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E-Book

Pizza globale

Ein Lieblingsessen erklärt die Welt

AutorPaul Trummer
VerlagUllstein
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl208 Seiten
ISBN9783430920063
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Jeder liebt Pizza. Doch nur die wenigsten wissen, welche globalen Probleme in unserem Lieblingsgericht stecken. Anhand der einzelnen Pizzazutaten erklärt der Wirtschaftsjournalist Paul Trummer beispielhaft die Welt der Nahrungsmittel- hersteller: Börsenspekulationen führen zu explodierenden Getreidepreisen. Tomaten und Zucchini wachsen durch künstliches Saatgut, das die Bauern in die Abhängigkeit internationaler Konzerne treibt. Das Futter unserer Kühe kommt aus Südamerika, und afrikanische Viehzüchter leiden an dem subventionierten Export von Huhn- und Schweineresten aus Europa. Pizza Globale bietet umfassend und anschaulich Einblick in die moderne Lebensmittelindustrie und leistet wichtige Verbraucheraufklärung.


Paul Trummer lebt als Wirtschaftsjournalist in Wien. Er hat Betriebswirtschaft und Journalismus studiert. Nach Stationen bei sueddeutsche.de und Financial Times Deutschland kehrte er 2007 nach Österreich zurück und schreibt nun für die Wiener Tageszeitung Kurier.

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Leseprobe

DIE NEUE ERNÄHRUNG

Es gibt Salami-Pizza

Zugegeben: Es war stressig heute im Büro. Erst gegen 19 Uhr schwang die schwere Tür des Redaktionsgebäudes hinter mir zu, reichlich spät für jemanden, der an den Komfort eines 9-to-5-Jobs gewöhnt ist. Noch dazu war Freitag, und das Wochenendprogramm sollte auch noch erstellt werden.

Bei meinem Supermarkt um die Ecke war die Schlange vor der Kasse an diesem Freitagabend zwar besonders lang, doch der Hunger meldete sich. Schnell und in Gedanken verloren wählte ich Fertig-Pizza, Tomaten für einen Salat und eine Cola – 6,40 bitte – schönes Wochenende – Ihnen auch.

Nun zählt tiefgekühlte Salami-Pizza nicht unbedingt zu meinen Lieblingsspeisen – aber wie gesagt, der Tag war stressig gewesen und meine Lust auf Kochen tendierte gegen null. Ab und zu probiere ich gerne etwas aus. Mir macht es Spaß, gute Pasta zuzubereiten oder ein Steak zart anzubraten. Aber ich brauche Zeit, um mit Freude zu kochen. Meistens esse ich abends bloß eine Kleinigkeit. Ich gebe mir jedoch Mühe, es optisch nett zu arrangieren. Sie wissen schon, Pasta mit Fertigsauce, aber mit Basilikumblättchen und so. Zu Hause steckte ich also die Pizza rasch in den Ofen und verschwand unter der Dusche.

Wenige Minuten später öffnete ich vorsichtig das Backrohr: Wärme strömte mir entgegen, doch kein Geruch. »Die Pizza ist fertig, wenn der Käse zart geschmolzen ist«, stand auf der Packung. Doch ich vertraute lieber meinem persönlichen Signal: Die Pizza ist fertig, wenn es verführerisch duftet, hatte mich die Erfahrung gelehrt. So blieb noch Zeit, um Tomaten zu schneiden und sie mit Balsamico-Essig und Olivenöl zu beträufeln. Ich hatte Glück: Die roten Früchte schmeckten tatsächlich nach Natur und nicht nach Tennisbällen wie vieles dieser Importware, die im Winter in unseren Supermärkten landet.

Alle mögen Tomaten. In meiner Heimat Österreich sind sie laut Statistik das Lieblingsgemüse der Bevölkerung. Zugegeben: Ich leiste mir meine etwas überteuerte Wohnung tatsächlich auch, um am nahe gelegenen Markt Tomaten, frisches Gemüse und Obst einkaufen zu können. Dass ich oftmals nach der Arbeit wenig Lust verspüre, den Umweg zum Markt zu machen, und stattdessen lieber alles im Supermarkt besorge, wusste ich vor meinem Einzug natürlich noch nicht.

