später fast ganz verschwand. Auch bei anderen Krankheiten, wie beispielsweise der Grippe oder der Tuberkulose, zeigen sich, so Fernand Braudel, vergleichbare Abstufungen.[24]

 

Weitere Gründe für das Verschwinden der Pest waren wohl auch in der besseren Ernährungs- und Wohnsituation und der somit höheren Widerstandsfähigkeit vor allem ärmerer Bevölkerungsschichten auszumachen.[25] Nach großen Feuersbrünsten im 16., 17. und 18. Jahrhundert wurden Holzhäuser zunehmend durch Steinbauten ersetzt. Die Sauberkeit und dadurch auch die geringere Verbreitung von Ratten und Flöhen nahm vor allem durch die Verbannung der Haustiere aus den Innenräumen der Häuser zu.[26] Einen wichtigen Faktor stellten auch die zunehmenden Prophylaxe- und Abwehrmaßnahmen der Obrigkeiten dar, wie beispielsweise Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit von Personen und Waren, die zumindest eine weitere Ausbreitung der Seuche erschwerten.[27] Es bleibt dennoch eine Tatsache, dass das Verschwinden der Pest von der Forschung bis heute nicht hinreichend begründet werden kann. Es stellt sich auch die Frage, wie groß die Bedeutung der obrigkeitlichen Pestabwehr für den Rückgang der Pest gewesen ist.

 

Es gab zwei bzw. drei unterschiedliche Verlaufsformen der Pest, nämlich die Beulen- oder Bubonenpest und die (primäre und sekundäre) Lungenpest. Die häufigste Form, die Beulenpest, wurde von Flöhen übertragen und hatte eine hohe Mortalitätsrate.[28] Der Name Beulenpest rührte von ihren Symptomen her: Den Pestbeulen beziehungsweise geschwollenen Lymphknoten in der Nähe zur Floheinstichstelle, die sich innerhalb weniger Tage bildeten, nachdem der Bazillus in den Körper eingedrungen war.[29] Im Verlauf der Krankheit entwickelten sich weitere Symptome wie starke Kopfschmerzen, Benommenheit, Fieber, Halluzinationen und Delirium bis hin zur Sepsis, die zum Tode führte.[30] Steckte sich jemand mit der Pest an, so äußerte sich dies, so in einem Hildesheimer Bericht zur Lage der Pest im Jahre 1657, „[...] anfangs mit einem Schauder [...] nebst starker Hauptweh und Schwerigkeit/ Schmertzen des gantzen Rückgrads unnd Magens/ stetigem Seufftzen/ Hertzweh/ vielen brechen etc. [...].“[31]

 

Der Hildesheimer Stadtphysikus Konrad Barthold Behrens beschreibt in seinem Gründlichen Bericht von der Natur, Eigenschafft und wahrem Uhrsprung der Pest aus dem Jahr 1714 die Symptome der Pest bereits sehr detailliert, was beweist, dass die Ärzte der Frühen Neuzeit in der Lage waren, genaue Diagnosen zu stellen:

 

„Insgemein aber gehet ein gelinder Schauder vor an/ mit darauf erfolgender Beängstigung des Hertzens/ schleuniger Entkräfftung/ Haupt- und Rücken-Wehe/ Schwindel/ Ohnmacht/ Hin- und Herwerffen/ verfallenen Gesichte/ Magendrücken/ heftigem Brechen/ unlöschlichem Durst/ Schlaff-Sucht und wohl Schlafflosigkeit/ Verwirrung im Haupte/ Nasebluten/ Blutspeien/ öfftern Harnen/ Durchbrüchen und Ruhr. [...] längliche Bäulen/ welche zwar an verschiedenen Orthen des Leibes/ meist [...] unter den Achselln oder auch hinter den Ohren mit Schmerzen und Brennen hervorkommen.“[32]

 

Die Beulenpest konnte zur sekundären Lungenpest führen, wenn die Erreger in die Blutbahn und anschließend in die Lunge gelangten. Der Lungenbefall endete so gut wie immer tödlich. Die noch ansteckendere Form der primären Lungenpest wurde, anders als die Beulenpest, wie die Grippe von Mensch zu Mensch durch „Tröpfcheninfektion“ übertragen. Der Verlauf der Lungenpest war durch Herzrasen, Bluthusten und Atemnot gekennzeichnet und führte innerhalb von ein bis zwei Tagen zum Tod, meist durch Ersticken. Beulen- und Lungenpest waren zwar durch einen unterschiedlichen Krankheitsverlauf gekennzeichnet, stellten aber im Grunde dieselbe Erkrankung dar. Die Beulenpest konnte vor allem bei älteren Menschen oder Kindern jederzeit mit einem Lungenbefall einhergehen und somit eine Ansteckung von Mensch zu Mensch ermöglichen.[33] Die weitere Übertragung der Pest war dadurch ohne die Mitwirkung von Flöhen möglich.[34]

 

Bereits im 14. Jahrhundert waren die Mediziner in der Lage, die verschiedenen Verlaufsformen der Pest zu unterscheiden. 1365 charakterisierte Guy de Chauliac, der Leibarzt des Papstes bzw. des Königs von Frankreich, die Symptome der Lungen- und Beulenpest in seiner Chirurgia Magna:

 

„Die Krankheit hielt sich (in Avignon) sieben Monate. Es gab zwei Formen. Die erste dauerte zwei Monate und war durch anhaltendes Fieber und Blutspucken gekennzeichnet, und man starb daran innerhalb von drei Tagen. Die zweite dauerte...

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