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Psychotische Eltern - Verletzliche Kinder

Risiken und Chancen für die Entwicklung der Kinder bipolar erkrankter Eltern sowie die sozialpädagogischen Interventionsmöglichkeiten

AutorRabia Yüksel
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2010
Seitenanzahl138 Seiten
ISBN9783640775880
FormatePUB/PDF
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis34,99 EUR
Bachelorarbeit aus dem Jahr 2010 im Fachbereich Sozialpädagogik / Sozialarbeit, Note: 1,0, Leuphana Universität Lüneburg, Veranstaltung: Bachelor, Sprache: Deutsch, Abstract: Kinder, die als vergessene Angehörige psychisch kranker Eltern unter den gravierenden Auswirkungen der elterlichen Erkrankung leben, werden häufig nicht als solche wahrgenommen. Um dieses Problem besser zu verdeutlichen, werde ich erst einmal die Ausgangslage in Deutschland darstellen. So machen heute diverse Zeitungsartikel, wie z.B. 'Psychisch kranke Eltern. Mama, warum bist du so?' [In: www.stern.de (Zugriff: 18.06.10)] oder 'Psychisch kranke Eltern machen Kinder krank' [In: www.weltbild.de (Zugriff: 18.06.10)] auf das schwierige Zusammenleben mit einem psychisch kranken Elternteil deutlich. Mein Interesse am Thema dieser Arbeit wurde ganz besonders dadurch geweckt, dass das Thema Kinder psychisch kranker Eltern in den letzten Jahren immer mehr in die Öffentlichkeit gerückt ist und gerade im Bereich der Erwachsenenpsychiatrie im Hinblick auf die Soziale Arbeit fortgesetzt an Bedeutung gewinnt und auch notwendige frühpräventive Arbeit für die betroffenen Kinder verlangt. Dieses Thema hat auch, zum Teil mit gravierenden Folgen für Kinder depressiver Mütter, in der Öffentlichkeit für ein großes Aufsehen gesorgt, wie z.B. 'Depressive Mutter tötet Baby mit Rasierklinge' [In: www.focus.de (Zugriff: 18.06.10)] oder auch: 'Mutter erhängt 3 Kinder und tötet sich selbst' [In:www.carechild.de (Zugriff: 18.06.10)], wodurch für diese Kinder jede Hilfe zu spät kam, sei es seitens des Jugendamtes, des sozialen Umfeldes (z.B. Partner/ Geschwister/ Nachbarn) oder der notwendigen Behandlung durch die zuständigen Ärzte. Welche Hilfemöglichkeiten gibt es für die psychisch kranken Eltern(-teile) und ihre Kinder, um diese Familien optimal bei der Bewältigung ihrer schwierigen Lebenssituation unterstützen zu können? Der Gegenstand dieser Arbeit sind die betroffenen Kinder, die im selben Haushalt mit dem psychisch kranken Elternteil leben, demnach werde ich nicht spezifisch auf die Kinder eingehen, die aufgrund der elterlichen Erkrankung fremduntergebracht worden sind. Um aus den oben genannten Fragestellungen, in Hinblick auf die Thematik der betroffenen Kinder und ihre schwierige Lebenssituation mit einem psychisch kranken Elternteil, einen Einblick zu verschaffen, wird im Kapitel I. die Lebenssituationen von psychisch kranken Eltern und ihrer Kinder dargestellt.

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Leseprobe

Teil II.STÖRUNGSBILD


 

4. Was sind Affektive Störungen?


 

Affektive Störungen sind durch die starken Beeinträchtigungen der Stimmung (des Affekts) gekennzeichnet und beinhalten unterschiedliche Störungsformen und -verläufe. Tendenziell sind sie durch phasenhafte Verläufe charakterisiert, die durch: Depression, Manie, Hypomanie, Zyklothymie und Dysthymie gekennzeichnet sind [R. Lemke, 2004].

