Sie sind hier
E-Book

Problematik der emotionalen Bindung an Worte bei Georges Bataille

AutorVivian Gjurin
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl97 Seiten
ISBN9783640525263
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis20,99 EUR
Diplomarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Romanistik - Französisch - Sonstiges, Note: 2, Universität Wien (Romanistik), Sprache: Deutsch, Abstract: Georges Batailles Werk zum ersten Mal zu begegnen ist eine Explosion, die alles zerstört, was jemals an konstituiertem von der Wissenschaft geprägtem Wissen von dem Geist des Lesers einvernommen wurde. Eine Zerstörung, die alles devastiert, und eine Leere, ein Nichts, ein Unbekanntes gepaart mit einer durchdringenden verzehrenden Wut aus Machtlosigkeit zurücklässt. Indem Georges Bataille in seinem Werk pionierhafte Präzisionsarbeit bezüglich theoretischem, literarischem wie auch poetischem Schaffen geleistet hat, ist es von Vorteil das von ihm gelieferte Werkzeug, - das als Gegenposition zum traditionellem Wissenschaftsbegriff, als Perspektivenwechsel zur Subjektivität wage umschrieben werden kann-, anzueignen und zu verwenden um im intellektuellen Diskurs scheinbar innovative bisher unausgesprochene Perspektiven aufzuzeigen. Die somit erworbene Arroganz ist die Basis um jeglichen intellektuellen Diskurs erfolgreich zu enttarnen und zu führen. Was aber, wenn es einen traditionellen wissenschaftlichen Diskurs über Batailles Werk selber zu verfassen gilt? Die Abwechslung von Arroganz und Machtlosigkeit in stetig höheren Frequenzen ebnen die Basis des fast luziden Zustandes, schreiben zu müssen, trotz der absoluten Gewissheit, wie paradox dies sei, da die Methodik dafür fehlt oder nicht ausreicht. Aber dieser Zwang zu schreiben, charakterisiert wohl das schwindelerregende verwirrungsstiftende zerstörerische Grundelement von Batailles Werk: das Verlangen an die Ränder seines Möglichen und darüber hinaus zu gehen.

Kaufen Sie hier:

Horizontale Tabs

Leseprobe

HAUPTEIL

 

5. Das Enttarnen der Unzulänglichkeit der emotionalen Bindung an Worte

 

5.1.   Das Unbekannte als das NICHTS

 

5.1.1.   Ausgrenzung des Unbekannten durch den Diskurs

 

Der Mensch besitzt ein durchdringendes Verlangen alles zu sein, dies ist trotz Ersatzbefriedigungen wie Religion, Moral, Geld oder Poesie  angesichts der enggezogenen Grenzen nicht möglich. Daraus resultiert ein Befremden, ein durchdringendes Leiden.

 

Diesem Leiden zu entgehen ist nur möglich indem das Ich mit der Ganzheit des Universums verwechselt wird und die Unsterblichkeit als gegeben angenommen wird. Diese zwei Illusionen werden vom Leben selber geboten und vorausgesetzt. Wenn der menschliche Geist sich von diesen zwei Annahmen befreit, bewegt er sich in einer monde étrange où l’angoisse et l’extase se composent. (EI, S. 10), er bewegt sich in seinem eigentlichen Sein, absolut verloren, einsam, machtlos, weil er weder den Schmerz noch die Extase kommunizieren kann. Weil es keine Worte dafür gibt, da diese ihrem Wesen nach nicht dem unmittelbaren Sein angehören.

 

Der Diskurs  begeht einen Verrat, indem dieser den anerkannten Schein bewahrt, das Sein zu sein, dieses aber nicht ist. Durch Worte wandelt der Diskurs das Sein in Worte um und behauptet diese umgewandelte Ebene als das wirkliche Sein. Diese Konstruktion muss in Folge als das Sein anerkannt werden, denn indem alles in Worte umgewandelt wurde, gibt es nur mehr Worte und sonst NICHTS. Das eigentliche Sein steht ignorriert außerhalb der Konstruktion, wurde nicht von Worten erfasst, und kann somit eine Welt der Worte nicht angreifen.

 

In Pétite métaphysique de la parole beschreibt Brice Parain diese Problematik folgendermaßen:

 

Notre langage n’est possible que par l’effacement de ce qu’il désigne. Parler consiste à transformer le monde de l’existence en un monde de mots,  par conséquent à le supprimer dans sa maniére propre d’être.[17]

 

Das eigentliche Sein im Jenseits des Diskurses bleibt von diesem unerschlossen, ignorriert, verschwiegen, ja getötet, indem die Ebene des Diskurses als eigentliches Sein angenommen wird. Um dieses Sein zu legitimieren, bedient sich der Diskurs innerhalb seines Systems des Unbekannten, um eine scheinbare Verlangensbefriedigung zu konstruieren.

