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Pharma-Crime

Kopiert, gepanscht, verfälscht - Warum unsere Medikamente nicht mehr sicher sind

AutorDaniel Harrich, Danuta Harrich-Zandberg
VerlagHeyne
Erscheinungsjahr2017
Seitenanzahl272 Seiten
ISBN9783641209995
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis13,99 EUR
Die Pharmaindustrie hat die Kontrolle über ihre Produkte verloren: Bereits jedes hundertste Medikament in unseren Apotheken und Krankenhäusern ist gefälscht - und das ist nicht zu erkennen, denn äußerlich handelt es sich um Originalprodukte. Jedes Jahr sterben mindestens eine Million Menschen weltweit an gepanschten Arzneien, weil diese entweder gar keinen oder zu viel Wirkstoff oder giftige Trägerstoffe enthalten. Vor allem lebenserhaltende und stark nachgefragte Arzneimittel sind betroffen. Danuta Harrich-Zandberg und Daniel Harrich decken auf, wie es zu den Manipulationen kommt und welche Rolle die Pharmaunternehmen dabei spielen.
Ein spannender und erschütternder Bericht über Profitgier, die selbst vor unserer Gesundheit nicht haltmacht.


Daniel Harrich ist ein international tätiger investigativer Journalist und Autor. 2013 entstand unter seiner Regie der Spielfilm 'Der blinde Fleck - das Oktoberfestattentat'. Es folgte 2015 der Spielfilm 'Meister des Todes', Teil des ARD-Themenabends 'Tödliche Exporte' für den er mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde.
Im Heyne Verlag wurden bereits 'Pharma Crime' (2017) und 'Netzwerk des Todes' (2015) veröffentlicht.

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Leseprobe

Böse Fälscher und der Lifestyle

Eine harmlose Bestellung im Internet

Alles, was man für die Fälschung von Medikamenten braucht, ist eine Person mit Zugang zu einem kleinen Labor, einer Neigung zum Diebstahl sowie die totale Missachtung der Menschenwürde.

Milton Silverman von der Universität San Francisco (Global Pharma Health Fund e.V., 2004)

Maren B., Anfang dreißig, träumt vom Schlanksein. Dieser Traum sollte ihr fast zum Verhängnis werden. »Es war drei Jahre nach der Geburt meines Sohnes, und ich hatte noch nicht das Wunschgewicht«, erinnert sich die junge Mutter in einem Gespräch mit uns.

Es ist der Anfang des Jahres 2004. Mit guten Vorsätzen begibt sich Maren B. auf die Suche nach einem neuen Medikament, das gerade auf den Markt gekommen ist. »Xenical« heißt das Mittel, das sie im Internet finden will. Die Werbung der Schweizer Herstellerfirma Hoffmann-La Roche verspricht Großartiges, was Maren B. gerne glaubt. »Wenn man diese Pillen zum Essen nimmt, soll man das Fett ausscheiden. Das hat mich schon beeindruckt«, gesteht Maren B. Aber das Medikament ist damals rezeptpflichtig und soll nur unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden, wegen möglicher starker Nebenwirkungen, die sein Wirkstoff Orlistat in der Leber auslösen kann. Das geht bis hin zum tödlichen Leberversagen. Doch einen Arztbesuch will die junge Frau vermeiden. Sie schämt sich, dass sie noch immer nicht abgenommen hat, und außerdem fürchtet sie, der Arzt würde ihr zu Sport und weniger Essen raten. Auch mit ihrem Ehemann kann sie nicht darüber sprechen, denn der versteht ihren Diätwunsch nicht. Sie sei schön, wie sie ist, sagt er. Also beschließt Maren B., sich die neue Diätpille heimlich zu besorgen.

An diesem Tag wird Maren B. im Internet fündig und stößt mit nur wenigen Mausklicks auf ein vielversprechendes Angebot. »Ich brauchte nur Xenical einzugeben und konnte es bestellen. 60 Pillen für 140 Euro. Es wurde kein Rezept verlangt.« Die Internetseite wirkt seriös und trägt einen pharmazeutisch klingenden Namen: BestMedUnion.

