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Preise, Zins und Wechselkurse

Warum offene Volkswirtschaften untrennbar miteinander verbunden sind

AutorHeiner Flassbeck
VerlagWestend Verlag
Erscheinungsjahr2019
Seitenanzahl200 Seiten
ISBN9783864897498
FormatePUB
KopierschutzWasserzeichen
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis18,99 EUR
Die Ökonomen rätseln seit Jahrzehnten über die Frage, ob und wie sich Volkswirtschaften, die, obwohl sie miteinander Handel treiben, in ihrer monetären Politik möglichst unabhängig bleiben können. Heiner Flassbeck zeigt in dieser grundlegenden Arbeit, die er für diese Neuauflage ausführlich kommentiert hat, dass das nicht möglich ist. Wer Handel treibt, muss auch im Bereich des Geldwesens eng kooperieren. In einem Nachwort erläutert er, was in dieser Hinsicht in Europa schief gelaufen ist.

Heiner Flassbeck arbeitete von 2000 bis 2012 bei den Vereinten Nationen in Genf und war dort als Direktor zuständig für Globalisierung und Entwicklung. Zuvor war er Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen. 2005 wurde Flassbeck von der Hamburger Universität zum Honorar-Professor für Wirtschaft und Politik ernannt. Sein Blog makroskop.eu mit täglichen Analysen und Kommentaren zu Wirtschaft und Politik ist vor wenigen Wochen online gegangen. Im Westend Verlag von ihm erschienen sind u.a. die Bücher 'Handelt jetzt. Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft' (2013), 'Die Marktwirtschaft des 21. Jahrhunderts' (2011) und 'Gescheitert' (2009).

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Leseprobe

Einführung


Veränderungen der Umtauschkurse der Währungen der größten westlichen Industrieländer sind in den Jahren seit 1973 zu einem festen Bestandteil der täglichen wirtschaftlichen Erfahrung geworden. Zwar werden größere Schwankungen registriert, doch die Tatsache der Veränderung als solche findet kaum noch Aufmerksamkeit. Ebenso wird der fundamentale Unterschied zwischen den Bedingungen für interregionalen und internationalen Handel, der mit dieser Tatsache geschaffen wurde, zwar wissenschaftlich untersucht, doch bleiben die Ergebnisse meist unergiebig.1 Zwar geht die längste Phase marktbestimmter Wechselkurse zwischen den großen Industrieländern einher mit der längsten Phase andauernder wirtschaftlicher Fehlentwicklungen in der jüngsten Wirtschaftsgeschichte, doch gibt es andere Erklärungen für die Wirtschaftsprobleme, zumal eine Zurechnung auf die Währungsverhältnisse nicht ohne Weiteres möglich ist.

Die Irritationen, die überaus starke Schwankungen der Wechselkurse hervorrufen, werden in der Regel von der Wissenschaft mit ad hoc-Erklärungen beantwortet. Die sogenannten fundamentalen Daten wie Zins und Preisdifferenzen oder Leistungsbilanzsalden werden ergänzt durch Haushaltsdefizite, die Konjunktursituation, allgemeines politisches Vertrauen oder gar geographische Lageunterschiede in Krisensituationen. Doch kann der Versuch solcher Erklärungen, selbst wenn er erfolgreich im Sinne der Übereinstimmung von Explanans und Explanandum wäre, zum eigentlichen Phänomen des marktbestimmten Wechselkurses vordringen? Kann er begreiflich machen, warum in ein weltoffenes System von Preisen und Zinsen jeweils an den nationalen Grenzen ein neuer Preis eingeführt wird? Kann man mit diesen ad hoc-Erklärungen zeigen, welche Wirkungen die Einführung des neuen Preises auf die Zuteilungsfunktion der alten Preise hat? Und schließlich, kann man damit zeigen, in welcher Weise und unter welchen Voraussetzungen die Realisation nationaler Zielfunktionen durch den variablen Umtauschkurs erleichtert wird?

