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E-Book

Philanthropisches Handeln

Eine historische Soziologie des Stiftens in Deutschland und den USA

AutorFrank Adloff
VerlagCampus Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl474 Seiten
ISBN9783593409795
FormatPDF
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis37,99 EUR
Die Zahl der Stiftungen in Deutschland steigt seit Jahren kontinuierlich an, ist im Vergleich zu den USA aber immer noch gering. Doch welche Rolle genau spielen Stiftungen in der modernen Gesellschaft? Frank Adloff vergleicht die Stiftungswesen in Deutschland und den USA aus einer historisch-soziologischen Perspektive von etwa 1800 bis zur Gegenwart. Er fragt nach der sozialen Bedeutung von Stiftungen und untersucht, welche sozialen Eliten dieses Instrumentarium für welche Zwecke nutzen, wie sich das Stiften vom Spenden unterscheidet, was die Bedingungen für Stiftungsbooms sind und was Stiftungen eigentlich leisten können.

Frank Adloff ist Professor für Allgemeine und Kultursoziologie an der Universität Erlangen.

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Leseprobe

1. Erklärungsansätze für philanthropisches Handeln: Rational Choice vs. Altruismus? (S. 25-26)

Im Folgenden wird es darum gehen, ein zweistufiges Theoriekonzept zum Thema Stiften und Stiftung zu entwerfen. Die erste Ebene berührt die Handlungsebene des Stiftens. Wie ist das Geben von Ressourcen an Dritte ohne materielle Gegenleistung zu erklären? Beruht es auf Interesse oder Moral? Ist diese dichotome Unterscheidung überhaupt sinnvoll? Zunächst (Kapitel 1) soll der Stand der Forschung zum sogenannten charitable giving skizziert und dann herausgearbeitet werden, dass die bisherige Forschungsliteratur diese wenig nützliche Dichotomie nicht nur reproduziert, sondern gleichsam auch der Vorstellung von einem Nullsummenspiel zwischen Interesse und Moral verfangen ist. Diese Dichotomie wird aufgebrochen, indem der gabentheoretische Ansatz von Marcel Mauss vorgestellt, vertieft und auf Fragestellungen moderner Philanthropie bezogen wird (2. und 3. Kapitel). Gaben transzendieren die Dichotomie Interesse versus Moral und sind auf soziale Beziehungen im Sinne von Reziprozitäten und auf Anerkennungsverhältnisse ausgerichtet.

Im zweiten Schritt wird dem Umstand Rechnung getragen, dass der Prozess des Stiftens institutionenbildend ist (4. Kapitel). Theorien der Institutionen werden deshalb diskutiert und darauf hin abgeklopft, inwiefern sie für eine Theorie der Stiftung genutzt werden können. Dabei wird sich zeigen, dass der Rehberg’sche Institutionenansatz in besonderer Weise geeignet ist, die Institution Stiftung verstehend und erklärend zu erschließen.

Stiftungen gelingt es nämlich auf besondere Weise, eine auratische Eigengeltung durch das Geben für gemeinwohlorientierte Zwecke zu reklamieren. Peter Halfpenny (1999) hat vor einigen Jahren eine Gegenüberstellung von ökonomischen und soziologischen Erklärungsansätzen für charitable giving vorgenommen, die sich in utilitaristische und normativistische Erklärungsprogramme teilen. Theorien der rationalen Wahl (rational choice), die vom nutzenmaximierenden Individuum ausgehen, nehmen an, dass der eigennützige Akteur keine Spende tätigen kann, ohne eine Gegenleistung zu erhalten. Geht man davon aus, dass es ökonomisch keinen Sinn macht zu spenden oder stiften, man also immer höhere Ausgaben als Einnahmen hat, müsste dieses Verhalten als nicht-rational gelten und außerhalb des Zuständigkeitsbereichs der neoklassischen Wirtschaftstheorie liegen (ebd.: 199). Da dies von Ökonomen als unbefriedigend angesehen wird, nimmt man in der Regel den Ausweg über die Erweiterung der theoretischen Annahmen beziehungsweise des Nutzenmodells. Entweder wird quasi-empirisch behauptet, dass die Hilfe für andere dem Geber psychologische Belohnungen (rewards) verschafft, oder es wird – rein formal – der Nutzen des Dritten in die eigene Nutzenfunktion integriert. Altruistisches (Spenden-) Verhalten wäre dann Teil der eigenen Nutzenfunktion.