 

Die Anteilnahme des Unbekannten am Diskurs gibt der Erfahrung Gottes oder der Poesie seine Kraft. Jedoch ist in dem Unbekannten die Herrschaft des Nichterfassten gesichert, da Gott wie auch Poesie diskursive Konstruktionen sind. Als solche sind sie unzulänglich, da das Unbekannte, das von Worten unerfassbare Unbekannte bleibt.

 

Nous ne sommes totalement mis à nu qu’en allant sans tricher à l’inconnu. C’est la part d’inconnu qui donne à l’expérience de Dieu- ou du poétique- leur grand autorité. Mais l’inconnu exige à la fin l’empire sans partage. (EI, S. 17)

 

Es besteht keine reziproke Beziehung zwischen dem Diskurs und dem Unbekannten. Der Diskurs kann das Unbekannte gebrauchen um dem befremdeten Menschen Auswege aus seiner Einengung zu bieten, durch Poesie oder Gott, aber diese Erfahrung ist niemals ganz einnehmend, weil der Diskurs eine willkürliche Konstruktion ist, die einen Glauben verlangt, ohne diesen rechtzufertigen, außer durch seine Monopolstellung und seine Konventionalisierung, die bloß weitere Konstruktionen innerhalb der Konstruktion sind. Das Unbekannte jedoch verlangt keinen Glauben, das Unbekannte ist, und lässt sich vom Diskurs als solches nicht fassen.

 

Si la poésie introduit l’étrange, elle le fait par la voix du familier. Le poétique est du familier se dissolvant dans l’étrange et nous-mêmes avec lui. Il ne nous dépossède jamais de tout en tout, car les mots, les images dissoutes, sont chargés d’émotions déjà éprouvées, fixées à des objets qui les lient au connu. (EI, S. 17)

 

Die diskursive Konstruktion bietet durch ihren Gebrauch vom Unbekannten scheinbare Auswege aus der isolierten Einengung durch die Kraft des Dramatisierens. Dramatasieren ist die künstliche Erschaffung einer Konstruktion, die am Ubekannten teilhat. Dramatisieren ist die künstliche Erschaffung von einem Glanz, der aus dem Unbekannten bzw. dem NICHTS bzw. aus einem unffassbarem Gefühl besteht. L’amour, la poésie, sous une forme romantique, furent les voies où nous tentâmes d’échapper à l’insolement, au tassement d’une vie en peu de temps privée de sa puls visible issue. (EI, S. 22)

 

5.1.2.   Das Dramatisieren als konventionalisierter Zugang zum Unbekannten

 

Das Dramatisieren ist die konventionaliserte Form am Unbekannten teilzuhaben. Die Produkte des Dramatisierens sind konventionalisiert: Liebe, Poesie, Gott sind angenommene Phänomene, mit denen der Mensch innerhalb einer Konstruktion ein individuelles Gefühl verbinden kann, und somit den Schein eines Ausweges aus seiner Einengung erleben kann.

 

En d’autres termes on n’atteint des états d’extase ou de ravissement qu’en dramatisant l’existance en général. (...) Si nous ne savions dramatiser, nous ne pourrions sortir de nous-mêmes. (EI, S. 23)

 

Innerhalb der diskursiven Konstruktion ist das Dramatisieren ein Handeln. Als Teil des Diskurses verlangt es Glauben. Ab dem Zeitpunkt, wo die Konstruktion enttarnt ist, bietet sie keine Grundlage mehr für den Glauben und das Dramatisieren  wird trotz seines Handlungscharakters unzulänglich, da der Wiederholungscharakter innerhalb festgelegter Konstruktionen keine Steigerungen mehr ermöglicht.

 

Das Dramatisieren ist Teil des diskursiven Systems. Sein Glanz nährt sich vom Unbekannten, dessen er sich zum Teil bedient um die Illusion zu schaffen, es wäre das vollkommene Sein. Aber als Teil des diskursiven Systems, kann Dramatisieren das Sein nicht erfassen, und ist als Illusion enttarnt. Worte bleiben immer leere Hüllen für Abwesendes. Dramatisieren ist aus Wort gewordene Handlung und somit nur eine weitere Hülle für Abwesendes Sein, das das Sein durch ihren Handlungscharakter vorlügen will.

 

5.2.   Die getarnte Abhängigkeit vom Diskurs als Vernunft

 

5.2.1. Die Sprache als der legitimierende Garant der Vernunft

 

Die Sprache befindet sich in einer unmittelbaren Beziehung zur Vernunft. Die Sprache ist die Basis, das Gebäude und die Legitimation der Vernunft und als solche steht sie in diametraler Opposition zur Ekstase und zum Extrem. Der Bereich der Vernunft schließt die Ekstase und das Extrem aus, es verbannt diese in den Bereich des Verbotenen. Somit kann die Sprache diesen auch nicht erschließen. Dieser verschwiegene Teil ist der verfemte Teil,  La Part maudite, wie Bataille sein Werk betitelt. Der Bereich der Gewalt, der Zerstörung, des Sexuellen, des Todes. Dieser Teil résiste au langage comme la liberté à la servitude[18]. Dieser Bereich bleibt unausgesprochen. Und als solcher bleibt er innerhalb des sprachlichen Systems nicht vorstellbar.

