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Politische Führung in westlichen Regierungssystemen

Theorie und Praxis im internationalen Vergleich

VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl382 Seiten
ISBN9783531919294
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis46,99 EUR
Explorative Studien weisen seit langem darauf hin, dass die Führungsstile von Regierungschefs im internationalen Vergleich deutlich variieren. Dieser Sammelband geht diesem Sachverhalt genauer auf den Grund und zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede politischer Führungsmuster in komparativer Perspektive auf. In elf Fallstudien werden die Führungsstile in parlamentarischen und präsidentiellen Regierungssystemen, in föderalen und einheitsstaatlichen Ordnungen sowie in etablierten Demokratien und Transformationsstaaten dargestellt. Beiträge zum Stand der interdisziplinären Führungsforschung erschließen zudem den nötigen theoretischen Rahmen, um die Ergebnisse zu erklären.

Dr. Martin Sebaldt ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Regensburg.
Henrik Gast ist Politikwissenschaftler an der Universität Regensburg.

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Leseprobe
Politische Führung im Semipräsidentialismus: das Fallbeispiel Frankreich (S. 257-258)

Nina Huthöfer

1 Der Semipräsidentialismus in der französischen Politikwissenschaft

Die Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der politischen Führung in Frankreich ist so alt wie die V. Republik selbst. Sie stand meist im Zusammenhang mit der typologischen Einordnung des Systems. Seit 1958 fragen sich Wissenschaftler, ob es sich beim französischen System um eine monarchie présidentielle oder eine dyarchie parlementaire handelt.

Der erste Präsident, Charles de Gaulle, gab der Diskussion zusätzlich Nahrung, da er die Kompetenzen des Präsidenten über den Verfassungstext hinaus ausweitete. Zum Kreis dieser Wissenschaftler, die sich mit dem Verhältnis zwischen Staatspräsident und Premierminister auseinandergesetzt haben, gehören etwa Jean Massot (1987, 1993, 2001) oder Philippe Ardant (1987).

Neuen Auftrieb bekam die Diskussion jeweils während Phasen politischer Cohabitation. Anders als befürchtet zerbrach das System an dieser Belastungsprobe nicht, auch wenn der Premierminister die politische Führung übernahm und die Rolle des Staatsoberhaupts stärker auf ihre repräsentativen Funktionen reduziert wurde (siehe etwa Ardant 1999; Rouvillois 2001).

Hubert Beuve-Méry, Journalist und Gründer der Zeitung Le Monde, benutzte den Begriff des semipräsidentiellen Systems im Jahr 1959 als Erster, ohne ihn jedoch näher zu definieren (Elgie 2004a: 1). Im Jahr 1970 führte Maurice Duverger den Begriff in die französische Politikwissenschaft ein.1 Er bezeichnete das politische System der V. Republik aufgrund der Verschmelzung von Merkmalen präsidentieller und parlamentarischer Regierungssysteme als semipräsidentiell (Duverger 1970: 277).

In der Praxis überwiegt bei parteipolitischer Übereinstimmung innerhalb der Exekutive der präsidentielle Charakter des Systems, in Zeiten einer Cohabitation dagegen ist die Nähe zum parlamentarischen Regierungssystem größer. Duverger arbeitete die Besonderheiten des Semipräsidentialismus sukzessive stärker heraus (Duverger 1974, 1978 und 1980). Durch seine Vorarbeit entstand in Frankreich Ende der 1970er Jahre eine rege Diskussion (Elgie 2004a: 1).

Außerhalb Frankreichs erregte die Theorie des Semipräsidentialismus erst in den 1980er Jahren das Interesse der Forschungsgemeinde. Gegenwärtig gibt es wenig Neues zum Konzept des Semipräsidentialismus, obwohl es immer wieder kritisiert wurde. Die Kritik beruhte insbesondere auf Unklarheiten bezüglich der Definition des Begriffs und der Klassifizierung von Ländern, die diesem Typ entsprechen (Elgie 2004a: 2ff.).

