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Progression eines geistigen Verfalls - Schizophrenie in Georg Büchners 'Lenz'

Schizophrenie in Georg Büchners 'Lenz'

AutorUta Leonhardt
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl137 Seiten
ISBN9783640410262
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
Magisterarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Germanistik - Neuere Deutsche Literatur, Note: 1,7, Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Sprache: Deutsch, Abstract: Im Jahr 1839 erschien in Karl Gutzkows 'Telegraphen für Deutschland' erstmalig Georg Büchners Erzählung 'Lenz'. Dieses Novellenfragment verdankt seine bis heute andauernde Bedeutung dem Nebeneinander von dichterischem Werk und klinisch genauem Krankheitsbericht. 'Lenz' hat nach Meinung vieler Literaturwissenschaftler und Psychiater, 'die Konstituierung des Krankheitsbildes der Schizophrenie vorweggenommen' . Die historische Figur, die als Vorbild für diese Novelle dient, ist der Dichter Jakob Michael Reinhold Lenz, ein ehemaliger Freund Goethes und neben diesem die auffälligste literarische Begabung der jungen Generation der 1770er Jahre. Nachdem er immer häufiger durch sein abnormales Verhalten auf sich aufmerksam machte, wurde Lenz als 'krank' etikettiert und als nicht anpassungs- und leistungsfähig aus der für ihn so bedeutsamen Gesellschaft ausgeschlossen. Er kam nach Waldersbach, wo er bei dem bekannten Pfarrer Johann Friedrich Oberlin Hilfe suchte. Dieser nahm ihn zunächst bei sich auf, musste aber bald feststellen, dass auch er gegen Lenz' Leiden nichts ausrichten konnte. Daher schickte er den Unglücklichen wieder fort. Um sich vor seinen Freunden und Bekannten für seine Entscheidung zu rechtfertigen, verfasste Oberlin einen detaillierten Bericht über dessen Aufenthalt. Eben jene Aufzeichnungen dienten Büchner als Ausgangspunkt für weitere Nachforschungen. Er verarbeitete sie zu einem 'Dokument einer geschlossenen Schizophreniedarstellung' , mit dem er den Diskussions- und Wissensstand der zeitgenössischen Psychiatrie und Psychologie bei Weitem übertraf. Dennoch ist diese Novelle nicht nur eine realitätsnahe Fallstudie, sondern weit mehr als das. Im Mittelpunkt des Interesses des Autors steht nicht die Schizophrenie, sondern der Mensch und dessen individuelles Leiden. Büchners Novelle zeigt auf den ersten Blick einen Kranken, der 'halb verrückt wurde' , zugleich jedoch, in etwas subtilerer Form, den verzweifelten Menschen, der sich dahinter verbirgt, den 'unglücklichen Poeten' . Der Krankheit ist eine metaphorische Bedeutung immanent, die nicht nur die Entfremdung eines Individuums von sich selbst widerspiegelt, sondern darüber hinaus Kritik an dem patriarchalischen Gefüge von Familie, Religion und Gesellschaft übt. Ziel der Abhandlung ist es, Büchners detaillierte Beschreibung einer Schizophrenieerkrankung anhand der einzelnen Symptome zu analysieren und darüber hinaus die der Krankheit inhärente metaphorische Bedeutung zu untersuchen.

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Leseprobe

3. Das Schizophreniesyndrom

 

Der Begriff „Schizophrenie“ ist ein Lehnwort aus dem Griechischen und heißt wörtlich übersetzt „Spaltung der Seele“.[107] Damit ist allerdings nicht die Spaltung des Menschen in zwei Persönlichkeiten gemeint, wie häufig fälschlicherweise angenommen wird, sondern die Tatsache, dass sich der Betroffene in zwei verschiedenen „Realitäten“ wähnt. In der realen Wirklichkeit, die dem normalen Verständnis und der Wahrnehmung der Durchschnittsbevölkerung entspricht und in einer zweiten „Wirklichkeit“, die der Gesunde weder beobachten noch nachvollziehen kann.[108]

 

Es handelt sich bei dieser Krankheit um eine psychische Veränderung, die dem Grad und dem Charakter einer Psychose entspricht und im schlimmsten Fall zu Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Illusionen führen kann.[109] Genau genommen gehört die Schizophrenie zu den endogenen Psychosen, die im Inneren des Organismus der Erkrankten ausgelöst werden. Ob es sich dabei um psychische oder physische Ursachen handelt, ist für die Einordnung irrelevant.[110]

 

