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Rockerkrieg

Warum Hells Angels und Bandidos immer gefährlicher werden - Ein SPIEGEL-Buch

AutorClaas Meyer-Heuer, Jörg Diehl, Thomas Heise
VerlagDeutsche Verlags-Anstalt
Erscheinungsjahr2013
Seitenanzahl320 Seiten
ISBN9783641094317
FormatePUB
KopierschutzDRM
GerätePC/MAC/eReader/Tablet
Preis8,99 EUR
Die Gesetzlosen - Rocker gegen den Rechtsstaat
Hells Angels, Bandidos, Outlaws oder Gremium - die Motorradclubs, die sich hinter diesen Namen verbergen, haben in den vergangenen Jahren immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Die Rocker morden, erpressen, dealen, gehen mit Messern und Schusswaffen aufeinander und auf die Polizei los. Diese tut sich schwer damit, die Banden in Schach zu halten, auch wenn es in den letzten Monaten zu Verhaftungen, Razzien und Vereinsverboten gekommen ist. Doch reichen diese Maßnahmen aus? Rocker sind längst nicht mehr nur die tumben Schläger, die vor Diskotheken stehen und dort den Drogenhandel kontrollieren. Sie mischen in der Lebensmittelbranche mit, machen Immobiliendeals, sie sind Gastronomen, führen Unternehmen und profitieren massiv von der Vermarktung ihres Lifestyles. Kurz: Sie sind inzwischen Teil der organisierten Kriminalität in Deutschland und liefern sich einen Krieg um Macht und Einfluss - untereinander und gegen den Staat.


Jörg Diehl, geboren 1977, studierte Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft. Nach Stationen bei der »Rheinischen Post«, der Deutschen Presse-Agentur, dem Westdeutschen Rundfunk, Norddeutschen Rundfunk, »Bild« und »Bild am Sonntag« arbeitet er seit 2007 für den SPIEGEL, unter anderem als NRW-Korrespondent, Chefreporter und Leiter eines Investigativ-Teams. Seit Juni 2019 leitet er das Ressort Deutschland/Panorama. Diehl ist Autor des 2013 erschienenen Bestsellers »Rockerkrieg. Warum Hells Angels und Bandidos immer gefährlicher werden«.

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Leseprobe

VORWORT
DIE BLUTSPUR

Es ist das Aufeinandertreffen zweier Legenden, Muhammad Ali gegen Mike Tyson sozusagen, wenn auch mit nicht ganz gleichmäßig verteilten Chancen: Auf der einen Seite die GSG 9, die Elite der Elite, die Enkel der Helden von Mogadischu, das ultimative Mittel des Rechtsstaates. Und auf der anderen Seite Frank Hanebuth, mächtigster Hells Angel in Europa, Ex-Schwergewichtsboxer, 1,96 Meter groß, locker 140 Kilo schwer. »Der Lange« gilt als Pate von Hannover, sein Wort ist vielen Männern Gesetz.

Hanebuth wohnt nördlich der niedersächsischen Landeshauptstadt, in der ebenso sattgrünen wie gutbürgerlichen Gemeinde Wedemark. Seine Villa, Fachwerk mit rotem Klinker, liegt hinter einem zwei Meter hohen Zaun, der mit Stacheldraht bewehrt und mit Kameras gespickt ist. Die Nachbarn des Chefrockers sind Musiker und Chefärzte, Manager und Politiker, die sich privat in ihre schöne, heile, wohlhabende Welt zurückgezogen haben.

In dieses Idyll dröhnt am 24. Mai 2012, morgens um kurz nach 5 Uhr, ein 3200 PS starker Hubschrauber der Bundespolizei vom Typ Super Puma. An Bord des blau lackierten Monstrums hocken ein Dutzend Elitepolizisten der Spezialeinheit GSG 9, Funkname »Wotan«. Schwer bewaffnet mit Maschinenpistolen, 9-Millimeter-Waffen, Pumpguns und Blendgranaten seilen sich die maskierten Kämpfer in den schwarzen Einsatzoveralls in Hanebuths Garten ab.

Sie erschießen einen sechs Monate alten Hütehund, zwecks Eigensicherung, wie es hinterher im schönsten Polizeideutsch heißt, als ihnen der aus dem Schlaf gerissene Rockerfürst auch schon entgegenläuft. Die Hände hält er über den Kopf, sich der Staatsmacht ergebend. Denn diesen Kampf, das weiß Frank Hanebuth, kann er nicht gewinnen, und weil er ein cleverer Mann ist, will er sich auch gar nicht erst darauf einlassen.