Der verführerische Duft aus dem Ofen ließ mich handeln: Pizza raus, Vorsicht, heißes Blech, Tomaten noch salzen, Cola, Pizza zerteilen, Fernseher an und Buon Appetito! Im TV flimmerten die Abendnachrichten über den Bildschirm. Berichte über ein EU-Gipfeltreffen, Ölpreis und eine Überschwemmung in einem fernen Land konnten mich kaum unterhalten. Zu ähnlich sind die täglichen Meldungen, und schon am nächsten Tag ist die Nachricht Schall und Rauch.

Ich überlegte kurz, ob der Name Pizza Quattro Stagioni wohl tatsächlich etwas mit den Jahreszeiten zu tun hat, aß alles auf, machte den Abwasch. Ein Anruf festigte das Programm für den Freitagabend: Freund Markus schlug zuerst ein gemütliches Bier vor, danach eine nicht zu schicke Bar (würde wohl ebenfalls Bier werden). Ja, das klang doch ganz gut. Eine Stunde, nachdem ich meine Wohnungstür geöffnet hatte, war ich wieder bereit zum Weggehen. Mit Selbstkochen hätte ich das nie geschafft.

Am Samstagvormittag blinzelte ich mit einem ordentlichen Kater den Sonnenstrahlen in meinem hellen Schlafzimmer entgegen. Ich schaffte es, Kaffee aufzusetzen, stieß mit den nackten Zehen den im Weg liegenden Pizza-Karton in die Ecke. Wer war übrigens der Produzent meiner Pizza?, fragte ich mich im Halbschlaf. Und wie war das nun mit Quattro Stagioni? Welche Zutat stand für welche Jahreszeit? Vielleicht sollte ich den Kundenservice des Herstellers anrufen, um diese entscheidende Frage zu klären.

Der Kaffee vertrieb meine philosophischen Fragen und machte den Kopf allmählich klar. Ich griff zur Zeitung des Vortages und entdeckte die Antwort zumindest auf eine meiner Fragen: 1,6 Milliarden Euro Umsatz machte die Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG im Jahr 2007, las ich. Und 33 Prozent davon stammten vom Sortiment Tiefkühl-Pizza/Tiefkühl-Snacks – Tendenz stark steigend. Der Familienbetrieb aus dem deutschen Bielefeld, einer der bekanntesten Nahrungsmittelproduzenten Europas, war auch für meine Salami-Pizza verantwortlich.

Gratulation, für ein Massenprodukt schmeckte die eigentlich ziemlich gut. »Die Zahl der Mitarbeiter von Dr. Oetker nahm 2007 um 67 Beschäftigte auf 7301 zu«, las ich weiter – eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass die Nahrungsmittelproduktion heutzutage doch schon weitgehend automatisiert ist, oder? So ganz sicher war ich mir dabei jedoch nicht, da ich noch nie die Produktion einer Tiefkühl-Pizza live erlebt hatte. Aber wer hat das schon?

Essen aus dem Labor

Wir haben noch nie so viel industriell produzierte Nahrung zu uns genommen wie heute. Zeit ist knapp, und immer öfter überlassen wir die zeitraubende Zubereitung von Essen den Nahrungsmittelkonzernen. Durch diese Entwicklung haben wir Konsumenten den Bezug zu den Rohstoffen und ihrer Verarbeitung verloren. Kaum jemand von uns weiß, wie seine Supermarktnahrung hergestellt wird; wir alle vertrauen auf die Lebensmittel aus dem Labor.

Zu Urzeiten hat man vor allem gegessen, um zu überleben und um Kraft zu tanken – für den Fall, dass man vor wilden Säbelzahntigern davonlaufen musste. Dann entdeckte jemand (dem ich hiermit den allergrößten Dank aussprechen möchte!), dass Essen auch etwas sehr Schönes sein kann, wenn es nach etwas schmeckt – und diese Geschmackserlebnisse wurden über Tausende von Jahren kultiviert.

