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Risiko - Die soziologische Bedeutung und pädagogische Verwertbarkeit am Beispiel des Handlungsfeldes Sport

AutorDaniel Scheibelhut
VerlagGRIN Verlag
Erscheinungsjahr2011
Seitenanzahl117 Seiten
ISBN9783640801749
FormatPDF/ePUB
Kopierschutzkein Kopierschutz/DRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis27,99 EUR
Examensarbeit aus dem Jahr 2011 im Fachbereich Sport - Sportpädagogik, Didaktik, Note: 1,0, Georg-August-Universität Göttingen (Institut für Sportwissenschaften), Sprache: Deutsch, Abstract: Die Menschheit sieht sich seit jeher mit der Aporie konfrontiert, dass sie ihr permanentes intentionales Streben nach einer als Verbesserung angesehenen Veränderung ihrer Lebensbedingungen und Sinnbezüge dazu zwingt, in bis dato unbekanntes Terrain vorzudringen. Insbesondere in den westlichen Gesellschaften hat dieses Bedürfnis nach Neuem die Qualität eines übergeordneten Kriteriums für die Beurteilung eines erfüllten Lebens gewonnen. Allerdings können weder die Konsequenzen derartiger Schritte in Gänze über-blickt werden noch besteht die Möglichkeit, sich durch eine bewusste Änderung der Verhaltensweisen umfassend auf neue Situationen einzustellen. Es müssen also notwendigerweise aus Unsicherheiten resultierende Risiken im Sinne von - vorwiegend - als negativ beurteilten Folgewirkungen menschlichen Handelns in Kauf genommen werden. Dabei ist die Wahrnehmung eines Risikos jedoch nicht als ein objektiver und zeitinvarianter Sachverhalt anzusehen, sondern sie wird vielmehr von mehreren Faktoren beeinflusst. Dies können einerseits gesellschaftliche Kontexte und individuelle Präferenzen sein. Andererseits spielt aber auch die Art eines Risikos sowie die Aufmerksamkeit, die ihm in der medialen Öffentlichkeit und im wissenschaftlichen Diskurs gewidmet wird, eine wichtige Rolle bei der Risikoperzeption. Diese verschiedenen Beeinflussungsvariablen haben zur Folge, dass es bislang weder gelungen ist, einen allgemein akzeptierten Risikobegriff noch eine kohärente Risikotypologie und schon gar nicht eine generelle Risikotheorie zu formulieren. Dies hängt nicht zuletzt auch damit zusammen, dass der Terminus in den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen in Abhängigkeit vom jeweiligen spezifischen Erkenntnisinteresse unterschiedlich konnotiert wird. Alle Disziplinen teilen indes die Auffassung, dass Risiken nach systematischen Handlungsstrategien zu ihrer Begegnung verlangen. In der vorliegenden Arbeit soll es darum gehen, die Risikothematik gezielt hin-sichtlich ihrer Relevanz für pädagogische Konzepte zu untersuchen, wobei diese Analyse aus einer dezidiert soziologischen Perspektive erfolgen soll. Dies bedeutet, dass die Thematik allgemein im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Gesellschaftsbildung und für Vergesellschaftungsprozesse betrachtet wird und dabei im Ergebnis für ein reflektiertes erzieherisches Handeln im Sinne einer Anleitung zu einem bewussten Umgang mit Risiken nutzbar gemacht werden soll.

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Leseprobe

3 Risiko als soziologisches Phänomen


 

 „Das größte Risiko unserer Zeit liegt in der Angst vor dem Risiko.“

Helmut Schoek (*1922), österreichischer Soziologe

 

Die vorangegangenen Kapitel suggerieren eine mitunter negative Konnotation des Risikobegriffs, weshalb eine allgemein risikomeidende Haltung der Menschen zu erwarten wäre. Dennoch tendieren einige dazu, freiwillig sichere Situationen aufzugeben, um sich bewusst Unsicherheiten auszusetzten. Wäre die Menschheit in ihrer Entwicklungsgeschichte jedoch so erfolgreich gewesen, wenn dieses Verhalten als evolutionär kontraproduktiv einzuordnen wäre? Das Eingehen von Risiken scheint also neben den negativen auch positive Eigenschaften zu besitzen.

 

Vor diesem Hintergrund soll der Risikobegriff im Folgenden aus der soziologischen Perspektive betrachtet werden.