Zeitgleich durchsuchen mehr als 1000 Beamte, darunter Hunderte Spezialeinsatzkräfte, Wohnungen, Häuser, Bordelle und Bars im Norden der Republik. Auf einer Pressekonferenz feiern die Polizeiführer Stunden später ihren Schlag gegen das Verbrechen. Die Aktion sei »historisch« gewesen, sagt ein Beamter sehr zufrieden.

Tatsächlich markiert der Einsatz der GSG 9 gegen den mächtigsten deutschen Hells Angel den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, in deren Verlauf der Druck des Rechtsstaats auf die Rockerszene stetig gewachsen ist. Immer stärker gehen die Ermittler in Bund und Ländern seit einigen Jahren gegen die sogenannten Outlaw Motorcycle Gangs (OMCG) vor. Es hagelt Verfahren, Durchsuchungen, Festnahmen, Prozesse und Vereinsverbote: Unter anderem in Neumünster, Flensburg, Frankfurt, Kiel, Köln, Aachen und Berlin werden Rockerclubs geschlossen.

Und dann geschieht im Sommer 2012 das Undenkbare. Die Hells Angels machen aus eigenem Antrieb kurz hintereinander ihre wichtigsten, größten und prestigeträchtigsten Dependancen in Deutschland dicht. In Bremen löst sich das Charter »West Side« auf, in Hannover der Club des Frank Hanebuth. Und auch die Berliner »Nomads« – im Selbstverständnis der Hells Angels eine Art Eliteverband – flüchten aus der Hauptstadt ins beschaulichere Brandenburg.

Für das Milieu der Motorradgangs ist das in etwa so, als hätten Borussia Dortmund, Bayern München und der Hamburger SV gleichzeitig ihre ersten Mannschaften vom Spielbetrieb der Fußball-Bundesliga abgemeldet – und zwar um einer drohenden Sperre durch den DFB zuvorzukommen. Es ist ein Erdbeben in der Bikerszene, Stärke 10,0 auf der Rockerskala, etwas, das es in dieser Dimension noch nie gegeben hat und das viele Jahre zuvor noch vollkommen unvorstellbar war. Die Frage muss daher lauten: Wie zur Hölle ist es dazu gekommen?

Denn eigentlich befand sich die Szene in einem beispiellosen Aufwärtstrend. Europol zufolge verdoppeln die beiden größten Clubs – Hells Angels und Bandidos – die Zahl ihrer europäischen Filialen seit 2005 nahezu. Deutschland ist im Frühling 2012 weltweit der größte Rocker-Standort nach den USA. Und während es im Herbst 1999 gerade einmal 50 Hells Angels in fünf Chartern gab, zählt das Bundeskriminalamt (BKA) im Jahr 2011 bereits 1211 Höllenengel in 57 Chartern. Dem stehen 1029 Bandidos in 73 Chaptern gegenüber – auch deren Zahl ist zuletzt explodiert: Nur ein Jahr zuvor registrierte das BKA bloß 721 Banditen in 50 Chaptern.

Begleitet wird die rasante Expansion der Gangs von einer jahrelangen Dauerfehde, in der sich vor allem Hells Angels und Bandidos auf das Brutalste bekämpfen. Die Presse erfindet dafür den Begriff »Rockerkrieg« – wie soll man es auch sonst nennen, wenn auf offener Straße Menschen getötet werden und die Anführer einer Gruppe ihren Mitgliedern befehlen, die Anhänger der anderen Gruppe anzugreifen, wann immer sie sie sehen? So ziehen die Banden durch das Land und hinterlassen eine Blutspur:

Am 23. Mai 2007 erschießen die Bandidos Heino B., 47, und Thomas K., 35, den Hells Angel Robert K., 47, in seinem Motorradladen im westfälischen Ibbenbüren.

Am 21. Juni 2009 greift ein Kommando der Bandidos im brandenburgischen Finowfurt auf offener Straße einen Konvoi der Hells Angels an: Danilo B., 27, erleidet multiple Stichverletzungen in beiden Beinen und im linken Arm, eine Fraktur der rechten Kniescheibe, eine Fraktur des linken Unterschenkels. Enrico K., 26, wird das rechte Bein fast abgetrennt, Sebastian W., 27, in Hals und Brust gestochen. Und Angels-Anführer André Sommer schleppt sich ins Krankenhaus, mit einer abgebrochenen Klinge im Rücken.

Am 26. Juni 2009 stoppen die Hells Angels Marcus S., 41, Danny A., 29, und Björn S., 27, auf der Landstraße 386 bei Stetten (Rheinland-Pfalz) den örtlichen Outlaws-Präsidenten Dirk O., 45, reißen ihn von seinem Motorrad, schlagen ihn zusammen und erstechen ihn schließlich.