Den Semipräsidentialismus als eigenen Systemtyp zu bewerten, ist selbst innerhalb Frankreichs umstritten.2 „Largement adoptée […] la notion de regime semi-présidentiel est encore controversée en France. […] la plupart des constituionnalistes de l’hexagone (mis à part les plus sérieux) rendent encore un culte fétichiste à cette vision dualiste [régime parlementaire et présidentiel] et jugent sacrilege qu’on propose de la completer par un modèle nouveau […]“ (Duverger 1992: 901f.).
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Inhalt5
Vorwort7
Einführung und theoretische Grundlagen9
Politische Führung als politikwissenschaftliches Problem: zur Einführung in den Gegenstand10
1 Politische Führung und „Leadership“: die Fragestellung10
2 Die Exekutivforschung – ein unterbelichtetes Feld?10
3 Was heißt eigentlich „politische Führung“?11
4 Das integrative Paradigma des interaktionistischen Ansatzes14
5 Allgemeine Defizite der politikwissenschaftlichen Führungsforschung25
6 Die interdisziplinäre Zukunftsperspektive der Führungsforschung27
Politische Führung als Gegenstand interdisziplinärer Theorieforschung: Erträge und Defizite33
1 Die multidisziplinäre Führungsforschung – ein unübersehbares Feld?33
2 Die institutionellen Rahmenbedingungen im Fokus der Theoriebildung34
3 Die Bezugsgruppen im Fokus der Theoriebildung36
4 Der Führer im Fokus der Theoriebildung45
5 Die Multiperspektivität als Gewinn – ein Fazit58
Politische Führung im Parlamentarismus68
Politische Führung in der Westminster-Demokratie: Großbritannien69
1 Cabinet Government vs. Prime Ministerial Government – eine endlose Debatte im Lichte unterschiedlicher Premierminister?69
2 Führungskontext und handlungsstärkende Faktoren70
3 Handlungslimitierende Faktoren britischer Premierminister77
4 Anforderungen, Profile und persönliche Führungsstile britischer Premierminister79
5 Premierminister und ihre Umweltbedingungen89
Politische Führung in der Kanzlerdemokratie: die Bundesrepublik Deutschland93
1 Der Streit um die „Kanzlerdemokratie“ – eine deutsche Diskussion um „Führung“93
2 Die Rolle des Führungskontextes: handlungsstärkende Faktoren94
3 Die Rolle des Führungskontextes: die handlungslimitierenden Faktoren96
4 Anforderungen und Profile der Bundeskanzler104
5 Bundeskanzler und ihre Umweltbedingungen: ein Fazit113
Politische Führung im Staat der Autonomen Gemeinschaften: Spanien119
1 Präsidentielle Führung in einer parlamentarischen Monarchie?119
2 Rahmenbedingungen politischer Führung in Spanien: die Vetospieler des Ministerpräsidenten120
3 Der Ministerpräsident und seine umfangreichen Ressourcen128
4 Der Ministerpräsident: Anforderungen, Profile und persönliche Führungsstile130
5 Der spanische Ministerpräsident – Umweltbedingungen und Führungsmuster141
Politische Führung zwischen „Erster“ und „Zweiter“ Republik: Italien146
1 Die italienische Politik im Umbruch146
2 Forschungsstand147
3 Strukturelle Bedingungen der politischen Führung: von der fragmentierten Konsensdemokratie zur unvollendeten Mehrheitsdemokratie148
4 Strukturelle Handlungsressourcen: Der Regierungschef in sich wandelnden Bündniskonstellationen151
5 Politische Führung in der „Zweiten“ Republik: Berlusconi und Prodi als Typen oder Ausnahmen?159
6 Fazit165
Politische Führung im Präsidentialismus169
Politische Führung im klassischen Präsidentialismus: die USA170
1 Politische Führung in den USA: zum Forschungsstand170
2 Rahmenbedingungen der politischen Führung in den USA: handlungsstärkende Faktoren171
Der Präsident173
3 Limitierung der Macht: Handlungsrestriktionen der US-Präsidenten175
4 Anforderungen, Profile und persönliche Führungsstile180
