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Phänomenologie und Soziologie

Theoretische Positionen, aktuelle Problemfelder und empirische Umsetzungen

VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2008
Seitenanzahl409 Seiten
ISBN9783531910376
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis36,99 EUR
Der Band erörtert die Bedeutung der Phänomenologie für die Soziologie. Die 35 Autorinnen und Autoren erkunden und diskutieren die Anregungen, Chancen und Erträge phänomenologischen Denkens für die Sozialtheorie ebenso wie für die empirische Sozialforschung. Hierzu werden in dem Band Beiträge zu soziologischen Begriffs- und Theorieproblemen, zu methodisch-methodologischen Aspekten und zu aktuellen Gegenwartsfragen versammelt. Diese vermitteln nicht nur einen umfassenden Überblick über den augenblicklichen Stand einer in der Soziologie in jüngster Zeit wieder verstärkt geführten Auseinandersetzung mit der Phänomenologie, sondern sie beziehen auch pointiert Stellung innerhalb dieser Debatte. Denn bei aller Unterschiedlichkeit der Fragestellungen und Herangehensweisen eint die Autorinnen und Autoren die Einsicht in die konstitutive Bedeutung der Subjektivität für aktuelle soziologische Frage- und Problemstellungen


Dr. Jochen Dreher lehrt Soziologie an der Universität Konstanz und ist Geschäftsführer des Sozialwissenschaftlichen Archivs.
Dr. Michaela Pfadenhauer ist Professorin für Soziologie an der Universität Karlsruhe (TH).
Dr. Jürgen Raab ist Wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Konstanz.
Dr. Bernt Schnettler ist Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Soziologie der TU Berlin.
Dr. Peter Stegmaier forscht am Institute for Science, Innovation and Society und am Center for Society and Genomics an der Radboud Universiteit Nijmegen/NL.

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Leseprobe
Intersubjektivität bei Schütz – oder: Ist die Frage nach dem Anderen aus der Phänomenologie entlassen? (S. 187-188)
Nico Lüdtke

Die Ansätze in der Traditionslinie der phänomenologisch fundierten Soziologie von Schütz nehmen eine besondere Stellung innerhalb der Soziologie ein. Eines der hervorstechendsten Merkmale und zugleich Vorzüge dieser Konzeptionen ist, Grundlagenfragen (in Form von Konstitutionsfragen) und die empirische Forschung nicht gegeneinander auszuspielen, sondern beides gleichermaßen als Bestandteil soziologischer Forschung auszuweisen. Die konstitutiven Bedingungen des Sozialen stellen in diesem Zusammenhang eine Schwierigkeit dar. Hierbei sind zwei Aspekte zu berücksichtigen: Intersubjektivität und Fremdverstehen.

Das Problem des Fremdverstehens bedeutet die Frage danach, wie ein Anderer (anhand dessen Äußerungen) verstanden werden kann. Eine Analyse intersubjektiver Verhältnisse versucht hingegen zu klären, wer als Anderer überhaupt infrage kommt. Es geht dabei um die Untersuchung, welche Entitäten als Sozialwesen die konstitutiven Elemente sozialer Beziehungen sind. Diese Frage nach den »Grenzen des Sozialwelt« (Luckmann 1980 [1970]) zielt damit auf einen Problemkomplex ab, der deutlich von Fremdverstehen abzuheben ist. Die Auseinandersetzung mit dem Problem der Intersubjektivität ist der Herkunft nach der Philosophie zugehörig.

Die Übernahme von philosophischen Ansätzen in eine soziologische Sozialtheorie ist jedoch durchaus nicht unproblematisch: Die Suche nach der Möglichkeit, dass ego und alter sich gegenseitig als alter ego erkennen, ist eines der Grundsatzprobleme der abendländischen Philosophie – insbesondere aufgrund des großen Einflusses der cartesianischbewusstseinstheoretischen Philosophie. Vor dem Hintergrund, dass einem Ich-Bewusstsein immer nur Eigenpsychisches und niemals fremdes Bewusstsein zugänglich ist, wird die Frage aufgeworfen: Wie kann Ich sicherstellen, dass der Andere kompetenter Handlungspartner und nicht seelenloser Zombie ist?

