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Realer Inzest

Psychodynamik des sexuellen Mißbrauchs in der Familie

AutorMathias Hirsch
VerlagPsychosozial-Verlag
Erscheinungsjahr1999
Seitenanzahl290 Seiten
ISBN9783932133848
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis28,90 EUR

Dieses Buch behandelt den inzestuösen Mißbrauch von Kindern, bei dem ein Erwachsener ein ihn liebendes, von ihm abhängiges Kind für seine sexuellen Bedürfnisse ausbeutet. Das Hauptgewicht liegt in der Herausarbeitung der Psychodynamik, der Analyse der Beziehungs-strukturen und der Familiendynamik. Der Autor verknüpft seine eigenen therapeutischen Erfahrungen mit der aktuellen wissenschaftlichen Literatur.   

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Kapitelübersicht
  1. Inhalt und Einleitung
  2. Definition und Vorkommen des Inzests
  3. Psychoanalyse und realer Inzest
  4. Emotionale Ausbeutung des Kindes in der Familie
  5. Eine Falldarstellung: Frau D.
  6. Vater-Tochter-Inzest: Inzestgeschehen und Psychodynamik der Tochter
  7. Vater-Tochter-Inzest: Psychodynamik des Vaters und der Mutter sowie Familiendynamik
  8. Andere Inzestformen: Großvater-Enkelin-Inzest, Jungen als Opfer, Mutter-Tochter-, Bruder-Schwester-, Cousin-Cousine-Inzest
  9. Andere Inzestformen: Inzest in anderen Verwandtschaftsverhältnissen, Sexuelle Beziehung zwischen Therapeut und Patient, Latenter Inzest
  10. Die Folgen
  11. Therapie des Opfers, Hilfe für die Familie und Schlußbemerkung
  12. Literaturverzeichnis und Sachverzeichnis
Leseprobe

7 Vater-Tochter-Inzest (S. 77-78)

Von allen Inzestformen ist der Vater-Tochter-Inzest am häufigsten beschrieben und seine Dynamik am besten bekannt. Zum Vater-Tochter-Inzest gehören auch sexueller Mißbrauch durch Stiefväter und Adoptiv- bzw. Pflegeväter. Da die Blutsverwandtschaft allein keine Rolle spielt, wird sich der sexuelle Mißbrauch durch Ersatzväter demjenigen durch den biologischen Vater um so mehr nähern, je mehr Stiefvater und Stieftochter zusammengelebt und eine enge Beziehung entwickelt haben. Als Schutz vor Inzest wird das Inzesttabu und das enge Zusammenleben seit dem Säuglings- und Vorschulalter beschrieben; das beobachtete höhere Risiko für Stieftöchter (17 % aller sexuell mißbrauchten Frauen, die eine nennenswerte Beziehung zu ihrem Stiefvater entwickelt hatten, im Vergleich zu 2 % der Frauen, die mit dem biologischen Vater zusammengelebt hatten – Russell 1983, 1986; ein erhöhtes Risiko wird auch von Gordon 1989 und Phelan 1986 berichtet) wurde von den genannten Autoren mit diesen Hypothesen begründet. Die Befunde über den Schweregrad des Stiefvater-Stieftochter-Inzests im Vergleich zu dem durch den biologischen Vater sind verschieden [Diskussion s. bei Gordon (1989)]; wegen der nach längerem Zusammenleben identischen Dynamik wird er hier mit dem Vater-Tochter-Inzest gleichgesetzt.