5 US-Präsidenten und ihre Umweltbedingungen: ein Fazit188
Politische Führung im Koalitionspräsidentialismus: Brasilien193
1 Präsidentialismus und politische Führung in Lateinamerika193
2 Das politische System Brasiliens: eine kurze Einführung194
3 Handlungsressourcen des Präsidenten196
4 Handlungsrestriktionen des Präsidenten198
5 Führungsstile und Profile brasilianischer Präsidenten201
6 Zusammenfassung und Ausblick205
Politische Führung im Zeichen der Vergangenheitsbewältigung: Argentinien209
1 Politische Führung in Argentinien zwischen Militär und Populismus209
2 Historische und kulturelle Rahmenbedingungen politischer Führung210
3 Institutionelle Handlungsressourcen des Präsidenten214
4 Institutionelle Handlungsbegrenzungen des Präsidenten216
5 Führungsstile und Profile argentinischer Präsidenten218
6 Politische Führung zwischen Personenkult und Instabilität – ein Fazit221
Politische Führung nach dem Ende der Militärdiktatur: das Fallbeispiel Chile225
1 Die Pinochet-Diktatur: täglicher Begleiter der demokratischen Führung Chiles225
2 Rollenerwartungen als Handlungsressourcen und -limitationen politischer Führung: verfassungsrechtliche Normen und gesellschaftliche Erwartungen226
3 Die Präsidenten der jungen chilenischen Demokratie: Persönlichkeitsprofile236
4 Der chilenische Präsident und seine Umweltbedingungen:244
Politische Führung in Semipräsidentialismus und Direktorialsystem251
Politische Führung im Semipräsidentialismus: das Fallbeispiel Frankreich252
1 Der Semipräsidentialismus in der französischen Politikwissenschaft252
2 Die Rolle des Führungskontextes: die handlungsstärkenden Faktoren253
3 Die Rolle des Führungskontextes: die handlungslimitierenden Faktoren255
4 Profile der französischen Staatspräsidenten263
5 Politische Führung im Semipräsidentialismus: ein Fazit271
Politische Führung im Direktorialsystem: die Schweiz276
1 Politische Führung im Schatten der Konkordanz- und Referendumsdemokratie276
2 Die strukturellen Bedingungen der politischen Führung278
3 Die formalen und faktischen Handlungsressourcen des Bundesrates als direktoriales Führungsorgan283
4 Persönliche Eigenschaften und interner Kommunikationsstil292
5 Fazit295
Politische Führung in der Europäischen Union299
Politische Führung im supranationalen Mehrebenensystem: die Europäische Union1300
1 Einleitung300
2 Politische Führung in supranationalen Mehrebenensystemen als theoretisches Problem302
3 Politische Führung I: die Akteure des europäischen Mehrebenensystems und ihre Fähigkeit zur Ausübung von Führung5307
4 Politische Führung II: Systemebenen, Machtressourcen und Entscheidungen im europäischen Supranationalismus312
5 Schlussbetrachtung320
Folgerungen326
Die Muster politischer Führung in westlichen Regierungssystemen: empirische Befunde im Vergleich327
1 Der Vergleich politischer Führungsmuster als Herausforderung: zur Einführung327
2 Führung und Kontext: die generellen Profile der politischen Systeme im Vergleich328
3 Strukturen als Handlungsressourcen und -restriktionen: komparative Befunde329
4 Führungsprofile und Führungstypen: personen- und systemspezifische Erkenntnisse342
5 Führung als strukturelle und personelle Herausforderung: ein typologisches Fazit348
Die Praxis politischer Führung und ihre wissenschaftliche Erklärung: theoretische Folgerungen für die Leadership- Forschung354
1 Die Kontextabhängigkeit politischer Führungsmuster: der Ausgangsbefund354
2 Politische Führung und Individuum: personenzentrierte Aspekte356
3 Politische Führung und Kontext: umweltbezogene Aspekte361
4 Fazit366
Autorenverzeichnis370

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