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E-Book

Pferdegestützte Traumatherapie

AutorKarin Hediger, Roswitha Zink
VerlagERNST REINHARDT VERLAG
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl162 Seiten
ISBN9783497609789
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis23,99 EUR
Basierend auf wissenschaftlich fundierten traumatherapeutischen Konzepten und dem aktuellen Forschungsstand zur pferdegestützten Arbeit werden Methoden, Voraussetzungen, aber auch Grenzen und Risiken anschaulich dargestellt. Anhand des Fallbeispiels der 16-jährigen Hannah und ihres Therapiepferdes Tamino ermöglichen die Autorinnen einen Einblick in die pferdegestützte Traumatherapie. Welche Maßnahmen der Qualitätssicherung stehen zur Verfügung? Welche Qualifikationen des Therapeuten sind wichtig und wie können Auswahl, Ausbildung und Haltung des Therapiebegleitpferdes optimal gelingen? Das Buch gibt eine Übersicht über Wirkung und Umsetzung pferdegestützter Interventionen in der Traumatherapie und schafft so eine Grundlage für die Weiterentwicklung dieses Therapiebereichs.

Dr. Karin Hediger, Fachpsychologin für Psychotherapie und Reittherapeutin (SG-TR), ist als Psychotherapeutin am Zentrum für Psychotherapie der Universität Basel sowie an der REHAB-Klinik in Basel tätig. Mag. Roswitha Zink, Reittherapeutin und Pferdetrainerin (ÖKThR, ÖPS), Leitung Verein e.motion im sozialmedizinischen Zentrum Otto-Wagner-Spital Wien und am Lichtblickhof für pferdegestützte Therapie mit Kindern und Jugendlichen.

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Leseprobe

Grundlagen der Psychotraumatologie

„Jetzt kommt die Nacht“, sagte Jum-Jum. „Ich muß nach Hause gehen.“ „Nein, geh nicht“, sagte ich. „Ich möchte mit diesem wunderlichen Gesang nicht allein sein.“ Und ich zeigte hinauf zu dem schwarzen Vogel und fragte: „Jum-Jum, wer ist er?“ „Das weiß ich nicht“, sagte Jum-Jum. „Ich nenne ihn Trauervogel. Nur weil er so schwarz ist. Vielleicht heißt er ganz anders.“ „Ich glaube, ich mag ihn nicht“, sagte ich. „Ich mag ihn“, sagte Jum-Jum. „Trauervogel hat so gute Augen.“

Astrid Lindgren: Mio, mein Mio

FALLBEISPIEL

Hannah hat Angst vor Menschen. Ihr WG-Zimmer hat sie im letzten Jahr selten verlassen. Sie hasst es, berührt zu werden. Dennoch trägt sich am zweiten Tag des Trekkings Folgendes zu: Es ist Abend, ein Tag voll langer Schatten und gleißendem Sonnenlicht neigt sich dem Ende zu, alle sind erschöpft. Die Jugendlichen sollen nochmals nach den Pferden sehen und Futter vorbereiten. Tamino, Hannahs Pferd, steht mit gesenktem Kopf vor ihr. Plötzlich ergreift Tamino die Initiative und streckt seine Nase in die ausgebreiteten Arme der jungen Frau. Er lehnt seine Stirn gegen ihre Brust und blubbert sanft warme Luft aus seinen Nüstern, so dass ein hörbares Geräusch entsteht. Hannah springt zurück, Entsetzen in ihren Augen. Den ganzen Tag hat sie durchgehalten – wegen ihm. Sie ist neben ihm gewandert, hat ihn geführt und sich schaukelnd von ihm durch die Landschaft tragen lassen. Sie hat sich ihm anvertraut. Und nun, in dieser besonderen Umarmung schnaubt er ihr an den Bauch? Tamino tritt wieder näher an sie heran. Er hält dem Entsetzen stand und bleibt Hannah nahe. Da legt Hannah schluchzend ihre Arme um seinen Kopf. Ihr Gesicht sinkt zwischen seine Ohren. Tamino seufzt hörbar. Die junge Frau schluchzt in die Mähne des Pferdes. Ihr feingliedriger Körper bebt. Ich komme näher, überrascht, dass Hannah so viel Kontakt sucht und erträgt. Ich frage sie, ob ich meine Hand auf ihren Rücken legen darf. Hannah nickt still. Ihr Atem wird ruhiger. Tamino löst seinen Kopf aus ihrer Umklammerung und bläst in ihr verweintes Gesicht. „Es war grauenvoll“, sagt Hannah ganz leise. „Es war grauenvoll. Er hat mir eine SMS geschrieben, ich solle kommen. Es hat gebrummt in meiner Hand. Ich habe gewusst, es war schlecht, aber ich bin zu ihm in die Wohnung gefahren. Und da hing er, braun im Gesicht. Er hing einfach von der Decke.“ Wieder schluchzt sie so, dass man sie nicht mehr verstehen kann, murmelt weiter und sinkt dann sanft zu Boden. Zu Füßen eines starken Pferdes, das sie zu tragen vermag.