Neben den Daten aus der Literatur steht mir das Material von inzwischen über 40 Patientinnen aus meiner psychoanalytisch-psychotherapeutischen Praxis zur Verfügung, die Inzest mit dem Vater in einem so späten Lebensalter erlebten, daß sie sich eindeutig daran erinnern können. Bei weiteren Patientinnen wurde das inzestuöse Agieren des Vaters nicht als hartes Faktum erinnert, jedoch im Laufe der analytischen Arbeit mit derartiger Evidenz, z. B. durch Träume und Erinnerungen, erarbeitet bzw. in seiner emotionalen Qualität reproduziert, daß für mich kein Zweifel an der Realität besteht. Hier handelte es sich wohl eher um einmalige Ereignisse in relativ sehr früher Kindheit, die der Amnesie verfallen waren. Wie auch bei anderen Berichten aus der ambulanten Praxis (Westermeyer 1978; Rosenfeld 1979 b) ließen sich die Inzestopfer nicht von anderen Patienten unterscheiden, ihre Symptomatik kam auch ohne Inzest vor. Die soziale Schichtzugehörigkeit war noch eher durchschnittlich als bei der Gesamtheit meiner Patienten: fast alle Inzestopfer kamen aus bürgerlichen Mittelschichtfamilien, ihre Väter waren Handwerker, Facharbeiter, zum kleinen Teil Akademiker. Nur in zwei Fällen waren sie ungelernte Arbeiter, manchmal blieb der Beruf unbekannt (nur Vorgespräche). Außerdem wurden hier und zur Erarbeitung der Psychodynamik und Familiendynamik Berichte von ehemaligen Inzestopfern herangezogen, die in dem ein drucksvollen Buch von Gardiner-Sirtl (1983) mit dem Titel Als Kind mißbraucht veröffentlicht wurden.

7.1 Das Inzestgeschehen
ür den Vater-Tochter-Inzest lassen sich einige äußere Charakteristika unterscheiden. Ohne tiefere familiendynamische Untersuchungen feststellbare soziale Merkmale haben zu der oft zitierten Einteilung in promiskuöse, endogamische und pädophile Familien durch Weinberg (1955) geführt. Obwohl Weinberg eine Gruppe von überführten Inzesttätern untersuchte, in der ein Überwiegen der „Asozialität" zu vermuten gewesen wäre, war doch in dieser Gruppe bereits ein zahlenmäßiges Überwiegen des „endogamischen" Inzests zu beobachten, während die des pädophilen Inzests den geringsten Teil darstellte. Weinberg (1955) beschreibt die verschiedenen Inzestfamilien unter besonderer Berücksichtigung der Persönlichkeiten des Vaters.

