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Recht auf Lüge, Lüge als Pflicht

Zu Begriff, Ideengeschichte und Praxis der politischen »edlen« Lüge

AutorGeorg Martin
VerlagHerbert Utz Verlag
Erscheinungsjahr2009
Seitenanzahl379 Seiten
ISBN9783831609055
FormatPDF
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis52,99 EUR
Gibt es - über die Staatsräsonlehre hinausgehend - Situationen, in denen eine Regierung berechtigt oder gar verpflichtet ist, politische Maßnahmen, die das Wohl der Bürger befördern, mit Hilfe von Lügen durchzusetzen? Platon bejaht diese Frage und bezeichnet entsprechende Lügen als „edel“.
Der Autor liefert die erste Monographie zu diesem Thema. Sie leistet eine Begriffsbestimmung der „edlen“ Lüge und zeichnet darauf aufbauend ihre neuzeitliche Rezeption nach: Aus Machiavellis politischer Religion, den Naturrechtssystemen Grotius’ und Pufendorfs und der Liberalismuskritik bei Leo Strauss leitet er drei Typen „edler“ Lüge her.
Den zweiten Schwerpunkt bilden Fragen zum politisch-analytischen Nutzen der „edlen“ Lüge und zu ihrer Vereinbarkeit mit liberal-demokratischen Prinzipien. Grundlage für diese Überlegungen sind Aussagen der US-Regierung im Jahr 2003 über irakische Massenvernichtungswaffen sowie Helmut Kohls „Blühende Landschaften“.

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Leseprobe
II. Begriff (S. 31-33)

Ziel des folgenden Kapitels ist es – und muss es in Ermangelung von Literatur sein, die diese Vorleistung systematisch erbringt –, eine Definition der „edlen“ Lüge in der politischen Philosophie zu leisten. Um dies ohne begriffliche Probleme bewerkstelligen zu können, muss der Umweg über die herkömmliche, die gemeine – im Gegensatz zur „edlen“ – Lüge genommen und zunächst deren wichtigste Aspekte erläutert werden.

Davon ausgehend können durch Betonung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden die Merkmale hervorgehoben, die die „edle“ Lüge konstituieren. Das Kapitel gliedert sich daher in zwei Teile, von denen der erste den allgemeinen Begriff der Lüge und der zweite die Definition der Sonderform der „edlen“ Lüge zum Inhalt hat.

1. Was ist Lüge?

Eine Klärung des Begriffs der Lüge ist notwendiger erster Schritt, um zu einer Definition der „edlen“ Lüge zu gelangen. Dabei ist es nicht entscheidend, eine allgemein gültige Definition zu liefern, sondern nur die Aspekte des Lügens aufzuzeigen, die im weiteren Verlauf auch für die Bestimmung der „edlen“ Lüge von Bedeutung sind. Die folgende Begriffsbestimmung der Lüge erhebt daher keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Definitorische Feinheiten und kasuistische Grenzfälle, die vielen Autoren die Begriffsbildung erschweren, sind hierfür nicht von Belang und werden nicht weiter berücksichtigt, dazu zählen: Umgangsformen, die mit Unwahrheit und Täuschung arbeiten, wie z.B. political correctness und gesellschaftliche Etikette, Ausdrucksformen, deren Adressaten sich des unwahren Charakters bewusst sind, wie z.B. Ironie, literarische Fiktion, Wahlkampfversprechen und Formen der Rhetorik. Zunächst einige topische Überlegungen zur Annäherung an den Begriff der Lüge:

• Im Volksmund ist ein Lügner ein „Dunstmacher“, der „blauen Nebel“ verbreitet, also durch falsche Aussagen die Wirklichkeit verschleiert und versucht, seine Mitmenschen diese Unwahrheiten glauben zu machen. Absicht des Lügners ist es in „der volkstümlichen Vorstellung“, aus seinen Falschaussagen auf Kosten des Belogenen einen Nutzen zu ziehen, weshalb „Lügen und ‚Bescheißen‘ identisch“ seien.

• Die alltägliche Erfahrung bestätigt, dass Lügen aus dem Wunsch heraus geäußert werden, durch unwahrheitsgemäße Aussagen gegenüber Dritten seine persönlichen Handlungsziele leichter zu erreichen. Die notwendigerweise darin enthaltene Täuschung und Schädigung des Belogenen macht die Lüge zu einer bei den Mitmenschen unerwünschten, „stinkenden“60 Praxis und lässt einen neutralen, nicht-pejorativen Sprachgebrauch des Begriffs nicht zu.

• Der Lügner sieht sich stets in der Situation, sein Verhalten zum einen vor sich selbst, vor allem jedoch vor demjenigen, der seine Lüge aufgedeckt hat, rechtfertigen zu müssen. Die Belogenen hingegen fühlen sich als Opfer: in ihrem Vertrauen in den Lügner enttäuscht und wehrlos seinen Unwahrheiten ausgesetzt.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort6
Inhalt8
Formale Hinweise13
I. Einleitung18
II. Begriff34
III. Ideengeschichte86
IV. Praxis282
V. Fazit326
Literatur334

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