Wenige Tage später trifft die Lieferung bei Maren B. ein. Eine Packung Xenical, die äußerlich exakt so aussieht wie das Original. Sie fängt mit der Behandlung an und nimmt die ersten Tabletten regelmäßig, wie auf dem Beipackzettel angewiesen. Doch das als Wundermittel angepriesene Präparat zeigt keine Wirkung. Es vergehen ein, zwei, drei Wochen, und Maren B. nimmt nicht ab. Enttäuscht und nichts ahnend ruft sie bei der Herstellerfirma Hoffmann-La Roche in der Schweiz an, um ihren Unmut kundzutun. Hoffmann-La Roche lässt sich die Internetware von Maren B. zur Verfügung stellen, um sie im firmeneigenen Labor zu testen. Die Laboranalyse bestätigt den Verdacht: Bei der Internetsendung handelt es sich um eine Totalfälschung. Das Mittel enthält keinen Wirkstoff. Maren B. und die Schweizer Herstellerfirma erstatten daraufhin Strafanzeige.

Die Anfänge: alles, was schlank, schön und potent macht

Lifestyle-Medikamente sind im normalen Handel teuer und werden wegen möglicher Nebenwirkungen von Apotheken und Ärzten nur kontrolliert abgegeben. Für Kriminelle, die mit gefälschten Pillen Kunden wie Maren B. betrügen, tat sich daher etwa seit der Jahrtausendwende ein lukratives Geschäft auf. Dem unglaublichen finanziellen Erfolg des Potenzmittels Viagra von Pfizer, das 1998 auf den Markt kam, folgte eine regelrechte Fälscher-Epidemie. Seither wird alles kopiert, was schlank, schön und potent macht. Etwa zur selben Zeit, Ende der 1990er-Jahre, entstand mit dem Internet eine neue Handelsplattform, die den Fälschern den Absatz ihrer Ware enorm erleichterte. Denn anders als zuvor stehen zwischen dem Hersteller eines Medikaments und dem Patienten keine fachlich ausgebildeten Personen mehr, also Ärzte oder Apotheker, die wissen, was sie verkaufen und an wen. Der Schamfaktor, der vielen Lifestyle-Medikamenten anhängt, tut ein Übriges: Menschen, die es wie Maren B. vorziehen, ein Abnehmpräparat oder ein Potenzmittel heimlich zu bestellen, bleiben bei der Onlinebestellung anonym. Das gilt erst recht für Personen, die wegen Vorerkrankungen wie Herzproblemen oder Organfehlern diese Präparate gar nicht bekommen dürften. Und für Anwendungen, die verboten sind, wie beispielsweise Anabolika und andere wachstums- und leistungssteigernde Mittel für Sportler. Der Schamfaktor, der Kunden in die Bereiche des anonymen Onlinehandels treibt, schützt zugleich die Fälscher fast immer vor Strafverfolgung. Denn wer erstattet schon Anzeige bei der Polizei mit dem Vorwurf, ein Abnehmpräparat habe nicht zur Wunschfigur oder Viagra nicht zu einer Erektion geführt?

Es ist überraschend leicht, verschreibungspflichtige Medikamente im Internet zu finden. Allein der Suchbegriff nach einem Medikament reicht aus, um bei Suchmaschinen wie Google auf zahlreiche Kaufanzeigen scheinbar seriöser Internet-Apotheken zu stoßen. So können Patienten sich weltweit auf eigene Faust, vorbei an allen Kontroll- und Sicherheitssystemen, mit Medikamenten versorgen. Bezahlt wird privat, ohne dass eine Krankenkasse eingebunden wird. Dass die Quellen fast immer fragwürdig sind, ist den wenigsten Kunden bewusst. Auch die Internetunternehmen stören sich offenbar nicht daran, dass es sich bei den Angeboten auf der jeweiligen Seite häufig um schädliche Medikamentenfälschungen handelt. Zumindest tun sie nichts dagegen – ganz im Gegenteil, sie kassieren fleißig ab.

