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E-Book

Queen Victoria

Das kühne Leben einer außergewöhnlichen Frau

AutorJulia Baird
Verlagwbg Theiss
Erscheinungsjahr2018
Seitenanzahl596 Seiten
ISBN9783806238716
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis27,99 EUR
Queen Victoria gilt als prüde, ewig trauernde und zurückgezogene Matrone - war sie das wirklich? Mit nur 18 Jahren bestieg sie den Thron. Mit 20 heiratete sie Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, mit dem sie neun Kinder hatte. Sie liebte Sex. Und sie setzte ihre Macht bewusst ein. Sie überschritt konventionelle Grenzen, äußerte klar ihre Meinung - und begann nach dem Tod ihres geliebten Albert eine intime Beziehung mit ihrem Diener John Brown. Die Frau, die schon zu Lebzeiten einem ganzen Zeitalter ihren Namen gab, verkörperte selbst gerade nicht die bürgerlichen Traditionen und Konventionen, für die das viktorianische Zeitalter steht. Julia Baird schreibt mit großer erzählerischer Kraft die bewegende Geschichte einer Frau, die neben den wichtigen politischen Fragen ihrer Zeit mit vielen durchaus heutigen Probleme konfrontiert war: der Balance zwischen Arbeit und Familie, den Schwierigkeiten der Kindererziehung, Ehekrisen, Verlustängsten und Selbstzweifeln.

Julia Baird ist eine australische Journalistin und Autorin. Die studierte Historikerin wurde 2005 in Sydney promoviert und war dann Fellow am renommierten Shorenstein Center in Harvard. Sie ist Kolumnistin der International New York Times und moderiert die Nachrichtensendung ?The Drum? im australischen Sender ABC TV. Julia Bairds Artikel erscheinen u.a. in The New York Times, The Guardian, The Washington Post, The Sydney Morning Herald, Newsweek und Harper's Bazaar.

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Leseprobe

KAPITEL 1


Die Geburt des „kleinen Herkules“


„Meine Brüder sind weniger gesund als ich, ich habe regelmäßig gelebt, ich überlebe sie alle; der Thron wird auf mich und meine Kinder kommen.“

EDWARD, HERZOG VON KENT, VATER VON KÖNIGIN VICTORIA1

Königin Victoria wurde am 24. Mai 1819 geboren, nachts um 4.15 Uhr, in der Stunde vor Sonnenaufgang. In diesen wenigen Sekunden war sie wie jedes andere Neugeborene: nackt, verletzlich, verwundert, zappelnd in den Armen ihrer Mutter. Doch diese unschuldige Gewöhnlichkeit währte nur kurz. Wenige Augenblicke später schon eilten die wichtigsten Männer des Landes – Geistliche, Kanzler, Feldherrn und Politiker – in den Raum, rieben sich ihre verschlafenen Augen und beugten sich über das Baby, das noch keinen Namen hatte.

All diese Männer, die bei ihrer Geburt anwesend waren, vermochten sich vermutlich nicht vorzustellen, dass sie sich auch zwei Jahrzehnte später noch vor Victoria verbeugen sollten, stand diese doch in der Thronfolge nur auf dem fünften Platz. Dennoch sollte sie später Heere befehligen, Erzbischöfe auswählen und Premierminister ernennen – und nie mehr allein sein; eine Erwachsene, die auf Schritt und Tritt begleitet wurde, deren Mahlzeiten vorgekostet wurden und deren Gespräche immer irgendjemand mithörte.

Als nun der Morgen dämmerte, legte sich ihre Mutter, die Herzogin von Kent, zurück auf die Kissen im Himmelbett, schloss erschöpft die Augen und atmete Blumenduft aus dem Garten unter dem Fenster ein. An diesem bewölkten Frühlingsmorgen fiel ein leichter Regen, der willkommene Abkühlung brachte nach einer wochenlangen Hitzeperiode. Der Raum im Kensington Palace, wo das Baby zur Welt kam, war vollkommen weiß und roch nach einem frischen Wandteppich. Unter den Fenstern weideten Schafe, Häher riefen in den Buchen.

