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E-Book

Ressourcenorientierte Seelsorge

Salutogenese als Modell für seelsorgerliches Handeln

AutorHeike Schneidereit-Mauth
VerlagGütersloher Verlagshaus
Erscheinungsjahr2015
Seitenanzahl224 Seiten
ISBN9783641154226
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis15,99 EUR
Nach Stärken fragen - Möglichkeiten entdecken

Das Thema Salutogenese hat Konjunktur: Medizin und Psychologie fragen zunehmend nicht nach den Defiziten, die Patienten haben, sondern orientieren sich an den Möglichkeiten, die ihnen bleiben, und schaffen so Brücken in ein verändertes Leben. Kann Seelsorge das auch?Dieses Buch macht die salutogenetische Fragestellung mit ihrer ressourcenorientierten Perspektive zum genuinen Bestandteil der Seelsorge. Es ermutigt professionelle Helfer, sich nicht nur mit dem Schrecken einer Biografie zu beschäftigen, sondern auch dem Leichten, Schönen, Hellen und Humorvollen in der Seelsorge Raum zu geben. Eine fundierte Einführung mit zahlreichen Fallbeispielen!


Salutogenese als neuer Ansatz in der Seelsorge
Eine fundierte Einführung mit zahlreichen Fallbeispielen!



Heike Schneidereit-Mauth, geb. 1964, arbeitet mit halber Stelle als Klinikpfarrerin an der Uniklinik Düsseldorf. Daneben betreibt sie eine Praxis für Gestalttherapie, Supervision und Coaching.

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Leseprobe

1. Warum dieses Buch?

Schon lange arbeite ich als Seelsorgerin und Gestalttherapeutin mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen oder lebensbedrohlichen Krisen. Zahlreiche Aus- und Weiterbildungen haben mich geprägt und meiner Arbeit immer wieder neue Impulse gegeben.

Selten hat mich ein Konzept aber so nachhaltig beeindruckt und überzeugt und so unterstützend Eingang in meine konkrete Arbeit gefunden, wie das Modell der Salutogenese von Aaron Antonovsky. Zunächst erschien mir vieles daran einsichtig, fast selbstverständlich und nicht unbedingt neu. Erst als ich mich intensiver mit dem Konzept beschäftigte, wurde mir deutlich, wie grundlegend es meine bisherige Arbeit in Frage stellte.

Eine konsequente ressourcenorientierte Haltung, ein salutogenetischer Blick auf das Leben, auch auf das eigene, verändert nicht nur die therapeutische, sondern auch die seelsorgerliche Begleitung.

Das Thema Salutogenese hat in den letzten Jahren vor allem in den Bereichen Gesundheitsförderung und Psychoonkologie viel Aufmerksamkeit erfahren. Zahlreiche Publikationen sind dazu erschienen. Warum also ein weiteres Buch zu diesem Thema?

Mir geht es darum, das Konzept der Salutogenese mit seelsorgerlichem Handeln zu verbinden, eine konsequente salutogenetische Sichtweise in der Seelsorge zu etablieren und aufzuzeigen, dass dies durchaus biblisch zu begründen und theologisch plausibel ist.

In diesem Buch verknüpfe ich theoretische Grundlagen mit meinen Erfahrungen als Therapeutin und Seelsorgerin. Anhand der Lebens-, Krankheits- und Heilungsgeschichten meiner Patienten und Klienten möchte ich aufzeigen, wie ressourcenorientierte Seelsorge konkret aussehen kann.

Die Begebenheiten, die ich erzähle, habe ich so oder so ähnlich erlebt. Sie beruhen auf echten Begegnungen mit Menschen, die, indem sie ihre Stärken und ganz individuellen Kompetenzen wieder entdeckten, einen Weg gefunden haben, Krisen zu überwinden oder schmerzliche Erfahrungen als Teil ihres Lebens zu akzeptieren. Dabei habe ich manches so verfremdet, dass keiner meiner Patienten und Klienten befürchten muss, mit seiner oder ihrer Geschichte in diesem Buch vorzukommen. Ich danke allen meinen Klienten1, denn über die Kraft, die sie durch einem neuen Blick auf die eigene Lebensgeschichte erfahren haben, habe ich viel von und mit ihnen gelernt.

