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E-Book

Psychoanalyse und Neurowissenschaften

Chancen - Grenzen - Kontroversen

AutorGeorg Northoff, Heinz Böker, Marianne Leuzinger-Bohleber, Mark Solms, Tamara Fischmann
VerlagKohlhammer Verlag
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl236 Seiten
ISBN9783170267848
FormatPDF/ePUB
KopierschutzWasserzeichen/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis21,99 EUR
Neuere Entwicklungen in den Neurowissenschaften haben den interdisziplinären Dialog zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften intensiviert und der Psychoanalyse eine neue Tür zur Welt der Wissenschaften aufgestoßen. Fünf führende Experten zeigen die Chancen und Schwierigkeiten dieses Dialogs auf. Sie diskutieren wissenschaftstheoretische und methodische Probleme und erörtern, wie sich zentrale Konzepte der Psychoanalyse durch den Austausch mit den Neurowissenschaften weiterentwickeln.

Prof. Dr. phil. Marianne Leuzinger-Bohleber ist Professorin für Psychoanalyse an der Universität Kassel und Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts (SFI) in Frankfurt/M. Prof. Dr. med. Heinz Böker ist Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. PD Dr. rer. med. Dipl.-Psych. Tamara Fischmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am SFI. Prof. Dr. med. Dr. phil. Georg Northoff ist Lehrstuhlinhaber an der Universität Ottawa/Kanada und Direktor des Instituts 'Mind, Brain Imaging and Neuroethics'. Prof. Mark Solms, Ph.D., ist Leiter der Neuropsychologie am Groote Schuur Hospital in Kapstadt und Professor für Psychiatrie am Mount Sinai Hospital in New York.

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Leseprobe

1          Einleitung: Zum Dialog zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften – Trauma, Embodiment, Gedächtnis


Marianne Leuzinger-Bohleber


Lernziele


•  Einen Überblick über historische und aktuelle Aspekte des Dialogs zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften bekommen

•  Verschiedene Forschungsfelder und deren Bedeutung für die Weiterentwicklung der Psychoanalyse kennenlernen

•  Einsicht in die Chancen und Klippen des aktuellen Dialogs zwischen den beiden Disziplinen

•  Reflektieren, warum die Psychoanalyse als »spezifische Wissenschaft des Unbewussten« definiert wird und auf welcher Ebene eine Befruchtung der Psychoanalyse durch die Neurowissenschaften stattfindet

1.1        Einführung: Psychoanalyse und Neurowissenschaften – eine lange Geschichte mit neuen Möglichkeiten


Im Freud-Jahr 2006 konnte der Eindruck entstehen, der Dialog zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften bilde das wichtigste Fenster für die heutige Psychoanalyse, das sich für sie zur Welt der aktuellen wissenschaftlichen Diskurse eröffnet. Gewinnen wir in diesem Dialog zusätzliche Erkenntnisse zu bisherigen theoretischen Annäherung an das Unbewusste, dem spezifischen Forschungsgegenstand der Psychoanalyse? (vgl. dazu Leuzinger-Bohleber & Weiß, 2014 und Sonderheft der PSYCHE, Oktober 2013 zum Unbewussten).

Sein Leben lang hoffte Freud bekanntlich, neuere Entwicklungen in den Neurowissenschaften könnten dazu beitragen, psychoanalytische Prozesse auch naturwissenschaftlich zu erforschen. Der englische Neuropsychologe und Psychoanalytiker Mark Solms, einer der Autoren dieses Bandes, belegt in vielen seiner historischen und theoretischen Beiträgen, dass sich Freud – angesichts des Standes der neurowissenschaftlichen Methoden seiner Zeit – von dieser Vision abwandte und die Psychoanalyse als ausschließlich psychologische Wissenschaft des Unbewussten definierte. Wie Böker in seinem historischen Abriss in diesem Band skizziert ( Kap. 2), haben neuere Entwicklungen in den Neurowissenschaften, z. B. die Untersuchung des lebenden Gehirns mit Hilfe von bildgebenden Verfahren, aber auch die von Solms und anderen psychoanalytischen Forschern beschriebene neuroanatomische Methode den interdisziplinären Dialog zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften in den letzten Jahren befruchtet und intensiviert. 1999 erschien zum ersten Mal die internationale Zeitschrift Neuro-Psychoanalysis, in der namhafte Neurowissenschaftler und Psychoanalytiker Themen wie Emotion und Affekt, Gedächtnis, Schlaf und Traum, Konflikt und Trauma sowie bewusste und unbewusste Problemlösungsprozesse detailliert und kontrovers diskutieren. 2000 wurde die internationale Gesellschaft Neuropsychoanalysis gegründet, die anlässlich regelmäßiger Kongresse ebenfalls den Austausch zwischen diesen beiden Wissenschaften pflegt. Zudem haben sich in verschiedenen Ländern psychoanalytische Forschungsgruppen gebildet, die Patienten nach lokalisierbaren Hirnverletzungen psychoanalytisch behandeln, einmal um diese Patienten bei der Verarbeitung ihrer Behinderungen (z. B. Neglects) therapeutisch zu unterstützen, aber auch um in diesen Therapien gemeinsam mit den Betroffenen klinisch sorgfältig die Auswirkungen der hirnorganischen Schädigungen auf das seelische Funktionieren und Befinden zu studieren (vgl. u. a. Röckerath, Strauss & Leuzinger-Bohleber, 2009). Die mit Hilfe dieser neuroanatomischen Forschungsmethode gewonnenen Erkenntnisse wurden dokumentiert, im internationalen Austausch zwischen den Expertengruppen miteinander verglichen und in der Zeitschrift Neuro-Psychoanalysis regelmäßig publiziert.

