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E-Book

Phänomenologie der Sinne

Grundwissen Philosophie

AutorMadalina Diaconu
VerlagReclam Verlag
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl140 Seiten
ISBN9783159603636
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis10,99 EUR
Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken - die Sinne erschließen uns die Welt. Sie vermitteln Erkenntnis und schaffen Lust. Leiblichkeit ist ihre Grundlage, wird aber von jeder Kultur anders gedeutet. Die Entwicklung der Naturwissenschaften und die Erweiterung der Wahrnehmungsforschung auf frühere Epochen, nichtwestliche Kulturen und auf die nichtvisuellen Sinne verlangen eine neue philosophische Auslegung. Die moderne Technik und die Neuen Medien haben die Rolle des Körpers verändert. Wie werden also die Sinne gedacht? Was geschieht bei der Wahrnehmung? Und worin liegt der Sinn der Sinne? Text aus der Reihe 'Grundwissen Philosophie' mit Seitenzählung der gedruckten Ausgabe.

M?d?lina Diaconu, geboren 1970, ist Privatdozentin am Institut für Philosophie der Universität Wien.

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Leseprobe

[14] 1. Die Frage nach den Sinnen im historischen Rückblick

Die Frage, wie weit unsere Sinne reichen, wie sie funktionieren und wie vertrauenswürdig ihre Eindrücke für uns sind, wurde in der Geschichte des Denkens unterschiedlich beantwortet. Im Weiteren beschränken wir uns auf zwei Epochen: auf die Antike und die Neuzeit.

In der Antike hatten bereits die Eleaten Zweifel an den Sinneseindrücken. Der Bereich der Sinne ist das, was nicht sein muss, sondern bloß sein kann: das Kontingente. Das Sinnliche ist veränderlich und vergänglich und somit am Nichtseienden beteiligt. Gegen die irreführende Meinung, dass das Nichtseiende sei, behauptet Parmenides, dass nur das Seiende sei und daher gedacht werden könne. Eine solche strenge Lehre, die die Wahrnehmung dem Denken bzw. die Erfahrung der Logik entgegensetzt, endet aber in Aporien. So argumentiert Zenon von Elea gegen den Gemeinsinn, dass der schnell laufende Achilles im Prinzip nie eine Schildkröte zu überholen vermag, die mit einem Vorsprung in das Rennen startet.

Die Atomisten (Leukipp, Demokrit, Lukrez) erklären das Werden der Dinge durch zeitlich beschränkte Zusammensetzungen von unvergänglichen Elementarteilchen. Auch die Wahrnehmung wird materialistisch begründet: Feine Abbilder (eidola) lösen sich von den Dingen ab und erreichen durch die Luft die Sinnesorgane. Farben, Temperaturen und Geschmacksnoten sind dabei allerdings keine objektiven Eigenschaften der Dinge, auch wenn sie letztlich auf Merkmale der Atome, vor allem auf ihre Form, zurückzuführen sind. (Lukrez 1991: 203 ff.)

Auch Platon (428/7–348/7 v. Chr.) teilt das Misstrauen der Eleaten gegen die Sinneseindrücke. Über wahrgenommene [15] Gegenstände kann man sich nur eine Meinung (doxa) bilden, sie eignen sich jedoch nicht als verlässliche Basis einer objektiven Wissenschaft (episteme). Diese niedere Erkenntnisform, die sich mit dem Reich des Werdens befasst, wird wiederum in Glauben und Vermuten gegliedert: Der Glaube gilt für das Wahrnehmbare, das Vermuten für die Spiegelbilder und die Schatten, die die Sinne täuschen. (Platon 1989: 509d–511e) Die wahre Erkenntnis besteht in der Schau der Ideen bzw. Formen durch das Denken oder die Vernunft (noesis). Der Körper (soma) wird als »Grabmal« (sema) abgewertet und soll im Aufstieg vom Physischen zum Ideellen – etwa von den schönen Dingen und Personen zu den schönen Tugenden und schließlich bis zur Idee des Schönen – schrittweise verlassen werden.

Erst Aristoteles (384–322 v. Chr.) rehabilitiert die Sinneserkenntnis; sie wird zwar noch immer der Vernunft untergeordnet, doch bildet sie deren notwendige Grundlage. Zwei Merkmale unterscheiden die Wahrnehmung vom »vernünftigen Erfassen« (Wissenschaft): Ihr Objekt befindet sich außerhalb des Subjekts; und sie zielt auf das Einzelne und kann daher keine allgemeinen Erkenntnisse hervorbringen. (Aristoteles 1995: 417b) Die Unterscheidungsfähigkeit verbindet jedoch die Wahrnehmung mit dem rationalen, diskursiven Denken (dianoia). (Ebd.: 432a)

