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Prozesse der Integration und Ausgrenzung

Türkische Migranten der zweiten Generation

AutorNorbert Gestring, Andrea Janßen, Ayca Polat
VerlagVS Verlag für Sozialwissenschaften (GWV)
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl221 Seiten
ISBN9783531900247
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis52,99 EUR
Mit dem Aufwachsen einer zweiten Migrantengeneration in der BRD sind auch für die deutsche Gesellschaft die Fragen relevant geworden, die für alle Einwanderungsgesellschaften von zentraler Bedeutung sind: Was bedeutet Integration, was Ausgrenzung? Woran entscheidet es sich, ob Integration gelingt oder der Weg in die Randständigkeit bis hin zur dauerhaften Ausgrenzung führt? Diese Fragen wurden für die zweite Generation türkischer Migrantinnen und Migranten in den Dimensionen Arbeit, soziale Netzwerke und Wohnen untersucht. Die Studie stützt sich zum einen auf Interviews mit türkischen Migranten der zweiten Generation, die in zwei typischen Migrantenquartieren wohnen, und zum anderen auf Interviews mit Gatekeepern des Arbeits- und Wohnungsmarkts, mit Personen also, die aufgrund ihrer beruflichen Position über Zugang und Platzierung in den Betrieben bzw. Wohnhäusern entscheiden.

Dr. Norbert Gestring ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsgruppe Stadtforschung am Institut für Soziologie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
Dr. Andrea Janßen ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) in Mannheim.
Dr. Ayca Polat ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe Stadtforschung am Institut für Soziologie der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.

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Leseprobe
3 Soziale Netzwerke (S. 33-34)

3.1 Funktionen sozialer Netzwerke

Die Bedeutung von Integration in der sozialen Dimension beinhaltet zwei Aspekte: Zunächst sind mit dem Netzwerk, also mit dem Kreis derjenigen Personen, zu denen regelmäßige Kontakte bestehen, vielfältige Ressourcen verbunden, die den Lebensalltag erleichtern oder Zugänge zum Arbeits- und Wohnungsmarkt bieten. Dies bezieht sich auf die Überlegungen Bourdieus zum sozialen Kapital (1983). Bourdieu spricht vom sozialen Kapital als „Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen" (190), beschränkt diese aber auf die marktförmigen Eigenschaften des sozialen Kapitals. So kann soziales Kapital in kulturelles oder ökonomisches Kapital konvertiert werden. Marktferne und nicht konvertierbare Leistungen sozialer Beziehungen werden von ihm nicht thematisiert.

Soziale Netze erfüllen aber auch wichtige Funktionen hinsichtlich der psychischen Stabilität durch die Erfahrung von Zuneigung und Akzeptanz sowie die Möglichkeit, Probleme mit anderen besprechen zu können. Außerdem vermitteln Familie, Freunde und Bekannte ein Gefühl der Zugehörigkeit und des Beheimatetseins – ein Aspekt, der gerade bei Migranten eine große Bedeutung erhält, da sie ein Gefühl der Zugehörigkeit weniger über kulturelle Gemeinsamkeiten oder eine räumliche Bindung entwickeln können. Neben dem sozialen Kapital ist somit emotionale Unterstützung die zweite Funktion sozialer Netzwerke. Bourdieu definiert soziales Kapital als „Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen" (1983: 190f.).

Zum einen gehören zu diesen Ressourcen Ünterstützungsleistungen wie das Verleihen von Geld oder das Aushelfen mit Kleinigkeiten des alltäglichen Gebrauchs. Immaterielle Leistungen wie Babysitten, Reparaturen im Haushalt etc. gehören ebenfalls zu diesen marktrelevanten Ressourcen, denn sie ersetzen kommerzielle Dienstleistungen. Zum anderen leisten Netzwerke auch Integrationsleistungen in anderen Dimensionen:

Ein Tipp von einem Freund über eine freie Stelle in seiner Firma kann bei der Suche nach einem Arbeitsplatz entscheidend sein, die Chancen, an die begehrte Wohnung zu kommen, steigen, wenn man von jemandem empfohlen wird oder sogar den Vermieter persönlich kennt. Dabei können gerade große, weit verzweigte Netzwerke mit schwachen Kontakten zu Personen, die Brückenköpfe zu anderen Netzwerken sind, sehr leistungsstark sein. Deshalb spricht Granovetter von „the strength of weak ties" (1973). Diese schwachen, weit verzweigten Netzwerke bieten die Möglichkeit der Überwindung großer räumlicher und sozialer Distanzen, was wiederum für die Verbreitung von Informationen bis hin zu Kontakten mit Gatekeepern wichtig sein kann (ebd.: 1370).