Das liegt auch daran, dass immer mehr legale Apotheken mit ihrem Angebot ins Internet drängen, als Folge einer kaum aufzuhaltenden Entwicklung unserer digitalen Gesellschaft. »In den USA oder zum Beispiel Australien gibt es den Versandhandel mit Arzneimitteln schon lange. Dort erzwingt dies zum Teil einfach die Infrastruktur«, sagt Prof. Schweim und erklärt die Entwicklung am Beispiel Australien: »Sie können im australischen Busch nicht in die nächste Apotheke gehen. Da kommt das Flugzeug und wirft einen Sack mit den Arzneimitteln ab, die Sie brauchen. Da haben die Leute dann gemerkt, wenn wir gefälschtes Zeug unterschmuggeln, dann verdienen wir daran auch.« So seien ganze Fälschernetzwerke in diese Märkte eingedrungen. »Und dann kam eben der Versandhandel im Internet, und ganz wesentlich dafür war die Entwicklung im Westen: die sogenannten Lifestyle-Arzneimittel. Dinge, die schön und begehrenswert machen. Denn diese wurden in der Regel nicht vom Sozialversicherungssystem übernommen, sondern mussten privat bezahlt werden.«

Der größer werdende Onlinemarkt für Arzneimittel stellt Konsumenten und Behörden vor große Herausforderungen. Denn die Fälscher betreiben einen hohen Aufwand, um ihre Online-Apotheken seriös erscheinen zu lassen, sie investieren viel Geld in professionelles Design, einfache Bedienung und schnelle Abwicklung. Oft investieren sie sogar mehr in diese Bereiche als legale Internet-Apotheken. Häufig, so berichten uns Ermittler, seien diese Internetseiten mit Logos von TÜV oder/und Stiftung Warentest versehen. Alles, um dem Kunden Seriosität zu suggerieren und sein Vertrauen zu gewinnen.

Insgesamt kann man sagen, dass auch die Fälscher durch den Onlinemarkt vor neue Herausforderungen gestellt sind. »Man musste, sagen wir mal, in der organisierten Kriminalität eine Stufe höher, um Vertrieb und Ähnliches zu organisieren«, so Schweim. Aber das Gewinnpotenzial ist eben auch riesig, jede Investition lohnt sich. Der Großteil der Fälscher kommt nicht aus der Pharmabranche oder dem Gesundheitswesen, sondern aus dem Bereich der organisierten Kriminalität, des Drogenhandels und der Hehlerei. Es sind »böse Männer«, die in Hinterzimmern alles kopieren, was teuer ist. Gleichzeitig rufen die exorbitanten Gewinnaussichten auch Gelegenheitstäter auf den Plan, Menschen, denen sich – als Logistiker, bei Aufsichtsbehörden etc. – die Möglichkeit bietet, schnelles Geld zu verdienen, und die dieser Verlockung nicht widerstehen können.

Wer Arzneimittel in einer unseriösen Online-Apotheke bestellt, geht ein hohes Risiko ein, denn mindestens die Hälfte der dort angebotenen Mittel sind gefälscht, darin sind sich Ermittlungsbehörden, Apotheker und ihre Fachverbände einig. Untersuchungen zufolge liegen aber gerade die Deutschen bei der Risikofreudigkeit von Internetbestellungen an vorderster Stelle, wie der Zoll bei seiner Jahrespressekonferenz 2016 berichtete. Oft werde bei Arzneibestellungen nicht mal das Impressum des Anbieters gelesen. Bei einer von den Ermittlern eingerichteten Fake-Adresse einer Internet-Apotheke beispielsweise seien 1.400 Bestellungen eingegangen – obwohl im Impressum ausdrücklich der Hinweis gegeben wurde, dass der Anbieter nur darauf aus sei, die Kunden »zu belügen und zu betrügen«.

Die Pharmazeutische Zeitung berichtet im Mai 2016 über Untersuchungen, die das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker in Eschborn durchgeführt hat. In dem Institut wurden in den vergangenen Jahren mehrfach bei dubiosen Internetversendern bestellte Lifestyle-Arzneimittel geprüft. Zu den untersuchten Präparaten gehörten unter anderem die bekannten Medikamente gegen Erektionsstörungen Viagra, Levitra und Cialis. Mit folgenden Ergebnissen: Bei manchen Fälschungen entsprach der Wirkstoffgehalt dem des Originalprodukts. Bei anderen aber war zu viel oder zu wenig Wirkstoff enthalten. Bei wieder anderen lag der Wirkstoffgehalt weit über, bei manchen weit unter der korrekten Dosierung. Außerdem stellte sich heraus, dass Fälschungen mit sehr gut kopierten Verpackungen nicht automatisch darauf schließen ließen, dass auch das Präparat selbst den richtigen Inhalt bzw. die richtige Dosierung hatte. In vielen Fällen war es aufgrund der gut kopierten...

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