 

3.1 Die Lust am Risiko – Risiko um jeden Preis?


 

Im Rahmen einer soziologischen Betrachtung des Risikophänomens sollen die Forschungen und Ergebnisse CSIKSZENTMIHALYIs mit Sporttreibenden zunächst einen praktischen Einstieg bieten. Der Psychologe untersuchte das emotionale Empfinden und das Motivationsgefüge leidenschaftlicher Bergsteiger, um ihren subjektiven Umgang mit Unsicherheitssituationen näher bestimmen zu können. Dabei kam er im Rahmen einer persönlichen Befragung der Sportler zu dem Ergebnis, dass die meisten von ihnen das Klettern als lustvoll beschrieben (vgl. VON CUBE 2000, 13).

 

Warum aber widmen sich Menschen trotz höchster Anstrengung und Risiko solchen offensichtlich gefährlichen Aktivitäten mit so intensivem Lustempfinden? Die meisten von ihnen beschreiben ihre emotionale Befindlichkeit als etwas Unvergleichliches, da es sich dabei

 

„um ein ganzheitliches Gefühl handelt, ja, um das höchste der Gefühle überhaupt, [...] weil man bei jedem Schritt Unsicherheit in Sicherheit verwandelt“ (VON CUBE 2000, 13).

 

3.1.1 Das Flow-Erleben


 

Bei diesem völligen Aufgehen der befragten Bergsteiger in ihrer Aktivität spricht CSIKSZENTMIHALYI vom sogenannten Flow-Erlebnis, das in der lustvollen Befriedigung des Sicherheitstriebes bestehe. Die Aktivität selbst oder das damit verbundene Prestige scheine dabei nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Das Entscheidende sei vielmehr,

 

„dass sich diese Personen dem Flow-Erlebnis um des Zustandes selbst willen hingeben und nicht wegen damit verbundener äußerer Belohnungen. […] Das Erreichen eines Zieles ist wichtig, um eigene Leistung zu belegen, aber es ist nicht in sich selber befriedigend. Was uns in Gang hält, ist das Erlebnis, jenseits der Parameter von Angst und von Langeweile zu agieren: das Flow-Erlebnis“ (CSIKSZENTMIHALYI, 45).

 

Dabei trete dieses Empfinden nur dann auf, wenn die ausgeführte Aktivität im Bereich der Leistungsfähigkeit des Akteurs liege, dort allerdings als Grenzerfahrung erlebt werde und dementsprechend volle Konzentration erfordere. Darüber hinaus sei die empfundene Kontrollierbarkeit der Situation ein weiterer entscheidender Faktor, damit Flow entstehen könne.

 

In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass Befragungen von Schachspielern, Tennisspielern und Chirurgen ganz ähnliche Ergebnisse ergaben und damit auf das tätigkeitsunabhängige Bestehen der Möglichkeiten eines Flow-Erlebens hindeuten (vgl. ebd., 45f.).

 

Die Gründe für die Lust am Flow nennt uns die Verhaltensbiologie. Wie an späterer Stelle noch genauer betrachtet werden soll (vgl. Kap. 5.4.) dient die menschliche Neugier hier gewissermaßen als Triebfeder von Explorationsverhalten dazu, unsichere bzw. unbekannte Situationen aufzusuchen, um laufend Unsicherheiten in Sicherheiten zu verwandeln.

 

Die von CSIKSZENTMIHALYI befragten Bergsteiger handeln nach dem gleichen Prinzip: Sie suchen bspw. nach den richtigen Griffen, um sich aus einer unsicheren Lage in eine Position der Sicherheit zu bringen. Folglich kann das Flow-Erlebnis als „die mit Lust erlebte Endhandlung des Sicherheitstriebes“ bezeichnet werden (vgl. ebd., 47).

 

3.1.2 Die Risikofaktoren beim Flow nach VON CUBE


 

Aus diesem Flow-Erlebnis als Sicherheitstrieb leitet VON CUBE das Sicherheits-Risiko-Gesetz ab: „Jemand, der sich sicherer fühlt als ein anderer, muß, um Unsicherheit aufzuspüren, ein größeres Risiko aufsuchen“ (VON CUBE 2000, 13). Je größer also das Sicherheitsgefühl ist, desto größer wird auch das Risiko sein, das ein Mensch einzugehen bereit ist. Solche Risiken nehmen Menschen jedoch normalerweise nur dann auf sich, wenn sie sich ihnen gewachsen fühlen. Denn wird eine Unsicherheit als zu groß empfunden, kommt es meist zu Angstgefühlen, und die Situation wird zugunsten des Sicherheitstriebes gemieden. Demnach sucht

 

„der Mensch […] nur dann Unsicherheit auf, wenn er sich sicher fühlt. Er baut die Unsicherheit ab und gewinnt so neue Sicherheit. Das ist ein erhebendes Gefühl. Bergsteiger, Drachenflieger, Forscher und Politiker, Brückenspringer und viele andere können ein Lied davon singen“ (ebd., 5).