Welche Bedeutung weit verzweigte Netzwerke bspw. für Arbeitsmarktchancen haben, wird in der Studie von Granovetter (1973) über die Art der Verbindung, über die Informationen über freie Arbeitsplätze gelaufen sind, deutlich. So haben die meisten Befragten nicht durch enge Freunde, sondern durch sporadische Kontakte, „weak ties", ihre letzte Beschäftigung gefunden (ebd.: 1371). Auf der anderen Seite beeinflusst die Integration in anderen Dimensionen auch Struktur und Umfang sozialer Netzwerke: Wer über einen längeren Zeitraum arbeitslos ist, verliert meist den Kontakt zu seinen ehemaligen Arbeitskollegen.

Es wird schwieriger, hinsichtlich der Konsumgewohnheiten und bei gemeinsamen Unternehmungen ‚mitzuhalten’, wenn man selbst auf Arbeitslosenunterstützung angewiesen ist, während Freunde und Bekannte ihren Lebensstil nicht einschränken müssen. Ausgrenzung in der Dimension der sozialen Netze kann also Ausgrenzung in anderen Dimensionen forcieren und umgekehrt kann vor allem Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt und sozioökonomische Ausgrenzung Auslöser für einen Ausgrenzungsprozess in der sozialen Dimension sein. Für Migranten sind soziale Beziehungen im Aufnahmeland je nach Migrationstyp von unterschiedlicher Bedeutung (Pries 1998):

Für den Typ des transitorischen Migranten, der nur für einen begrenzten Zeitraum in der Fremde leben will oder muss, sind Kontakte im Aufnahmeland aufgrund der Rückkehrperspektive nur eingeschränkt relevant. Der transnationale Migrant, der zwischen den beiden Räumen wechselt, hat dagegen im Idealfall intensive soziale Netzwerkbeziehungen, die zwischen Herkunfts- und Ankunftsland aufgespannt sind. Ein dritter Typ der Migration ist die Diaspora.
Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Dank5
Inhalt6
Einleitung7
1 Zur Theorie von Integration und Ausgrenzung9
1.1 Theoretische Grundlagen9
1.2 Gegenstand und Sample der Studie16
2 Methoden19
3 Soziale Netzwerke30
3.1 Funktionen sozialer Netzwerke30
3.2 Familienzentriertheit, soziale Homogenität und Lokalität: Gemeinsamkeiten der Netzwerke34
3.3 Netzwerktypen: Familie plus X37
3.4 Erklärungen43
3.5 Netz und Käfig: Auswirkungen auf die Wohn- und Arbeitskarrieren51
3.6 Fazit52
4 Wohnen55
4.1 Die Wohnsituation türkischer Migranten55
4.2 Benachteiligung und Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt61
4.3 Zwischenfazit zu Integration, Diskriminierung und Quotierung79
4.4 Wohnkarrieren81
4.5 Quartierseffekte: Ressourcen und Benachteiligung96
4.6 Fazit: Ethnische Segregation – benachteiligende Quartiere?124
5 Arbeit131
5.1 Türkische Migranten auf dem Arbeitsmarkt131
5.2 Benachteiligung und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt151
5.3 Zwischenfazit zu Integration und Diskriminierung163
5.4 Arbeitsmarktkarrieren164
5.5 Erklärungen für die Arbeitsmarktkarrieren180
5.6 Fazit: Prekarität und Ausgrenzung188
6 Fazit190
6.1 Türkische Migranten der zweiten Generation – integriert oder ausgegrenzt?190
6.2 Politische Schlussfolgerungen201
Literatur210

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