Das Hauptmerkmal der Schizophrenie sind massive Störungen der Selbst- und Umweltwahrnehmung, hinzu kommt eine völlige Desorganisation von Teilen der Persönlichkeitsfunktionen. Wesentliche Kennzeichen sind hierbei die Zerfahrenheit des Denkens und des Gefühlslebens, sowie die Unmöglichkeit, sich als eine einheitliche Person zu empfinden. Tony Eggel beschreibt diesen Zustand als Störung des Einheitslebens einer Person: “In der Schizophrenie stehen These und Antithese in derselben Person als selbstständige Einheiten einander gegenüber, so dass es nicht zu einer Synthese und somit nicht zu einer Wiederherstellung der Einheit kommt.“[111]

 

Für einen Menschen, der von dieser Krankheit betroffen ist, ändert sich die Beziehung zu seiner Umgebung in einer Art und Weise, die er selbst nicht oder nur zu einem geringen Teil beeinflussen kann. Schizophreniepatienten ziehen sich oft aus interpersonellen Kontakten in eine subjektive, innere Welt voller Wahnideen und Halluzinationen zurück.[112] Dennoch befinden sich Personen, die unter Schizophrenie leiden, nicht unbedingt in einem Zustand völliger Verwirrung. Das Gedächtnis, die Orientierung und die Intelligenz sind oft noch voll funktionsfähig oder zumindest nur vorübergehend außer Kraft gesetzt. Gesundes und krankes Empfinden existieren parallel zueinander, die Betroffenen sind bei klarem Bewusstsein und dennoch denken, fühlen und handeln sie auf eine befremdende, Anderen unverständliche Art und Weise.[113] Diese Parallelität wird auch als „doppelte Buchführung“[114] bezeichnet.

 

Silvano Arieti, ein Psychiater und Psychoanalytiker, der seit mehreren Jahrzehnten mit Schizophreniepatienten arbeitet, beschreibt diese als Menschen, die die Welt ernst nehmen und nichts akzeptieren können, was ihnen im Leben als unannehmbar erscheint. Im Gegensatz zum Gesunden passen sie sich nicht an, sondern protestieren gegen die Norm. Mit der Schizophrenie wird nach Arietis Ansicht eine Welt der Imagination erforscht, in der nicht die Realität die Oberhand gewinnt, sondern ein Universum aus Metaphern. Der Kranke flüchtet aus der Wirklichkeit, „er ist wie ein Astronaut, der sich aufmacht, bessere Welten zu erkunden, aber im Gegensatz zu wirklichen Astronauten hat der Schizophrene ernste Schwierigkeiten, zu unseren bescheidenen Planeten, in die Realität zurückzukehren.“[115]

 

Schizophrenie ist eine Krankheit, die sich durch vier verschiedene Unterformen mit unterschiedlich ausgeprägten Symptomatiken auszeichnet. Die korrekte wissenschaftliche Krankheitsbezeichnung, die aber aus Gründen der Vereinfachung selten verwendet wird, lautet infolgedessen „Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis“. Die erste und häufigste Variante, die paranoide Schizophrenie, ist vor allem gekennzeichnet durch eine gestörte Wahrnehmung. Verfolgungswahn und Halluzinationen sind bei den Betroffenen besonders häufig zu beobachten. Hebephrene Schizophreniepatienten leiden hingegen meist unter Störungen der Affekte, die sich vor allem durch extreme Antriebs- und Ziellosigkeit, formale Denkstörungen[116] und inadäquate Emotionen äußern. Eine dritte Art der Schizophrenie ist die katatone Form, die durch starke Schwankungen der Intentionalität gekennzeichnet ist. Die Erkrankten befinden sich oft in einem permanenten Wechsel zwischen extremer Erregtheit und totaler seelischer und körperlicher Starre. Diese Art der Schizophrenie kommt allerdings relativ selten vor. Die letzte Unterform ist die so genannte einfache Schizophrenie, die vor allem anhand eines sehr starken emotionalen Rückzugs und einer Verflachung der Affekte erkennbar ist. Oft zeigen sich bei den entsprechenden Personen deutliche Verhaltensauffälligkeiten, die von ihrer Umgebung als unangenehm empfunden werden.[117]

 

Weltweit gibt es etwa 45 Millionen Menschen, die an Schizophrenie erkrankt sind. Damit steht die Erkrankung laut „World Health Report“ von 2003 an vierter Stelle der häufigsten psychischen Krankheiten. Aufgrund der großen Vielfalt der Symptome und der unterschiedlichen Formen der Erkrankung wird der schleichende Einbruch einer Schizophrenie häufig erst sehr spät und manchmal überhaupt nicht erkannt. Das liegt nicht zuletzt an einer weit verbreiteten Unkenntnis über die Schizophrenie und den negativen Vorurteilen gegenüber ihrer Folgen.[118]