Hannah beginnt zu trauern, beginnt, die Geschichte ihres eigenen Lebens zu erzählen. In einem Stall, fernab der Welt, die sie so enttäuscht hat, auf einer erlebnispädagogischen Trekkingtour, die der Start ihrer traumatherapeutischen Behandlung werden soll.

2.1  Klassifikation und Diagnostik

FALLBEISPIEL

Hannah: 1998 in einer österreichischen Kleinstadt geboren, wohnhaft in einer Einrichtung für betreutes Wohnen, 170 cm groß und 52 Kilo schwer.

Hannah ist in einer Mittelstandsfamilie aufgewachsen. Ihre Entwicklung ist unauffällig verlaufen. Sie hatte eine unbeschwerte Kindheit und ein liebevolles, normales Zuhause. Auch war Hannah eine durchschnittliche Schülerin. Sie war immer still und fleißig und ist nie besonders aufgefallen. Als Hannah 11 ist, kommt ihre fünf Jahre jüngere Schwester bei einem Autounfall ums Leben. Die Mutter entwickelt in der Folge eine wiederkehrende Depression und verbringt viel Zeit in Rehakliniken. In dieser Zeit sorgt der Vater für Hannah. Es kommt zu ersten sexuellen Übergriffen. Als Hannah 15 ist, nimmt sich ihr Vater das Leben. Es ist Hannah, die ihn findet. Hannahs Mutter ist zu dieser Zeit in einem stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik. Hannah zieht in eine Krisenwohngemeinschaft, besucht jedoch weiterhin die Hauptschule. Sie zieht sich daraufhin sehr zurück und verliert an Gewicht. Nach einem stationären Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik wechselt Hannah mehrmals die Wohngemeinschaft, bis sie schließlich in ein ausgegliedertes Projekt für Jugendliche kommt, in dem sie selbständig wohnen und zur Schule gehen kann. Die Bedingung für den Start dieses Wohnprojektes war, dass Hannah ein therapeutisches Angebot annimmt. Hannah wählte, zur allgemeinen Überraschung, ein erlebnispädagogisches Pferdetrekking.

Nicht jedes potentiell traumatisierende Ereignis ist auch im engeren Sinne ein Trauma. Der Begriff Trauma steht in der Psychotraumatologie für Ereignisse und Erfahrungen, die als außergewöhnlich belastend erlebt werden und das Individuum in seiner psychischen oder körperlichen Existenz und Integrität bedrohen (Landolt 2012).

Die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) definiert ein Trauma relativ breit: als Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine kurz oder lang andauernde Situation mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde (Dilling et al. 2015). Gemäß dem DSM-5 (Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen) wird ein Trauma als die Konfrontation mit tatsächlichem oder drohendem Tod, einer ernsthaften Verletzung oder sexueller Gewalt definiert. Darin eingeschlossen sind sowohl das direkte Erleben, als auch das Erleben solcher traumatischer Ereignisse bei anderen Personen sowie das Erfahren traumatischer Ereignisse im nahem Verwandten- oder Freundeskreis (American Psychiatric Association 2015).

