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Porträt des Nationalsozialismus

Ausgewählte Schriften 1930 - 1934

AutorLeo Trotzki
VerlagMEHRING Verlag
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl402 Seiten
ISBN9783886347735
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis9,99 EUR
Wie konnte es zu der Barbarei des Nationalsozialismus kommen und von wem hätte sie verhindert werden können? War der Aufstieg Hitlers unvermeidlich und welche Rolle spielten die Sozialdemokratie und die Kommunistische Partei? Die vorliegende Auswahl von Schriften Leo Trotzkis über Deutschland gibt eine Antwort auf diese Fragen. Trotzkis Untersuchungen zur Geschichte und aktuellen damaligen Lage in Deutschland, zum Wirtschaftsprogramm des Nationalsozialismus, zu seinen sozialen Wurzeln, psychologischen und politischen Mechanismen legen eine analytische Schärfe und politische Weitsicht an den Tag, die den Leser auch heute noch mit Bewunderung und Betroffenheit erfüllen. Sie sind Meisterwerke des Marxismus, ganz in der Tradition der klassischen Analysen aus der Feder eines Karl Marx oder Friedrich Engels. Trotzki schrieb die hier dokumentierten Briefe und Artikel nicht, um Vergangenes, Unabänderliches zu erklären, sondern um in die aktuelle politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung in Deutschland einzugreifen, um die voraussehbare und von ihm vorausgesehene Katastrophe zu verhindern. 'Und Trotzki, der prachtvolle Sachen schreibt, die ja durch die Weltpresse gehn und nicht der WB ('Weltbühne') gehören. Neulich ein 'Porträt des Nationalsozialismus', das ist wirklich eine Meisterleistung. Da stand alles, aber auch alles drin. Unbegreiflich, wie das einer schreiben kann, der nicht in Deutschland lebt. Konklusio: Krieg oder Revolution. Ich weiß das nicht. er weiß mehr und kann mehr, der Trotzki.' Kurt Tucholsky (25. Juli 1933)

1879 als Sohn jüdischer Bauern in der Ukraine geboren, schließt Leo Trotzki sich als Student der marxistischen Bewegung an. Er spielt eine führende Rolle in den Revolutionen von 1905 und 1917. Nach der Oktoberrevolution baut er die Rote Armee auf. 1923 gründet er die Linke Opposition, die den Kampf gegen die bürokratische Entartung der Sowjetunion führt, und 1938 die Vierte Internationale. 1940 wird er im mexikanischen Exil von einem stalinistischen Agenten ermordet.

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Leseprobe

Nicht wenige Bücher findet man heute auf dem Markt, die versuchen, über das vergangene Jahrhundert Bilanz zu ziehen, es zu deuten, seine offenen Fragen aufzuzeigen: Ein Jahrhundert des beispiellosen wissenschaftlichen und technischen Fortschritts, ein Jahrhundert, das an seinem Ende die rasante Entwicklung weltumspannender Kommunikationstechnologien, den Einsatz von Computern in allen Bereichen der Produktion und Forschung erlebt hat. Auf der anderen Seite aber ein Jahrhundert, das den faschistischen Terror der Naziherrschaft, den Holocaust und zwei Weltkriege hervorgebracht hat. An seinem Ende sind die Schatten dieser gesellschaftlichen Katastrophen nicht verschwunden; ungelöst steht dieselbe brennende Frage, welche die Menschheit seitdem bewegt hat, auch an der Schwelle des neuen Jahrhunderts: Wie konnte es zu dieser Barbarei kommen? Weshalb konnte sie nicht verhindert werden? War der Aufstieg Hitlers unvermeidlich?

Die vorliegende Auswahl von Schriften Leo Trotzkis über Deutschland gibt eine Antwort auf diese Fragen. Trotzkis Untersuchungen zur Geschichte und aktuellen damaligen Lage in Deutschland, zum Wirtschaftsprogramm des Nationalsozialismus, zu seinen sozialen Wurzeln, psychologischen und politischen Mechanismen legen eine analytische Schärfe und politische Weitsicht an den Tag, die den Leser auch heute noch mit Bewunderung und Betroffenheit erfüllen. Sie sind Meisterwerke des Marxismus, ganz in der Tradition der klassischen Analysen aus der Feder eines Karl Marx oder Friedrich Engels.