2. Das Modell der Salutogenese: Was erhält Menschen gesund?

Wenn wir nach den Gründen für Gesundheit und Krankheit fragen, nutzen wir für gewöhnlich das in der Medizin bevorzugte Risikofaktorenmodell oder das Modell der Pathogenese.2 Diese Modelle fragen: Was macht Menschen krank? Welche Faktoren könnten dazu führen oder haben bereits dazu geführt, dass ein Mensch erkrankt?

Diese Fragestellungen sind uns im Alltag sehr vertraut und die Suche nach Antworten hat die medizinische Forschung zu Höchstleistungen geführt. Weil Forscher interessiert waren an den Ursachen von Krankheiten, wurden z.B. Viren und Bakterien als Krankheiterreger erkannt und konnten die Medikamente entwickelt werden, die ihre krankmachenden Wirkungen bekämpfen.

Die Erkenntnisse der pathogenetischen Fragestellung sind für unser Leben und unsere Gesundheit unverzichtbar, denn niemand möchte im Ernst auf Antibiose, Schmerzmittel und fiebersenkende Arzneimittel verzichten – ganz zu schweigen von den vielen anderen Methoden, Techniken, Arzneimittel und Therapien, die die moderne Hochleistungsmedizin zur Verfügung stellt.

Auch das Risikofaktorenmodell ist jedem von uns wohlbekannt. Wir wissen alle, dass Übergewicht, Bewegungsarmut kombiniert mit Alkohol, Nikotin und einer guten Portion Stress das Risiko, an einer Herz-Kreislauferkrankung zu erkranken, deutlich erhöhen. Zuviel ungeschütztes Sonnenbaden triggert Hautkrebs, Rauchen ist verantwortlich für Lungenkrebs und damit nicht nur schädlich, sondern tödlich, Asbest sollten wir meiden und Alkohol schädigt die Leber. All das und noch vieles mehr wissen wir so selbstverständlich, weil Menschen sich immer wieder gefragt haben: Welche Faktoren führen dazu, dass Menschen krank werden?

Das Modell der Pathogenese und das Risikofaktorenmodell sind sinnvolle Konzepte, von denen jeder von uns laufend profitiert. Sie haben sehr erfolgreich die medizinische Forschung weitergebracht und geholfen, viele schädigende Wirkfaktoren zu identifizieren und in der Folge zu eliminieren oder wenigstens zu minimieren.3 Dabei liegt dem pathogenetischen Paradigma ein mechanistisches Menschenbild zugrunde: Der Mensch verstanden als Maschine, der durch chemische, physikalische oder chirurgische Therapie repariert werden kann, so wie eine Betriebsstörung bei einem technischen Apparat durch einen Wartungseingriff behoben wird.4

Ein Patient sagte zu mir einmal: »Jetzt bin ich ja in Rente. Da wollte ich mal das Ersatzteillager der Klinik nutzen.« Er hatte bereits eine neue Hüfte und ein neues Knie bekommen und wartete auf einen Termin für eine Herzklappen-OP.

Das Konzept der Salutogenese ergänzt und erweitert die pathogenetische Fragestellung, indem sie danach fragt, welche Wirkfaktoren die Menschen gesund erhalten. Es wurde erstmals vorgestellt von Aaron Antonovsky, einem amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen, der die rein pathologisch-kurative Betrachtungsweise der Medizin kritisierte und ihr eine salutogenetische Perspektive gegenüberstellte, indem er fragte5: Warum bleiben Menschen – trotz vieler potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse - gesund? Was ist das Besondere an Menschen, die trotz extremen Belastungen nicht krank werden?