Die Wahrnehmung als Verhältnis zwischen einem Wahrnehmbaren und einem Wahrgenommenen setzt die Rezeptivität für Reize voraus und bewegt das Subjekt, das eine qualitative Veränderung erfährt. (Ebd.: 416b) Das Sinnesvermögen ist allen Lebewesen gemeinsam, die eine anima sensitiva haben (Wahrnehmungsvermögen), nicht aber den Pflanzen, denen eine anima vegetativa (Nährvermögen) zukommt. Unter den Sinnen scheint allein der Tastsinn lebensnotwendig zu sein; er ist daher bei allen Tieren und Menschen vorhanden (ebd.: 413b). Die anderen Sinne dienen bloß dem Wohlsein (ebd.: 434b), denn die [16] Sinneseindrücke können auch eine emotionale Tönung haben. Angenehm ist das, was dem richtigen Mittelmaß entspricht, während »das Übermäßige schmerzt oder zerstört« (ebd.: 426b).

Nicht zuletzt beschränkt Aristoteles die Anzahl der Sinne explizit auf fünf: Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Tastsinn. Dabei ist zum ersten Mal von spezifischen Gegenständen der Sinne die Rede: Die Farben werden durch den Gesichtssinn, der Schall durch das Gehör erfasst usw. Darüber hinaus gibt es Merkmale, die allen Sinnen zukommen: Bewegung, Ruhe, Zahl, Gestalt und Größe werden durch einen sog. sensus communis erfasst. Diese aristotelische Erkenntnislehre hat dann über die Vermittlung von Thomas von Aquin maßgeblich die mittelalterliche Scholastik geprägt, bis zur »kopernikanischen Wende« von Descartes, der anstelle des Seins oder Gottes das Ich zum Prinzip der Philosophie erhob.

Und damit sind wir in der Neuzeit. René Descartes (1596–1650) wollte das ganze Gebäude der Philosophie auf einer sicheren Basis neu errichten. Das Beispiel eines Stücks Wachs, das in der Wärme schmilzt und dadurch seine Eigenschaften verändert, liefert ihm den Beweis, dass nicht die Sinne das gesuchte unerschütterliche Fundament zu bilden vermögen. (Descartes 2008: 59 ff.) Was beim Stück Wachs allerdings gleich bleibt, ist seine Substanz, die in erster Linie eine Ausdehnung hat. Alle Dinge und Körper sind somit eine res extensa. Ein weiteres Argument für die Unzuverlässigkeit der Sinne ist der Traum; vor allem lebendige Träume scheinen nicht weniger wahr als die wach erlebte Wirklichkeit zu sein. Nicht einmal der Schmerz ist ein sicherer Beweis für die Wirklichkeit, denn »Phantomschmerzen« zeigen, wie sogar amputierte Glieder immer noch wehtun können.

An allem kann das Ich zweifeln, nur an einem nicht: dass es zweifelt und somit denkt. Das Subjekt kann sich die eigene Person zwar auch ohne einen Körper vorstellen, aber nicht ohne das Denkvermögen des Ich. Als ein unsterbliches [17] denkendes Ding (res cogitans) ist die Seele getrennt vom Körper. Dieser Leib-Seele-Dualismus führt zu einem Bild vom Körper, der sich wie eine Maschine passiv bewegen lässt, »wenn auch vielleicht nicht von selbst« (Descartes 2008: 51). Der cartesianische Dualismus wird dann in der Phänomenologie durch die Auffassung des Leibs als psychophysische Einheit abgelöst.

Aus Descartes’ Sicht ergibt sich auch, dass Wahrheit, deren Kriterium die Evidenz ist, allein mittels Vernunft zugänglich ist; ein Vorbild dafür sind die klaren und unbezweifelbaren Ideen der Mathematik. Die Sinne und die Einbildungskraft bilden dagegen nur dunkle und unklare Vorstellungen und bedürfen selbst des Verstandes, um zu einem echten Wissen zu gelangen.

Das cartesianische Denken hat die rationalistischen Erkenntnistheorien, etwa von Spinoza und Leibniz, maßgeblich geprägt. Im Unterschied dazu wertet der Empirismus die Sinneserfahrung als primäre Erkenntnisquelle. Nach Thomas Hobbes (1588–1679) bezeichnet die Erfahrung den »aus der Wahrnehmung vieler Dinge entstandenen Reichtum an Erscheinungsbildern« (Hobbes 1997: 257). Diese Bilder unterscheiden sich von Erinnerungen, Fantasien und Träumen: Die Erinnerungen sind gleichsam abgenutzt, die Fantasien bedürfen nicht der Anwesenheit des Gegenstands und sind blasser und schwächer als die Bilder vom Wahrgenommenen; schließlich sind die sich im Schlaf zeigenden Bilder meistens inkohärent und ungeordnet. Die Wahrnehmungen werden in Erfahrungsurteilen (häufig Kausalerklärungen) miteinander verknüpft, die sich auf Einzeldinge beziehen und somit keine universalen und notwendigen Aussagen sein können....

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