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E-Book

Religiöse Kommunikation und soziales Engagement

Die Zukunft des liberalen Paradigmas

AutorGerhard Wegner
VerlagEvangelische Verlagsanstalt
Erscheinungsjahr2016
Seitenanzahl260 Seiten
ISBN9783374046737
FormatePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis18,99 EUR
Dass christlicher Glaube mit sozialem Engagement verbunden ist, bezeugt bereits das Neue Testament in aller Deutlichkeit. Auch heute verbinden sich christliche Werte und konfessionelle Bindung mit dem Einsatz für das Gemeinwohl in der Zivilgesellschaft. Ja, bisweilen kann man den Eindruck haben, es bilde sich eine Art »Sozialreligion« heraus, die über ein hohes gruppenbezogenes Motivationspotenzial verfügt. Der Autor arbeitet die Zusammenhänge zwischen Religion und Engagement heraus - und wirft auch einen Blick auf nichtchristliche Religionen. [Religious Communication and Social Commitment. The Future of the Liberal Paradigm] That Christian faith is combined with social commitment is already clearly testified in the New Testament. Today, Christian values and denominational loyalties combine with the commitment to the common good in civil society. Sometimes, one could get the impression that a kind of 'social religion' is originating that has a high group-related potential of motivation. The author analyses the interrelationships between religion and commitment - and also takes a look at non-Christian religions.

Gerhard Wegner, Dr. theol., Jahrgang 1953, studierte Theologie in Göttingen und Nairobi. Er ist Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD und apl. Professor für Praktische Theologie an der Universität Marburg, zudem Mitglied in zahlreichen politischen, kirchlichen und diakonischen Gremien - u. a. in der Sechsten Altenkommission der Bundesregierung, dem Beirat des Denkwerks Demokratie, dem Präsidium des Diakonischen Werkes Niedersachsen und dem Beirat zur 5. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD.

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Leseprobe

Soziale Gerechtigkeit


Eine gemeinsame Herausforderung für Kirche und Diakonie1

Fragt man die Mitglieder der Evangelischen Kirchen in Deutschland danach, was sie von ihrer Kirche hauptsächlich erwarten, so rangiert soziales Engagement ganz oben. Über 80 % von ihnen wollen, dass sich die Kirche für arme, gebrechliche und kranke Menschen einsetzt, und sich in dieser Richtung sozial in der Gesellschaft engagiert. Diese sozialen Erwartungen sind noch größer als die in einem engeren Sinne religiösen Erwartungen an die eigene Kirche.

Am Anfang steht die Ankündigung des Reiches Gottes

Gehen wir zurück auf null – auch wenn das mit der Nullsituation nicht so ganz stimmt. Gehen wir zurück zu dem, womit unser Christsein begonnen hat: zu Jesus Christus. Er war gewiss vieles, aber was er bestimmt nicht war: ein Religionsstifter. Und er hat bekanntlich auch keine neue Kirche geschaffen. Es ist banal, dies zu betonen – aber mir scheint es gerade in heutigen Zeiten außerordentlich wichtig, daran zu erinnern: Jesus ging es weder um die Schaffung einer gesonderten Einrichtung in der Welt, die als Kirche spezifische Funktionen in der Gesellschaft erfüllt, noch ging es ihm darum, ein apartes Wissen über Gott in die Welt zu bringen, was dann als Religion begriffen werden könnte. Ihm ging es um eine gemeinsame, im Kern kollektive Vision der Änderung des Lebens; um den Anbruch des Reiches Gottes. Er lebte die Ankündigung dieses Reiches Gottes unter den Menschen.

Das Reich Gottes beginnt in uns und zieht uns in große Zusammenhänge hinein

Über die Zusammenhänge zwischen dem Reich Gottes und unserer Lebenswirklichkeit ist seitdem in 2000 Jahren immer wieder viel nachgedacht worden. Nicht gerade selten ist dieses Nachdenken auch ein Mittel gewesen, wie man den Herausforderungen und Ansprüchen des Reiches Gottes aus dem Wege gehen kann und seinen Anspruch in irgendeiner Form domestiziert, in Häuser sperrt, in religiöse Sonderwelten hineinzwingt und so dem umfassenden Gemeinschaftsanspruch entgeht. Wer aber diese Gedanken ernst nimmt, der kommt nicht darum herum, dass Kirche stets den Anspruch erhebt, zumindest etwas von diesem Kraftfeld abzubilden und Wege zu öffnen, um die geistliche Sozialisation in das Reich Gottes hinein möglich zu machen.