Dies alles zu verneinen heißt, einen anderen Weg zu gehen. Da es (bisher) keine befriedigende Wechselkurserklärung gibt, liegt es nahe, den Weg reiner Deskription zu verlassen und hypothetische Determinationsmuster des marktbestimmten Wechselkurses zu Untersuchen. Die Implikationen solcher Muster für die dynamische Effizienz von Märkten und für die Erreichbarkeit wirtschaftspolitischer Ziele sind dann herauszuarbeiten. Darüber hinaus ist nach den Gründen zu fragen, die einer Erklärung der Wechselkursbewegungen so offensichtlich im Wege stehen. Ersteres heißt nicht, die alten Schlachten der sechziger Jahre noch einmal zu schlagen, als dem Eintreten für flexible Kurse und der Hoffnung auf nationale Autonomie die Furcht vor der Zerrüttung des offenen Welthandelssystems gegenübergestellt wurde. Letzteres aber fordert dazu heraus, die »alten Vorurteile« erneut einer Überprüfung zu unterziehen, denn die Schlacht für flexible Wechselkurse wurde nur gewonnen, weil die Voraussetzungen, sprich, die Erkenntnisse über die tatsächliche Funktionsweise eines solchen Systems, falsch waren.2

Insgesamt geht es bei dieser Arbeit, positiv gewendet, um zweierlei: Erstens, zu zeigen, ob und wie marktbestimmte Wechselkurse makro- und mikroökonomische Anpassungsprozesse, also den dynamischen Ablauf von Volkswirtschaften im Vergleich zu Festkurssystemen verändern können. Zweitens, anzudeuten, dass »flow-Theorien« nicht hinreichend sein können, um den Wechselkurs dynamisch zu erklären, und dass »Stock Theorien« nicht die Informationsvoraussetzungen bieten können, bei denen sie über Entscheidungslogik hinausgehen.

Das Erkenntnisziel bleibt also durchaus unpolitisch. Es geht nicht um die Abwägung der gesamten Kosten und Nutzen fester und flexibler Wechselkurse und damit um die Grundsatzentscheidung über das anzustrebende Währungssystem, sondern nur um eine vollständigere Darstellung der Kosten eines Währungssystems, das vielfach von vornherein dem politischen Kalkül entzogen scheint, weil es auf den ersten Blick Marktrationalität beanspruchen kann. Die Legitimation für eine solche Aufgabe leitet sich direkt aus der Inflationstheorie und ihren Schlussfolgerungen für die Wirtschaftspolitik ab. Wer die Allokationsfolgen starker Veränderungen des Geldwertes in der Zeit untersucht und beurteilt, hat schließlich den Bereich der Marktrationalität generell nicht verlassen. Gleiches muss für Veränderungen des Geldwertes im Raum auch gelten. Das Paradox von Geldwertänderungen, die direkt der Marktlogik unterliegen, ist hier freilich offensichtlicher. Dennoch ist der Konsistenzfrage nicht auszuweichen.3

Teile der theoretischen Überzeugung, die diese Arbeit tragen, habe ich an anderer Stelle veröffentlicht. So im Zusammenhang mit Fragen der Veränderung der Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften4 und Fragen der internationalen Handelsbeziehungen5. Hier soll daher im Mittelpunkt die Suche nach einem konsistenten Rahmen für einen theoretischen Ansatz stehen, dessen Erkenntnislogik von Unwissen geprägt ist. Unwissen nämlich hinsichtlich der konkreten Determination eines Marktphänomens, dessen Komplexität nur durch Reflexion auf metatheoretischer Ebene zu erfassen ist. Konkreter: Versuche, konkurrierende Erklärungen zu den früher herrschenden zu finden, sind zum Scheitern verurteilt, weil sie –, partial-analytisch – wiederum nur Ausschnitte einer Wirklichkeit fokussieren, die – weil zukünftig und unsicher – prinzipiell nicht als Ganzes fassbar ist.

An dieser Stelle trifft sich die außenwirtschaftliche mit der binnenwirtschaftlichen Theorie.6 Wer prinzipiell die Bedeutung von Unwissen und Unsicherheit für elementare Bausteine wirtschaftlicher Dynamik hält, kann binnenwirtschaftliche nicht beliebig von außenwirtschaftlichen Phänomenen trennen. Das betrifft sowohl die Dominanz der Vermögensmärkte als auch die generell begrenzten Möglichkeiten, das System (automatisch) zu stabilisieren. Dennoch halte ich die Unterschiede zwischen binnenwirtschaftlicher und außenwirtschaftlicher Entscheidungssituation für ausreichend groß, um außenwirtschaftlich wesentlich optimistischer zu sein. Die Unsicherheit ist eben doch in stärkerem Maße eine Funktion der zeitlichen als der räumlichen Verteilung von Ereignissen.