 

Wie bereits gezeigt, entsteht ein Flow-Erleben, wenn durch eigenes Können Unsicherheit in Sicherheit verwandelt wird. Dabei ist die Aufgabe, nämlich die Bewältigung der Unsicherheit, im Vorfeld als dem eigenen Können angemessen – und daher nicht als gefährlich – eingeschätzt worden. Riskant wird es allerdings, wenn das empfundene Sicherheitsgefühl größer ist, als der Situation angemessen wäre (vgl. ebd., 52f.).

 

In diesem Zusammenhang benennt VON CUBE als entscheidende Risikofaktoren Angstvermeidung durch eingebildete Sicherheit, Überheblichkeit, Ignoranz, Langeweile und Lust, da diese dazu führen können, dass der natürliche Sicherheitstrieb überlistet wird und gerade bei sportlichen Aktivitäten übermäßige Risikosituationen geschaffen werden (vgl. ebd., 13f).

 

Bei der Angstvermeidung benennt VON CUBE beispielsweise den Glauben an Schutzengel als Vermeidungsstrategie, die zu einer situativen Fehleinschätzung führen kann.

 

„Wenn Angst zu große, also gefährliche Unsicherheit anzeigt und lebensnotwendige Reaktionen auslöst, dann bedeutet die Wegnahme von Angst, dass man die gefährliche Unsicherheit nicht mehr spürt […]“ (vgl. ebd., 56).

 

Angstvermeidung im Sinne der Auslieferung an eine nicht zu bewältigende Unsicherheit kann demnach einen folgenreichen Risikofaktor darstellen.

 

Die „Überheblichkeit, also Selbstüberschätzung, bedeutet insbesondere ein unangemessenes, nämlich zu hohes Sicherheitsgefühl“ (ebd., 57f.) infolge unberechtigten Vertrauens in das eigene Können.

 

Auch Ignoranz birgt ein hohes Risikopotenzial, dann nämlich, wenn eine Tätigkeit subjektiv gar nicht als risikobelastet erkannt wird. Eine solche ignorante Einschätzung kann sowohl auf leichtfertiger Unkenntnis als auch auf Dummheit beruhen. Bei Anfängern dagegen – besonders im Sport – basiert eine Risikounterschätzung aufgrund von Ignoranz auch oftmals auf dem Vogel-Strauß-Verhalten: Sowohl Schwierigkeiten als auch der Rat Erfahrenerer werden dann ignoriert (vgl. ebd., 58f.).

 

Langeweile ist der „dauerhafte Zustand von Sicherheit, oder, anders ausgedrückt: das dauerhafte Fehlen von Unsicherheit“ (ebd., 61). Hält dieser Zustand unverändert an, steigt die Risikobereitschaft, und Unsicherheitsreize werden aktiver und intensiver aufgesucht, um in den Genuss eines Flow-Erlebnisses zu kommen (vgl. ebd. 61ff.).

 

Lust wird dann zum Risikofaktor, wenn die Reize, die zum Lustempfinden führen – etwa durch die Bewältigung einer besonders schwierigen Passage beim Extremklettern – durch Risikoverstärkung erhöht werden, um das zuletzt erlebte Lustempfinden beim nächsten Mal noch zu steigern. Das Aufsuchen solcher übermäßigen Unsicherheiten, also die Realisierung des Luststrebens, wird normalerweise durch das Angstgefühl und „das Risikobewusstsein zurückgehalten, also ist es nur logisch, diesen Störfaktor auszuschalten“ (ebd., 62). Diesbezüglich scheint die beste Strategie in der Angstvermeidung zu liegen (vgl. ebd., 63ff.).

 

Die individuelle und gesellschaftliche Bedeutung der genannten Risikofaktoren bringt VON CUBE auf den Punkt, wenn er sagt:

 

„Die Umweltzerstörung und andere Risiken unserer heutigen ,Risikogesellschaft‘ verdanken wir einerseits dem unersättlichen Luststreben in allen Triebbereichen, andererseits dem beruhigenden Gefühl der Sicherheit, das wir durch Angstvermeidung und Überheblichkeit gewonnen haben“ (ebd., 66).

 

3.2 Risiko- oder Gefahrengesellschaft?


 

Daher spielen Risiken und Gefahren besonders im gesellschaftlichen Kontext eine herausragende Rolle. Dabei ist die damit verbundene Debatte um ein Leben in der sogenannten Risikogesellschaft, wie sie bereits VON CUBE angesprochen hat, nicht erst seit BECKs gleichnamigem Buch entbrannt. Darin vertritt er die These, dass in der heutigen...

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