Die Probleme einer solchen Theoriestrategie sind offenkundig: Erkennt man die Existenz nicht-rationalen Handelns an, schränkt man den Geltungsbereich ökonomischer Erklärungsansätze drastisch ein. Erweitert man das Nutzenmodell und gibt die dual utility function auf, wird die Theorie tautologisch. Wenn jegliches Handeln der Nutzenmaximierung dient – wobei der Nutzen aus Einkommen, Ansehen, moralischer Integrität, altruistischem Selbstopfer oder was auch immer bestehen kann –, ist die Theorie nicht mehr in der Lage falsifizierend zu unterscheiden, da sie immer wahr und gleichzeitig inhaltsleer ist (vgl. Etzioni 1988). Ein intelligentes Ausweichmanöver gegenüber dieser Kritik besteht in der Auffassung, dass die Redeweise von Nutzen- und Zweckorientierung gar keine empirische Beschreibung menschlichen Handelns anstrebe, sondern als ein normativanalytisches Modell zu verstehen ist (vgl. Beckert 1997: 27). Ein solches Modell kann Akteure über die Erreichbarkeit von Zielen informieren und die besten Wege dorthin aufzeigen. Erst dort, wo das tatsächliche Handeln der Rationalitätsnorm nahe kommt, kann das normativ-analytische Modell auch empirisch angewandt werden.

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt6
Vorbemerkung10
Einleitung12
Teil I: Theoretische Sondierungen24
1. Erklärungsansätze für philanthropisches Handeln: Rational Choice vs. Altruismus?26
2. Zur Theorie der Gabe35
2.1 Gabe und Reziprozität bei Marcel Mauss39
2.2 Reziprozität in der Sozialtheorie: Nicht-individualistische und utilitaristische Fortentwicklungen43
2.3 Die Gabe jenseits von Interesse und Norm50
3. Ein interaktionistisches Mikromodell philanthropischen Handelns57
4. Gabe und Institution65
4.1 Zur Theorie der Institution65
4.2 Institutionalisiertes Geben oder das Charisma der Stiftung71
Teil II: Gegenwartsbezogene empirische Sondierungen82
5. Philanthropie in den USA und Deutschland: Ein Überblick84
5.1 Zivilgesellschaft und Nonprofit-Sektor85
5.2 Empirische Befunde zur Soziologie des Spendens93
5.2.1 Spenden und Spendenverhalten in den USA95
5.2.2 Spenden und Spendenverhalten in Deutschland101
5.3 Die Rationalisierung des Fundraisings107
5.4 Stiftungen in den USA110
5.5 Stiftungen in Deutschland115
5.6 Europäische Stiftungssektoren im Vergleich124
6. Gemeinwohl und Gemeinnützigkeit133
7. Stiftung, Vermögen und Erbschaft146
Zwischenfazit164
Teil III: Stiftungen in Deutschland und den USA: Historisch-soziologische Zugriffe170
8. Forschungsdesign: Ein historischsoziologischer und komparativer Ansatz172
8.1 Die Methodik des historisch-soziologischen Vergleichs174
8.2 Gesellschaftsvergleich und amerikanischer Exzeptionalismus183
9. Stiftungen in der Vormoderne189
9.1 Antike europäische Wurzeln des Stiftungswesens191
9.2 Transformationen des Stiftungswesens: Vom Mittelalter bis zur Reformation und zum Charity Law198
10. Philanthropie in den USA und Deutschland im 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert213
10.1 Charity und Religion in den Vereinigten Staaten des 19. Jahrhunderts213
10.2 Staat und Stiftungen in Deutschland im 19. Jahrhundert235
10.3 Die Erfindung der amerikanischen philanthropic foundation im frühen 20. Jahrhundert251
10.4 Stiftungsboom in Deutschland um 1900272
Exkurs: Transatlantische Ähnlichkeiten und Verbindungen280
11. Stiftungen im 20. Jahrhundert296
11.1 Amerikanische Stiftungen und die New Deal coalition der 1930er bis 1970er Jahre296
11.2 Studien amerikanischer Philanthropie oder: Wer sind die Stifter?315
11.3 Die Auflösung des liberalen Konsens: Stiftungen in den USA seit den 1970er Jahren332
11.4 Philanthropie in Deutschland nach 1945: Eine Annäherung352
11.5 Stiftungen in Deutschland und ihre Einbettung in Staat und Gesellschaft375
11.5.1 Die Zweiteilung des deutschen Stiftungssektors382
11.5.2 Stiftungen als Instrumente der Grenzüberbrückung397
11.5.3 Zur Gegenwart und Zukunft deutscher Stiftungen402
Schluss408
Literatur419
Anhang473

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