Trotzki schrieb die hier dokumentierten Briefe und Artikel nicht einfach, um Vergangenes, Unabänderliches zu erklären, sondern um in die aktuelle politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung in Deutschland einzugreifen, um die voraussehbare und von ihm vorausgesehene Katastrophe zu verhindern. Er tat dies mit der gewaltigen Erfahrung und Autorität, über die er als Wegbereiter und Führer der Oktoberrevolution von 1917 und als Haupt der internationalen marxistischen Opposition gegen Stalin verfügte.

Alles hing davon ab, die größte und stärkste soziale Kraft, die organisierte Arbeiterschaft, gegen die faschistische Gefahr zu vereinen.

Die Gewerkschaften waren damals Massenorganisationen, SPD und KPD Arbeiterparteien mit Millionen von Mitgliedern. Daran muss heute erinnert werden angesichts der Verwandlung, welche diese Organisationen und Parteien seit jener Zeit bis zu ihrer Unkenntlichkeit durchlaufen haben. Freilich hatte sich die SPD schon 1914, als sie den Kriegskrediten zustimmte, und 1918/19, als sie gemeinsam mit der Reichswehr und faschistischen Freikorps die Revolution niederschlug, in den Augen fortschrittlicher Arbeiter und Intellektueller diskreditiert. Aber die Mehrzahl ihrer Mitglieder waren damals immer noch Arbeiter, die sozialistischen Zielen anhingen. Sie zu gewinnen, war die Verantwortung der KPD, die 1919 mit dem Programm des internationalen Sozialismus als revolutionäre Alternative zur SPD gegründet worden war. Würde sich die KPD dieser Aufgabe gewachsen zeigen, obwohl sie nach der Ermordung von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogiches ihrer erfahrensten politischen Führer beraubt war? Welches Programm und welche Taktik sollte sie dazu verfolgen?

Trotzki trat dafür ein, dass die KPD die Initiative ergreife und den SPD-Führern und Gewerkschaften ein gemeinsames Handeln zur Verteidigung aller Organisationen, Parteien und Rechte der Arbeiterbewegung gegen den Nazi-Terror vorschlage. Das ungeheuer rasche Anwachsen der Nazipartei war kein unaufhaltsamer, schicksalshafter Prozess. Als marxistischer Dialektiker und Führer der Revolutionen von 1905 und 1917 in Russland wusste Trotzki genau, wie rasch in einer umfassenden gesellschaftlichen Krise die politische Stimmung der Massen umschwingen kann. Vor allem war er sich darüber im klaren, wie entscheidend es unter solchen Bedingungen für eine revolutionäre Partei ist, dass sie eine korrekte, an den objektiven Bedürfnissen der Arbeitermassen orientierte politische Linie und Taktik verfolgt. Nur so kann sie die Mehrheit der Arbeiter hinter sich sammeln. Dies aber ist die Voraussetzung dafür, dass sie auch beträchtliche Teile der kleinbürgerlichen Schichten, die sich sonst der Reaktion bzw. Hitler zuwenden würden, auf die Seite der Arbeiter ziehen kann.

Aber in der Kommunistischen Internationale gaben zu dieser Zeit nicht mehr Marxisten den Ton an, nicht mehr politische und theoretische Führer der Oktoberrevolution wie Leo Trotzki, sondern Stalin und die konservative Schicht von Bürokraten. Moskau verordnete der KPD, nicht eine Einheitsfront anzustreben, sondern SPD und Gewerkschaften als »sozialfaschistisch« zu »brandmarken«. Ungeachtet aller ultralinken Phrasen machte die KPD auf diese Weise mit den rechten sozialdemokratischen Führern gemeinsame Sache. Diese lehnten nämlich ihrerseits ebenfalls jede Zusammenarbeit mit der KPD gegen die Braunhemden ab und unterstützten die bürgerliche Republik auch dann noch, als sie sich längst als Steigbügel für den Faschismus erwiesen hatte.

Je länger sich die Arbeiterparteien unfähig zeigten, vereint dem faschistischen Terror entgegenzutreten, desto leichter konnten Hitler und seine Banden eine wachsende Schar von verzweifelten und deklassierten Elementen aus dem Kleinbürgertum und dem Lumpenproletariat sammeln und in Stoßtruppen für die Errichtung ihrer Diktatur und die Zerschlagung der Arbeiterbewegung verwandeln.