So scheinen zunehmend viele Forschergruppen weltweit zu realisieren, dass sich Neurowissenschaften und Psychoanalyse in interessanter Weise ergänzen könnten: Die Neurowissenschaften verfügen inzwischen über die objektivierenden und exakten Methoden zur Prüfung anspruchsvoller Hypothesen über menschliches Verhalten, während die Psychoanalyse aufgrund ihrer reichen Erfahrung mit Patienten und ihrer besonderen Art der klinischen Feldforschung einen Reichtum differenzierter Erklärungsansätze entwickelt hat, um die vielschichtigen und komplexen Beobachtungen in der psychoanalytischen Situation zu konzeptualisieren. Diese Erklärungsansätze bzw. die Erkenntnisse, die aus den idiosynkratischen Verstehensprozessen mit einzelnen Patienten gewonnen und in Modellvorstellungen eingegangen sind, können auch für Neurowissenschaftler von Interesse sein und spezifische Forschungsfragen aufwerfen (vgl. Böker in diesem Band, Kap. 2).

Inzwischen sind einige erste Übersichtswerke zum Dialog der Psychotherapie und der Neurowissenschaften erschienen (u. a. von Leuzinger-Bohleber, Roth & Buchheim, 2008; Mancia, 2006; Böker & Seifritz, 2012). Unser Band ist als Einführung und Ergänzung zu diesen umfangreichen Publikationen gedacht. Während z. B. Böker und Seifritz (2012) in ihrem Sammelband ein breites Spektrum an Psychotherapie einschließen (von psychodynamischen, psychiatrischen bis hin zu kognitiv-behavioralen Psychotherapien), liegt der Schwerpunkt unserer Publikation auf der klinischen und extraklinischen (d. h. empirischen, experimentellen und interdisziplinären) Forschung in der heutigen Psychoanalyse (Leuzinger-Bohleber, 2010c, 2013). In der Einleitung wird die Auswahl der hier berücksichtigten methodischen, konzeptuellen und klinischen Arbeiten begründet und in einen größeren wissenschaftshistorischen und -theoretischen Kontext eingeordnet.

1.2        Chancen und Klippen der Neuro-Psychoanalyse: einige einleitende Anmerkungen


Bezogen auf die Psychoanalyse als klinische und wissenschaftliche Disziplin haben moderne Diskurse zum Leib-Seele-Problem, vor allem im intensivierten Dialog mit den Neurowissenschaften, zu einer neuen Wahrnehmung der Psychoanalyse in der breiteren Öffentlichkeit geführt. Anlässlich des 150. Geburtstages von Sigmund Freud sprach sogar die Zeitschrift »Der Spiegel« von einer »Renaissance der Psychoanalyse «. Diese neue Aufmerksamkeit in den Medien und in der Fachöffentlichkeit ist unter anderem dem Nobelpreisträger für Neurobiologie Eric Kandel zu verdanken. Sein Buch »Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes« (2006) wurde breit rezipiert und führte zu einer Intensivierung spannender interdisziplinärer Dialoge.

Für viele Autoren, auch für Eric Kandel, ist in den letzten Jahrzehnten dank der enormen technischen Fortschritte im Bereich der Neurowissenschaften eine Vision von Sigmund Freud teilweise zur Wirklichkeit geworden, nämlich dass die Erkenntnisse der Psychoanalyse sich auch mit Methoden der Naturwissenschaften belegen lassen. Bekanntlich ließ er selbst diese Vision, die er im »Entwurf einer Psychologie« (1895/1950) beschrieben hatte, wie eben erwähnt, angesichts der methodischen Grenzen der Neurowissenschaften seinerzeit fallen und definierte in der »Traumdeutung « (1900) die Psychoanalyse ausschließlich als eine psychologische Wissenschaft des Unbewussten (vgl. u. a. Kaplan-Solms & Solms, 2000). Wie Kandel in seinem Buch aufzeigt, öffnen die neuen Untersuchungsmethoden der Neurowissenschaften (wie PET, fMRI, EKP) ein neues Fenster für die Psychoanalyse, ihre Konzepte und Modelle durch Methoden der »harten Wissenschaften« zu überprüfen. Eric Kandel ist ein leidenschaftlicher Vertreter dieser Vision und sagte beispielsweise im Neuroforum der Hertie Stiftung 2008 öffentlich, dass die Zukunft der Psychoanalyse weitgehend davon abhänge, ob sie diese neue Herausforderung annehme.

Kandel (2006) diskutiert folgende Bereiche, in denen zukünftig die »Biologie im Dienste der Psychoanalyse« (S. 128 ff.) produktiv werden könnte:

1.    Das Unbewußte geistiger Prozesse

2.    Das Wesen der psychologischen Determiniertheit: Wie werden zwei Ereignisse im Geist miteinander verknüpft?

3.    Psychologische Kausalität und Psychopathologie

4.    Frühkindliche Erfahrungen und die Prädisposition zur Psychopathologie

5.    Das vorbewußte Unbewußte und der präfrontale Kortex

6.    Sexuelle Orientierung und die Biologie der Triebe

7.    Therapieergebnisse und strukturelle Veränderungen im Gehirn

8.    Psychopharmakologie und Psychoanalyse

Viele verschiedene Forschergruppen haben inzwischen seine Anregungen aufgenommen, auch viele...

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