Das erste Kapitel der Arbeit skizziert die Ideengeschichte der Versuche einer außenwirtschaftlichen Absicherung bzw. Abschottung. Dass dabei nicht nur neue Erkenntnisse, sondern immer wieder andere Ziele das Denken und Handeln bestimmten, relativiert politische Sachzwänge, die heute praktische Folgerungen aus der Ernüchterung bezüglich flexibler Wechselkurse scheinbar verhindern.

Das zweite Kapitel behandelt das, was man den eigentlichen außenwirtschaftlichen Konflikt nennen könnte, den Zwang nämlich, Güter aus dem Ausland so zu bezahlen, dass die eigene Kreditfähigkeit erhalten bleibt. Dieses Zahlungsbilanzproblem war in der Diskussion um flexible Wechselkurse, ähnlich wie zu Zeiten des Goldstandards, in den Hintergrund getreten, weil eine Automatik des Zahlungsbilanzausgleichs postuliert wurde.

Das dritte Kapitel untersucht die wichtigste Rechtfertigung für die Existenz flexibler Wechselkurse, nämlich die Tatsache, dass dieses System es formal erlaubt, die nationale Geldmenge autonom zu steuern, wenn die Entstehungskomponente »Devisenmarktintervention« der Geldmenge ausgeschlossen ist und Zahlungsbilanzausgleich dem Automatismus flexibler Wechselkurse überlassen bleibt. Ob und inwieweit die formal gegebene nationale Entscheidungsfreiheit in Form der monetären Isolierung auch eine materielle ist, bedarf eingehender Analyse.

Im vierten Kapitel soll die Frage nach der konjunkturellen Isolierung durch marktbestimmte Wechselkurse aufgeworfen werden. Allgemein geht es dabei aber nicht nur um die direkte Übertragung konjunktureller Impulse, sondern auch um die Möglichkeiten einer beschäftigungspolitischen Autonomie infolge der monetären Autonomie und um das Zusammenwirken von Wechselkurs-, Zins- und Preisänderungen im Konjunkturverlauf.

Das fünfte Kapitel widmet sich der Annäherung einer Beschreibung von Anpassungsprozessen auf mikroökonomischer Ebene bei flexiblen Wechselkursen. Hier wird sich zeigen, warum die Frage der Geldwertstabilität im Raum für Anpassungsprozesse im Raum von entscheidender Bedeutung ist. Dabei soll von alternativen Annahmen bezüglich der Determination des Wechselkurses ausgegangen werden. Aus dieser Analyse ergibt sich dann schon, dass die Formulierung makroökonomischer Gleichgewichtsbedingungen keineswegs eine geeignete Methode ist, um sich dem dynamischen Phänomen Wechselkurs umfassend anzunähern. Schließlich ist zu fragen, welcher Stellenwert der Gleichgewichtskonzeption in der währungstheoretischen Forschung überhaupt zukommt.

Das Schlusskapitel dient der Reflexion des Standes der theoretischen und empirischen Arbeiten zum Thema »marktbestimmte Wechselkurse« und der Problematisierung wirtschaftspolitischer Folgerungen beim derzeitigen Wissensstand.

Insgesamt gesehen bieten die Ergebnisse dieser Arbeit eher ein Forschungsprogramm als fertige Lösungen. Das kann aber nicht anders sein, hat doch die Wissenschaft sich allzu sehr blenden lassen von der oberflächlich vorhandenen Marktrationalität und zu wenig nach den Informationsbedingungen gefragt, die Marktrationalität jenseits der schlichten Tatsache der Existenz eines Marktes allein rechtfertigen können. So ist zu nächst aufzuarbeiten, was versäumt wurde, und ein neues Interpretationsmuster anzudeuten, bevor der...

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