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Poetik des Rituals

Konstruktion und Funktion politischen Handelns in mittelalterlicher Literatur

AutorCorinna Dörrich
Verlagwbg Academic
Erscheinungsjahr2012
Seitenanzahl229 Seiten
ISBN9783534709281
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis39,99 EUR
Rituale sind ein wesentlicher Teil symbolischer Kommunikation im Mittelalter - dies hat nicht nur die Geschichtswissenschaft erkannt, die den Stellenwert von Ritualen im politischen Leben untersucht, sondern auch die Literaturwissenschaft, die der Bedeutung von geschilderten politischen Ritualen für das Verständnis literarischer Texte nachgeht. Corinna Dörrich zeichnet im ersten Teil ihrer Studie anhand historiographischer und literarischer Texte eine ?kulturelle Poetik? des Rituals nach. Im zweiten Teil untersucht sie Rituale unter der Perspektive einer im engeren Sinne literarischen Poetik. Sie zeigt, wie Rituale in literarischen Texten nicht nur von historischen ?Spielregeln? des Verhaltens gesteuert, sondern auch für das Erzählen selbst funktionalisiert werden. Sie plädiert für eine Lesart von Ritualen, in der Regeln politischen Verhaltens und Regeln des Erzählens gleichermaßen berücksichtigt und gerade in ihrer Wechselwirkung beschrieben werden. Sie gewinnt so den Texten sowohl in historischer als auch in literaturwissenschaftlicher Hinsicht neue Perspektiven für das Verständnis mittelalterlicher Gesellschaft und Kommunikation ab.

Corinna Dörrich, geb. 1966, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche Philologie (Mediävistik) der Ludwig-Maximilians-Universität München.

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Leseprobe

Formalität und Ritualität: Wolframs Gralsritual I


Ein herausragendes Beispiel dafür, wie ein fiktionaler Text sich der in diesem Kapitel umrissenen formalen Konstitutionsbedingungen eines Rituals im kulturellen System seiner Zeit bedient, um einer von ihm entworfenen Handlungssequenz rituellen Charakter zu verleihen, ist das Gralsritual in Wolframs ›Parzival‹. Die Analyse dieses Rituals bildet den Abschluß des Kapitels, weil sie nicht nur die eminente Bedeutung der Formgebundenheit mittelalterlicher Rituale aus einer spezifisch literarischen Perspektive nochmals bestätigt, sondern auch einen ersten Ausblick auf die Möglichkeiten literarischer Texte bietet, in der Darstellung von Ritualen textinterne Bedeutungen zu generieren.

Wolframs Darstellung von Parzivals Aufenthalt auf der Gralsburg, seine Gestaltung des Gralsaufzugs und die damit verbundene Frage nach der Erlösung unterscheiden sich erheblich von seiner Vorlage, Chrétiens ›Conte du Graal‹. Das ist bekannt, und die Forschung hat sich mit den Abweichungen Wolframs im Handlungsgang, in der Vorstellung vom Gral und der Konzeption der Erlösung der Gralsgesellschaft ausführlich beschäftigt.80 Die folgenden Überlegungen beschränken sich deshalb auf die für die Formalität des Gralsrituals wichtigen Beobachtungen: Wolfram erzählt ein gegenüber Chrétien eigenständiges, völlig andersartiges Ritual, und er ‚erfindet‘ dieses Ritual, indem er – darauf gilt es die Aufmerksamkeit zu lenken – eine hochgradig formalisierte Handlungsfolge konstruiert. Daß der rituelle Charakter dieser Handlungen auch von ihrer Substanz und Funktion abhängt, versteht sich von selbst und wird später auszuführen sein. Doch lohnt es zunächst, die Gemachtheit des Gralsrituals, seine formale Poetik zu analysieren.