In dieser Form führt die Frage nach dem alter ego geradewegs in eine Aporie für die Soziologie. Aus jener skeptischen Haltung heraus, die einzig eine Sphäre des einsamen Ich als sicheren Boden hat, lässt sich kein gesellschaftliches Miteinander begründen. Eine solipsistische Perspektive auf den Anderen unterläuft die notwendige soziologische Grundannahme, dass eine Verständigung von ego und alter wahrscheinlich ist, denn eine Wissenschaft des Sozialen muss die Möglichkeit einer gemeinsamen Welt voraussetzen.

Diese Schwierigkeit wird anhand Husserls einflussreicher Auseinandersetzung über das Problem des alter ego deutlich, die er im Rahmen der Entfaltung einer transzendental-phänomenologischen Philosophie – vor allem in dessen V. Cartesianischer Meditation (1977) – geführt hat. Insbesondere von Schütz, den Husserl selbst als großen Phänomenologen geschätzt hat, wurde versucht, diesen Ansatz für eine Fundierung von Intersubjektivität in den Sozialwissenschaften fruchtbar zu machen. Kann Husserl aus Sicht der Soziologie eine überzeugende Lösung des Intersubjektivitätsproblems aufweisen? Der Ausgangspunkt zur Beantwortung dieser Frage soll im Folgenden die kritische Auseinandersetzung sein, wie sie Schütz betrieben hat. Die Kritik von Schütz, die explizit in das Problem der Intersubjektivität hineinführt, ist eine gute Folie, auf der sich die Schwierigkeiten der Husserlschen Konstruktion abheben lassen.
Inhaltsverzeichnis
Inhalt5
Einleitung der Herausgeber8
Phänomenologie und Soziologie9
I Theoretische Positionen und Perspektiven28
Konstitution, Konstruktion: Phänomenologie, Sozialwissenschaft29
Die pragmatische Lebenswelttheorie37
Symbolische Präsenz: unmittelbare Vermittlung48
Transzendentale Subjektivität60
Das Ich als Handlung oder das handelnde Ich?69
Reflexive Wissenssoziologie als Sozialtheorie und79
Gesellschaftsanalyse79
Sociologia Perennis?90
Phänomenologie/Lebensphilosophie101
Tertiarität112
Von der Lebenswelt zu den Erlebniswelten122
Soziologie als Erfahrungswissenschaft132
Phänomenologie und Ethnomethodologie141
Phänomenologie und Systemtheorie152
Transzendentale, mundane und operative (systemtheoretische) Phänomenologie163
II Problemfelder und aktuelle Debatten172
Intersubjektivität bei Schütz – oder: Ist die Frage nach dem Anderen aus der Phänomenologie entlassen? 1173
Wege der Vermittlung zwischen Faktizität und Freiheit Zur Methodologie der Fremderfahrung bei Jean-Paul Sartre184
Soziales Handeln, Fremdverstehen und Handlungszuschreibung195
Verhalten, Handeln, Handlung und soziale Praxis206
Präsenz und mediale Präsentation216
Wie erschließt sich der Erfahrungsraum?226
Normative Praxis: konstitutions- und konstruktionsanalytische Grundlagen245
Repräsentation255
Politik, Symbolismus und Legitimität265
III Methodische Reflexionen und Analysen274
Protosoziologie der Freundschaft275
Widersprüchliches Wissen287
Symbole des Unfalltodes297
Introspektion306
Doing Phenomenology:317
Mitgehen als Methode327
Das beobachtende Interview337
Vom Sinn des Sehens347
Verordnete Augen-Blicke357
Musikalisches Improvisieren:366
Das Sirren in der Dschungelnacht – Zeigen durch Sich- wechselseitig- aufeinander-Einstimmen377
Autorenangaben387

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