Leo Trotzki analysiert in seinen Schriften die verhängnisvolle Linie und Taktik der KPD, alle ihre Drehungen und Windungen, warnt vor ihren Folgen. Er weist nach, dass diese Politik – eine Mischung aus bombastischen, ultraradikalen Phrasen, Blindheit und Feigheit – den sozialen Instinkten und politischen Anschauungen der herrschenden Kreise in der Sowjetunion entsprang und den Interessen der internationalen Arbeiterklasse direkt zuwiderlief. Der Preis dafür in Deutschland war hoch: Hitler kam ohne einen Schuss an die Regierung und konnte unangefochten seine Macht festigen und für den Krieg rüsten.

Die Analysen Trotzkis, seine Warnungen und Vorschläge für eine programmatische Alternative zum Kurs der Komintern und KPD unterstreichen die Haltlosigkeit und Hohlheit der Thesen von Daniel Goldhagen. Hitler kam nicht an die Macht, weil das deutsche Volk in seiner Mehrheit von einem unbändigen Drang beseelt war, Juden zu töten. Er verdankte seinen Aufstieg der vernagelten und verräterischen Politik von SPD und KPD, welche die Arbeiterbewegung politisch lähmte und zunehmend auch ihre ideologischen Widerstandskräfte gegen das Gift des Rassismus und Antisemitismus unterhöhlte.

Goldhagen steht freilich mit seinen Ansichten nicht allein. Er trieb nur die Anschauungen, die in Schulbüchern und bei den meisten Historikern weit verbreitet sind, bis zur Absurdität: Wenn das Phänomen Hitler überhaupt erklärt werden könne, dann nur durch die Kurzsichtigkeit des Menschen im Allgemeinen oder durch die böse Natur – und daher kollektive Schuld – der Deutschen im Besonderen. Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass die wachsende Arbeitslosigkeit und Verelendung im Gefolge der Weltwirtschaftskrise zwangsläufig die Masse der Deutschen in die Arme Hitlers getrieben hätten, der Brot und Arbeit versprach. »Nach drei Jahren Depression« sei »die deutsche Gesellschaft intolerant geworden«, schreibt der britische Historiker Ian Kershaw in seiner jüngst erschienenen Hitler-Biographie. Die Hitler-Diktatur sei somit »Deutschland nicht aufgezwungen worden«, sondern »aus den Erwartungen und Motivationen der deutschen Gesellschaft« erwachsen. Gleichzeitig werden in dem 900 Seiten starken Band SPD und KPD kaum erwähnt, ihre politische Evolution nicht im Geringsten einer Untersuchung wert gehalten.

Solche Erklärungsmuster ignorieren die sozialen Gegensätze und Kämpfe, welche die Gesellschaft in verschiedene Klassen von Deutschen zerrissen hat. Hinter Hitler standen nicht die Millionen, sondern die Millionäre, wie John Heartfield schon damals in einer berühmten Fotocollage festgehalten hatte. Hitler war auch nicht durch einen Sieg bei Parlamentswahlen, sondern durch Manöver und Intrigen innerhalb der herrschenden Cliquen von Industriellen, Bankiers, Großgrundbesitzern und Militärs an die Macht gekommen. Angefangen von seiner 1924 verfassten Propagandaschrift »Mein Kampf« bis hin zu seiner berüchtigten Rede im Düsseldorfer Industrieclub Anfang 1932 hatte er diesen Kreisen immer wieder eines versprochen: die Diktatur nach innen und den Krieg nach außen. Die Zerschlagung der Arbeiterbewegung sollte den Weg frei machen für die Eroberung der Sowjetunion im Osten und für die Revanche gegen die Sieger des vorangegangenen Weltkriegs im Westen.

Die Nazis waren mit diesem Programm auf den erbitterten Widerstand von Seiten der Arbeiterbewegung gestoßen, so dass sie gezwungen waren, ihre Herrschaft auf die hemmungslose Gewalt der SA-Banden und, nach der Machteroberung, auf die Gestapo, auf die Mordjustiz der deutschen Richter und auf Konzentrationslager für politische Gegner zu stützen. Bei den Parlamentswahlen im November 1932, den letzten vor Hitlers Machtübernahme, erhielten SPD und KPD zusammen über eine halbe Million mehr Stimmen als die Nazis, die ihrerseits gegenüber den vorangegangenen Wahlen zwei Millionen Anhänger...

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