Bei Chrétien81 findet der Aufzug des Grals statt, als der Gralskönig Perceval im Palas der Gralsburg, einem repräsentativen Raum, der als solcher aber nur partiell realisiert ist, bewirtet.82 Die Handlung ist in ihrer Formalität insgesamt wenig ausgeprägt und zeichnet sich vor allem durch das Prinzip der Wiederholung zweier analog organisierter, sehr einfach strukturierter Sequenzen aus, in deren Mittelpunkt drei bedeutsame Gegenstände stehen: zuerst die blutende Lanze, dann der Gral und ein silberner Teller.83

Zunächst tritt ein Knappe mit der Lanze, aus deren Spitze Blut läuft (3196  3201), aus einer Kammer (3191), durchquert den Raum genau zwischen Bett und Kamin (3194f.) und verschwindet in einem anderen Raum (vgl. 3240  42). Unmittelbar daran schließt sich die zweite Handlungssequenz an: Zwei Knappen tragen Leuchter, gefolgt von einem Fräulein mit dem Gral und einem anderen mit der silbernen Platte (3213  39). Diese Gruppe vollzieht die gleiche räumliche Bewegung wie der Lanzenträger (3240  42; 3559f.); die enge Zusammengehörigkeit der beiden Handlungssequenzen wird eigens unterstrichen: Tot ausi con passa la lance (3240). Wiederholung kennzeichnet auch die übrige Handlung: Während des in seiner Speisenfolge ausführlich beschriebenen Mahles (3280  89; 3320  33) zieht der Gral noch mehrmals an Perceval vorüber (3290f.; 3299  3301), ohne daß der Text jedoch weitere Angaben über die Formation und Richtung der Bewegung macht. Auch andere Details der Handlung (etwa Gesten, Kleidung, Funktionen der Handlungsträger usw.) bleiben ausgespart. Charakteristisch ist ebenso, daß die Handlung, deren Form bekannt und fest zu sein scheint,84 sich insgesamt eher en passant ereignet.85

Demgegenüber stellt Wolfram das Gralsritual in das Zentrum der Handlung. Seine Darstellung ist zunächst von einem durchgängigen Überbietungsgestus gegenüber Chrétien geprägt. Dies zeigt sich bereits in der repräsentativen Ausstattung des Raumes, in der das Ritual stattfindet. Die Bemerkung des Erzählers bei Chrétien, um das Feuer im Palas hätten gut vierhundert Leute sitzen können (3096  98), wird bei Wolfram realisiert, indem er den Saal mit hundert Sitzgelegenheiten für je vier Ritter füllt (229,28  230,1). Anwesend sind während des Rituals also nicht nur Knappen und Bedienstete, sondern (repräsentativ oder de facto) die ganze Gralsgesellschaft. Auch die festliche Beleuchtung des Raumes wird bei Wolfram detailliert beschrieben: Hundert Kronleuchter sind über den hundert Sitzgruppen angebracht (229,24 f.); zudem spenden weitere, an den Wänden befestigte Kerzen (229,27) und drei viereckige Kamine (230,9) Licht – auch dies eine Steigerung gegenüber Chrétien.86 In den Kaminen brennt denn auch nicht wie bei Chrétien trockenes Brennholz (3094), sondern Aloeholz, so daß neben den visuellen Reizen auch olfaktorische geschaffen werden.87