Mit der Entwicklung der industrialisierten Herstellung von Nahrung im 20. Jahrhundert hielt die Chemie Einzug in unser Essen: Chemische Konservierungsstoffe erlaubten es, Nahrungsmittel in großer Anzahl herzustellen und so lange zu lagern, bis der Konsument sie verspeiste. Der Siegeszug von Tiefkühlgeräten in Privathaushalten verlieh der Industrie einen kräftigen Schub, machte doch die Gefriertechnik das Konservieren noch einfacher. Um durch die Verarbeitung entstandene Geschmacksverluste zu kompensieren, wurde und wird an Geschmacksträgern wie Salz, Zucker oder Fett nicht gespart, und chemische Hilfsmittel sorgen für ansprechende Optik, Stabilität und vieles mehr.

Mitte des 20. Jahrhunderts kam die Anforderung hinzu, dass Essen auch gesund sein sollte. Entsprechend dem damaligen Stand der Wissenschaft verbannte man tierische Fette aus der Küche und ersetzte sie durch pflanzliche Fette: Statt Butter gab es Margarine. Beschichtete Teflon-Pfannen, die Fett einsparten, traten ihren weltweiten Siegeszug an. Aber auch das reicht uns nicht mehr. Heute muss Essen zusätzlich eine Funktion haben. Ballaststoffe, Bakterienkulturen, Omega-3-Fettsäuren, Vitamine: Unsere heutige Nahrung will uns helfen, jünger, schöner, gesünder und vitaler zu bleiben. Daher essen wir Joghurts, die die Verdauung regulieren, greifen überall zu, wo Vitamin C auf der Verpackung steht, oder glauben an Molkedrinks, die die Abwehrkräfte stärken, und lassen Obst und Gemüse links liegen. Weil das Essen aus dem Labor verspricht, weniger Kalorien zu haben, essen wir mehr davon, anstatt uns im Kampf gegen Übergewicht einfach öfter zu bewegen. Auch finden wir es bequemer, im Supermarktregal zum gewohnten Produkt mit der Aufschrift »Light« zu greifen, anstatt unsere Ernährungsgewohnheiten wirklich zu überdenken.

Die Industrie freut sich über unsere Faulheit. Sie forscht in diesen Minuten an unserem Essen für morgen – zu möglichst geringen Produktionskosten. Wie weit die technischen Möglichkeiten fortgeschritten sind, beschreibt Hans-Ulrich Grimm in seinem Buch Die Suppe lügt:1 Er berichtet von Rübenschnitzeln und Kartoffelabfällen, für die Forscher eine große Zukunft als Nahrungsmittelzutaten sehen, etwa für Fruchtsäfte, Milchprodukte oder Backwaren. Der Mischkonzern Procter & Gamble forsche zum Beispiel an Fettersatzstoffen, Unilever an Verfahren, um aus einem Mix aus Fruchtabfällen, Algenextrakt und Geschmacksstoffen »natürliche Früchte vorzutäuschen«. Aus Schweinefleisch könnten schon Muscheln hergestellt werden, aus Fischeiweiß mit Aromen Schweinswürste. Das sei vor allem kostensparend: Aus der Tiefe des Meeres würde in Unmengen Krill, ein winziger Leuchtkrebs, gefördert, zerlegt, zu standardisierten Blöcken gepresst und aromatisiert. Auch die Herstellung eines simulierten Roheies sei technisch bereits möglich, ebenso die Produktion von Schmelzkäse aus Bakterien oder die Formung von Kunstspeck aus Fett und Proteinen.

Uns Konsumenten lässt dieser technische Fortschritt auf verlorenem Posten zurück. Eine bewusste Selektion aus der angebotenen Vielfalt an modernen Nahrungsmitteln ist nur schwer möglich: Das Angebot ist nicht mehr zu überblicken. Das Sortiment eines normalen Supermarktes umfasst heute zwischen 8000 und 10000 Produkte. Die Bilanzen blühen, wenn wir Konsumenten kräftig zugreifen, sei es aus Gesundheits- oder anderen Gründen. Übersehen wird angesichts des Riesensortiments aber, dass die meisten verarbeiteten Produkte aus denselben Grundzutaten bestehen. Die industrielle Herstellung basiert nämlich auf wenigen standardisierten Rohstoffen, die zu niedrigen Preisen erhältlich sind.

Unserer Gesundheit erweist die Auswahl der Zutaten nach technischer Verarbeitungsfähigkeit und...

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