 

3.1 Historie der Krankheit und Ursachenforschung

 

3.1.1 Schizophreniegeschichte

 

Der Ursprung des Schizophreniebegriffs liegt in der so genannten „Dementia praecox“, der frühzeitigen Demenz. Diese Geisteskrankheit wurde 1896 das erste Mal von dem deutschen Psychiater Emil Kraepelin (1856-1926) in seinem Psychiatrielehrbuch beschrieben. Die Komponenten, die er zu einer Krankheitseinheit zusammenfasste, waren die hebephrene Demenz, die sich durch ein inadäquates Verhalten, zunehmende Gefühlsabstumpfung und Antriebsmangel auszeichnet, und die katatonische Demenz, die mit motorischer Erregung oder Erstarrung einhergeht. Hinzu kam noch die paranoide Demenz, die sich durch paranoiden Wahn und Halluzinationen auszeichnet. Alle drei Formen der psychischen Störung waren zu diesem Zeitpunkt bereits als eigenständige Krankheiten bekannt. Hinsichtlich der gemeinsamen Verlaufstendenzen und Endzustände zog Kraepelin jedoch den Schluss, dass sich die einzelnen Komponenten gegenseitig bedingen und zusammengehören und dementsprechend Teile ein und derselben Krankheit sein müssten.[119]

 

Kraepelin teilte die endogenen Psychosen, das heißt Psychosen mit vererbter oder unbekannter Ursache, in zwei Gruppen ein: Die manisch-depressiven Erkrankungen, die als heilbar betrachtet werden könnten und „Dementia praecox“, die nicht selten zur völligen Demenz führen würden.[120] Er sagte den Betroffen der zweiten Gruppe einen negativen Verlauf der Krankheit voraus und schloss jede Aussicht auf Besserung oder gar Heilung aus. Es stellte sich aber relativ schnell heraus, dass diese Einschätzung nicht richtig war und die Krankheit weder nur in sehr jungen Jahren auftritt, wie die Bezeichnung vermuten lässt, noch typischerweise in einem dementen Zustand enden muss.

 

Aus diesem Grund ersetzte Eugen Bleuler (1857-1939), ein Arzt und Forscher aus Zürich, im Jahre 1911 in seiner Arbeit „Dementia praecox oder Die Gruppe der Schizophrenien“ den Begriff der „Dementia praecox“ mit dem der „Schizophrenie“. Dieser Ausdruck und die damit verbundene Definition der Erkrankung sind bis heute erhalten geblieben. Die von Bleuler gewählte Bezeichnung bezieht sich auf die Annahme, dass Assoziationsstörungen die Grundstörungen der Krankheit sind, also das Auseinanderfallen gedanklicher Verbindungen, das mit einer Spaltung der Realitätswahrnehmung und der Lockerung natürlicher Verknüpfungen von Ausdruck, Gefühl und Inhalten einhergeht.[121]

 

Obwohl die Schizophrenie als eigenständige Krankheit erst von Kraepelin benannt wurde, gab es laut Edward Shorter bereits um 1800 verschiedenen Fallstudien, die den Geisteszustand einer Schizophrenie beschreiben könnten. Unter anderem von Philippe Pinel stammen Schilderungen von jungen Erwachsenen, die mit einer Psychose in die Psychiatrie eingeliefert wurden, welche sich im Laufe der Zeit zu chronischem Irrsinn entwickelte. In der damaligen Zeit wurde die Erkrankung als „Schwachsinn“ oder „Narrheit“ bezeichnet.[122] Ob es sich dabei aber tatsächlich um Schizophreniebeschreibungen handelte, lässt sich nicht abschließend klären.

 

3.1.2 Mögliche Ursachen

 

Die möglichen Ursachen für Schizophrenie sind umstritten und werden von Psychiatern und Psychoanalytikern seit Jahrzehnten diskutiert. Die Krankheit gehört zu den funktionell am schwierigsten zu verstehenden Psychosen, die Erklärung und Definition der Auslöser ist sehr komplex. Inzwischen geht man davon aus, dass eine einheitliche Ursache ausgeschlossen werden kann.[123] Stattdessen handelt es sich bei der Schizophrenie um eine multifaktorielle Genese, dass heißt die Krankheit bricht nur dann aus, wenn die verschiedenen Ursachen in einer...

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