Grundhaltungen: Nächstenliebe, Fürsorge, Berufung, Kooperation, treuhänderisches Handeln

Wie gesagt: Der Glaube beginnt individuell, aber dieses Individuelle ist nicht von Gemeinschaftserfahrungen zu trennen. Innerhalb der Gemeinschaft bildet sich mittels des Glaubens der Einzelne zu einem Individuum, zu einer individuellen Persönlichkeit aus, was sich in bestimmten Haltungen und Einstellungen manifestiert. Ich darf und ich soll ich selbst sein und das Geschenk meiner Individualität auch ausleben. Ich soll ich selbst sein, und ich kann darin immer besser werden. Meine Fähigkeiten sind Geschenke an mich, die ich entfalten und entwickeln soll, um sie für mich und für andere einsetzen zu können. Die eigene Persönlichkeitsentwicklung realisiert sich folglich inmitten der Ausbildung eines Gemeinschaftsethos und kann sich ihm kaum entziehen. Die Entwicklung der eigenen Fähigkeiten bzw. der eigenen Leistungsfähigkeit zurückzuhalten, wäre ein Verstoß gegen dieses Gemeinschaftsethos. In diesem Sinne auf Kosten anderer zu leben, verstößt gegen die Grundsätze.

Nächstenliebe

Ganz oben in den christlichen Grundhaltungen steht das Konzept der Nächstenliebe wie es exemplarisch in den Reich-Gottes-Gleichnissen entwickelt wird. Nächstenliebe ist eine spezifische Form von Gerechtigkeit, die den einzelnen Menschen, der Liebe braucht, in den Blick nimmt und ihn nicht über den einen Leisten allgemeiner Gerechtigkeitskriterien schlägt. Nächstenliebe kann mit dem schönen englischen Begriff der »beneficial interaction« beschrieben werden. Damit ist ein Verhalten gemeint, das dem anderen zugutekommt; sich ihm gegenüber großzügig erweist und ihn in einem klugen Sinne stets zugleich fordert und fördert. Nächstenliebe in dieser Hinsicht hat nichts mit sentimentalem Getue oder reinem Gutmenschentum zu tun, sondern mit einer zugewandten und den anderen inkludierenden Haltung, die an dessen Fehlern, an dessen mangelhafter Entwicklung seiner eigenen Fähigkeiten und der Umsetzung seiner eigenen Berufung leidet und dies auch deutlich macht. Nächstenliebe in diesem Sinn verstanden ist z. B. eine Grundlage jedes erzieherischen Handelns, in dem die Kinder und Jugendlichen darauf angewiesen sind, dass Erwachsene ihnen gegenüber wohlwollend auftreten, sie nicht missbrauchen, sondern sie im Interesse ihrer zukünftigen Entwicklung fördern – und insoweit auch von eigenen Interessen absehen können.

Fürsorge

Eine weitere Grundhaltung ist die der Fürsorge: Eine Haltung, die von vornherein vorausschauend den Blick auf das Gelingen von Interaktionen und die Sinnhaftigkeit von Strukturen richtet. Verantwortung i. S. von Fürsorge setzt nicht erst dann an, wenn es zum Haftungsfall gekommen ist, sondern sie richtet sich prospektiv auf das Gelingen von Aktivitäten. Fürsorge, die auch mit persönlichen Opfern einhergehen kann, wird elementar in Familienstrukturen erlernt (oder dort auch verlernt). Die moderne Familie ist gut in der Lage, Fürsorge zu vermitteln. In ihr bestärken sich die Beteiligten gegenseitig darin, dass sie zwar als unabhängige und selbstverantwortliche Individuen in der Gesellschaft handeln müssen, aber gleichwohl aufeinander angewiesen sind und in dieser Hinsicht füreinander sorgen. Fürsorge hat mit der elementaren Ausbildung eines Wir zu tun und setzt so noch am deutlichsten das Glaubenszeugnis einer Schöpfungsgemeinschaft um. Die Familie stellt eine elementare Form solch einer Schöpfungsgemeinschaft dar. Sie ist der Ort der Natalität und möglicherweise auch Weggemeinschaft hin zum Ende des Lebens als einem möglichen Neuanfang.