 

Affektive Störungen, sei es in Form einer ungewöhnlich gehobenen Stimmungslage (Manie) oder einer ungewöhnlich gedrückte Stimmungslage (Depression), stellen für den Betroffenen eine erhebliche Beeinträchtigung seiner Lebensumstände dar. Die häufigste Störungsform der affektiven Störungen ist die Depression: „Fast jeder Fünfte (jede vierte Frau und jeder achte Mann) ist mindestens einmal im Leben davon betroffen" [vgl. Hautzinger, M. & Thies, E., 2009, S. 63]

 

4.1. Definition und Klassifikation


 

Im ICD 10 unter F3 codierten affektiven Störungen werden unter folgenden Subtypen unterschieden und klassifiziert:

 

Abbildung 1: Subtypen der affektiven Störungen

 

 

* Quelle: Paulitsch, 2009, S.

 

4.2. Symptome der Subtypen


 

In diesem Kapitel werden im Einzelnen die Symptome der oben genannten affektiven Störungen nach dem ICD 10 dargestellt.

 

Die Kriterien der psychischen Störungen, hierbei die bipolaren Störungen sind: „Um die Diagnose einer psychischen Störung zuverlässig und vergleichbar stellen zu können, [...] in Deutschland die von der Weltgesundheitsorganisation erarbeiteten diagnostischen Leitlinien verbindlich." [vgl. Schaub et al., 2004, S. 15]

 

4.2.1 Manische[1] Episode (F30)

 

Die manische Episode kann sich in einer Hypomanie, einer Manie mit und ohne psychotische Symptome je nach der Schweregrad des Betroffenen äußern.

 

Symptome der Hypomanie (F30.0)

 

anhaltende leicht gehobene Stimmung

 

 gesteigerter Antrieb und Aktivität

 

 ein anhaltendes Gefühl von Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit

 

 gesteigerte Geselligkeit, Gesprächigkeit und übermäßige Vertraulichkeit

 

 gesteigerte Libido und ein vermindertes Schlafbedürfnis

 

 Reizbarkeit, Selbstüberschätzung und flegelhaftes Verhalten

 

 Beeinträchtigung der Aufmerksamkeit und Konzentration und damit verbundene Einschränkungen im Alltag

 

 Interesse an neuen Unternehmungen

 

 etwas überhöhte Geldausgabe

 

Die Dauer der Symptomatik der Hypomanie müssen beim Betroffenen mindestens vier Tage anhalten und mindestens drei der o.g. Symptome beinhalten, um die Kriterien nach dem ICD 10 für eine hypomanische Störung erfüllen zu können [Meyer & Hautzinger, 2004].

 

Manie ohne psychotische Symptome (F30.1)

 

[2]

Die Manie ohne psychotische Symptome beeinträchtigt den Betroffenen mindestens eine Woche andauernd in der sozialen und beruflichen Funktionsfähigkeit und kennzeichnet sich durch eine deutlich gereizte und meist misstrauische Stimmungslage aus [R. Lemke, 2004].

 

Manie mit psychotischen Symptomen (F30.2)

 

Die Symptome der Manie (F30.1) werden mit zusätzlichen psychotischen Symptomen begleitet, die mindestens eine Woche beim Betroffenen andauern:

 

 Verfolgungswahn, Größenideen

 

 religiöse Wahnvorstellungen, die die eigene Rolle betreffen

 

 Unverständlichkeit durch Ideenflucht und Rededrang

 

 Aggression, Gewalt und Verwahrlosung

 

Jedoch wird durch diese Affektstörungen das komplette Leben stark beeinträchtigt (s.u. Fallbeispiel) und zudem geht durch den Betroffenen Wahnvorstellungen der Realitätsbezug verloren, was wiederum zu großen Schwierigkeiten in der Behandlung solcher Patienten führt [Stark et al., 1997].

 

Zur Verdeutlichung der schwierigen Lebensumstände der Betroffenen wird ein Fallbeispiel dargestellt.

 

Fallbeispiel:

 

Herr G. ist 25 Jahre alt. Bis vor anderthalb Wochen war er ein unauffälliger junger Mann, der seiner Arbeit nachging. Doch innerhalb weniger Tage hat er sich radikal verändert: Er hat einen hohen Kredit aufgenommen und seine Arbeit gekündigt, um neue radikale Geschäftsideen zu verwirklichen. Mit dem Geld hat er sich jedoch gleich zwei teure Sportwagen gekauft. Seine Stimmung ist außergewöhnlich gut, er schläft fast gar nicht mehr und kann kaum noch ruhig sitzen. Er ist der Meinung, er könne alles schaffen, was er sich vornehme, und werde bald Millionär sein. Was seine Geschäftsideen angeht, so fallen ihm immer neue Möglichkeiten ein, wobei er nie lange bei einer Idee bleibt. [Hautzinger & Thies, 2009, S. 64]

 

Die besondere Schwierigkeit bei den manischen Episoden kommt noch hinzu, dass von seitens der Betroffenen keine Krankheitseinsicht besteht. Die betroffenen empfinden die Manie, besonders nach einer schweren depressiven Episode, als eine Erlösung [Stark et al., 1997].