Neben dieser situativen Rahmung der Szene werden auch die rituellen Handlungen selbst mittels einer durchgreifenden Formalisierung entschieden verändert. Zunächst wird die Präsentation der blutigen Lanze als eine eigenständige Handlung vom späteren Gralsritual abgesondert.88 Diese Differenzierung beider Vorgänge wird bereits mit Hilfe der dem Geschlecht nach differenten personellen Besetzung angezeigt: Während die Lanze von einem Knappen getragen wird, besteht die Gralsprozession ausschließlich aus adligen, z. T. explizit dem Hochadel angehörenden Frauen (232,25; 233,1; 234,12  16). Differenziert sind beide Handlungen auch räumlich. Zum einen betreten der Lanzenträger und später die Frauen den Saal ausdrücklich durch verschiedene Türen (231,17f. u. 27  30; 232,9f.; 240,21f.).89 Zum andern ist auch die Art der jeweiligen Bewegungen im Raum unterschiedlich: Der Knappe präsentiert die Lanze, indem er den Raum entlang seiner vier Wände abschreitet (er truoc se in sînen henden / alumb zen vier wenden, 231,27 f.), bevor er ihn wieder verläßt. Die Frauen hingegen bleiben bis zum Abschluß des Mahles im Raum präsent. Auch die Bewegungsarten differieren. Während bei der Gralsprozession das gemessene Schreiten betont wird (234,1 f.; 235,4 f.), ist das ‚Lanzenritual‘ von ungestümen Bewegungen geprägt: Der Knappe ‚springt‘ in den Raum und verläßt ihn ebenso ‚springend‘ (231,17; 231,30). Das durch die Präsentation der Lanze ausgelöste Jammergeschrei der Gesellschaft wird zu Beginn der Gralszeremonie außerdem als eine eindeutig abgeschlossene Handlung dargestellt (Gestillet was des volkes nôt, 232,1), was durch einen an die Rezipienten gerichteten Erzählereinschub eigens unterstrichen wird:

wil iuch nu niht erlangen,

sô wirt hie zuo gevangen

daz ich iuch bringe an die vart,

wie dâ mit zuht gedienet wart.

(232,58)

Wie man später erfährt, ist die Präsentation der Lanze auch zeitlich vom Gralsritual gelöst, indem die periodische Wiederkehr beider ritueller Handlungen unterschiedlich bestimmt ist. Die Lanze dient als medizinisches Gerät bei der Behandlung von Anfortas’ Wundschmerzen, die aufgrund einer seltenen Planetenkonstellation besonders unerträglich sind.90 Während also das rituelle Tragen der Lanze an diese rhythmisch wiederkehrende Planetenkonstellation gebunden – vielleicht sogar einmalig – ist,91 sich aber auf alle Fälle mit Anfortas’ Genesung erübrigt, findet das Gralsritual prinzipiell zu hôchgezîten statt (807,18) und besteht auch nach der Heilung des Königs fort.92

Der erste Teil des eigentlichen Gralsrituals besteht bei Wolfram – ganz anders als bei Chrétien – im Bereiten des Gralstisches durch die Gralshüterinnen. Dieser Teil setzt sich aus mehreren Handlungssequenzen zusammen, die nach einem festen Schema verlaufen und auf unterschiedlichsten Ebenen von Ordnungshaftigkeit geprägt sind. Formalisiert sind zunächst die verschiedenen Bewegungen und Gesten. Prozessionsartig treten in gewissem Abstand vier Frauengruppen auf,93 die in sich wiederum zweigeteilt sind: Der eine Teil der Gruppe trägt Beleuchtungen verschiedener Art, während der andere jeweils ein rituelles Gerät präsentiert. Diese Präsentation erfolgt stets auf gleiche Weise: Nach dem Einzug durch eine stählîn tür (232,10) verneigen sich die Frauen vor dem König und plazieren anschließend die von ihnen gebrachten Gegenstände (233,5  7; 233,25  30; 235,1  3; 236,5  11); dann tritt die Gruppe mit zühten zur Seite (234,1f.; 235,4f.), bis schließlich alle tableauartig so stehen, daß Repanse, die künegîn und Gralsträgerin, in der Mitte von je zwölf Frauen gerahmt wird (236,16  22).

Die Sukzession dieser Gruppen folgt dem Prinzip der Steigerung, das von Wert und Bedeutung ihrer rituellen Gegenstände bestimmt ist: zunächst elfenbeinerne Tischgestelle, dann die dazugehörige Tischplatte aus einem grânât jâchant (233,20), anschließend silberne Messer, endlich – als Höhepunkt – der Gral. Dieses Steigerungsmoment spiegelt sich auch in der Kleidung der innerhalb einer Gruppe jeweils uniform gekleideten Frauen: Während die ersten beiden Gruppen, die den Tisch aufstellen, jeweils einfarbige Gewänder tragen (232,22  30; 233,11; 234,3  8),...

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