Berufung

Es war Martin Luthers revolutionäre Entdeckung, dass Gott nicht nur Priester und die Obrigkeit beruft, sondern einen jeden Menschen mit Fähigkeiten begabt und ihn auf diese Weise in den Gottesdienst im Alltag der Welt beruft. Allen Menschen eine Berufung zuzusprechen, war etwas Umstürzendes und gehört zu den Grundpfeilern der modernen Welt. Jeder hat einen Beruf und soll in diesem Beruf für sich selbst und insbesondere für den Nächsten sorgen. Ein Beruf aber ist mehr als nur irgendeine Arbeit, die man tun muss, mehr als irgendein Job. Ein Beruf ist eine Arbeitsstruktur, die sinnvoll ist, weil sie im Dienste des Nächsten und zur Ehre Gottes geschieht. Mit diesen Gedanken wird Kritik an allen Formen von Arbeit geübt, die solcher kooperativ-sinnvoller Struktur längst entkleidet sind. Mit diesem Gedanken wird auch Kritik an allen Formen von Arbeit geübt, in denen nicht genügend für die eigene Selbsterhaltung verdient werden kann. Im Berufungsgedanken kommt die biblische Vorstellung des Arbeiters, der seines Lohnes wert ist, zum Tragen. Wer einen Beruf hat, der soll sich davon auch selbst erhalten können. Luther wäre mit großer Sicherheit ein Anhänger eines vernünftigen Mindestlohns gewesen.

Kooperation

Fasst man all diese Gedanken zusammen, dann lässt sich das Miteinander von Christenmenschen nur als Kooperation denken. Das Zusammenwirken aller Arbeitenden ist der Oberbegriff, mit dem eine Gesellschaft der Berufenen, die in Fürsorge füreinander leben, konzipiert werden kann. Nicht das Gegeneinander, der zerstörerische Wettbewerb, die Auflösung aller Beziehungen in reine Marktverhältnisse sind das, was hier ansteht, sondern es gilt, die Gesellschaft als Kooperationsgefüge zu begreifen. Das bedeutet auch, dass diese Gesellschaft gemeinsame Ziele aufweisen kann (Gemeinwohl), dem sich ihre Produktivität unterordnen muss. Die Wirtschaft ist in dieser Sichtweise kein Selbstzweck und die Wohlstandsentwicklung nicht endlos.

Treuhänderisches Handeln

Schließlich ist entscheidend, dass im Blick auf die Macht in einem sozialen Gefüge, aber auch auf den Gebrauch von Eigentum und Reichtum in der Gesellschaft, die Idee eines treuhänderischen Handelns greift. Die Güter dieser Welt und die Möglichkeiten, sich in ihr durchzusetzen, sind dem Menschen nur geliehen und nicht auf Dauer als Eigenbesitz übertragen. In dieser schöpfungsgerecht gedachten Welt soll ich mein mir leihweise überlassenes irdisches Eigentum so einsetzen, dass es immer auch allen zugutekommt. Die Sozialverpflichtung des Eigentums, wie sie im Grundgesetz vorkommt, ist eine grundlegende christliche Maxime, die gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Wer so mit seinem Eigentum, seinen eigenen Fähigkeiten, mit Macht und Vermögen umgeht, der entwickelt schon alleine daraus eine andere Haltung, als der, der glaubt, alles selbst geschaffen und deswegen auch rechtmäßig im Sinne der alleinigen Selbstverfügung besitzen zu können. John Rawls hat großen Wert darauf gelegt, dass auch hohe Begabungen von Menschen stets ein Gemeingut der Gesellschaft seien, der sie dementsprechend auch wieder zugutekommen müssen.

Das Böse: Narzissmus, Hilflosigkeit, Verachtung, Neid, Gier,...

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