 

Das Ausmaß der Unausgesprochenheit dieses verfemten Bereichs ist nach Philippe Sollers von der jeweiligen Kultur und Zivilisation abhängig:

 

En effet, le langage étant civilisation est fondé sur l’interdit, il laisse en principe la violence sans voix, objet d’une dégénation qui méconnaît ce qu’elle écrit malgré nous et à travers nous.[19]

 

Dieser Aspekt der Sprache beschäftigt Bataille. Die Notwendigkeit diesen zu erfassen, die Notwendigkeit diesen zu sagen. Aber mit welchen Worten? Auf welche Weise? Da diese Erfahrungen des Extremen, der Ekstase doch Schweigen voraussetzen und verlangen. Wenn die Sprache daran teilhat bzw. teilhaben soll, in welcher Form, da doch die bisherige nicht zulänglich ist.

 

5.2.2. Die Macht des Wortes

 

Ein Paradebeispiel dieser Problematik ist Marquis de Sades literarisches Werk und Gilles de Rais reales Werk. Die Gewalttaten Gilles de Rais, die unausgesprochen, unbeschrieben, nur seinem Leben angehörig bleiben, bleiben unsanktioniert. Die literarische Erfassung von Gewalttaten in Marquis de Sades Werk jedoch als nicht reale, doch ausgesprochene, also auf der diskursiven Ebene reale Gewalttaten, resultieren in sofortigen Sanktionen.

 

Entfesselung resultiert in einem Verlust der Vernunft. Sade eut pour fin d’atteindre la conscience claire de ce que le ‚déchaînment’ attient seul (mais le ‚déchaînment’ mène à la perte de la conscience) (LM, S. 135)

 

Das Werk Sades, dass die Entfesselung der zerstörerischen Gewalt und dessen Befriedigungspotential akribisch in einer präzisen, klaren Sprache vorlegt, ist ein Angriff auf die diskursive Vernunftebene mit ihren eigenen Mitteln. Solch ein Unterfangen muss sofortig sanktioniert werden, weil es die diskursive Ordnung zu verteidigen bzw. zu erhalten gilt.

 

Die Macht des Wortes, vor allem des geschriebenen veröffentlichen Wortes ist klar ersichtlich: Indem die Vernunft mit den...

Blick ins Buch

Weitere E-Books zum Thema: Sprachführer - Sprachwissenschaften

Überzeugungsstrategien

E-Book Überzeugungsstrategien
Format: PDF

Wissentlich oder unwissentlich sind wir ständig mit Überzeugungsstrategien konfrontiert: in Werbung, Politik und Alltagskommunikation. Vertreter eines weiten Fächerspektrums (u. a. Philosophie,…

Weitere Zeitschriften

MENSCHEN. das magazin

MENSCHEN. das magazin

MENSCHEN. das magazin informiert über Themen, die das Zusammenleben von Menschen in der Gesellschaft bestimmen -und dies konsequent aus Perspektive der Betroffenen. Die Menschen, um die es geht, ...

Arzneimittel Zeitung

Arzneimittel Zeitung

Die Arneimittel Zeitung ist die Zeitung für Entscheider und Mitarbeiter in der Pharmabranche. Sie informiert branchenspezifisch über Gesundheits- und Arzneimittelpolitik, über Unternehmen und ...

arznei-telegramm

arznei-telegramm

Das arznei-telegramm® informiert bereits im 51. Jahrgang Ärzte, Apotheker und andere Heilberufe über Nutzen und Risiken von Arzneimitteln. Das arznei-telegramm®  ist neutral und ...

Card Forum International

Card Forum International

Card Forum International, Magazine for Card Technologies and Applications, is a leading source for information in the field of card-based payment systems, related technologies, and required reading ...

Correo

Correo

 La Revista de Bayer CropScience para la Agricultura ModernaPflanzenschutzmagazin für den Landwirt, landwirtschaftlichen Berater, Händler und am Thema Interessierten mit umfassender ...

Demeter-Gartenrundbrief

Demeter-Gartenrundbrief

Einzige Gartenzeitung mit Erfahrungsberichten zum biologisch-dynamischen Anbau im Hausgarten (Demeter-Anbau). Mit regelmäßigem Arbeitskalender, Aussaat-/Pflanzzeiten, Neuigkeiten rund um den ...

dima

dima

Bau und Einsatz von Werkzeugmaschinen für spangebende und spanlose sowie abtragende und umformende Fertigungsverfahren. dima - die maschine - bietet als Fachzeitschrift die Kommunikationsplattform ...

e-commerce magazin

e-commerce magazin

PFLICHTLEKTÜRE – Seit zwei Jahrzehnten begleitet das e-commerce magazin das sich ständig ändernde Geschäftsfeld des Online- handels. Um den Durchblick zu behalten, teilen hier renommierte ...