Wie in einem königlichen Haushalt üblich, waren die Mitglieder des Kronrats am Abend zuvor von Tischgesellschaften oder Theatervorstellungen herbeigerufen oder aus dem Bett geholt worden. Während sich die Herzogin in Wehen wand, warteten die Minister Seiner Majestät in einem angrenzenden Raum und kämpften gegen den Schlaf an. Der Herzog hatte ihnen vorsorglich angekündigt, dass er ihnen nicht Gesellschaft leisten werde, weil er sich an der Seite seiner Gemahlin aufzuhalten und ihr beizustehen gedenke. Wie es die Tradition verlangte, lauschten die ranghohen Herren während der Wehen, die sich über sechs Stunden erstreckten, auf die Geräusche, gähnten, schauten immer wieder auf ihre Taschenuhren und begaben sich schließlich in den Raum, als das Baby geboren war, um zu bezeugen, dass es sich tatsächlich um das Kind der Königin handelte.2 (Als Mary von Modena, die katholische Ehefrau von James II., im Jahr 1688 einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hatte, hatte die Mehrheit der Bevölkerung, aufgestachelt durch Protestanten, die unglücklich über einen männlichen Thronfolger waren, geglaubt, sie habe in Wirklichkeit eine Fehlgeburt erlitten und man habe in einem Bettwärmer ein anderes Neugeborenes in ihren Raum geschmuggelt. Das hatte zwar nicht gestimmt, aber unter anderem zur Revolution geführt, die James II. vom Thron gefegt hatte.)3 Zu den Würdenträgern, die bei Victorias Geburt anwesend waren, gehörten der Herzog von Wellington, der vier Jahre vorher Napoleon in der Schlacht bei Waterloo besiegt hatte, der Erzbischof von Canterbury und ein Mann, den Victoria schon in jungen Jahren zu verabscheuen begann: Captain John Conroy, der irische Stallmeister ihres Vaters und Vertraute ihrer Mutter.

Die Herzogin erduldete die Anwesenheit der Männer, die die Geburtsurkunde unterzeichneten und bestätigten, dass das Baby „einen vollkommen gesunden Eindruck“ machte. Sie murmelten Glückwünsche, dann schlurften sie müde hinaus in die Stadt, wo ein neuer Tag anbrach.

Stallburschen schleppten Wasser in die Ställe, und der Duft von Bienenwachs wehte von der nahegelegenen Kerzenfabrik herüber. Imbissverkäufer richteten ihre Stände an der Great Western Road her, einer alten Römerstraße, die entlang des Hyde Parks verlief und die Hauptzufahrtsstraße nach London vom Südwesten her bildete. Arbeiter eilten im Nebel zwischen Postkutschen und Marktkarren in ihre Fabriken, und Tausende Rinder waren auf dem Weg zum Schlachter – ein Auftrieb, der jeden Sonntag in der Nacht stattfand und London am frühen Morgen ins Chaos stürzte.

Im Kensington Palace fand der Herzog von Kent derweil vor Stolz und Aufregung keine Ruhe. In Briefen an seine Freunde schwärmte er von der „Geduld und der Anmut“ seiner Gemahlin während der Wehen und lobte die Hebamme, Frau Siebold, für „ihre Rührigkeit, ihren Eifer und ihr Wissen“.4 Ein eigenartiger Zufall, der zeigt, wie eng der britische und der deutschen Hochadel damals verbunden waren, hatte es gewollt, dass Frau Siebold ein Vierteljahr vorher die Geburt von Victorias späterem Ehemann, Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, begleitet hatte. Der kleine Albert, so schwärmte seine Mutter sei „superbe – d’une beauté extraordinaire“ gewesen.5 Von Geburt an wurde Albert wegen seiner hübschen Erscheinung gepriesen, Victoria wegen ihrer Kraft.