Potentiell traumatisierende Ereignisse können anhand ihrer Häufigkeit und anhand ihrer Ursache eingeteilt werden (Landolt 2012). Typ-I-Traumata bezeichnen akute, unvorhersehbare und einmalige Ereignisse. Beispiele dafür sind Unfälle oder Naturkatastrophen. Typ-II-Traumata hingegen treten wiederholt auf und sind teilweise vorhersehbar. Beispiele dafür sind häusliche Gewalt oder chronischer sexueller Missbrauch. Zudem wird zwischen interpersonellen Traumata, die durch Menschen verursacht wurden (z. B. Überfall, Krieg), und akzidentellen Traumata (z. B. Unwetter, Unfall) unterschieden.

Das Erleben eines potentiell traumatischen Ereignisses kann zu einer akuten Belastungsreaktion (ICD-10) respektive einer akuten Belastungsstörung (DSM-5), zu Anpassungsstörungen, affektiven Störungen oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) führen. Zusätzlich wird der Begriff der komplexen Traumafolgestörung oder entwicklungsbezogenen Traumafolgestörung verwendet (Herman 1992; Rosner/Steil 2012; Sack et al. 2013; van der Kolk et al. 2005). Eine komplexe oder entwicklungsbezogene Traumafolgestörung kann aufgrund von chronischen interpersonellen Traumata entstehen und weist ein klinisches Bild auf, das über die Symptome der PTBS hinaus- und häufig mit diversen Komorbiditäten einhergeht.

Die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung bedingt nebst dem Erleben eines Traumas auch Symptome des Wiedererlebens wie Flashbacks oder Albträume (Intrusionen), Vermeidungsverhalten (bestimmte Orte werden nicht mehr aufgesucht oder bestimmte Reize werden vermieden), ein allgemeiner emotionaler Taubheitszustand, negative Kognitionen sowie ein anhaltendes Hyperarousal (Übererregung). Wenn diese Symptome länger als vier Wochen andauern, mit funktionalen Einschränkungen einhergehen und nicht aufgrund von Substanzen oder Medikamenten verursacht sind, wird eine PTBS diagnostiziert. In diesem Fall ist eine traumazentrierte Therapie indiziert (Maercker 2013a).

Um abzuschätzen, ob eine Behandlung angebracht ist, ist eine umfassende Diagnostik notwendig. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf potentiell traumatische Erlebnisse. Ein Teil der Betroffenen ist resilient und entwickelt keine klinisch relevante Störung. Hier ist eine psychotherapeutische Behandlung in der Regel nicht indiziert.

FALLBEISPIEL

Hannah wird mit der Diagnose „Posttraumatische Belastungsstörung“ angemeldet. Die Diagnose wurde bei ihrem letzten Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik gestellt. Vor Aufnahme in die pferdegestützte Therapie war Hannah bereits in zwei ambulanten und zwei stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen. Nirgends hat sie Fuß fassen können. Sie wurde durchgehend als sehr gehemmt beschrieben. Therapien hat sie stets verweigert oder abgebrochen. Das Trekking-Projekt ist seit Langem wieder etwas, was Hannah durchzieht und wo sie sich reinhängt. Hannah wird daher für eine anschließende pferdegestützte Therapie aufgenommen.

Um ein besseres Bild von Hannah zu bekommen, führen wir verschiedene Interviews und Tests durch. Hannah lässt dies mit einsilbigen Antworten über sich ergehen. Manchmal antwortet sie auch nur schriftlich. Im Vordergrund stehen der Selbstmord ihres Vaters und die sexuellen Übergriffe, über die sie nicht sprechen will.

Hannah hat das Interesse an vielem verloren. Ihrem Alter entsprechende Alltagsaktivitäten, Freundschaften, aber auch die eigene Körperpflege oder ihre Kleiderwahl sind ihr gleichgültig. Sie verbringt die meiste Zeit alleine in ihrem Zimmer. Sie kann kaum mehr positive Gefühle empfinden, häufig quälen sie belastende Erinnerungen und Träume. Sie fühlt sich schuldig. Hannah kann sich schlecht konzentrieren, isst kaum mehr und beißt sich regelmäßig auf den Zeigefingermittelknochen, wenn das...

Blick ins Buch

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