 

4.2.2 Depressive Episode (F32)

 

Für eine Diagnose der depressiven Episode, muss beim Betroffenen fast täglich 2 Wochen anhaltend und mindestens zwei der folgenden Symptome vorhanden sein [Meyer & Hautzinger, 2004]:

 

 gedrückte Stimmung (ändert sich wenig von Tag zu Tag, meist situationsabhängig, häufig charakteristische Tagesschwankungen)

 

 Interessenverlust, Freudlosigkeit, erhöhte Ermüdbarkeit, Aktivitätseinschränkungen

 

 jedoch kann bei ungewöhnlicher Schwere der Symptomatik auch eine kürzere Dauer für die Diagnosestellung erfüllt werden

 

Weitere häufige Symptome der depressiven Episode sind:

 

 

Diese genannten Symptome können mit zusätzlichen somatischen Symptomen begleitet auftreten, die mit mindestens vier der aufgeführten Symptomatiken einhergehen [Hautzinger, 1998]:

 

 Interessenverlust oder Freudlosigkeit

 

 mangelnde Fähigkeit, situationsadäquat emotional zu reagieren

 

 frühmorgendliches Erwachen (zwei bis drei Stunden vor der gewohnten Zeit)

 

 objektive psychomotorische Hemmungen oder Agitiertheit

 

 deutlicher Appetitverlust (mit ca. 5% Gewichtsverlust)

 

 deutlicher Libidoverlust[3]

 

4.2.3 Körperliche Symptome

 

Betroffene leiden neben den affektiven, kognitiven und motorischen Symptomen auch unter zahlreichen körperlichen Symptomen. Besonders häufig werden die folgenden Beschwerden berichtet [R. Lemke, 2004]:

 

 Kopfschmerzen

 

 Druck in der Brust

 

 Herzbeschwerden

 

 Rückenschmerzen

 

 Magen-/ Darmbeschwerden

 

 Unterleibsbeschwerden

 

So beschreibt eine depressive Patientin ihre körperlichen Schmerzen:

 

„Ich bin körperlich sehr gesund und habe eigentlich nie Schmerzen. In der Depression tauchen sie auf, heftig und an verschiedenen Stellen. Ich spüre einen starken Druck im Kopf und in den Ohren. Auf der Brust habe ich ein Engegefühl, als wäre ein eiserner Reifen darum gezogen. In der Magengegend tut es richtig weh, als hätte ich einen Boxerschlag hineinbekommen." [vgl. Hegerl, U. & Niescken, S., 2008, S. 15]

 

4.2.4 Schweregrad der depressiven Episoden

 

Depressionen können sich je nach dem Schweregrad der vorhandenen Symptome unterschiedlich kennzeichnen, diese Episoden werden im ICD 10 im Folgenden kodiert:

 

Leichte depressive Episode (F32.0)

 

Für die Diagnose der leichten depressiven Episode müssen zwei der Hauptsymptome und zwei der weiteren häufigen Symptome erfüllt sein (s.o.). Bei der leichten Form der Depression können Betroffene, trotz der vorhandenen Symptome, ihren Alltag ohne große Schwierigkeiten bewältigen. Diese Symptome werden für den Betroffenen selber nicht als stark ausgeprägt und quellend empfunden, so dass keine starke Aktivitätsminderung im Alltag stattfindet [Schaub et al., 2004].

 

Mittelgradige depressive Episode (F32.1)

 

Für die mittelgradige depressive Episode müssen mindestens zwei der Hauptsymptome und drei der weiteren Symptome wie z.B. Schuldgefühle, Suizidgedanken etc. vorhanden sein. Beim Betroffenen sind diese Symptome stark ausgeprägt und führen im Alltag zu erheblichen Schwierigkeiten, insbesondere im sozialen und beruflichen Kontext [Schaub et...

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