Am 17. Juli 2009 findet im brandenburgischen Eberswalde ein Rocker der Chicanos einen verdächtigen Gegenstand unter seinem Auto. Die alarmierten Sprengstoffexperten der Polizei entschärfen wenig später eine russische Handgranate vom Typ RG 42.

Am 13. August 2009 tötet ein Unbekannter in Berlin-Hohenschönhausen den Hells Angel Michael B., 33, mit einem Schuss in die Brust. Ein Messerstich durchtrennt zudem seine Oberschenkelarterie.

Am 12. September 2009 rammt der damalige Anführer der Hells Angels Flensburg, Stefan R., 36, mit seinem Audi A 8 zweimal den Bandido Thomas K., 24, der mit seiner Harley auf der Autobahn unterwegs ist. Der Rocker stürzt und erleidet lebensgefährliche Verletzungen.

Am 8. Oktober 2009 erschießt im Duisburger Rotlichtviertel der Hells Angel Timur A., 31, den Bandido Rudi Heinz »Eschli« Elten, 32. Ein »Szenario wie beim Schachspiel«, sagt der Vorsitzende Richter später: »Vier Züge bis Matt.«

Am 18. Oktober 2009 feuern Unbekannte im hessischen Usingen aus einem Auto heraus auf den Hells Angel Friedrich M., 44, als der in seinen Wagen einsteigen will. Ein Projektil durchschlägt den Arm des Mannes auf Brusthöhe.

Am 28. Dezember 2009 greifen die Bandidos Rafael H. und Nico R. in Erfurt den Hells-Angels-Unterstützer René F., 38, vor einem Motorradladen an. Das Opfer erleidet lebensgefährliche Hieb- und Stichverletzungen.

Am 17. März 2010 tötet im rheinland-pfälzischen Anhausen der Hells Angel Karl-Heinz »Kalli« B., 44, den Polizisten Manuel K., 42. Der Oberkommissar gehört einem Spezialeinsatzkommando an, das sich in den frühen Morgenstunden Zutritt zum Haus des Rockers verschaffen will. Der aber feuert – anstatt zu öffnen – durch die geschlossene Tür auf die vermummten Beamten, weil er, wie er später sagt, den Angriff einer konkurrierenden Bande fürchtet.

Diesen Hells Angel spricht der Bundesgerichtshof (BGH) am Ende sogar frei: »Er erblickte von einem Treppenabsatz aus durch die Teilverglasung der Haustür eine Gestalt, konnte diese aber nicht als Polizisten erkennen«, heißt es aus Karlsruhe. »Kalli« B. habe stattdessen angenommen, schwerbewaffnete Bandidos seien gekommen, um ihn und seine Verlobte zu töten. Als auf den Warnruf »Verpisst euch!« und das Einschalten des Lichts keine Reaktion erfolgt, habe der Mann geschossen.

Eine irrtümliche Annahme einer Notwehrlage sei nach ständiger Rechtsprechung ebenso zu behandeln wie ein Fall tatsächlich gegebener Notwehr, befindet der BGH, der sich damit ziemlich gut informiert zeigt. Denn im Grunde erkennen die Richter mit ihrer Entscheidung letztinstanzlich an, dass es in Deutschland verfeindete Banden gibt, die sich um das Gewaltmonopol des Staates wenig scheren und sich stattdessen mit tödlicher Brutalität und frenetischem Hass bekriegen.

Für die Ermittlungsbehörden jedoch ist das Urteil ein Weckruf, sie müssen handeln. Ziemlich zügig verständigen sich die Innenminister auf ein entschlossenes Vorgehen.

Doch der Verfolgungsdruck auf die Rocker, den Polizei und Staatsanwaltschaften in den Folgejahren aufbauen, all die Verbote, Verfahren und Razzien, die Sonderkommissionen und Datenbanken, das alles ist nur ein Grund für die heftige Bewegung in der Szene. Der andere liegt in den Clubs selbst. Seit ihrer Expansion und dem damit einhergehenden sogenannten Rockerkrieg befinden sich die Gangs in einem radikalen Veränderungsprozess.

Hells Angels und Bandidos haben in den vergangenen Jahren Hunderte junger Männer angezogen, die mit dem Lebensgefühl der Altrocker nichts mehr verbindet. Sie hören Hip-Hop statt Rock ’n’ Roll, sie rasieren sich die Köpfe, Gesichter und Achseln, statt lange Haare im Wind...

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