Blick ins Buch
Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur Neuausgabe6
Vorwort zur dritten Auflage7
Vorwort zur zweiten Auflage8
Vorwort zur ersten Auflage9
Inhalt10
1 Einleitung16
2 Definition: Was ist Inzest?20
2.1 Anthropologische Definition20
2.2 Strafrechtliche Definition22
2.3 Psychologische Definition24
2.3.1 Diskussion des feministischen Standpunkts26
2.3.2 Forderungen nach Liberalisierung des Sexualstrafrecht29
2.3.3 Zusammenfassung30
3 Vorkommen des Inzests32
3.1 Häufigkeit32
3.1.1 Anteile der verschiedenen Inzestbeziehungen37
3.1.2 Soziale Schicht und ethnische Zugehörigkeit39
3.2 Bewußtsein von der Realität des Inzests40
4 Psychoanalyse und realer Inzest42
4.1 Warum Widerruf der Verführungstheorie durch Freud?48
4.2 Der Beitrag Ferenczis57
4.3 Traumatische Realität und Psychoanalyse61
5 Emotionale Ausbeutung des Kindes in der Familie66
5.1 Narzißtische Bedürfnisse der Eltern und ihre Projektionen auf das Kind67
5.2 Partnerersatzdynamik69
5.3 Kindesmißhandlung70
5.4 Sexueller Mißbrauch in der Familie71
5.5 „Terrorismus des Leidens”71
6 Eine Falldarstellung: Frau D.74
Charakterisierung der Mutter und Mutter-Kind-Beziehung74
Vater und Vater-Tochter-Beziehung76
Inzestgeschehen77
Familiendynamik und Familientradition81
Partnerbeziehungen, Sexualität, sexuelle Angriffe82
Therapeutischer Verlauf86
7 Vater-Tochter-Inzest92
7.1 Das Inzestgeschehen93
7.1.1 Beginn des offenen Inzests95
7.2 Psychodynamik der Tochter97
7.2.1 Die Beziehung zum Vater als Kompensation eines Defizits an mütterlicher Fürsorge98
7.2.2 Beziehung zur Mutter104
7.2.3 Schuldgefühle der Tochter106
7.2.4 Abwehrmechanismen118
7.2.5 „Die Tochter ist verführerisch”125
7.2.6 Die spätere Beziehung der Tochter zum Vater128
7.2.7 Partnerwahl131
7.3 Psychodynamik des Vaters133
7.3.1 Äußere Charakteristika133
7.3.2 Narzißtisches Defizit und Beziehung zur eigenen Mutter136
7.3.3 Beziehung zum eigenen Vater138
7.3.4 Paranoide Züge und Eifersucht139
7.3.5 Abwehrmechanismen des Täters140
7.3.6 Narzißmus des Vaters141
7.4 Psychodynamik der Mutter150
7.4.1 Äußere und innere Charakteristika150
7.4.2 Die Rolle der Mutter als „silent partner”152
7.4.3 Eifersucht und Rivalität der Mutter155
7.5 Familiendynamik159
7.5.1 Äußere Charakteristika der Inzestfamilie160
7.5.2 Trennungsangst der Inzestfamilie161
7.5.3 Rollenumkehr163
7.5.4 Bündnisse164
7.5.5 Einfluß auf Geschwister des Opfers165
7.5.6 Familientradition des Inzests166
8 Andere Inzestformen168
8.1 Großvater-Enkelin-Inzest168
8.2 Jungen als Opfer172
8.2.1 Mutter-Sohn-Inzest173
Manifester Mutter-Sohn-Inzest175
Sonderformen des Mutter-Sohn-Inzests181
Mutter-Sohn-Inzest im weiteren Sinne183
8.2.2 Vater-Sohn-Inzest185
8.3 Mutter-Tochter-Inzest188
8.4 Bruder-Schwester-, Cousin-Cousine-Inzest189
8.5 Inzest in anderen Verwandtschaftsverhältnissen, bei Adoptiv- und Pflegekindern und multipler Inzest192
8.6 Sexuelle Beziehung zwischen Therapeut und Patient194
8.7 Latenter Inzest210
Vater-Tochter-Beziehung213
Mutter-Sohn-Beziehung218
9 Die Folgen225
9.1 Typische Folgen des Inzests228
9.2 Allgemeine Symptomatik229
9.3 Symptome aufgrund von Schuldgefühlen232
9.3.1 Selbstbeschädigung232
9.3.2 Psychogener Schmerz233
9.4 Konversionsneurotische Symptome235
9.5 Psychosomatische Symptomatik236
9.6 Sexualisiertes Verhalten237
9.6.1 Promiskuität237
9.6.2 Prostitution239
9.6.3 Prädisposition zur Vergewaltigung239
9.6.4 Homosexualität beim Inzestopfer240
9.7 Psychose und Borderline-Persönlichkeitsstörung241
10 Therapie des Opfers und Hilfe für die Familie246
10.1 Diagnose246
10.2 Therapieformen250
10.2.1 Psychoanalytische Therapie251
Idealisierende Mutter-Übertragung252
Negative Mutterübertragung253
Externalisierung des traumatischen Introjekts256
Schuld, Scham und Trauer258
Trennung259
10.2.2 Gruppenpsychotherapie260
10.2.3 Familienorientierte Therapie261
10.3 Kooperation mit Institutionen263
10.4 Prävention266
11 Schlußbemerkung269
Literaturverzeichnis271
Sachverzeichnis285

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