Zwar stand Victoria bei ihrer Geburt in der Thronfolge nur an fünfter Stelle, doch ihr Vater Edward, der Herzog von Kent und vierte Sohn von König George III., hatte sein Leben bereits in den Jahren zuvor umgekrempelt, als ihm klar geworden war, dass seine Geschwister keine Nachkommen haben würden und der Thron eines Tages an ihn oder seine Nachkommen fallen könnte. Lange Zeit war er mit einer Französin namens Julie de Saint-Laurent liiert gewesen. Edward hatte sie 1790 während seines ersten Aufenthalts in Gibraltar vorgeblich als Sängerin für eine Feier seiner Kompanie engagiert, in Wirklichkeit aber war sie in sein Haus gebracht worden, um mit ihm das Bett zu teilen. Trotz dieses unromantischen Anfangs der illegitimen Verbindung und der Tatsache, dass eine mögliche Ehe der beiden niemals anerkannt worden wäre, waren sie ein bemerkenswert erfolgreiches Gespann gewesen, das auch Versetzungen nach Kanada und Gibraltar sowie eine Meuterei von Edwards Kompanie überstanden hatte.6

Doch nachdem er drei Jahrzehnte mit der ihm treu ergebenen Julie de Saint-Laurent verbracht hatte, war Edward zu dem Schluss gekommen, dass er eine legitime Ehefrau brauchte, eine Frau, die es ihm ermöglichen würde, seine beträchtlichen Schulden zurückzuzahlen – Prinzen erhielten zusätzliche Zuwendungen, wenn sie heirateten. Der Tod seiner Nichte Charlotte hatte diesen Wunsch noch verstärkt, denn nun könnte eine jüngere Frau ihm ein Kind gebären, das eines Tages vielleicht über England herrschen würde.

Als der Herzog von Kent dann in einer großen Reisekutsche im April 1819 von Deutschland aus nach Westen unterwegs war, drängte er zur Eile. Er lieferte sich ein Wettrennen mit dem unberechenbarsten aller Gegner: der Biologie. Er musste seine hochschwangere deutsche Ehefrau rechtzeitig nach Großbritannien schaffen, wo sie hoffentlich jenes Kind zur Welt bringen sollte, das eines Tages das Land regieren würde. Der Herzog war überzeugt, das Volk würde den künftigen Monarchen mehr lieben, wenn er oder sie auf englischem Boden den ersten Schrei tat. Er schaute hinab auf das bleiche Antlitz seiner Gemahlin, das von der Frühlingssonne beschienen wurde, und lächelte. Er war 51 Jahre alt und praktisch mittellos: Es grenzte an ein Wunder, dass er eine solch junge, liebreizende und umgängliche Frau gefunden hatte. Die 32-jährige Fürstin Victoire von Sachsen-Coburg-Saalfeld, einem kleinen Fürstentum, das in Folge von Napoleons Eroberungszügen in Deutschland stark dezimiert worden war, hatte ein heiteres Wesen, war von kleiner, gedrungener Gestalt, hatte braune Locken und rote Wangen. Sie kleidete sich farbenfroh in Seide, Satin und Samt, und ihre großen Hüte zierten Straußenfedern. Die seit Kurzem verwitwete Victoire hatte bereits zwei Kinder, und es hatte einiger Überredungskünste bedurft, sie zur Heirat mit dem Herzog von Kent zu bewegen. Doch dann hatten die beiden sehr schnell zu einer liebevollen Partnerschaft gefunden, und Victoire war abermals schwanger geworden.

Auf dem Weg nach London kehrten die Gedanken des Herzogs von Kent mehrmals schuldbewusst zu Julie de Saint-Laurent zurück, die es sehr mitgenommen hatte, als er sie verlassen hatte, und die seither zurückgezogen in einem Pariser Konvent lebte. Doch jetzt, da er die lange Reise von Amorbach nach England antrat, war nicht nur Großbritannien, sondern auch der Thron erklärtes Ziel des Herzogs. Noch ein Jahr vor Victorias Geburt hätte niemand geglaubt, der Herzog von Kent würde imstande sein, einen Thronerben hervorzubringen. Er stand damals in der Thronfolge an fünfter Stelle, nach seinem älteren Bruder George, dem Prinzregenten, gefolgt von Georges einzigem und vielgeliebtem Kind Charlotte und seinen übrigen älteren Brüdern, Frederick und William. König George III., der allmählich dem Wahnsinn verfiel, hatte fünfzehn Kinder...

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