Aaron Antonovsky hat sich mit einer ganz besonderen Gruppe von Menschen beschäftigt, nämlich mit Frauen, die schwerstes Leid, schlimmste Entbehrung, unvorstellbare psychische Belastungen und grausamste Traumatisierung erlebt hatten. Antonovsky untersuchte u.a. eine Gruppe von Frauen, die ein Konzentrationslager überlebt hatten. Thema seiner Forschung war eigentlich die Frage nach den Auswirkungen der Wechseljahre auf Frauen der Jahrgänge 1914 – 1923 verschiedener ethnischer Herkunft. Eine Gruppe der von ihm untersuchten Frauen war in einem Konzentrationslager gewesen. Wie zu vermuten, waren die KZ-Überlebenden gesundheitlich signifikant stärker belastet als die Kontrollgruppe. Das eigentlich erstaunliche Ergebnis war aber, dass ungefähr ein Drittel der ehemals inhaftierten Frauen (29 %) sowohl körperlich als auch psychisch als gesund gelten konnten, obwohl sie massiv traumatisiert waren und schlimmsten körperlichen Belastungen ausgesetzt gewesen waren.6

Daher fragte Antonovsky:

  • Warum bleiben Menschen – trotz vieler potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse – gesund?
  • Was ist das Besondere an Menschen, die auch bei extremen Belastungen nicht krank werden?

Das Modell der Salutogenese wechselt die Sichtweise weg von den krankmachenden hin zu den gesundheitsfördernden Faktoren und ermutigt zu einer anderen Sicht auf das Leben.

Während A. Antonovsky für einen grundsätzlichen Perspektivenwechsel plädiert, würde ich eher von einer ergänzenden Perspektive oder einer komplementären Sichtweise sprechen, die nicht nur die krankmachenden Ursachen, sondern auch die gesundheitsfördernden Faktoren in den Mittelpunkt des Interesse und der Forschung stellt. Das Modell der Salutogenese geht davon aus, dass es effizienter, sinnvoller und langfristig auch kostensparender ist, die zahlreichen Ressourcen und Potenziale von Menschen zu fördern, als ausschließlich Krankheiten, Defizite und Krisen zu therapieren. Denn nach Antonovsky ist die Förderung von Lebensenergien erfolgsversprechender als die bloße Reparatur des Körpers.

Ein einfaches Alltagsbeispiel kann das deutlich machen: Wir alle fahren Auto und die meisten von uns besitzen auch eines. Wir wissen, dass es notwendig ist, unserem Auto die notwendige Pflege zukommen zu lassen, denn wenn es nicht regelmäßig bei der Inspektion gewartet wird, der Ölwechsel nicht routinemäßig erfolgt, unser Benziner mit Diesel (also der falschen »Nahrung«) betankt wird, dann wird die Reparatur in der Werkstatt richtig teuer.

Wenn schon für unser Auto, also für ein materielles Gut gilt: Vorsorge ist besser als Nachsorge, wie viel mehr gilt das für ein so wertvolles Gut wie unseren Körper, für den es kein allumfassendes Ersatzteillager gibt und den wir nicht einfach ersetzen können wie ein Auto.

3. Das Krankheits-Gesundheitskontinuum: Chronisch krank und trotzdem gesund

Hauptsache gesund! Das ist ein Wunsch, den ich mit zunehmendem Alter immer häufiger höre. Noch vor wenigen Jahren war Gesundheit für mich ein nahezu selbstverständliches Gut. Doch je älter ich werde, je anfälliger erlebe ich die eigene Gesundheit. Sicher Geglaubtes wird infrage gestellt. Wenn schon nicht von mir selbst, dann doch von den guten Wünschen, die mich zum neuen Jahr oder zum Geburtstag erreichen: Hauptsache gesund!

Die Sorge um Gesundheit und die Angst vor Krankheit sind Grundfragen menschlicher Existenz und beschäftigen Menschen ein Leben lang. Grund genug, etwas genauer danach zu fragen, was wir eigentlich unter Krankheit und Gesundheit verstehen.

Das in Glückwünschen zum Ausdruck kommende Verständnis von Gesundheit passt ganz gut zu der Definition der Weltgesundheitsorganisation: »Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das...

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